Review: Pathfinder: Kingmaker

Als 2009 das Pen-and-Paper-Rollenspiel Pathfinder, das auf dem Regelwerk von Dungeons and Dragons basiert, erstmals veröffentlicht wurde, ahnte wohl noch niemand, dass der Titel einen dermaßen hohen Beliebtheitsgrad entwickelt. Mit Pathfinder: Kingmaker wurde das Franchise erstmals als Computer-Rollenspiel umgesetzt und überflügelt damit sogar die Spiele des Vorbilds.

In den 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren wurden jede Menge Rollenspiele für den PC auf den Markt geschmissen, die sich mit der Dungeons-and-Dragons-Lizenz schmücken konnten. Besondere Aufmerksamkeit erhielt das Franchise jedoch erst mit dem 1998 veröffentlichten Baldur’s Gate, das insbesondere mit dem nur zwei Jahre später veröffentlichten Nachfolger Baldur’s Gate II: Schatten von Amn inklusive der Erweiterung Baldur’s Gate II: Thron des Bhaal bis heute einen überwältigen Kultstatus genießt. Bis auf einige wenige Titel und einer Handvoll HD-Umsetzungen der Klassiker wurde es um Dungeons and Dragons im Computerspielsektor allerdings sehr ruhig. 2017 startete das Entwicklerstudio Owlcat Games daher eine Kickstarter-Kampagne, die mit über 900.000 US-Dollar erfolgreich finanziert wurde, um das Pen-and-Paper-Rollenspielgefühl zurück auf den heimischen Monitor zu bringen. Vorweg lässt sich sagen, dass es den Entwicklern vortrefflich gelungen ist, das altbekannte Gefühl von Baldur’s Gate, Icewind Dale und Co in Form eines PC-Rollenspiels umzusetzen. Viel überraschender ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass es Owlcat Games außerdem noch geglückt ist, das angestaubte Gameplay mit nützlichen Komfortfunktionen zu ergänzen und mit einigen Verbesserungen zu versehen, damit auch jenen Spielern, die mit den geistigen Vorgängern kaum etwas anfangen konnten, in die Fantasy-Welt von Pathfinder: Kingmaker eintauchen zu können.

Aller Anfang ist schwer

Zu Beginn des auf ein paar Dutzend Stunden angelegten Abenteuers steht wie so oft auch in Rollenspielen die Charaktererstellung im Mittelpunkt. Wer schon einmal irgendein Rollenspiel mit Dungeons-and-Dragons-Lizenz oder gar irgendein Pen-and-Paper-Rollenspiel ausprobiert hat, der wird wissen, was ihn hier erwartet. Alle anderen Enthusiasten werden von Anfang an mit Aberhunderten Individualisierungsmöglichkeiten erschlagen. Damit ist allerdings weniger das äußere Erscheinungsbild des Helden gemeint, denn ausgerechnet hier fallen die Optionen sehr überschaubar und teilweise sogar etwas dürftig aus. Viel eher bringen da schon die Wahl des Volks oder der Klasse und die darauf aufbauenden Einstellungen Neulinge ins Grübeln, denn Menschen, Elfen, Zwerge, Halb-Orks und Co haben allesamt ihre Vor- und Nachteile und eignen sich daher für unterschiedliche Berufungen. Die verschiedenen Klassen bauen wiederum auf den Attributen auf, die eigens erhöht oder verringert werden können. Für einen Kämpfer ist es somit wichtig, über einen möglichst hohen Stärke- und Konstitutionswert zu verfügen, um im Kampf ordentlich austeilen und einstecken zu können. Hinzu kommen noch Talente und Fähigkeiten, um die Spielfigur sowohl in als auch außerhalb von Kämpfen auf unterschiedliche Situationen einzustellen. Alleine in diese tiefgründige Charaktererstellung können auch dank der informativen und umfangreichen Hilfetexte gerne mehrere Stunden investiert werden.

