Nachdem wir im letzten Herbst bereits mit dem Klempner über die Kart-Bahnen düsten, sind wir seit Mai auf dem Tennisplatz unterwegs. So sportlich sich Mario auch betätigt, die Pfunde wollen trotzdem nicht purzeln – und das ist auch gut so!
Wer eine Handlung zu Mario Tennis Open erwartet, der wird leider enttäuscht. Entwickler Camelot Software Planning hat es auch bei diesem Ableger versäumt, eine Art Story-Modus ins Spiel zu integrieren. Der aus dem GameBoy-Color-Klassiker bekannte Rollenspielanteil entfällt diesmal ebenso. Die wahren Fans und Tennis-Interessierten werden sich darüber aber nicht beklagen, denn obwohl wir eine Geschichte vermissen, liegt der Schwerpunkt bei Mario Tennis Open natürlich wieder einmal auf der Sportart selbst – und die kann sich auf dem 3DS-Bildschirm wirklich sehen lassen. Sobald ein Spielstand auf der Cartridge angelegt ist, dürfen wir uns auch schon mit den Grundlagen des kunterbunten Tennis-Spiels vertraut machen. Da fällt uns natürlich direkt einmal der Touchscreen auf, auf dem sämtliche Aktionen aufgelistet sind. Topspins, Geraden, Slices, Lobs und Stoppbälle – jeder Schlag ist einer Taste oder auch schon mal einer Tastenkombination zugeordnet. Es stehen uns auf dem unteren Screen zwar mehrere Grafiken zur Auswahl, doch eigentlich ist nur eine einzige davon wirklich sinnvoll. Die anderen Grafiken sollen sich zwar an Einsteiger richten, doch ergibt das für uns wirklich keinen Sinn. Auf der Komplettübersicht fehlen helfende Anzeigen, um die Steuerung direkt voll und ganz zu verinnerlichen beziehungsweise die Schläge schneller zu verstehen.
Ansichtssache
Das ist aber tatsächlich nur ein sehr kleines Manko an Mario Tennis Open. Anfänger freuen sich dabei immerhin über die aufleuchtenden Schaltflächen auf dem Touchscreen. Da auf den einzelnen Schaltflächen zudem noch der jeweilige Button abgedruckt ist, entsteht so schnell ein Gefühl zum Drücken der richtigen Knöpfe. Wer Lust hat, darf die verschiedenen Schläge aber auch über ein Tippen auf dem Touchscreen selbst ausführen. Da das Geschehen ebenfalls aus der Verfolgerperspektive eingefangen werden kann und sich unser Charakter dabei sogar selbst bewegt, eignet sich dieses Feature besonders für Tennis-Neulinge. Die müssen sich so einzig und allein auf den Ball konzentrieren. Wir finden diese Ansicht allerdings sehr störend, da unserer Meinung nach der ganze Tennisplatz unübersichtlich wirkt. Es entsteht zwar auch hier ähnlich wie bei Pro Evolution Soccer 2011 3D ein Mittendrin-Gefühl auf dem Handheld, doch das wirkte im Fußball-Spiel von Konami vor einem Jahr schon deutlich ausgereifter. Hier hätte ein wenig Feintuning nicht geschadet, doch dafür können wir die Funktionalität des Gyrosensors über die Optionen jederzeit ausschalten und so mit einem Blick den gesamten Tennisplatz überblicken – genau wie in allen bisherigen Teilen der Reihe und auf diesem geht sprichwörtlich die Post ab. Die Entwickler haben es sich nämlich nicht nehmen lassen, Glücksschläge einzubauen.
Glücksschläge alias Superschläge
Ganz so schlimm und übermächtig wie beispielsweise in Mario Power Tennis sind diese aber nun nicht mehr. Sie treten nun auch nicht mehr ganz so explizit in Erscheinung, sondern sind dezent in den eigentlichen Spielablauf eingebaut. Je nachdem wie wir den Aufschlag und die weiteren Schläge unseres Gegenübers zurückschlagen bilden sich auf dem Boden des Feldes nämlich Kreise mit bekannten Symbolen aus dem Super-Mario-Universum. Beispielsweise ist auf einem Kreis ein Stern abgebildet, mit dem wir einen schnellen und geraden Schlag in eine von uns ansatzweise bestimmte Richtung schleudern können. Das kommt uns besonders dann wie gerufen, wenn sich unser Gegner am anderen Ende seines Spielbereichs befindet. Ähnlich funktioniert auch der Schlag, wenn wir diesen auf einem Feld mit einer Feuerblume abfeuern – mit dem Unterschied, dass der Gegner dadurch zwar nicht in Brand gesetzt wird, aber einige Meter auf dem Spielfeld zurückgedrängt wird. Danach haben wir oft leichtes Spiel, um den nächsten Punkt zu holen. Besonders fies für den Gegner ist das Symbol mit dem Bob-omb. Hier spielen wir nämlich einen äußerst geringfügig weit fliegenden Ball, der somit schnell ein zweites Mal im gegnerischen Feld aufkommt und uns somit den nächsten Punkt einbringt. So schön diese gespielten Bälle auch sein mögen – sie können ebenfalls auch uns treffen!
