2010 durften wir erleben, wie Warren Spector dem wohl berühmtesten Mäusereich der Welt eine Hauptrolle in einem Videospiel verpasste. Dass dieses Spiel dann auch noch den Konflikt mit Oswald dem glücklichen Kaninchen thematisierte, stimmte Fans fröhlich.
Nach den Geschehnissen von Disney Micky Epic kehrte Micky nach Hause zurück, doch die neu gewonnene Freundschaft mit Oswald sollte ewig währen, auch wenn die beiden sich wohl offenbar nie mehr wieder sehen sollten. Oswald lebte in dieser Zeit im Wasteland glücklich und zufrieden mit seiner Freundin zusammen, doch eines Tages sollte sich das Leben für das Pärchen schlagartig ändern. Die Erde begann zu beben, die Mean Street wurde in zwei Teile auseinandergerissen und dann taucht plötzlich auch noch der Mad Doctor aus dem Nichts auf und will das Wasteland retten! In einer etwas längeren Gesangseinlage beschwichtigt er seine Unschuld am Debakel und gesteht ein, dass er Fehler gemacht hat. Er entschuldigt sich vom ganzen Herzen! Oswalds Freundin warnt ihn vor dem Wissenschaftler, doch Oswald kann die Entschuldigung nicht zurückweisen und unterstützt ihm in dessen Vorhaben. Wenig später ist auch Mickys Heimatwelt nicht mehr sicher, denn eines Nacht hört Micky Geräusche aus dem Fernsehgerät. Oswald und der Kobold, der Micky im ersten Teil mit Rat und Tat geholfen hat, bitten den Mäuserich nun um dessen Unterstützung. Micky kann natürlich nicht anders, sucht im Labor des Zauberers Yen Sid nach dem magischen Pinsel und reist dann ins Wasteland, in welchem er über die neuen politischen Verhältnisse und Begebenheiten aufgeklärt wird.
Die Macht der Zwei
Die wichtigste Neuerung im zweiten Teil der Reihe ist wohl, dass Micky nicht mehr alleine in der Welt umherreisen muss und jederzeit Unterstützung von Oswald erhält. Während wir mit Micky nach wie vor mit dem magischen Pinsel und Farbe silhouettenartige Dinge ausmalen dürfen, nutzen wir den Verdünner, um sichtbare Objekte auszulöschen. So verändern wir die jeweiligen Spielabschnitte ständig, um neue Plattformen erreichen zu können oder versteckte Items hinter zuvor ausgemalten Häuserwänden zu entdecken. Hin und wieder stoßen wir auch auf Schaltkästen, die wir ausmalen dürfen, doch funktionslos bleiben. Hier hilft Oswald, den wir mit einem Druck auf die Minus-Taste der Wii-Fernbedienung herbeirufen dürfen, damit er sich das Problem annimmt. Mit seiner Fernbedienung kann er die Schaltkreise aktivieren und uns so neue Wege offenbaren, die entweder zu weiteren Geheimnissen führen oder sogar für den eigentlichen Spielverlauf erforderlich sind. Oswald können wir auch zur Hilfe rufen, um auf höher gelegene Plattformen zu gelangen. Er schmeißt uns dann einfach in die Luft und in seltenen Fällen dürfen wir Oswald ebenfalls auf solch eine Ebene werfen. Liegt ein Abgrund zwischen uns und unserem Ziel und es ist keine Plattform zum Ausmalen in Sichtweite, dann können wir Oswald in die Höhe katapultieren und uns an ihn ranhängen. In Helikoptermanier überfliegen wir dann die Untiefen, um sicher auf der anderen Seite anzukommen.
