Review: Marvel’s Spider-Man

Seit seinem Erstauftritt in der 15. Ausgabe von Amazing Fantasy im Jahr 1962 schwingt sich Spider-Man durch die US-amerikanische Comic-Welt – fünf Jahrzehnte später hat die Spinne unter anderem auch die Leinwand erobert und war Protagonist zahlreicher Videospiele.

Obwohl die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft, wie sich der titelgebende Spider-Man selbst bezeichnet, vor allem in den 2000er-Jahren fast jährlich in einem Videospiel auftrat, wurde es zwischen 2014 und 2018 eher still um den Superhelden aus New York City. Meist erreichten die Lizenzspiele zwar eine Qualität, die Fans sicher zufriedengestellt haben, doch auch durch nicht sonderlich hochwertige Eskapaden litt das Franchise darunter, es mit den anderen großen Spielen, die auf keiner Vorlage basieren, aufzunehmen. Nachdem wir uns durch das etwa – je nach Spielweise – circa zwanzig bis vierzig Stunden lange Abenteuer geprügelt und geschwungen haben, können wir mit Fug und Recht behaupten, dass sich Marvel’s Spider-Man nicht von der Konkurrenz verstecken muss. Inhaltlich orientiert sich der Titel grob an den Comics und den Filmen, erzählt aber eine völlig eigenständige Geschichte. Jeder wird wohl schon einmal gehört haben, dass Peter Parker eines Tages von einer genveränderten Spinne gebissen wurde und seitdem über Superkräfte verfügt, die er für das Gute einsetzt und somit Verbrechen in der Metropole an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika bekämpft. Peter muss nicht mehr lernen, wie er seine Fähigkeiten richtig einsetzt – er ist ein Superheld und hat bereits mehrere Kämpfe gegen einige üble Schurken überstanden.

Bekannte Gesichter, alternative Story

Marvel’s Spider-Man baut peu á peu auf dieser Grundlage auf. Nachdem Spidey, so eine der vielen Bezeichnungen für den Helden, den Superkriminellen Wilson Fisk alias Kingpin hinter Schloss und Riegel gebracht hat, macht er damit zugleich den Weg frei für andere Ganoven, die ein Stück vom Kuchen abbekommen wollen. Einer von ihnen ist der für Peter Parker noch unbekannte Mister Negative, der es mit seinen Handlangern, den so genannten Dämonen, aus anfangs unerklärlichen Gründen auf Bürgermeister Norman Osborne abgesehen hat. Das Rätsel wird im Verlauf der Handlung ebenso gelöst wie die Hintergründe über Osbornes und Doktor Otto Octavius’ gemeinsame Vergangenheit. Letzterer ist in Marvel’s Spider-Man Peters Arbeitgeber aus dem Labor, in dem er ihm als Assistent unter die Arme greift. Fans von Spider-Man kennen all diese Namen in verschiedenen Kontexten, Überraschungen gibt es für diese daher kaum. Dennoch ist die Story interessant und vor allem spannend genug, um sie Minute für Minute in sich aufzunehmen. In Verbindung mit dem Gameplay werden hier Action-Abschnitte mit ruhigen Szenen, in denen Peter ohne sein Kostüm agiert, verbunden – um beispielsweise im Labor an verschiedenen Projekten oder mit seiner Tante May Parker zu sprechen. Gelegentlich dürfen wir auch in die Rolle von zwei weiteren Charakteren schlüpfen, beispielsweise in die von Peter Ex-Freundin Mary Jane Watson, die als Reporterin tätig ist.

