Nachdem Sony Interactive Entertainment im Jahr 2018 Marvel’s Spider-Man auf die Welt losgelassen und damit eines der besten Superheldenspiele geschaffen hat, erschien zum Launch der PlayStation 5 eine Stand-alone-Erweiterung um den Charakter Miles Morales.
Chronologisch ist Marvel’s Spider-Man: Miles Morales einige Zeit nach den turbulenten Geschehnissen des Seriendebüts angesiedelt. Wer dieses nicht gespielt hat, sollte dies zum einen schleunigst nachholen und zum anderen aus Spoiler-Gründen an dieser Stelle das Lesen des vorliegenden Reviews abbrechen. Weiterlesen auf eigene Gefahr! Nachdem sich Spider-Man alias Peter Parker mit dem Jungspund Miles Morales nach dem Tod dessen Vaters angefreundet hat, wurde auch dieser von einer Spinne gebissen und hat daraufhin Superkräfte entwickelt. Seitdem wurde Miles von Peter ausgebildet. Inzwischen bekämpfen die beiden gemeinsam das Verbrechen in New York City. Zu Beginn des Spiels scheint die US-amerikanische Metropole an der Ostküste erneut zum Schmelztiegel krimineller Machenschaften zu werden. Es sind noch genügend entflohene Inhaftiere des Rafts, dem Gefängnis für Superschurken, auf freiem Fuß. Bei einem Gefangenentransport, der von den beiden Spinnenmännern überwacht wird, gelingt es dem Superschurken Aleksei Mikhailovich Sytsevich respektive Rhino zu entkommen. Es entwickelt sich eine Verfolgungsjagd durch New York City, die in einem nahezu stillgelegten Elektrizitätswerk endet. Rhino wird verhaftet und die beiden Spider-Men erhalten Dank von Simon Krieger, dem Leiter der Forschungsabteilung von Roxxon Energy.
Nahezu herausragende Charakterzeichnung
Trotz offener Spielwelt und Schwerpunkt auf Action gelingt es Marvel’s Spider-Man: Miles Morales noch besser wie dem Vorgänger, tiefgründige Charaktere zu zeichnen und ihnen genügend Raum zur Entwicklung zu geben. Vor allem Miles, seine Mutter, sein Onkel, sein bester Freund Ganke und sein Schwarm Phin können überzeugen. Lediglich der vermeintliche Antagonist Simon Krieger bleibt recht blass. Außerdem muss gesagt werden, dass Rhino mit Ausnahme zweier Hologramme weiterer Hauptfeinde der einzige und noch dazu wiederkehrende Superschurke ist, den wir im Actionspiel bekämpfen. Der „echte“ Spider-Man ist darüber hinaus fast vollständig abwesend, da er seine Freundin in Europa als Fotograf unterstützt. Dementsprechend fällt auch die Spielzeit recht kurz aus. Wer sich nur auf die Story konzentriert, dürfte das Spiel in sechs bis acht Stunden beenden können. Die Nebenbeschäftigungen sind zum Teil aber auch spannend inszeniert und verleihen der Spielwelt Authentizität und uns Hintergrundwissen über diese. Als herunterladbarer Zusatzinhalt wäre Marvel’s Spider-Man: Miles Morales herausragend. Wir fragen uns jedoch, warum Sony Interactive Entertainment den Titel unbedingt als Vollpreisspiel in den Laden stellen musste. Vermutlich, um einfach nur einen weiteren, aber tollen Launch-Titel für die PlayStation 5 in petto zu haben.
