In den letzten Jahrzehnten wurden die Abstände zwischen den Hauptteilen der Reihe immer größer – Remaster, Remakes und Portierungen ausgenommen. Final Fantasy XVI möchte wie jede Episode etwas Neues wagen – leider legt das Spiel damit eine deftige Bruchlandung hin.
Mutig ist der im Juni 2023 veröffentlichte sechzehnte Serienteil. Er rationalisiert Steampunk- und Science-Fiction-Elemente nahezu vollständig weg und versetzt den hoffnungsvollen Spieler ins Fantasy-Mittelalter. Erzählt wird die Geschichte des Adligen Clive Rosfield, der seinen kleinen Bruder Joshua, einen sogenannten Dominus, beschützen muss. In Valisthea, der Welt von Final Fantasy XVI, steht und fällt ein Reich mit seinem Dominus. Diese können sich mit angeborenen Kräften in eine Esper verwandeln, bei denen es sich um als magisch betrachtete Wesen handelt. Durch einen Überfall, bei dem plötzlich auch in Clive magische Kräfte erwachen, stirbt Joshua vor seinen Augen. Von den Feinden versklavt muss er sein Dasein als Träger magischer Kräfte fristen und im Krieg zwischen den Reichen kämpfen. Durch verschiedene Umstände gelingt ihm eines Tages die Flucht. Er schließt sich der vom Dominus Cid geführten Rebellengruppe an. Diese hat es sich zum Ziel gesetzt, die Ungleichheit zu bekämpfen. Mit der Zeit entwickelt sich ein höheres Ziel, das die Zukunft Valistheas bestimmen soll. Dadurch ziehen Clive, Cid und die anderen Rebellen nicht nur den Zorn aller Nationen auf sich. Auch die göttliche Intervention rückt bis zum großen Finale, das je nach Tempo nach etwa dreißig bis sechzig Stunden im Actionspiel Final Fantasy XVI eintritt, immer näher.
Abgekupferte Fantasy-Welt
Aufmerksame Leser werden jetzt aufschrecken. Beim neuesten Eintrag des Spiels handelt es sich tatsächlich um ein Action-, aber nicht um ein Rollenspiel. Zwar sind nach wie vor diverse Rollenspiel-Elemente vorhanden, doch sind diese derart abgeschwächt, dass die sechzehnte Episode eher nicht als waschechtes Rollenspiel betrachtet werden kann. Dies ist insbesondere für langjährige Serienfans ein Schlag ins Gesicht, denn das Szenario verspricht zumindest zu Beginn vieles. So erinnert das Charakterdesign und der Aufbau der Spielwelt überaus stark an George Raymond Richard Martins Romanepos Das Lied von Eis und Feuer, besser bekannt unter dem Titel der Fernsehserie Game of Thrones. So sind die Rollen in der Geschichte, die sich um Verrat und Vertrauen dreht, klar verteilt. Schockierende Wendungen sollen vor allem zu Beginn das Interesse des erwachsenen Zielpublikums wecken. Dies gelingt in den ersten Spielstunden von Final Fantasy XVI, doch dann bröckelt die Fassade immer mehr. Wenn vom Norden, von Wildlingen, von den Eisernen oder den Gefilden jenseits der Meerenge gesprochen wird, ist das abgekupfert und schon ziemlich billig. Die Mythologie von Final Fantasy fühlt sich einfach nur draufgeklatscht an. Hier und da einen Chocobo oder einen Mogry, Wesen aus dem Final-Fantasy-Universum, zu platzieren, ist definitiv alles andere als ausreichend.
Auslaugendes Kampfsystem
Besser kopiert als schlecht selbst gemacht, heißt manchmal eine beliebte Devise bei Entwicklern. Auf Final Fantasy XVI trifft dies aber nicht zu, denn auch das Gameplay kann nicht begeistern. Vor allem das actionlastige Kampfsystem ist damit gemeint. Entworfen wurde dieses von Suzuki Ryōta, der schon bei Devil May Cry mitgearbeitet hat. Wir können angreifen, ausweichen und im richtigen Moment die Angriffsketten des Gegners unterbrechen. Für Fans von Actionspielen mag das spaßig sein, doch jene Spieler, die auf ein Rollenspiel gehofft haben, werden maßlos enttäuscht. Obwohl im Story-Verlauf weitere Spezialfähigkeiten hinzukommen und etwas Abwechslung bringen, sind diese häufig zu schnell eingesetzt. Bis diese wieder einsatzfähig sind, hämmern wir mit Daumenschmerzen auf den Angriffsknopf. So gut wie jedes Gefecht entwickelt sich zu einem Ausdauerk(r)ampf. Schwerwiegender fällt, dass es im Spiel Waffen mit elementarer Ausrichtung gibt, diese aber keinerlei Unterschiede bringen. Feuermonster lassen sich also problemlos mit Feuer bekämpfen. Eisattacken richten dabei den gleichen Schaden an. Taktische Überlegungen müssen wir bei Final Fantasy XVI überhaupt nicht anstellen. Stattdessen geht es schlicht und einfach darum, die zum jeweiligen Zeitpunkt besten Waffen oder Rüstungen zu schmieden, die oft nur minimale Verbesserungen bringen.