Spinnenfähigkeiten

Während die Schleichmissionen mit Mary Jane stark zur Story beitragen und auch tatsächlich Spaß machen, können die Aufgaben mit der anderen Figur, über die wir an dieser Stelle aus Spoiler-Gründen nichts verraten, ganz schön ermüden. Sie wirken einfach viel zu willkürlich in die Rahmenhandlung eingewoben und wirken auch nicht sonderlich glaubhaft. Viel wichtiger ist jedoch der Kern des Spiels, das Spider-Man-Gameplay, das überwiegend hervorragend funktioniert. Mit Spider-Man können wir uns mit Gegnern prügeln, sie mit Spinnfäden lautlos an die Decke ziehen oder mit Krawall an die Wand nageln. Noch dazu dürfen wir überall in der Gegend herumliegende Objekte wie Kisten oder Motorräder packen und auf die Gegner wirbeln. Letzteres ist ebenfalls mit nahezu jedem Feind möglich, wichtig ist dabei nur, dass der Feind vorher ordentlich eingesponnen wurde. Da Spider-Man nicht gegen leere Hüllen kämpft, muss er auch auf Gegenschläge achten: Selbst aus der Entfernung nehmen ihn Scharfschützen oder mit Panzerfäusten ausgestattete Söldner aufs Korn. Zum Glück kann Spidey bevorstehende Angriffe mit seinen Sinnen orten und wir mit ihm auf Knopfdruck im richtigen Moment ausweichen. Alle Aktionen gehen wie in der Batman-Arkham-Reihe sehr leicht von der Hand und lassen sich schon nach einer einigermaßen kurzen Spielzeit meistern.

Stadt der (un)begrenzten Möglichkeiten

Zwischen den Story-Abschnitten gibt es in Marvel’s Spider-Man viel zu tun. Zur Erkundung steht der beeindruckt nachgebildete New Yorker Stadtteil Manhattan zur Verfügung. Wahrzeichen können fotografiert, Notfallrucksäcke mit interessanten Informationen über Peters Leben eingesammelt, gegnerische Basen auseinandergenommen oder Verbrechen auf offener Straße bekämpft werden. Zwar läuft alles darauf hinaus, irgendwelche Gegner zu vermöbeln oder Collectibles einzusammeln, doch sind die Aufgaben stets motivierend, da sie immer Erfahrungspunkte spenden, mit denen wir Peters Kräfte stärken und neue Fähigkeiten lernen können. Selbiges gilt auch für Nebenmissionen, die bis auf wenige Ausnahmen nicht ganz so spannend sind wie die Haupthandlung, aber immerhin ein wenig mehr in die Atmosphäre des Superhelden-und-Superschurken-Kosmos eintauchen lassen. Für letzteres zeigt sich auch die Grafik des Spiels verantwortlich: Es macht unglaublich viel Spaß, durch das sehr schöne New York City vor allem dann zu schwingen, wenn die Sonne die Stadt ins Abendrot tränkt. Einen dynamischen Tag-und-Nacht-Wechsel gibt es allerdings nicht, die Zeit bleibt bis zum Abspann stillstehend und lässt sich erst danach an bestimmten Stellen leicht manipulieren. Der stimmungsvolle Soundtrack und die filmreife Inszenierung der Kämpfe machen den Action-Titel von Insomniac Games zu einem echten Genuss – nicht nur für Superhelden-Fans!

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit: Vor allem in den letzten beiden Jahrzehnten scheint die Zahl der Filme, die sich mit Superhelden beschäftigen, zu explodieren. Entsprechend gesättigt dürfte so mancher Kinogänger sein, was beinharte Fans von Spider-Man und Co aber nicht abschrecken wird, sich auch auf weitere Ableger ihrer Comic-Franchises zu freuen. Im Videospielsektor sah es in den 2010er-Jahren eher etwas dürftig aus, denn nur wenige Titel, die auf einer Vorlage –wenn auch nur lose – basieren, konnten tatsächlich begeistern. Bei Marvel’s Spider-Man muss jedoch niemand die Sorge haben, dass er hier ein schlichtes Lizenzspiel kauft: Inhaltlich als auch technisch gehört der Titel auch unabhängig vom Franchise definitiv zu den besten Action-Titeln, die es in den letzten Jahren gegeben hat. Es macht unglaublich viel Spaß, durch New York City zu schwingen, an allen Ecken Gegner in flotten Kämpfen zu vermöbeln, Collectibles einzusammeln und vor allem mehr über die verschiedenen Charaktere und das, zu dem sie geworden sind, zu erfahren. Marvel’s Spider-Man ist ein gelungenes Spiel, das alleine schon aufgrund des Cliffhangers am Ende nach einer möglichst baldigen Fortsetzung schreit, auf die sich selbst Nichtkenner der Vorlage nach dem Durchspielen freuen dürften!

Vielen Dank an Sony Interactive Entertainment für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Marvel’s Spider-Man!

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