Mit dem Kurzfilm Assassin’s Creed: Embers hat sich Ubisoft von Ezio Auditore da Firenze verabschiedet, einem der prägnantesten Charaktere des Franchises – mehr als Grund genug, mit Assassin’s Creed III einem frischen Gesicht und neuem Gameplay eine Chance zu geben.
Wenn ihr bei „neuem Gameplay“ am Kopf kratzen oder gar lauthals drauflos lachen musstet, dann seid ihr bei dieser Kolumnenreihe genau richtig. In unregelmäßigen Abständen versuche ich, die komplette Assassin’s-Creed-Reihe hinter mich zu bringen. Soll heißen, dass ich die Spiele mit allen Haupt- und Nebenquests sowie Sammelkram abschließen und euch viele Jahre nach der Erstveröffentlichung der jeweiligen Titel einen kritischen Einblick in die Serie geben möchte. Leser, die die ersten vier Kolumnen hierzu bereits verschlungen haben, erwarten jetzt zu Beginn sicherlich einen Rückblick ins Veröffentlichungsjahr. Tatsächlich muss ich sagen, dass ich wirklich tief in meinem Gedächtnispalast kramen musste, um euch diese Informationen zu präsentieren. So wurde das Spiel Anfang 2012 offiziell für den Oktober desselben Jahres angekündigt und das Setting präsentiert, doch dazu gleich mehr. Auch auf der Gamescom 2012 bot Ubisoft die Möglichkeit, Assassin’s Creed III auszuprobieren. Wer sich über ellenlange Warteschlagen auf Videospielmessen amüsieren will, darf sich unsere Videostrecke zur Gamescom 2012 anschauen. Zunächst erschien der Titel im Oktober für die PlayStation 3 und die Xbox 360. Einen Monat später wurden dann auch PC-Besitzer bedient. Wer sich im November eine Wii U zugelegt hat, konnte den Titel direkt zum Launch spielen.
Zum Launch gekauft und nie gespielt
Auf der Wii U habe ich den Titel damals tatsächlich zum Launch erworben, aber bis heute hat die Disc das Laufwerk der Nintendo-Konsole noch kein einziges Mal von innen gesehen. Ich muss einfach zu viel Geld haben! Nichtsdestotrotz habe ich das Action-Adventure während der presseexklusiven Wii U Experience Tour bei ihrem Halt in Köln in bewegten Bildern sehen können. Der größte Assassin’s-Creed-Fan, den ich zumindest kenne, hat den Titel dort angespielt. Auch hierzu gibt es eine inzwischen elf Jahre alte Videoaufnahme, welche die Zeit überdauert hat. Wie die Ezio-Trilogie habe ich mir Assassin’s Creed III irgendwann in den letzten Jahren als PlayStation-4-Fassung nachgekauft. Publisher Ubisoft behauptet frech, dass es sich hierbei um ein echtes Remaster handelt. In einem Trailer zu dieser Version wurden laut des Magazins GameStar sogar Falschaussagen getätigt. Das heißt im Klartext, dass Funktionen als neu beworben wurden, die schon im Original enthalten waren. Bis auf die Auflösung und allerhöchstens die eine oder andere Textur wurde aber rein gar nichts am Spiel gemacht. Anders kann ich mir die vielen Bugs, über die ich bei meiner Reise gestolpert bin, nicht erklären. Fans des Mehrspielermodus müssen auf diesen in der PlayStation-4-Fassung erneut verzichten. Mich als Einzelspielerenthusiasten stört das zum Glück nicht die Bohne!
Ruf nach Unabhängigkeit
Als Einstieg bietet die PlayStation-4-Version auch interessante Entwicklertagebüchern, in denen teils Historiker zu Wort kommen und einen Einblick in die erzählte Zeit bieten. Ihr solltet aber nicht zu viel erwarten: Bei diesen Clips handelt es sich um Werbevideos, die die Verkäufe ankurbeln sollten. Ach, was ist der Kapitalismus schön. Kauft unbedingt Assassin’s Creed III, obwohl ihr es schon in Händen haltet! Kommen wir zum Setting: Nachdem ich mit Ezio Italien und die Türkei im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert unsicher gemacht habe, verschlägt es mich mit einem neuen Charakter an die Ostküste Nordamerikas. Angesiedelt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts brodelt es in den britischen Kolonien. Die aufmüpfige, pardon unterdrückte Bevölkerung schreit nach Unabhängigkeit vom British Empire. Es tobt die amerikanische Revolution! Assassin’s Creed III lässt mich den Unabhängigkeitskrieg vom ersten bis zum letzten Schuss, zumindest in Auszügen, miterleben. Neuer Hauptcharakter ist Ratonhnhaké:ton, Sohn der aus dem Volk der Kanien’kehá:ka stammenden Kaniehtí:io und dem britischen Haytham Kenway. Damit ich im Folgenden nicht immer Ratonhnhaké:ton schreiben muss, nenne ich ihn mit seinem anglisierten Namen Connor, wie er vor allem von den europäischen Einwanderern genannt wird. Bevor ich jedoch in die Haut von Connor schlüpfe, muss ich eine etwa drei bis fünfstündige Vorgeschichte über mich ergehen lassen.