Entwicklung eines Superhelden
Ungewohnt ist womöglich auch das Setting. So erkunden wir mit Miles beziehungsweise dem „anderen“ Spider-Man die offene Spielwelt mitten im Winter. Genauer gesagt an Weihnachten und den Tagen danach. So ist New York City in Schnee gehüllt und zuweilen schneit es auch oder es tobt ein Schneesturm. Das sieht auf Sonys Konsole wirklich fantastisch aus, zumal all das auch mit allen Grafikeinstellungen mit konstanten dreißig Bildern läuft. Wer auf Schnickschnack wie Raytracing verzichten kann, verdoppelt die Framerate. Genauso wie beim Vorgänger schwingen wir uns an Spinnfäden durch die Straßenschluchten, legen uns hier und da mit Verbrechern an oder erleben abseits der Haupthandlung Nebengeschichten. Für abgeschlossene Aufgaben erhalten wir Aktivitätspunkte oder technische Einzelteile, die wir in neue Anzüge oder neue Upgrades investieren können. Bekämpfen wir darüber hinaus genügend Gegner, regnet es auch Erfahrungspunkte, mit denen wir im Level aufsteigen. Auf jeder Stufe erhöhen sich nicht nur Attribute wie Angriffskraft oder Lebensenergie. Wir können auch Miles’ Fähigkeiten verbessern, sodass die auf dem Standardschwierigkeitsgrad anspruchsvollen Kämpfe noch intensiver werden. Wer den Vorgänger oder Spiele wie Batman: Arkham Origins gespielt hat, wird die zugängliche Steuerung abermals zu schätzen wissen.
Viel Sozialkritik, etwas zu wenig Superheldenspiel
So können wir in Marvel’s Spider-Man: Miles Morales Gegner schlagen, sie in die Luft wirbeln, an Wänden einspinnen oder auf andere Feinde werfen. Recht früh im Spiel erlernen wir mit Miles auch mächtige Venom-Fähigkeiten. Mit Hilfe von Bioelektrizität können wir unsere Gegner noch einfacher malträtieren und vor allem Widersacher, die mit Waffen und Schilden ausgerüstet sind, kinderleicht aus den Socken hauen. Ausweichbefehle, Retourkutschen und Finisher gehören ebenfalls zum Repertoire der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft. Damit ist das Kampfsystem nicht nur zugänglich, sondern auch vielseitig. Es macht an allen Ecken und Enden Spaß, sich mit den Gegnern zu prügeln. Anfänglich wird für die Bedienung womöglich ein wenig Einarbeitungszeit benötigt, doch schon nach kurzer Zeit flutscht das Spiel in dieser Hinsicht einfach nur. Somit kann die Stand-alone-Erweiterung genauso wie das Hauptspiel auf ganzer Linie punkten. Lediglich als Superheldenspiel geht der Titel nicht die letzten Meter. So werden die Bekämpfung von Korruption, die Bedeutung von Nachhaltigkeit und die sozialen Probleme der Afroamerikaner mehr thematisiert als der Kampf zwischen Gut und Böse. Keine Frage, all das sind wichtige Themen, die die Entwickler sicherlich aber auch mit einem stärkeren Fokus auf den eigentlichen Kern der Materie hätten besprechen können.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-5-Fassung): Obwohl ich persönlich mit den Comics von Marvel und den entsprechenden Verfilmungen fürs Kino nur wenig anfangen kann, so hat mich Marvel’s Spider-Man im Jahr 2018 überrascht und überzeugt. Nach dem Cliffhanger am Ende hatte ich Lust auf mehr. Marvel’s Spider-Man: Miles Morales mag zwar nicht der „richtige“ Nachfolger sein, nutzt die Welt in einem schneeweißen Gewand jedoch einmal mehr, um mir noch eine kürzere, aber nicht wenig spannendere Geschichte zu erzählen. Diese mag für eine Superheldengeschichte vielleicht etwas zu wenig bieten, spricht aber wichtige soziale Themen an, die uns alle angehen. Beim Gameplay gibt es hingegen gar nichts zu kritisieren. Es macht abermals Spaß, New York City schwingend zu erkunden, Collectibles zu sammeln, Gegner zu vermöbeln und nicht zuletzt mehr über die titelgebende und plötzlich absolut nicht mehr nervige Hauptfigur zu erfahren. Mir gefällt das Actionspiel bis auf kleine Details sehr gut, sodass ich mich auf die für Oktober 2023 angekündigte Fortsetzung noch mehr freue als zuvor. Da das Spiel auch nicht sonderlich lang ist, eignet es sich darüber hinaus auch als exzellentes Intermezzo zwischen zwei größeren Spielen!