Beeinflussbare Handlung

Wer keine Lust darauf hat, sich seinen Wunschcharakter von Grund auf selbst zu erstellen, kann auch einen von mehreren vorgefertigten Helden wählen, um in die Geschichte von Pathfinder: Kingmaker eintauchen zu können. Von der Herrscherin des Landes erhalten Abenteurer den Auftrag, den ominösen Hirschkönig zu besiegen, der mit seiner Bande Dörfer und Städte terrorisiert. Obwohl die Expedition am nächsten Tag ausgeruht beginnen soll, wird die Ruhe vor dem Sturm mit einem Angriff mehrerer Assassinen auf das Schloss der Herrin unterbrochen. Zwar gelingt es den Angriff abzuwehren, doch wird dem Helden fortan ein gewisses Misstrauen entgegen gebracht. Aus Spoiler-Gründen soll an dieser Stelle auf die Story aus der Feder von Christopher Frederic Avellone, der damals schon an Baldur’s Gate oder Planescape: Torment mitgearbeitet hat, nicht näher eingegangen werden. Schon in der ersten Spielstunde müssen im Schloss Entscheidungen getroffen werden, die sich stark auf die künftige Story auswirken. Selbst unscheinbare Interaktionen, die häufig auch Einfluss auf die Gesinnung des Helden haben, können sich später als fatal herausstellen. Das führt auch im späteren Spielverlauf dazu, dass jede Tat wohlüberlegt sein will, damit die nachziehenden Konsequenzen vielleicht nicht unbedingt respektiert, aber zumindest akzeptiert werden können.

Die Würfel sind gefallen

Da Pathfinder: Kingmaker auf einem Pen-and-Paper-Rollenspielregelwerk basiert, wurden die meisten Vorgaben eins zu eins ins Spiel übernommen, weshalb bei allen Aktionen im Hintergrund der eine oder andere Würfelwurf ausgeführt wird. Wenn ein Nicht-Spieler-Charakter beeinflusst werden soll, ist ein erfolgreicher Würfelwurf auf Diplomatie vonnöten, der mit den Boni der Fähigkeiten des Helden zum Beispiel den Wert 15 überschreiten muss. An anderer Stelle können auf ähnlichem Weg Fallen entschärft oder auch ausgelöst werden. Natürlich ist es jederzeit möglich, einen früheren Spielstand zu laden, um die Auswirkungen rückgängig zu machen – wer sich aber auf die stimmige Atmosphäre einlässt und die negative Scharade mitspielt, wird sich noch sehr viel stärker mit seiner Heldengruppe identifizieren, da schließlich auch Rückschläge dazu beitragen, dass einem die Charaktere ans Herz wachsen. In den Kämpfen entscheidet ebenfalls der Würfelwurf, ob ein Angriff erfolgt oder daneben geht. Damals wie heute passt das nicht jedem Spieler, denn die strikte Einteilung der Runden in sechs Sekunden lässt die Kämpfe nur wenig spektakulär wirken. Wer mit Stift, Papier und reichlich Fantasie bewaffnet die Vorlage kennengelernt hat oder die Möglichkeit haben möchte, auf Tastendruck den Kampf zu pausieren und in aller Seelenruhe zu planen, wird an diesem engen Korsett seine wahre Freude haben.

Komfortfunktionen

Im Gegensatz zu den früheren Spielen mit der Dungeons-and-Dragons-Lizenz fühlen sich die Kämpfe allerdings wesentlich besser an. Auch außerhalb der Auseinandersetzungen kann der Titel mit gelungenen Komfortfunktionen punkten und die geistigen Vorbilder übertreffen. Während es bei Baldur’s Gate nicht möglich ist, mehr als eine gewisse Anzahl an Items zu tragen, da das Inventar eines einzelnen Charakters trotz nicht ausgefüllter Traglast dann einfach voll ist, teilen sich die Figuren in Pathfinder: Kingmaker hingegen das gesamte Inventar. Die frühere umständliche Form des Mikromanagements, das vor allem in westlichen Rollenspielen schon seit den ersten Ablegern der Might-and-Magic-Reihe veraltet ist, serviert Owlcat Games wunderbar ab. Ebenfalls gut gelungen ist die Art der Kommunikation, denn während in den Ende der 1990er- und 2000er-Jahren erstmals veröffentlichten Rollenspielen von Bioware und den Black Isle Studios noch ellenlange Texte in den Dialogen ausgetauscht werden, beschränken sich die Gespräche in Pathfinder: Kingmaker auf ein gesundes Mittelmaß. Die wichtigsten Dialoge wurden zudem mit professionellen Sprechern vertont. Diesbezüglich ist es jedoch schade, dass einerseits nicht alle Texte auditiv unterstützt werden und andererseits alle Dialoge nur auf Englisch vorliegen. Bei eingeschalteten deutschen Bildschirmtexten ist das oft sehr verwirrend, da meistens Betonungen oder Auslassungen in Textform stets kommentiert werden.

