Review: Sin Reloaded

In den 1990er-Jahren entwickelten sich First-Person-Shooter binnen weniger Jahre weiter als es vielleicht ein anderes Genre in diesem Jahrzehnt geschafft hat. Doom von 1993 und Half-Life von 1998 waren Pioniere ihrer Zeit. Eine Woche vor Half-Life erschien jedoch auch Sin.

Der First-Person-Shooter Sin, stilisiert SiN, wurde Ende der 1990er-Jahre nicht nur von dem namhaften Konkurrenten Half-Life überschattet. Auch die heute als Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz agierende Behörde hatte bei der Veröffentlichung des Spiels im November 1998 ein Wörtchen mitzureden. Nicht nur die Originalversion des Shooters wurde aufgrund ihres Gewaltgrads indiziert, sondern auch die entschärfte deutsche Version, da sich bei dieser mit einem Trick der Originalzustand herstellen ließ. Zweieinhalb Jahrzehnte blieb das Spiel auf dem hiesigen Index. Kein Wunder, dass hierzulande nur eingefleischte Genrefans oder versierte Videospielhistoriker von Sin in den letzten Jahren etwas gehört haben. Seit 2023 darf aber zum Glück wieder umfassend über das Spiel gesprochen werden – da kommt es in unseren Augen wie gerufen, dass die Nightdive Studios mit Sin Reloaded im September 2026 eine Neuauflage auf den Markt brachten. Dies hat der ursprünglich von Ritual Entertainment entwickelte First-Person-Shooter wahrlich verdient, hebt sich das Werk an der einen oder anderen Stelle von der Konkurrenz ab. Enthalten ist zudem nicht nur das Hauptspiel aus dem Jahr 1998, sondern auch die 1999 veröffentlichte Erweiterung Sin: Wages of Sin, welche die ohnehin schon hohe Abwechslung des Spiels noch einmal in die Höhe schnellen lässt.

Fortschrittlicher Cyberpunk-Shooter

Im Mittelpunkt der Erzählung steht der Gesetzeshüter John Blade, der in der nahen Zukunft für eine private Sicherheitsfirma in der fiktiven Stadt Freeport City für Recht und Ordnung sorgt. In der ersten Mission müssen wir beispielsweise einen vermeintlichen Bankraub verhindern, der sich jedoch schon kurz darauf als Teil eines größeren Verbrechens entpuppt. Hinter diesem steckt das von der gefährlich-attraktiven Elexis Sinclair geführte Unternehmen Sin-Tec Industries. Mit einer mysteriösen Droge will Sin-Tec Industries die Bevölkerung von Freeport City in Mutanten verwandeln und Chaos stiften. Aus heutiger Sicht mag die Story nicht weltbewegend sein, doch für einen First-Person-Shooter war dies im Jahr 1998 ein großer Schritt nach vorn. Vor allem wie die Geschichte erzählt wird, war damals erfrischend. So steht uns beispielsweise ein Sidekick zur Verfügung, der via Funk auf unser Vorgehen reagiert. Auch kommt es in unregelmäßigen Abständen zu kurzen Zwischensequenzen, die uns in die Handlung und die Atmosphäre des Cyberpunk-Abenteuers eintauchen lassen. Allerdings müsst ihr auf den teils stumpfen Humor der späten 1990er-Jahre stehen, denn trotz filmreifer Ansätze kann Sin Reloaded damals wie heute nicht mit Hollywood-Produktionen mithalten. Schlimm ist das aber keineswegs, denn das Gameplay funktioniert auch ohne Story super.

Flotte First-Person-Shooter-Action

Spieltechnisch bewegen wir uns horizontal wie vertikal blitzschnell durch Gänge und Räume und schießen zahlreiche Terroristen und Mutanten ab. Hinzu kommen kleinere Schalterrätsel, bei denen wir beispielsweise an Computerterminals Türen öffnen oder Schussanlagen ausstellen. Durch das hohe Spieltempo fühlen wir uns an Werke wie Turok erinnert. Auch grafisch schlägt Sin Reloaded in eine ähnliche Kerbe, denn die Levelstrukturen setzen sich überwiegend aus groben Elementen zusammen. Vorteilhaft ist dabei, dass wir uns rasch in den Levels orientieren können, denn obwohl diese zunächst unübersichtlich ausfallen, durchschauen wir auf diese Weise schnell ihren Aufbau. Eine Neuerung von Sin Reloaded ist, dass wir spezielle Einstellungen vornehmen dürfen, um das Spiel angenehmer zu gestalten. Unter anderem heben wir nun bestimmte Gegenstände automatisch auf und können wie in Sin: Wages of Sin zwei Einhandfeuerwaffen gleichzeitig nutzen. Puristen können diese Funktionen auch ausstellen, um das Retro-Feeling aufrechtzuerhalten. Unserer Meinung nach ist das aber nicht nötig, denn Sin Reloaded fühlt sich so noch viel runder an und spielt sich auch deutlich besser. Daran ist auch die Musik von Zak Belica nicht ganz unschuldig, da diese unseren Adrenalinspiegel stets oben hält und jeden Abschuss währenddessen zu einem wahren Genuss macht.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PC-Fassung): Sin Reloaded ist ein First-Person-Shooter, den ich im letzten Vierteljahrhundert wirklich vermisst habe. Ob nun der Release von Half-Life eine Woche nach der Veröffentlichung des ursprünglichen Spiels oder dessen Indizierung Schuld daran sind, dass das Werk hierzulande kaum jemand kennt, sei einmal dahingestellt. Ich bin jedenfalls froh, dass der Titel vom Index gestrichen wurde und passend dazu auch noch mit einem Remaster belohnt wurde. Das Spiel wirkt grafisch nicht nur etwas feiner, es spielt sich in manchen Punkten auch besser – sofern ich das denn möchte. Die Nightdive Studios überlassen mir hierbei die Wahl, ob ich die Modernisierungen aktiviert lasse oder lieber wie früher etwas rudimentärer an die Sache herangehe. Da das Spiel ohnehin sehr schnell ist, nehme ich die Neuerungen gerne in Kauf und versinke problemlos für ein paar Stunden in der Cyberpunk-Welt des Spiels. Hier können sich auch heute noch verschiedene Shooter eine Scheibe abschneiden, denn das hohe Spieltempo, die abwechslungsreichen Levels und auch so manche Gameplay-Idee harmonieren hervorragend miteinander. Genrefans, die das Spiel damals verpasst haben oder leicht verdauliche Kost benötigen, sollten unbedingt zuschlagen!

Vielen Dank an die Nightdive Studios für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Sin Reloaded!

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