Ungeahnte Handlungswendung
Während Ubisoft bei Assassin’s Creed II noch einen Kurzfilm hat produzieren lassen, darf ich im nummeriert dritten Serienteil den langen Prolog nachspielen. Alles beginnt mit Haytham, mit dem ich ein Attentat im Royal Theatre in London ausführe. Bei diesem Attentat handelt es sich im Grunde um das Tutorium. Ich bekomme die Spielmechanik beigebracht. Wenig später finde ich mich auf einem Schiff nach Nordamerika wieder, denn dort muss der Orden, dem Haytham angehört, errichtet werden. Bevor jemand meckert: Wir bewegen uns jetzt klar aufs Spoiler-Territorium zu. Den Plottwist, der hier auf uns zukommt, können nur die wenigsten erahnen. Ich war jedenfalls paralysiert! Nach der Schiffsreise, die in einem turbulenten Sturm mündet, erreiche ich Nordamerika. In Boston angelangt wird mir klar, dass sich trotz der römischen Drei im Titel nichts am Gameplay geändert hat – also im Grunde wie bei den Insassen der Minenkolonie in Gothic. Bei denen ändert sich an einem neuen Tag auch nichts. Ich laufe umher, klettere auf Türme, sammle Collectibles und führe in den Missionen Auftragsmorde aus. Gut, zunächst muss ich den Orden aufbauen. Also schare ich diverse Nachwuchsmörder um mich. Irgendwann habe ich dann mit Kaniehtí:io den Beischlaf genossen und den kleinen Connor gezeugt. Väterliches Interesse kann ich aber schlecht zeigen, denn noch während ich Charles Lee in den Orden einführe und ihn als Templer begrüße, springt das Geschehen zum Hauptdarsteller Desmond Miles in die Gegenwart des Jahres 2012 zurück.
Unvollständige Erzählweise
Fast wie aus der Pistole geschossen schreien Desmond aus und ich in den Fernseher: „Moment, bitte was?“. Haltet die Druckerpressen an! Das muss ich erst einmal verdauen. Vermutlich auch Desmond, der bei seinen Reisen durch die Untiefen seiner Desoxyribonukleinsäure im Animus wohl nicht damit gerechnet hat, dass jemand aus seinem Stammbaum der Gegenseite angehört hat. Es wird berichtet, dass Haytham wohl irgendwann umgepolt wurde. Nachspielen lässt mich das Assassin’s Creed III aber nicht, was irgendwie schade ist. Bevor ich mich nämlich ins Abenteuer gestürzt habe, konsumierte ich verschiedene Rezensionen in Videoform auf Youtube. Von dieser immer aggressiver Werbung schaltenden Videoplattform habt ihr bestimmt schon mal gehört! Nahezu alle Quellen haben die Story des Spiels gelobt. Ja, besagter Plottwist ist fantastisch und auch die Inszenierung von so mancher Schlacht gefällt mir. Ansonsten kann mich die Geschichte aber echt nicht hinterm Ofen hervorlocken. In vielen Fällen bleibt sie kryptisch oder unvollständig. Das war schon bei den Vorgängern so, weshalb ich nicht verstehen kann, warum die Handlung im dritten Teil besser sein soll. Zum Beispiel kann ich im Spiel Marie-Joseph-Paul-Yves-Roch-Gilbert du Motier, Marquis de La Fayette in George Washingtons Lager Valley Forge antreffen. Dieser duzt sich mit Connor, ohne dass ein Gespräch stattgefunden hätte, in dem diese für den Unabhängigkeitskrieg keineswegs unwichtige Figur eingeführt worden wäre – solche Momente gibt es im Spiel zuhauf.
Schiff ahoi!