Abwechslungsreiche Charakterauswahl
Es ist also auch im neuen Mario Tennis Open wichtig, die Steuerung so schnell wie möglich zu verinnerlichen und auch das gegnerische Verhalten mitsamt den Bällen zu studieren. Nur so kann man langfristig gesehen gegen die Gegner bestehen. Unter den Spielern tummeln sich übrigens wieder einmal die üblichen Verdächtigen wie Bowser, Donkey Kong, Peach, Yoshi oder Luigi – da findet jeder Fan des Franchises sofort seinen Liebling oder schaltet diesen im Verlauf des Spiels durch bestimmte Ereignisse und Ergebnisse frei, etwa wie mit Baby Mario. Jeder Charakter fühlt sich beim Spielen übrigens anders an. Egal ob wir die Charaktere selbst kontrollieren oder gegen sie antreten. Waluigi spielt defensiv, Daisy präzise und Donkey Kong haut uns seine Bälle (nur ein Schelm möchte jetzt Böses denken) mit kräftigen Schlagabfolgen nur so um die Ohren. Die künstliche Intelligenz ist dabei, zumindest in den ersten Spielstunden, allerdings nur zweckmäßig. In den ersten Turnieren versuchen sich die Charaktere sogar nicht einmal, sich gegen uns zu wehren. Es muss schon Glück sein, wenn ein Ball mehr als nur drei Mal hin- und hergespielt wird. Später trumpft die künstliche Intelligenz dafür auf! In unserem Test kam es zu einem Match zwischen Yoshi (wir) und Diddy Kong (unser Gegner). Dieses Match ging über die volle Distanz mitsamt Tie-Breaks. Wir staunten nicht schlecht, als wir am Ende nur knapp als Sieger hervorgehen konnten.
Minispiel-Alarm
Wer auf ständige und schwieriger werdende Turnieren und Matches keine Lust mehr hat, der darf sich auch in den Minispielen probieren. Dort spucken beispielsweise Piranha-Pflanzen in abwechselnder Reihenfolge Tennisbälle auf uns und wir müssen sie zurückschlagen, aber auf keinen Fall in Schlagweite unseres Gegners. Nach drei Fehlversuchen ist hier Schluss. Dabei kann es aber auch dazu kommen, dass die Pflanzen Farbkugeln ausspucken. Diese dürfen wir auf keinen Fall auf dem Boden aufkommen lassen oder uns von diesen gar treffen lassen, da ansonsten unsere Sicht auf dem Bildschirm mit virtuellen Tintenklecksen teils stark verhindert wird. In einem anderen Minispiel müssen wir den Ball mit einem aus Super Mario Galaxy 2 bekannten Luma hin- und herspielen. Der Clou an der Sache ist, dass sich der in vier Quadrate aufgeteilte Boden hin und wieder verflüchtigt. Dabei können aber ebenso Münzen gesammelt werden wie beim Schießen durch ständig größer werdende und wandernde Ringe (sehr zum Einstieg als Training zu empfehlen!) und auch beim Super-Mario-Bros.-Tennis. Da läuft auf einem großen Bildschirm ein (teils stark verändertes) Level aus Super Mario Bros. ab, in dem wir den Tennisball auf Fragezeichen-Blöcke, Gumbas, Koopas, Röhren oder Münzen feuern. So gut wie alles gibt Punkte und alles verlängert auch unseren Zeitvorrat. Wenn dieser aufgebraucht ist, verlieren wir wie im Original einen Versuch. Retro-Feeling pur!
Einkleiden im Item-Shop
Komischerweise sammeln wir nur in den Minispielen Münzen und erhalten keine Preisgelder für gewonnene Turniere. Sei’s drum! Im Item-Laden dürfen wir sie trotzdem für Gegenstände ausgeben, mit denen wir unseren Mii ausstatten und gar individuell sein Aussehen variieren dürfen. Dadurch verändert sich dessen Werte wie seine Beweglichkeit oder Schlagkraft. Das Freischalten der Gegenstände erfolgt durch allerhand mögliche Aktionen, etwa dem Besiegen eines Gegners in einem Turnier und macht zudem noch eine Menge Spaß. Es motiviert uns förmlich dazu, Mario Tennis Open immer und immer wieder in den 3DS zu stecken und sei es auch nur für ein oder zwei Matches zwischendurch. Falls ihr nicht mehr gegen den Computer antreten möchtet, dann habt ihr ebenfalls die Möglichkeit, euch mit menschlichen Spielern zu messen. Das funktioniert beispielsweise lokal. Dazu benötigt ihr lediglich eine Cartridge und zwei 3DS-Systeme – schon kann das Spektakel mittels Download-Spiel losgehen. Online geht es dann entweder euren Freunden aus eurer Freundesliste an den Kragen oder ihr entscheidet euch für einen zufälligen Gegner, mit dem ihr entweder ein einfaches Match spielt oder euch im Tie-Break versucht. Spielt ihr online, geht es übrigens nicht nur um die Ehre, sondern auch um Punkte für die monatliche Rangliste. StreetPass ist ebenfalls wieder mit an Bord!
