Manche Schüler werden gefoltert, andere sehen wiederum Gespenster – und in der Schule geht auch noch ein Mörder umher, der Rachegedanken hegt. Death Bell: Tödliche Abschlussprüfung! kombiniert Genres miteinander, scheitert aber an den eigenen Ambitionen.
Als der südkoreanische Horrorfilm Death Bell mit dem plakativen Untertitel Tödliche Abschlussprüfung! aus dem Jahr 2008 im Januar 2010 hierzulande auf Blu-ray Disc erschien, warb der für seine Etikettenflunkerei bekannte Herausgeber Splendid Film auf dem Cover damit, dass der Film eine Mischung aus Saw und Battle Royale sei. Hierbei handelt es sich immerhin um zwei waschechte Filmklassiker, mit denen Death Bell allerdings nichts gemein hat. Hier hat Splendid Film eindeutig versucht, den im Jahr 2008 erfolgreichsten Horrorfilm im südkoreanischen Kino für das hiesige Publikum schmackhaft zu machen, was in zeitgenössischen Rezensionen auf wenig Gegenliebe stieß. Während in Saw die Charaktere psychisch und körperlich gefoltert werden, sie den Qualen durch moralische Entscheidungen aber potenziell entkommen können, und in Battle Royale ein staatlich organisiertes Überlebensspiel dafür sorgt, dass sich Jugendliche gegenseitig abschlachten, bietet Death Bell eindeutig nichts davon. Das Debüt von Regisseur Yun Hongsŭng geht zum Glück einen eigenen Weg und versucht dem Genre mit einer Mischung aus Slasher- und Geisterfilm einen eigenen Stempel aufzudrücken. Trotz gelungener Auflösung im Finale gelingt es dem Werk jedoch nicht gänzlich, wie etwa die beiden angeblichen Vorbilder, die Spannung bis zuletzt aufrechtzuerhalten.
Fusion aus Slasher- und Geisterfilm
Inhaltlich beschäftigt sich Death Bell mit einer Elite-Schulklasse im südkoreanischen Sŏul. Aufgrund des Besuchs einer Partnerschule müssen die besten Schüler kurz nach den Prüfungen an einem Samstag weiterpauken. Um Englisch zu lernen, sehen sie sich einen Film an – bis plötzlich der Fernseher auf einen anderen Kanal springt und die Klasse ihre Kameradin Min Hyeyŏng in einem abgeschlossenen und sich langsam mit Wasser füllenden Tank auf dem Bildschirm sehen. Die verzerrte Stimme eines Killers ertönt und verlangt von sämtlichen Schülern, eine Aufgabe zu lösen. Dieses Spiel setzt sich mit ähnlich perfiden Ideen fort, wie zum Beispiel Wachs, das peu à peu in den Mund eines anderen Schülers tropft. Weiterhin kämpfen andere Schüler mit Halluzinationen und sehen ein schemenhaftes Geistermädchen, das bei ihnen Angst und Unsicherheit hervorruft. Auf diese Weise kombiniert das circa 86 Minuten lange Werk bestialische Hinrichtungen, schier unersättliche Rachegedanken des Mörders und nicht zuletzt übernatürliche Elemente. In Südkorea war dieser Gedanke im Jahr 2008 nicht neu. Der Regisseur folgt einer Entwicklung von Werken wie Memento Mori: Gedenke des Todes, die nach Lockerung der Zensurgesetze im Jahr 1998 angestoßen wurde und hinterließ so seinen Fußabdruck im Genre, der auf der Strecke aber viel Potenzial liegen lässt.
Todesglocke unterhalb des Radars
Grundsätzlich funktioniert Death Bell gut, da der Zuschauer niemals weiß, woran er gerade ist. Problematisch ist hierbei jedoch, dass die Schnitte stellenweise zu schnell geschehen. Viele Szenen hängen nur lose zusammen, sodass der Zuschauer kein Gefühl dafür bekommt, wie der Schauplatz aufgebaut ist. Obwohl die Botschaft am Ende klar verständlich ist und ohne große Ansprüche zu hegen zumindest zufriedenstellend ausfällt, so ist der Film bis dahin eine wilde Zusammensetzung von plötzlichen Schnitten und Szenenwechseln. Durch Lichtflackern, Abblendtechniken und anderen Methoden der Bildvertuschung kommen darüber hinaus viele Foltermomente nicht sonderlich gut zur Geltung, was insbesondere Hardcore-Fans des Genres enttäuschen dürfte. Zur Atmosphäre passend ist jedoch das blasse Bild, wodurch stets eine kühle Lichtstimmung vorherrscht. In dieser agieren auch die Schauspieler, darunter Ham Ŭnjŏng oder Kim Bŏm, abseits des Gekreisches in angeblichen Schockmomenten, überzeugend. Schade ist jedoch, dass die Bildqualität der Blu-ray-Fassung, da sie in den Anfangsjahren des Mediums erschien, nicht mit späteren Filmen mithalten kann. Warum der Film unter dem Radar von Horrorfans fliegt, dürfte sowohl an der narrativen als auch der handwerklichen Ebene liegen. Womöglich ist dies auch der Grund dafür, dass die Fortsetzung aus dem Jahr 2010 auch anderthalb Jahrzehnte später noch keine deutsche Synchronisation erfuhr.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Death Bell war ein Spontankauf, denn bevor ich den Film in meinen Händen hielt, war mir dessen Existenz nicht bewusst. Als Horrorfilmfan habe ich diesem, nicht zuletzt aufgrund der angeblichen Vorbilder Battle Royale und Saw, eine Chance gegeben. Wie ich befürchtet habe, hat der Film mit den beiden Klassikern nichts gemein. Das finde ich jedoch gut, da das Werk, obwohl es sich in eine seit den späten 1990er-Jahren stattfindende filmische Evolution einreiht, kurzum der Verbindung zwischen Geister- und Slasherfilm, eigene Akzente setzt. Schüler erfahren Folter, sie setzen sich mit übernatürlichen Geistererscheinungen auseinander und haben Angst vor einem Killer, der sie nach einem perfiden System der Reihe nach ausradieren will, um Rache zu üben. Über 86 Minuten kann mich das Werk durchaus unterhalten, zumal mir die Auflösung am Ende gefällt. Handlungstechnisch schafft es der Film von Yun Hongsŭng aber keine Bäume auszureißen, denn es wird auf der einen Seite der Genrestandard abgespielt. Auf der anderen Seite sind mir die viel zu häufigen Schnitte und der teils abstruse Szenenwechsel, der je nach Sichtweise hier und da auch für Logiklöcher sorgt, etwas zu viel des Guten, denn so bekomme ich kaum ein Gefühl für die Zusammenhänge zwischen den Schülern und vom Aufbau des Schauplatzes, der aber immerhin mit seiner kühlen Lichtstimmung überzeugt. Fans des südkoreanischen Kinos kommen in den Genuss eines akzeptablen Horrorfilms, der meiner Meinung nach jedoch an seinen eigenen Ambitionen scheitert und so viel mehr hätte sein können.