Hinzu kommt, dass die Höhepunkte in Assassin’s Creed III rar gesät sind. Manchmal kann ich den Befehlshaber eines Bataillons mimen, nach Schätzen in der Karibik suchen oder sogar das eine oder andere Gefecht auf hoher See ausführen. Dies macht zwar durchaus Spaß, doch hätte ich gerade bei einem so wichtigen Nachfolger deutlich mehr Abwechslung gewünscht. Immerhin begann die Entwicklung kurz nach Fertigstellung des nummeriert zweiten Serienteils. Da hat Assassin’s Creed: Revelations für sich genommen mehr Abwechslung im Missionsdesign geboten. Immerhin hat Ubisoft erkannt, dass die Schiffskämpfe ein geniales Feature sind, die dann vor allem in Assassin’s Creed IV: Black Flag noch einmal aufleben dürften. Vielleicht wäre ohne diese Entwicklung in Assassin’s Creed III auch das für Februar 2024 angekündigte Skull and Bones nicht denkbar – wenn es denn nicht wieder verschoben wird. Im Verlauf der Kampagne wird Connor jedenfalls von Achilles Davenport zum Assassinen ausgebildet. Problematisch: Erneut muss es für den meist recht blassen Protagonisten, der nach Rache für den Tod seiner Mutter und Freunden aus dem Dorf sinnt, mit dem Kopf durch die Wand gehen. Klingt nach einer brachialen Reise, endet aber immer wieder in ruhigen Situationen, selbst wenn Vater und Sohn früher oder später aufeinander treffen und sich nicht gleich erschießen. Immerhin passt dazu auch der Epilog, den ich aber tatsächlich fast verpasst hätte, da dieser dummerweise erst nach dem Abspann und dem Neuladen des Spielstands abläuft.
Das Ende der Welt
Viel wichtiger ist für mich aber ohnehin die Geschichte, die sich um Desmond dreht. Dieser wird in Intermezzos auf einen Wolkenkratzer in New York City und in ein Stadion in São Paulo geschickt, um Energiequellen zu finden. Diese benötigen er und seine Gefährten, um in einer Ruine der ersten Zivilisation eine Maschine abstellen zu können, die das Ende der uns bekannten Welt einläuten soll. Tja, das war mir irgendwie seit dem zweiten Serienteil bewusst und kommt für mich daher nicht sonderlich überraschend. Um mal eine Parallele zur Realität zu ziehen: Vielleicht erinnert ihr euch ja auch selbst noch an die Weltuntergangsstimmung am 21. Dezember 2012. Was haben wir alle gebibbert und uns gefürchtet! Roland Emmerich hat das sogar verfilmt! Genau wie in The Legend of Zelda: Majora’s Mask hätte ja der Mond auf die Erde stürzen können, ist aber zum Glück nicht passiert. Andernfalls könntet ihr das hier jetzt vermutlich auch nicht lesen. Interessant finde ich, dass Desmonds Vater William ein wenig mehr beleuchtet wird, kam er in Assassin’s Creed: Revelations doch nur am Rande vor. Auch dass mit Daniel Cross ein noch ungeschriebener Gegenspieler eingeführt wird, ist eine tolle Idee. Blöd nur, dass dieser an ein und demselben Tag mit Dr. Warren Vidic in die ewigen Jagdgründe geschickt wird. Ebenso ist Lucy Stillman fast kein Thema für die Gruppe um Desmond mehr. Nachdem Desmond den Animus im Vorgänger ja bis kurz vorm Abspann nicht verlassen könnte, hätte ihr Tod gefälligst noch ordentlich thematisiert werden können!
Maues Ende der „Trilogie“
Es wird aber noch besser, denn Assassin’s Creed III hat ein selten dämliches Ende geschaffen. So wird Desmond vor die Wahl gestellt, die Maschine abzuschalten oder eben nicht. Würde er die Maschine nicht abstellen, würde er laut Minerva, einer der Angehörigen der ersten Zivilisation, überleben und zu einem Führer für die Menschheit werden, bevor sich diese eines Tages wieder selbst in die Dunkelheit stürzen würde. Beim Abschalten der Maschine würde der Weltuntergang verhindert werden, doch Juno, Minervas Gegenspielerin, würde dadurch aus ihrer Jahrtausenden anhaltenden Gefangenschaft freigesetzt werden – und Desmond sterben. Die Maschine wird abgeschaltet. Ende der Geschichte. Oh Mann! Da führe ich Desmond über fünf Hauptspiele zum Finale hin und dann stirbt mir der Gute von einer Sekunde auf die andere einfach weg. Auch durch den Tod des bisher wichtigsten Bösewichts und auch des neuen Antagonisten bleibt am Ende rein gar nichts, auf das ich mich bei den künftigen Spielen freuen darf. Ja, sicherlich wird Juno irgendwie aufgehalten werden müssen, aber so fühlt sich Assassin’s Creed III noch unbefriedigender an als die Endsequenzen der Vorgänger. Ich bleibe dabei: Beim Storytelling müssten – ach vergesst den Konjunktiv –, müssen die Autoren ganz dringend nachsitzen. Nur die Hintergründe zu Bauwerken, historischen Ereignissen und Charakteren, zynisch von Shaun Hastings kommentiert, sind durchweg richtig gut geschrieben.