Eine Ode an die Klassiker

Alleinstellungsmerkmal von Pathfinder: Kingmaker dürfte wohl die Kontrolle über ein eigenes Herrschaftsgebiet sein. Hier müssen ebenfalls Entscheidungen getroffen und die passenden Charaktere in diversen Positionen eingesetzt werden, um die Ländereien zu verwalten. Zwar tangiert dieser Modus nur leicht die eigentliche Story, er ist aber dennoch mit ihr verbunden, sodass die Herrschaft nicht ausgeklammert werden kann. Dafür verbindet dieses Element die Handlung gut mit der Spielwelt, in der dutzende schön gestaltete Ortschaften bereist werden können. Gespielt wird Pathfinder: Kingmaker wie die mehrfach angesprochenen Klassiker aus der isometrischen Perspektive, die die leicht comichaften Landschaften einfangen. An der einen oder anderen Stelle wirkt der Titel zwar nicht taufrisch, überwiegend ist die Grafik dem russischen Entwicklerstudio aber gelungen. Auch die Symbolik, allen voran Markierungen in der Spielwelt, die auf Tastendruck oder mit dem draufgehaltenem Mauszeiger erkennbar sind, erinnern abermals an Baldur’s Gate und Co. Zusammen mit dem mittelalterlich wirkenden Soundtrack ist Pathfinder: Kingmaker eine Liebeserklärung an die alten Rollenspiele, denen Fans des Regelwerks trotz ähnlicher Titel wie Pillars of Eternity oder Divinity: Original Sin immer noch hinterhertrauern. Näher an die geistigen Vorbilder kam seit Langem kein Spiel mehr heran, sodass der Titel eine uneingeschränkte Empfehlung für jedweden Fan ist.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit: So toll die Geschichten in Baldur’s Gate, Icewind Dale und Co auch sind, hat das Gameplay dieser Rollenspiele – anders wie die durchaus gelungene Pen-and-Paper-Rollenspielvorlage – mit dem einen oder anderen Problem zu kämpfen, das den Spielspaß stark trüben kann. Zum Beispiel ist die Begrenzung und die Aufteilung des Inventars ärgerlich, da es zu unnötigem Mikromanagement und im schlimmsten Fall sogar zu nervigen Laufwegen führen kann. Das russische Entwicklerstudio hat sich solche Gameplay-Schnitzer zu Herzen genommen und gelungene Komfortfunktionen eingebaut, ohne die Komplexität des Regelwerks aus den Augen zu verlieren. So funktionieren die Kämpfe wie in der mit Papier und Stiften gespielten Vorlage, nehmen dem Spieler den Aspekt der Fantasie jedoch ab und zaubert ein stimmiges Gesamtbild auf den heimischen Monitor. Handlung, Gameplay, Optik und Akustik setzen sich auch nach Stunden noch wie ein Mosaik zusammen. Lediglich kleinere Mankos wie fehlende Übersetzungen einzelner Begriffe oder nervige Einblendungen von Kommentaren im Gesprächsverlauf nerven hier und da. Dies sind jedoch nur Kleinigkeiten, die die sonst sehr positive Rollenspiel-Erfahrung nur äußerlich ankratzen. Im Kern ist Pathfinder: Kingmaker ein atmosphärischer Titel, der sich vor allem an Fans der Vorlage oder Kenner der Klassiker von Bioware oder den Black Isle Studios richtet – und in diesem Belangen hat Owlcat Games ein wirklich schönes Spiel geschaffen, das Stunden lang an den Monitor fesseln kann.

Vielen Dank an Deep Silver für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Pathfinder: Kingmaker!

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