Review: Kowloon Highschool Chronicle

2004 erschien Kowloon Highschool Chronicle für die PlayStation 2 in Japan, wurde aber leider nie in Nordamerika oder Europa veröffentlicht. Mit einer Portierung auf die Nintendo Switch hat sich dieser Umstand aber geändert, was vor allem Fans von Exoten freuen dürfte.

Kowloon Highschool Chronicle beginnt am 9. September 2004. Vier Kilometer tief unter der ägyptischen Hauptstadt Kairo sind wir als japanischer Schatzjäger Habaki Kurō unterwegs. In einem Grab sollen wir ein Artefakt finden, Rätsel lösen und uns mit Monstern herumschlagen. Das funktioniert in den ersten Spielminuten im Rahmen einer stringenten Handlung wirklich gut, danach dreht die Story jedoch am Rad. Zum einen stellt sich uns plötzlich ein mysteriöser Mann in den Weg, der sich an unserem Artefakt bereichern will und damit plötzlich bösartige Geister heraufbeschwört. Indiana Jones lässt nicht nur an dieser Stelle grüßen, sondern auch in einer der nächsten Sequenzen, wo wir auf einer Landkarte mit dem berühmten roten Strich von Ägypten nach Tōkyō fliegen. Laut eines kugelrunden Professors soll es in Japan ebenfalls Ruinen einer ehemaligen Hochkultur geben. Der Weg führt uns zur Kamiyoshi-Oberschule, an der wir uns als neuer Austauschschüler unters Volk mischen. Wir lernen mit der Zeit unsere neuen Mitschüler in unzähligen und ausufernden Dialogen im Visual-Novel-Adventure-Stil kennen und erfahren so mehr und mehr kuriose Geschichten über die Akademie. Eine vorlaute Mitschülerin, eine introvertierte Bibliothekarin, ein angeblich perverser Hausmeister und ein cooler Sidekick sind nur einige der vielen interessanten Charaktere, die dabei in Erscheinung treten. Die Rahmenhandlung kommt dabei aber nur sehr, sehr schwer in Gang, weshalb das Abenteuer mehrere Stunden Einarbeitungszeit verschlingt, bis uns die Handlung packt.

Undurchsichtige Entscheidungen

Zu Beginn von Kowloon Highschool Chronicle steht aber nicht nur der Ausflug nach Ägypten. Bevor das Spiel in Japan so richtig losgeht, müssen wir uns auch der Charaktererstellung hingeben. Wir verteilen jedoch nicht rollenspieltypisch direkt Punkte auf unsere Attribute. Stattdessen wählen wir beispielsweise unsere Blutgruppe, unser Lieblingsfach oder unseren Geburtsort aus. Welche Auswirkungen die Wahl hat, wird uns jedoch leider nicht verraten. Diesbezüglich hüllt sich Kowloon Highschool Chronicle in Schweigen. Auch andere Gameplay-Elemente müssen von uns selbst studiert und verinnerlicht werden, was mitunter etwas anstrengend sein kann. Das Gameplay teilt sich zudem in mehrere voneinander unabhängige, aber doch verbundene Aspekte auf. Größtenteils unterhalten wir uns mit den facettenreichen Charakteren. Während der Gespräche stellen uns die Figuren auch Fragen, die wir beantworten müssen. Ebenso können wir in einem neunstufigen Emotionsraster unsere Reaktion auf das Gesagte auswählen. Dadurch variieren die Gespräche zwar leicht, doch welche Auswirkungen unsere Aktionen haben, erschließt sich uns auch nach mehreren Spielstunden nicht. Das ist wirklich schade, denn die Charaktere sind allesamt gut geschrieben und können uns mit ihrer Persönlichkeit überzeugen. Gutes Schulenglisch solltet ihr aber mitbringen, denn in eine Übersetzung in andere europäische Sprachen hat der Publisher leider nicht investiert.

Erkundungsdrang mit frischen Impulsen

An zweiter Stelle steht in Kowloon Highschool Chronicle die Erkundung des Schulgeländes, das unserer Meinung nach aber viel zu einfach ausfällt. Über einen Übersichtsplan wählen wir einfach den Raum aus, den wir untersuchen wollen und klauben dann dort automatisch herumliegende Items auf. Ebenfalls kann uns auf der Karte angezeigt werden, dass sich eine Person im Raum befindet. Ist dies der Fall, können wir uns mit dieser auch unterhalten. Das stärkt einerseits zwar die Stimmung, andererseits ist aber gerade das Fehlen einer frei begehbaren Oberwelt sehr schade. An die überaus dichte Atmosphäre des Schulalltags, wie wir ihn zum Beispiel aus Persona 5 Royal kennen, kommt der Titel alleine schon altersbedingt nicht heran. Deutlich besser sieht es schon bei den Gräbern und Ruinen aus, die wir in bester Dungeon-Crawler-Manier erkunden dürfen. Hier durchstreifen wir wie in Etrian Odyssey schachbrettartig Gänge und Räume. Im Gegensatz zu den meisten Genre-Vertretern gibt es in Kowloon Highschool Chronicle aber deutlich bessere Rätsel zu lösen. Hinweise zur Rätsellösung gibt es zumeist in Form von Hinweistafeln, die aber überwiegend sehr kryptisch gehalten sind und öfters auch schon mal zum mehrfachen Nachdenken anregen. Bei manchen Puzzles müssen wir sogar wie in der Resident-Evil-Reihe Items kombinieren. Auch Sprünge mit bedingt frei wählbarer Entfernung über Abgründe sind möglich und halten das Gameplay stets frisch.

