Nach der Schließung des Entwicklerstudios Piranha Bytes haben sich dessen Entwickler in alle Himmelsrichtungen verstreut. Björn und Jennifer Pankratz haben sich mit ihrem neu gegründeten Pithead Studio selbstständig gemacht. Zwei Jahre später ist ihr Baby Cralon fertig.
Es war eine schöne Zeit, in der wir uns zwischen den 2000er- und 2020er-Jahren in düsteren Fantasy-Mittelalter-Rollenspielen, Piratenabenteuern und Science-Fantasy-Epen europäischen Schlages ausgetobt haben. Das Ehepaar Pankratz hat in dieser Zeit an den Gothic-, Risen- und Elex-Videospielreihen maßgeblich mitgewerkelt und ihren Fußabdruck hinterlassen. Auf ihren Schultern lastet ein großes Erbe – von dem sie sich jedoch nach der Schließung von Piranha Bytes im Jahr 2024 zu einem guten Stück verabschiedet haben. Cralon ist zwar nach wie vor ein Rollenspiel, doch ein Dungeon Crawler, der von einem kleineren Team stammt. Schon auf dieser Grundlage sollten die Erwartungen arg gedrosselt werden. Noch dazu erschien das Werk im April 2026 als sogenannter Shadow Drop ohne jegliche Vorwarnung auf den gängigen Distributionsplattformen. Diese Veröffentlichungstaktik, um übertriebene Erwartungen an ein Spiel zu mindern, wurde für Cralon möglicherweise nicht umsonst gewählt. Gerade jene Fans, die seit Piranha-Bytes-Zeiten mit dabei sind, wurden auf diese Weise wohl weniger enttäuscht. Auch Monate nach der Veröffentlichung des Spiels fühlt sich das Werk in unseren Augen noch wie die Alpha-Version eines Early-Access-Spiels an. Als solches hätte es in unseren Augen veröffentlicht werden müssen, denn es wirkt stellenweise recht unfertig.
Atmosphärische Ruhrpott-Fantasy
Cralon erzählt die Geschichte des gleichnamigen Helden, der auf der Jagd nach einem Dämon in einen Minenschacht stürzt. Geschwächt und ohne seine Ausrüstung landet er auf der tiefsten Ebene der Zeche. Wir schlüpfen in seine Haut und haben die Aufgabe, aus dem Bergwerk zu entkommen. Hierfür müssen wir uns durch mehrere Ebenen nach oben zurück ans Tageslicht vorkämpfen, was um die fünfzehn Stunden Zeit in Anspruch nehmen kann. Das Geschehen wird dabei aus der First-Person-Perspektive dargestellt, wodurch die Immersion steigt. In dieser Disziplin macht das Pithead Studio auch einiges richtig, denn das unterirdische Höhlensystem ist definitiv stimmungsvoll gestaltet. Das Geschehen ist zumeist düster inszeniert und richtig atmosphärisch, sofern nicht der Maßstab von großen Entwicklerstudios angelegt wird, denen ganz andere finanzielle Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Ähnlich wie bei Elex setzt sich die Welt nicht nur aus Fantasy-Elementen auseinander, auch moderne Elemente wie elektrisches Licht haben ihren Weg ins Spiel gefunden. Unserer Ansicht ist dies genau die richtige Entscheidung, denn solche wilden Mischungen können Videospiele regelrecht definieren. Sicherlich wird in der Videospielhistorie auch noch in Jahren von der Ruhrpott-Fantasy gesprochen, die das Ehepaar Pankratz mit Cralon aus dem Hut gezaubert hat.
Zu frühe Veröffentlichung
Als Vorbilder dienten dem Entwicklerstudio Klassiker wie Arx Fatalis oder Ultima Underworld. Zuweilen ist dies im Spiel auch zu merken, denn in Cralon legen wir uns nicht nur mit allerhand Getier an, sondern müssen auch kleinere Rätsel lösen, an Werkbänken Munition für unsere Armbrust anfertigen, Nebenaufgaben bewältigen und mit der Umgebung interagieren. Dabei müssen wir auch immer darauf achten, nicht unseren Mut zu verlieren, was in dunklen Ecken und bei gruseligen Geräuschen schnell passieren kann. Abhilfe schafft die Flucht zur nächsten Lichtquelle. Das Erkunden der Spielwelt ist also durchaus spaßig, wird jedoch gerade vom Kampfsystem gebremst. Wir können sowohl im Nah- als auch im Fernkampf hantieren. Problematisch ist hierbei jedoch, dass die Scharmützel allesamt hakelig ausfallen, da es kein vernünftiges Trefferfeedback gibt und die Animationen nichtssagend sind. In einem Spiel, in dem hinter jeder Ecke der Tod lauert, darf das nicht passieren. Diese Probleme, die wir mit den Kampfmechaniken haben, stehen sinnbildlich für den technischen Zustand des Rollenspiels. So stören plötzlich auftauchende Charakterporträts in Dialogen die Immersion, die Synchronsprecherqualität schwankt durchweg und auch die Steuerung ist hier und da echt fummelig. Cralon ist nicht gänzlich schlecht, wurde allerdings viel zu früh veröffentlicht.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der PC-Fassung): Als Piranha-Bytes-Fan der ersten Stunde hat mich die Schließung des Entwicklerstudios im Frühjahr 2024 sehr getroffen. Es ist eine Schande, dass kein Investor gefunden werden konnte, um das vermeintliche Elex 3 fertigzustellen, das sich jetzt womöglich für immer im Limbus befindet. Umso mehr hat es mich gefreut, dass Björn und Jennifer Pankratz mit ihrem eigens gegründeten Pithead Studio weitermachen. Leider kann mich die Ruhrpott-Fantasy Cralon bis auf ihren recht stimmungsvollen Ansatz nicht überzeugen. Natürlich ist es schwierig, an Klassiker wie Arx Fatalis anzuknüpfen, doch Cralon kann es nicht einmal im Entferntesten mit diesen Werken aufnehmen. Es ist an allen Ecken und Enden zu merken, dass das Spiel viel zu früh veröffentlicht wurde. So wirken die Charakterporträts wie Fremdkörper, die Animationen sind nichtssagend oder gar als unfertig einzustufen, die Steuerung fummelig und die Kämpfe ein einziges Ärgernis, da das Trefferfeedback miserabel ist. Wer Spaß mit Cralon haben will, muss sich mit letzterem Defizit arrangieren, da es doch recht viele Kämpfe zu bestreiten gilt. Für die Zukunft würde ich mir wünschen, wenn das Entwicklerpaar vielleicht noch einen Schritt zurückgeht und statt 3D-Grafik einen Titel in Pixel-Optik entwirft. Spiele wie Drova: Forsaken Kin, Chained Echoes oder Stardew Valley haben in den letzten zehn Jahren gezeigt, dass Werke mit einer Retro-Optik dennoch großartige Spiele sein können – und das Beste dabei ist, dass all diese Werke auch nur von wenigen Entwicklern stammen. Für den Moment hoffe ich jedoch, dass Björn und Jennifer Pankratz in Cralon zumindest noch das Kampfsystem optimieren, damit aus Cralon zumindest noch ein gut spielbarer, wenn auch nicht grandioser Titel wird.
Vielen Dank an Pithead Studio für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Cralon!