Oswald, das sture Kaninchen
So gelungen diese Spielideen auch sind, sie können uns nicht überzeugen. Das liegt an einem ganz einfachen Grund: Oswalds künstliche Intelligenz arbeitet nicht so, wie wir uns das gerne vorstellen. Ist ein Gegner in der Nähe, begibt er sich auf einen persönlichen Rachefeldzug, als uns beizustehen, um ein Rätsel zu lösen. Selbst wenn er auf den Ruf hört, verschwindet er ein paar Augenblicke später wieder, wenn ihm der Gegner keine Ruhe lässt. Im letzten Drittel des Spiels müssen oftmals auch zeitgleich Schalter oder Zahnräder betätigt werden, welche das Kaninchen auch gerne mal gekonnt ignoriert, obwohl wir mit Micky die Aktion vormachen. Neustarts sind zwar überflüssig, doch dauert es manchmal sehr lange, bis unser Partner die Spielsituation verstanden hat und eingreift. Oswald bleibt auch gerne auf Plattformen stehen und wenn wir seine Hilfe brauchen, erkennt er das Signal nicht. Hämisch ruft er dann sogar, dass er am Ball sei. Wir sehen das absolut nicht so. Ärgerlich ist das Zusammenspiel in den Projektorenlevels (dazu später mehr) auch, da hier auf zwei Ebenen E-Tickets (die Währung des Spiels) gesammelt werden können, Oswald virtuelles Geld aber egal ist. Oftmals lässt uns das Spiel auch einfach nicht die Möglichkeit, aus einer Kooperationsoption auszuwählen. Das ist in Anbetracht dessen, dass wir mit ihm zusammenarbeiten sollen, sehr, sehr ärgerlich.
Geteiltes Leid ist halbes Leid
Da sich das Abenteuer allerdings diesmal auch mit zwei Spielern angehen lässt, kann man den Frust auf ein Minimum reduzieren. Zu jeder Zeit darf sich ein Freund in ein laufendes Spiel einklinken, um uns zu unterstützen. In den dreidimensionalen Abschnitten wird der Screen in der Mitte vertikal geteilt, doch bei den zweidimensionalen Abschnitten fährt man zweigleisig. Entweder wird der Bildschirm in die Länge gezogen, so dass er auf dem Fernseher in kleiner Form dargestellt wird, je weiter sich die beiden Charaktere voneinander entfernen oder in dem Fall eines Projektorenlevels findet die Teilung horizontal statt. War es im Vorgänger noch so, dass es einen direkten Weg durch das Level gab, können wir jetzt zuvor an der Leinwand das Zahnrad drehen, um die Startposition von Oswald und Micky zu variieren. Das erhöht zwar den Wiederspielwert einzelner Abschnitte, aber es ist nervig, vor jedem Spielabschnitt an dem Zahnrädchen zu drehen, um dann erst im Level herauszufinden, wo die versteckte Filmrolle zu finden sein könnte. Diese wiederholbare Prozedur stört den Spielfluss, sofern jemand denn wirklich alle versteckten Items im Spiel sammeln möchte. Solltet ihr das Abenteuer allerdings kooperativ zu zweit angehen, kommen diese Defizite fast nicht vor, da vier Augen auch hier mehr sehen als zwei und das Sammeln aller Items zur spaßigen Nebenbeschäftigung wird.
Undurchschaubare Rätselkost
Der Titel krankt jedoch an einem noch viel größeren Problem. Neulingen wird so gut wie gar nichts über die Spielwelt und ihre Charaktere erzählt. Wer den ersten Teil durchgespielt hat, wird viele der Spielfiguren kennen, doch auch für die wird es unter Umständen knifflig, wenn ohne Vorwarnung auf Figuren eingegangen wird, die noch nicht vorgekommen sind und man selbst die Zusammenhänge erkennen soll. Das ist im eigentlichen Spielverlauf übrigens nicht anders. Kaum erreichen wir ein neues Gebiet, ist ein Ziel bereits vorgegeben, doch dieses Ziel wird oft nur beiläufig oder nicht richtig erklärt. Nicht selten standen wir in der Gegend herum und müssen raten, was wir eigentlich machen sollen. So taucht zwischendurch ein Charakter auf, den wir in ein Gebäude verfolgen müssen. Der offensichtliche Eingang ist eine Dachluke, doch die wird mit Kameras bewacht und immer wenn wir uns dieser nähern, schließt sich die Luke automatisch. Unser Kobold gibt uns den Tipp, dass wir uns nicht von den Kameras ertappen lassen sollen. Wir durchschauen das Rätsel und machen uns mit Hilfe des Brunnens kurzzeitig unsichtbar, doch die Wirkung ist immer dann aufgebraucht, wenn wir die Luke erreichen. Durch die schwache künstliche Intelligenz schaffen wir es erst nach mehr als einer Dreiviertelstunde mit Feuerwerkskörpern ein Loch ins Gebäude zu sprengen, um zu einem weiterführenden Projektor zu gelangen, doch das hat man uns zuvor gar nicht als Ziel gesetzt.