Tierische Hilfe aus der Geisterwelt
Dass den Autoren die Handlung irgendwann – auf gut Deutsch gesagt –, scheißegal ist, ist auch am dreiteiligen Zusatzinhalt anzumerken. Die Tyrannei von König Washington erzählt die Geschichte aus einer alternativen Perspektive, in der Washington irgendwie einen Edenapfel in die Hände bekommen und sich zum König ernannt hat. Klingt eigentlich spannend und erinnert an die Sliders-Episode „Der korrupte Sheriff“. Wie gesagt: Mit Storytelling haben es die Autoren aber nicht. Connor kann sich aus irgendwelchen Gründen an den richtigen Geschichtsverlauf erinnern. Aufgeklärt wird dies durch Erinnerungsfragmente, die die Endsequenz nur dann logisch erscheinen lassen, wenn ich diese vorher auch ansehe. Spieltechnisch passiert hier nichts anderes als im Hauptspiel. Neu sind nur die Tierfähigkeiten. So kann sich Connor symbolisch einen Wolfsmantel überwerfen und ist dann unsichtbar, was nützlich ist, um den vielen Kämpfen aus dem Weg zu gehen, denn von Washingtons Truppen wird er die ganze Zeit gesucht und natürlich immer sofort von Weitem erkannt. Auch kann er in Gestalt eines Adlers auf Häuserdächer fliehen oder in Bärengestalt kurzen Prozess mit Angreifern machen, wenn er umzingelt ist. Da stelle ich mir die Frage, warum diese Features nicht Teil des Hauptspiels sind. Ihr denkt, dass all das Quatsch ist? Dann denkt noch mal darüber nach, wie die Erinnerungen von vor Jahrhunderten gestorbenen Vorfahren abgerufen werden. Ach, ich könnte mich über Assassin’s Creed III einfach stundenlang auslassen, was vor allem und mal wieder an den unveränderten Bedienungsschwächen und gravierenden Spielfehlern liegt.
„Desaster“ statt Remaster
Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen. Ich habe das Remaster von Assassin’s Creed III auf der PlayStation 5 gespielt. Dennoch habe ich das Gefühl, ein nahezu unverändertes Spiel aus der siebten Konsolengeneration zu spielen. So endet die Weitsicht gefühlt fünfzig Metern vor mir, was toll ist, denn so ist die ganze Spielwelt in Nebel gehüllt, wenn ich auf Türme klettere und die Umgebung synchronisiere. In einer E-Mail, die ich mit Desmond lesen kann, verrät mir Komplizin Rebecca Crane dann auch noch, dass sie den Animus verbessert habe und Desmond mit Connor nicht mehr an jeder Ecke hängen bleibt. Will die mich eigentlich verarschen?! Connor spielt sich noch genauso lahm und hakelig wie Haytham, Ezio oder Altaïr Ibn-La’Ahad. Es gab keine Veränderung! Immer noch bleibe ich an Ecken hängen, werde in dem Moment von einem Verfolger erschossen, springe plötzlich in eine andere Richtung ab und muss dann wieder das ganze Gebäude, den Baum oder den Abhang hochklettern. Dann lässt sich in manchen Momenten die Kamera nicht bewegen. Gelegentlich attackieren mich auch Gegner, obwohl ich mich nicht verdächtig gemacht habe. Ebenso war es mir manchmal nicht möglich, Quest-Gegenstände aufzunehmen, was einen Neustart erforderlich machte – genauso wie bei nicht verschwindenden Missionsinformationen. An dieser Version von Assassin’s Creed III ist in meinen Augen nichts „remastered“. Mal sehen, wie es bei Assassin’s Creed III: Liberation der Fall sein wird, das ebenso Teil des Doppelpacks ist – und das Spiel kam ursprünglich auf der PlayStation Vita heraus. Ojemine, was habe ich mir da eingebrockt!
Geschrieben von Eric Ebelt