Langweilige Nebenquests
Um neue Ausrüstung herzustellen, sammeln wir in der Spielwelt schlicht und einfach nur die benötigten Materialien auf. Anfangs gibt es hier und da einen Engpass, doch gerade in den späteren Spielstunden ist von so gut wie jedem Material reichlich vorhanden. Seltene Materialien gibt es aber nur für besonders starke Bossgegner, die über einen Aushang im Versteck der Rebellengruppe aufgespürt werden können. Auch wenn wir das Kampfsystem bereits stark kritisiert haben, sticht zumindest ein Teil der Bosskämpfe heraus. Diese führen Flächenangriffe aus, die zum Teil wie in Online-Rollenspielen angekündigt werden. Mit verkrampften Fingern kommen wir da schon mal ordentlich ins Schwitzen. Uns wundert dieser Einfluss übrigens nicht, denn hinter dem Spiel steckt das Entwicklerteam von Final Fantasy XIV, dem in unseren Augen besten Online-Rollenspiel aller Zeiten. Dass diese Entwickler, die ihr Handwerk im Online-Segment bestens verstehen, aber ohne große Erfahrung an einen Offline-Hauptteil der Reihe gelassen wurden, ist der nächste größte Fehler von Publisher Square Enix. Final Fantasy XVI ist voll mit Nebenquests, die selten eine spannende Story erzählen und uns nur von einem Ort zum anderen schicken, wo wir Gegenstände einsammeln oder bestimmte Monster besiegen müssen. Das ist in diesem Umfang und auf Dauer einfach nur ermüdend.
Melancholische Zertrümmerung
Von Anfang bis Ende erzählt das Spiel eine melancholische Geschichte, in der es nur wenig Hoffnung gibt. Dies spiegelt sich auch in der Welt von Final Fantasy XVI wieder. Während wir in Story-Abschnitten meistens in Schlauchlevels unterwegs sind, gibt es in den restlichen Gebieten auch schon mal größere Areale zum Erkunden. Das Problem dabei ist, dass diese Gebiete nicht gefüllt sind. Lediglich ein paar Gegner hier und da, leuchtende Objekte, die auflesbare Materialien darstellen und ganz selten Truhen, in denen es noch mehr Materialien fürs Crafting gibt, sind hier zu finden. Es macht noch nicht einmal Spaß, Clive aufzustufen, da starke Gegner zu wenig und ganz schwache Monster zu viele Erfahrungspunkte abwerfen. All das passt zu dieser tristen Atmosphäre, die mit Braun- und Grautönen an die Zeit der Xbox-360-Shooter-Ära erinnert. Der Soundtrack spiegelt dies meist sehr gut wieder, kann unsere Ohren aber zumindest verwöhnen. Auch dass das Spiel auf der PlayStation 5 in den allermeisten Fällen sehr flüssig läuft, ist positiv hervorzuheben. Retten kann dies das Spiel aber nicht – dafür macht es einfach viel zu viel falsch. Final Fantasy XVI ist eine Erfahrung, die den Spieler nach wenigen Stunden in eine bis zum Abspann anhaltende Abwärtsspirale wirft und auf dem Weg so ziemlich alles zertrümmert, was die Hauptreihe bis heute ausgemacht hat.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit: Final Fantasy gehört für mich zu den liebsten Rollenspielreihen. Nicht mit jedem Serienteil wurde ich warm. Gerade Final Fantasy XIII und dessen Fortsetzung Lightning Returns gehörten für mich zu den Abgründen der Hauptreihe. Final Fantasy XVI ist also in bester Gesellschaft, denn wirklich besser ist das Spiel nicht. Der anfänglichen Euphorie, die ich im sechzehnten Teil zu Beginn noch verspüre, weicht mit dem Tempo eines Hochgeschwindigkeitszugs der Ernüchterung. Allen voran wirken Story und Charaktere zu sehr von Game of Thrones abgepaust. Das, was Final Fantasy ausmacht, ist in der Fantasy-Welt Valisthea kaum bis gar nicht zu spüren. Auch das in meinen Augen einfallslose Kampfsystem weiß nicht zu gefallen und artet zu sehr in Hämmern auf den Angriffsknopf aus. Mit der leeren Spielwelt und den langweiligen Nebenquests kann ich mich ebenso nicht anfreunden. Lediglich der Soundtrack weiß zu gefallen, spiegelt er die Melancholie des Settings doch so wunderbar wider. Damit ist die Reihe für mich an einem neuen Tiefpunkt angelangt, den sie nicht verdient hätte. Da jedes Final Fantasy aber etwas Neues bietet, kann es dafür ja nur aufwärts gehen.