Vermeidbare Fehler
Die Steuerung ist ein anderer negativer Punkt des Spiels, auch wenn sie zugegeben nicht mehr ganz so nervig ist, wie noch im Vorgänger. Nach wie vor müssen wir die Kamera ständig neu ausrichten, doch das Zielen mit der Pointer-Funktion funktioniert, obwohl die Mechanik 1:1 aus dem Vorgänger übernommen wurde, etwas besser. Trotzdem haben wir nicht selten zuerst den Charakter richtig ausrichten müssen, um dann in die richtige Richtung zu zielen. Warum die Entwickler sich hier nicht an guten Pointer-Funktionen wie in Pikmin und Co. ein Beispiel nehmen können, fragen wir uns nun zum zweiten Mal. Abermals fragen wir uns, warum man schon wieder auf (diesmal hübschere) Comic-Szenen und CGI-Sequenzen gesetzt hat. Ein einheitlicher Stil hätte dem Spiel abseits der Projektorenlevel gut getan. Letztere sind jedoch wieder bestimmten Cartoons nachempfunden. Das ist zwar keinesfalls verkehrt, doch die aus dem Vorgänger bekannte Mischung bleibt hier leider aus. Technisch kann das Spiel einerseits mit kunterbunten Grafiken, einer funktionierenden Spielmechanik und vielen tollen Ideen wie der erste Teil überzeugen, doch bricht die Framerate manchmal ein klein wenig ein. Da finden wir es schon deutlich besser, dass das Spiel diesmal komplett vertont ist und auch bekannte Synchronsprecher wie David Nathan mit an Bord sind. Disney Micky Epic: Die Macht der 2 eignet sich für beinharte Disney-Fans, die bei den Defiziten beide Augen zudrücken können.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Wii-Fassung): Beim Vorgänger war ich bereits im Vorfeld skeptisch, aber habe dem Titel dennoch eine Chance gegeben. Disney Micky Epic ist in meinen Augen zwar kein schlechtes Spiel, aber immer noch weit davon entfernt, ein richtig gutes zu sein. Disney Micky Epic: Die Macht der 2 konnte das Debüt von 2010 nicht toppen, doch dafür stellenweise noch unterbieten. Neulinge werden sich in der Spielwelt nicht richtig zurecht finden. Dafür werden die Persönlichkeiten des Wastelands zu wenig charakterisiert, die Zusammenhänge zwischen einzelnen Orten und wichtigen Disney-Figuren fast gar nicht geschildert und die Nutzung einzelner Gameplay-Inhalte müssen neue Spieler ebenfalls fast für sich alleine entdecken. Kennern des Vorgängers wird es nicht ganz so schlimm ergehen, doch auch diese werden eine gewisse Emotionslosigkeit erkennen und sich unter Umständen wohl oder übel fragen, warum der Zauber verflogen ist. Obwohl ich diese Defizite persönlich noch teilweise ausblenden kann und über die echt schwache Handlung ich mich gar nicht in diesem Review äußern möchte (sonst müsste ich euch spoilern), kann ich nicht aufhören, mich über das Kaninchen zu ärgern. Selten habe ich einen so schwachen Begleiter erlebt und selten habe ich mich so sehr darüber geärgert. Oswalds künstliche Intelligenz möchte sich einfach nicht in den Spielfluss eingliedern, weshalb ich jedem von euch empfehlen möchte, den Titel lieber direkt zu zweit zu spielen, denn das ist auch die herausstechende Qualität des Spiels.
Vielen Dank an Disney Interactive für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Disney Micky Epic: Die Macht der 2!