Solides Sportspiel mit kleineren Mängeln
Aktiviert ihr den Titel nämlich auch für StreetPass, sammelt ihr unterwegs Daten von anderen Spielern. Gegen diese könnt ihr dann in einem Match antreten oder mit ihnen Ringeschießen spielen. So kann man ebenfalls wertvolle Münzen für den Item-Shop gewinnen. Nintendo hat es hier geschafft, das eigens entwickelte Feature gut auszunutzen, auch wenn den Köpfen bei Camelot Software Planning noch mehr Möglichkeiten offen gestanden hätten. Optisch ist Mario Tennis Open sicherlich keine Grafikgranate wie Super Mario 3D Land, doch das komplette Geschehen wirkt wie aus einem Guss und bei abgeschalteter Gyrosensor-Funktionalität auch jederzeit übersichtlich. Untermalt wird das Sportspektakel jederzeit und auf so gut wie allen der verschieden ausfallenden Tennisplätzen mit stimmiger Musik, die uns besonders in sehr spannenden Matches gut unterhält. Nach wie vor schade finden wir es, dass es keinen Story-Modus gibt und die Steuerung mit Gyrosensor suboptimal ausfällt. Auch dass die X-Taste für den immer richtig ausgewählten Schlag reicht, dürfte Hardcore-Spieler stören. Zwar soll jeder selbst darüber entscheiden, ob er die Taste in Anspruch nehmen will oder nicht – trotzdem ist es dann und wann doch zu verlockend. Wenn wir die Taste deaktivieren oder auch nur die Schaltflächen auf dem Touchscreen selbst programmieren könnten, so wäre Nintendo uns ein ganzes Stück entgegen gekommen. So ist und bleibt Mario Tennis Open ein solides Sportspiel mit ein paar kleineren Mängeln, die aber nicht stark ins Gewicht fallen.
Geschrieben von Eric Ebelt
Björns Fazit: Ich habe zu diesem Spiel häufig die Kritik gelesen, dass es viel zu steril sein soll. Ich gebe ja zu, dass ein Hauch an mario-typischer Verrücktheit fehlt, aber dennoch habe ich gerne auch über den Testzeitraum hinaus noch einige Stunden auf den Center Court gestellt. Meiner Meinung nach hat – bezüglich des Gameplays – Mario Tennis Open sogar den besten Mittelweg gefunden. So gibt es einige Elemente, durch die man den Arcade-Ursprung eindeutig spürt und dennoch ist weniger Glück, sondern ein großes Maß an Können gefordert, um gegen die Gegner zu bestehen. Besonders der Online-Modus wird so aufgewertet. Eine Frechheit finde ich jedoch die Wegrationalisierung des Karriere-Modus. Für Einzelspieler bleibt so nämlich fast nichts mehr vom Spiel über. Ein gesondertes Lob gibt es übrigens nochmals für die Idee mit den QR-Codes – solche Kleinigkeiten machen den Unterschied zwischen Nintendo und anderen Entwicklern aus.
Erics Fazit: Eigentlich war ich von Mario Tennis noch nie so ein wirklich großer Fan, doch ich glaube, dass sich das mit Mario Tennis Open geändert hat. Ich war noch nie so ehrgeizig in einem Teil der Serie wie in diesem. Das in unserem Review beschriebene Match gegen Diddy Kong hat mich wirklich dazu motiviert, die bestmögliche Leistung aus meiner Technik herauszuholen und es hat noch knapp für den Sieg gereicht. Ich werde Mario Tennis Open in den nächsten Wochen und Monaten definitiv immer mal wieder in meinen 3DS stecken und so für die nächsten spielinternen Turniere und für den Online-Modus trainieren. Dieser lief bei mir zum Testzeitpunkt am 22.07.2012 allerdings alles andere als rund. Verbindungsabbrüche blieben zwar aus, aber dafür störten Latenzzeiten gegen unterschiedliche Gegner. An meinem Internetzugang kann es aber vermutlich nicht gelegen haben, da eine bessere Verbindung laut diverser Hardware-Angaben nicht möglich war. Zu einem späteren Zeitpunkt werde ich aber Mario Tennis Open erneut online ausprobieren und mein Fazit gegebenenfalls anpassen. Ich finde es aber, wie ich es schon in unserem Review beschrieben habe, sehr schade, dass es in Mario Tennis Open keinerlei Story-Modi oder gar Rollenspielelemente gibt. Die hätten dem Titel sicherlich gut getan. So werde ich gezwungenermaßen auf eine eShop-Veröffentlichung des GameBoy-Color-Teils warten müssen.