Vorbereitung auf die Kämpfe

Tauchen Gegner vor uns auf, öffnet sich im Übrigen kein separater Kampfbildschirm. Stattdessen laufen die Auseinandersetzungen wie in Zanki Zero: Last Beginning direkt an Ort und Stelle ab. Im rundenbasierten Kampfsystem steht uns pro Runde eine gewisse Anzahl an Aktionspunkten zur Verfügung. Jeder Schritt und jede Aktion wie das Verwenden eines Items, das Abfeuern einer Handfeuerwaffe oder der Angriff mit einer Machete verringern diesen Wert. Sind die Punkte aufgebraucht, sind die Feinde am Zug. Das macht durchaus Spaß, da hierbei taktisches Vorgehen jederzeit gefordert wird. Damit wir in den Dungeons erfolgreich sind, sollten wir uns aber gut vorbereiten. So können wir uns im Schulkiosk mit ein paar belegten Broten eindecken oder online neue Waffen und Gadgets bestellen. Lediglich die Handhabung des auf fünfzehn Plätzen limitierten Inventars ist ein wenig fummelig. Um jedenfalls ans benötigte Kleingeld zu gelangen, können wir neben dem Verfolgen der Haupthandlung bis zu sechs Aufträge gleichzeitig annehmen und beim Erkunden der Dungeons erfüllen. Eine besonders coole Idee ist die Integration eines zusätzlichen Spiels im 8-Bit-Design. Ebenfalls halb Rollenspiel und halb Visual Novel Adventure erinnert es sogar noch mehr an Indiana Jones als das Hauptspiel, was vor allem an der wiederkehrenden Verwendung der berühmten Schriftart liegt. Ja, Kowloon Highschool Chronicle ist durchweg voller verrückter Einfälle.

Kurioses Spieldesign

Optisch wartet das Spiel mit vermutlich abfotografierten und mit Unschärfefilter versehenen Hintergründen im 4:3-Format auf. Besonders schön ist das heutzutage nicht mehr. Ähnlich sieht es bei den Standbildern aus, die bei den Charaktermodellen zum Tragen kommen. Trotz einer guten japanischen Synchronisation bewegen diese nicht ihre Lippen. Auch weitere Animationen sind Mangelware und kommen nur in abgehakter Form bei sehr dramatischen Szenen zur Geltung. Das war schon 2004 unzeitgemäß. Das gesamte Geschehen von Kowloon Highschool Chronicle, das sich in den Dungeons auch im 16:9-Format präsentiert, wird mit solider Musik unterlegt. Für unseren Geschmack wiederholen sich die Melodien teils aber zu oft. Die Soundeffekte haben ein markantes Design und bleiben stellenweise negativ in Erinnerung, wenn eine Computerstimme das Geschehen kommentieren muss. Teilweise lassen sich die Sounds aber individualisieren. So können wir den Klingelton bei Kurzmitteilungen auf unserem Mobiltelefon verändern. Dadurch bekommt der Titel eine persönliche Note. Davon können sich auch andere Spiele, die nicht ohne derlei Funktionen auskommen, noch eine Scheibe abschneiden. Unterm Strich bleibt der Titel ein Spiel für Liebhaber von Exoten, denn vor allem Mankos wie die recht sperrige Bedienung und die hakelige Steuerung verhindern, dass sich Kowloon Highschool Chronicle an die Masse richtet – und das will es auch nicht.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch-Fassung): Wenn es um Spiele geht, die mit experimentellem Gameplay oder kuriosem Spieldesign auf sich aufmerksam machen, bin ich einer der ersten, die zur Stelle sind. Die Veröffentlichung von Kowloon Highschool Chronicle auf der Switch habe ich wochenlang herbeigesehnt. Leider wurden meine Erwartungen nicht gänzlich erfüllt. Das liegt vor allem an den ausufernden Dialogen. Nicht dass mich die kaum bis gar nicht animierten Figuren langweilen – die sehr facettenreichen Persönlichkeiten machen Lust und Laune, mehr über sie zu erfahren. Für meinen Geschmack werden die Texte der Dialoge aber zu langsam angezeigt. So muss ich diese mit Hämmern auf die Aktionstaste vorspulen. Das zerrt ordentlich an meinen Nerven. Hinzu kommt ein nicht durchschaubares System, welche Auswirkungen meine Entscheidungen und Emotionen in den Gesprächen haben. Auch mit dem Erkunden des Schulgeländes machen es sich die Entwickler zu einfach. Eine begehbare Oberwelt hätte Wunder bewirkt. So wirkt das Spiel in dieser Disziplin eher wie ein Adventure und weniger wie ein Rollenspiel, was es im Kern sein will. Genau in diesem Punkt gefällt mir aber das rätsellastige Design der Dungeons. Auch das auf Aktionspunkten basierte Kampfsystem macht mir sehr viel Spaß. Unterm Strich ist Kowloon Highschool Chronicle jedoch ein Spiel, das an seinen Ambitionen scheitert und nicht die breite Masse bedienen kann. Wer aber Lust auf ein Spiel hat, das sich an Indiana Jones, Cowboy Bebop und anderen populärkulturellen Werken frech bedient und diese Inhalte mit einem eigentümlichen Stil verbindet, kann mit Kowloon Highschool Chronicle nur sehr wenig falsch machen.

Vielen Dank an PQube für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Kowloon Highschool Chronicle!

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