Review: Disney Micky Epic

Die berühmteste Maus der Welt gewinnt heutzutage sicherlich keinen Blumentopf mehr, wenn es sich dabei um einen Beliebtheitswettbewerb handelt. Nintendos Klempner Mario und die Pokémon sind in vielerlei Kreisen bekannter als Micky Maus. Obwohl der Maus keine größeren Auftritte mehr vergönnt sind, ist sie noch lange nicht vergessen wie so manch andere Figur des Disney-Universums, welche wir in Disney Mick Epic treffen werden.

Eines Nachts wacht Micky in seinem Bett auf und bemerkt etwas Ungewöhnliches an seinem Wandspiegel. Schnell springt der Mäuserich auf und berührt die glatte Oberfläche, welche nun weiche Wellen schlägt. Micky springt durch das Portal und landet in der Werkstatt eines Zauberers. Dieser ist gerade dabei, ein magisches Reich zu erschaffen. Mit den letzten Pinselstrichen beendet er sein Werk an einer auf dem Tisch stehenden Miniaturwelt. Als er sich in seine Gemächer zurückzieht, betritt Micky das Zimmer und er hat natürlich nichts anderes zu tun, als mit dem Pinsel herumzuspielen. In einem Augenblick der Unachtsamkeit stößt die Maus einen Topf Verdünnerflüssigkeit um, die daraufhin die kleine Miniaturwelt überflutet. In Verbindung mit dem Zauberpinsel wird so ein Monstrum geschaffen, welches Micky Maus mit in die magische Welt zieht. Das Phantom ist entfesselt und eine lange Dunkelheit bricht an.

Farbe und Verdünner

Ein verrückter Wissenschaftler versucht sich als Nächstes am Mäusereich zu vergehen. Mit einer Maschine möchte er versuchen, Micky das Herz heraus zu reißen. Was brutal klingt, wird im Spiel kinderfreundlich mit einer Saugglocke in Szene gesetzt. Ohne die Spannung zu nehmen können wir kurz darauf schon aus dem Gemäuer fliehen. Ein Kobold erklärt uns in den folgenden Spielstunden stets, um welche Aufgaben wir uns kümmern müssen. Als erstes führt er uns allerdings in die zu gleich einfache und innovative Steuerung des Spiels ein. Der magische Pinsel verfügt mittlerweile über die Kraft, Farbe oder Verdünnerflüssigkeit auf Knopfdruck zu versprühen. Richten wir die Wii Remote mittels Pointer-Funktion auf speziell dafür vorgesehene Objekte und verschießen Verdünnerflüssigkeit, so verschwindet dieses Objekt zunächst aus unserem Sichtfeld. Auf diesem Wege können neue Wege, versteckte Nischen oder Gegner verlangsamt werden. Möchten wir das Objekt wieder erscheinen lassen, reicht ein Schuss Farbe aus.

Freund oder Feind?

Im gesamten Spielverlauf müssen wir beide Spielelemente immer mal wieder miteinander kombinieren. Befindet sich ein gesuchter Gegenstand beispielsweise in einem mit Farbschicht überzogenen Loch, müssen wir die bunte Abdeckung zunächst entfernen. Nachdem wir das Item aus dem Versteck geborgen haben, können wir das Loch wieder abdecken und können es anschließend passieren, um zu anderen Gebieten vordringen zu können. Farbe und auch der Verdünner haben bei den Gegnern unterschiedliche Wirkungen. Während wir mit der Farbe unsere Feinde so lange blau anmalen können, bis sie uns freundlich gesinnt sind, können wir die Gegner mit Verdünner zunächst verlangsamen, bis sie sich womöglich ganz auflösen. Die Ergebnisse unserer Arbeit spiegeln sich im späteren Spielverlauf wieder. Sobald wir einen der mehr oder weniger gefährlichen Bossgegner bezwungen haben, erweitert sich unsere Farb- oder Verdünnerkapazität. Je mehr wir eine dieser beiden Flüssigkeiten verwenden, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir diese nach einem Bosskampf automatisch steigern können.

Oswald, das wütende Kaninchen

Unsere Reise führt uns dabei immer tiefer in das so genannte Wasteland hinein, das Micky Maus mit der Verdünnerflüssigkeit verwüstet hat. Das Wasteland wird im Übrigen von einem alten Bekannten beherrscht, nämlich von Oswald dem glücklichen Kaninchen. Doch kaum jemand erinnert sich an diese Comicfigur aus dem Hause Disney, selbst der Mäuserich hat ihn aus dem Gedächtnis gestrichen. Wir erinnern uns: Bevor Micky Maus das Licht der bunten Comicwelt erblickte, erschuf Walt Disney das Kaninchen Oswald. Irgendwann geschah es, dass Micky Maus dem Kaninchen den Rang abgelaufen hat. Wir können uns also sehr gut vorstellen, dass Oswald nicht gerade rosig auf Micky zu sprechen ist. Doch bis wir erstmals mit dem Herrscher des Wastelands richtig konfrontiert werden, vergehen einige Spielstunden. Oswald ist allerdings nicht die einzige vergessene Disney-Figur im Wasteland. So treffen wir auch auf einen ausgeflippten Captain Hook oder einen mürrischen Kater Karlo. Um zu den einzelnen Spielabschnitten zu kommen, bedienen sich die Entwickler eines genialen Kniffs.

Wie in einem Cartoon

Um von der Mean Street, dem Haupthandlungsort des Spiels, zu einem anderen wichtigen Punkt in der Spielwelt zu gelangen, müssen wir jedes Mal in eine Projektorleinwand springen. Was in der Theorie ähnlich nach den Gemälden aus Super Mario 64 klingt, spielt sich in der Praxis ganz anders ab. Sobald wir in die Projektorleinwand gesprungen sind, öffnet sich uns ein ganz neuer Spielabschnitt. In recht kurzen und höchstens fünf Minuten andauernden Levels, welche bekannten (oder vergessenen) Disney-Cartoons nachempfunden sind, heißt es in traditioneller 2D-Jump-’n’-Run-Manier bis zum Ziel zu gelangen. Das authentische Setting wird ausnahmslos mit passender Musikuntermalung sehr gut in Szene gesetzt. Wer einmal die Cartoonklassiker Plutopia oder Steamboat Willy nachspielen wollte, hat jetzt eine einfache Möglichkeit gefunden. In den einzelnen Projektorleinwand-Levels gibt es jeweils exakt eine Filmrolle zu finden. Diese dürfen später beim Kinobesitzer auf der Mean Street gegen interessante Extras eingetauscht werden – unter anderem befinden sich zwei Cartoonklassiker auf der Wii-Disc, die sich so freischalten lassen. Lebensenergieerweiterungen sind ebenfalls in diversen Läden zu erwerben.

Dürftige Nebenaufgaben

Es dürfen aber auch noch andere (für den Spielverlauf nicht relevante) Gegenstände gesammelt werden. Die so genannten Anstecker sollen ausdrücken, wie groß die eigene Leidenschaft für Disney ist. Um wirklich alle Anstecker zu finden, müssen viele Geheimverstecke ausfindig gemacht und sehr viele Nebenaufgaben erfüllt werden. Diese sind allerdings alles andere als gut in das Spiel eingebaut. Mehr als Sammelaufgaben diverser Objekte oder die Auslieferung dieser an eine andere Spielfigur konnten wir während der Testphase nicht ausmachen. Das ist spätestens seit Animal Crossing langweilig und hätte Entwicklerlegende Warren Spector nicht passieren dürfen. Ein weiterer herber Kritikpunkt ist die Kameraführung. Die Kamera muss immer eigenständig nachjustiert werden und oftmals landen wir an einer spielwichtigen Ecke der Welt und können die Kamera überhaupt nicht bewegen. In einem dreidimensionalen Jump ’n’ Run ist das fatal, denn ungewollte Spieltode stehen somit auf der Tagesordnung. Diese sind im Übrigen schwach in Szene gesetzt, sobald Micky keine Energiepunkte mehr zur Verfügung stehen, lädt das Spiel einfach vom letzten Checkpoint nach. Die sogenannten E-Tickets, welche die Währung im Spiel darstellen bleiben gespeichert, doch wichtige Objekte wie Diamanten oder Ähnliches muss meistens wieder zusammengesucht werden. Schwach.

Gut, aber nicht gut genug

Obwohl die meisten Rätsel innovativ ausfallen, wiederholen sie sich in ihren Grundzügen zu oft. Was bei Super Mario Sunshine für Begeisterung sorgte, ist auch in Disney Micky Epic zu finden, doch wären facettenreichere Rätsel für den sonst recht gelungenen Spielablauf wünschenswert gewesen. Immerhin kommen in der zweiten Spielhälfte Skizzen mit in das Portfolio des Mäuserichs, die zumindest ein wenig Abwechslung mit in die Spielwelt bringen. Ambosse die auf Gegner fallen oder Fernsehgeräte die kleinere Gegner von uns ablenkt, unterstützten den sonst recht dünnen Humor. Leider gibt es im Spiel nur wenige CGI-Sequenzen zu bestaunen. Anstatt auf vorgerenderte Szenen zu setzen, haben die Entwickler überwiegend dürftig aussehende und komisch wirkende Cartoonfetzen eingebaut. Diese wollen wir bei einem möglichen Nachfolger nicht mehr sehen. Disney-Fans können unserer Meinung nach unbesorgt zuschlagen, doch Fans von Jump ’n’ Runs sollten sich zwei Mal überlegen, ob sie mit den wenigen, dafür umso ärgerlichen Defiziten leben können. Disney Micky Epic ist und bleibt ein guter Wii-Titel, doch der erhoffte Hoffnungsträger ist es für viele Spieler leider nicht geworden.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit: Hätte man mich vor einem Jahr gefragt, ob ich mir dieses Spiel tatsächlich antun möchte, hätte ich diese Frage mit nur einem Wort verneint. Mein Groll gegen Disney ist in der Regel einfach zu groß, denn unnötige Gesangseinlagen in so gut wie jedem Disney-Film vermiesen mir meistens den Spaß. Als der Veröffentlichungstermin immer näher rückte, habe ich mich dennoch dafür entschieden, dem Titel zumindest eine Chance zu geben und dafür wurde ich auch nicht enttäuscht. Während die dreidimensionalen Passagen aufgrund diverser Kameraprobleme und großen Schwächen bei den Nebenaufgaben dürftig ausfallen, stören mich zusätzlich die gelegentlich auftauchenden Störungen bei der Pointer-Funktion. Auch kurzen Szenen in Spielgrafik würde ich den seltsam wirkenden Cartoon-Szenen vorziehen, so sehr reißen sie mich aus der Atmosphäre des Spiels. Beispielsweise habe ich mich vor einigen Tagen mit einem Redakteur einer Nintendo-Fanseite unterhalten. Er kann anscheinend über die Defizite hinwegsehen und drückt dem Spiel seinen persönlichen Spector-Bonus auf. Aber kann man einen so rumreichen Entwickler für diese Fehltritte loben? Diese Frage stelle ich mir nicht, denn für mich ist ein Spiel in erster Linie ein Spiel. Und diesen Titel vergleiche ich erst nach dem Durchspielen mit den potentiellen Möglichkeiten des Entwicklers. Warren Spector hätte durchaus mehr aus Disney Micky Epic machen können, wenn ich mich nur an die genialen Konzeptzeichnungen bei Ankündigung des Spiels zurückdenke. Vielleicht fand Disney diese Zeichnungen zu übertrieben und wollte den Titel familientauglicher machen. Vorzustellen wäre es allemal. Abschließend möchte ich aber sagen, dass ich trotzdem meinen Spaß in den vierzehn Spielstunden hatte. Auch wenn das Ende bei jedem Spielertyp wohl unterschiedlich ausfallen wird, werde ich alternative Lösungsmöglichkeiten so schnell nicht ausprobieren. Für mich gibt es einfach bessere Jump-’n’-Run-Alternativen.

Vielen Dank an Disney Interactive für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s