Special: Das Nintendo-Museum – Ein Blick voraus und zurück

Anfang Oktober 2024 eröffnet in Kyōto das offizielle Nintendo-Museum und dürfte in den nächsten Monaten und Jahren einige Besucher anziehen. Bei der Betrachtung vorab fällt auf, dass das Museum von der Norm abweicht und eher einer chaotischen Erlebniswelt entspricht.

In verschiedenen Museen und Sammlungsräumen wurden bereits Videospiele ausgestellt – und das obwohl es noch keine gültige Antwort darauf gibt, ob Spiele gemeinhin als Kunst gewertet werden können. Eine Auswertung der verschiedenen Argumente dafür oder gegen  die Bewertung von Videospielen soll an dieser Stelle nicht erfolgen. Viel eher ist es bemerkenswert, dass der namhafte Konsolenhersteller Nintendo sich selbst in der Verantwortung sah, auf die eigene Firmengeschichte einzugehen. Dieses Konzept ist nicht neu und Nintendo damit nicht das erste Unternehmen, das Besucher auf die eigene Historie aufmerksam machen möchte. In der Videospielbranche ist es trotzdem noch eine Seltenheit. Erstmals angekündigt wurde das Museum im Jahr 2021. Mindestens drei Jahre lang wurde an der seit 2016 ungenutzten Fabrik auf dem Uji-Ogura-Gelände in Kyōto gewerkelt. Entsprechend konnte Nintendo, vertreten von Miyamoto Shigeru, im August 2024 bekannt gegeben, dass ab Anfang Oktober desselben Jahres das Nintendo-Museum seine Pforten für den Publikumsverkehr öffnet. Einen ersten Einblick erhielten die Zuschauer der speziellen Nintendo-Direct-Ausgabe, die sich gänzlich um das Museum und seine einzelnen Abteilungen drehte. Dabei stellte sich peu à peu heraus, dass die Ausstellungsfläche per definitionem kein gewöhnliches Museum ist.

Firmenhistorischer Ort

Auf dem Uji-Ogura-Fabrikgelände stellte Nintendo seit Ende der 1960er-Jahre Hanafuda- und Karuta-Karten her. Später ließ der Konzern hier die Konsolen japanischer Fans reparieren. Im Klartext heißt dies, dass Nintendo sich den Standort gut ausgesucht hat, schließlich ist er ein wesentlicher Teil der Firmengeschichte. Beim Bauwerk selbst handelt es sich um eine Fabrik, die für das Museum umgebaut wurde. Die vorhandenen Räumlichkeiten mussten also entsprechend angepasst werden, um Platz für die Ausstellungsstücke zu bieten. Das Gebäude selbst ist kubenförmig wie orthogonal aufgebaut und entspricht von außen trotz seines modernen Anstriches den Grundgedanken der japanischen Architektur. Farblich erstrahlt es in Weiß- und Grautönen und wirkt schlicht, fast schon steril. Damit erinnert Nintendo in gewisser Weise an die Zeit, in welcher der Konzern sein Image mit den Konsolen DS und Wii neu ausgerichtet hat, um neue Käuferschichten zu erschließen. Viel fröhlicher erstrahlt die Fläche auf dem Gelände, die früher als Parkplatz für Lastwagen diente. Allen voran Strukturen, die den Warp-Röhren sowie den Blöcken aus dem Super-Mario-Franchise nachempfunden sind, machen dem Besucher deutlich, auf was er sich einzustellen hat. Da wird selbst Miyamoto nostalgisch, hat er den Standort über Jahrzehnte hinweg in unterschiedlicher Form miterlebt.

Videospiele im Fokus

Während der Präsentation ist es im Museum menschenleer. Hintergrundgeräusche durchdringen die Stille, die eigentlich typisch für ein Museum ist. Vielmehr klingt das Museum entfernt wie eine Arcade- oder sogar Pachinko-Halle. Ob dieses Gefühl aufrechterhalten wird, wenn das Museum seine Pforten öffnet und begeisterte Besucher kreuz und quer quasseln, steht auf einem anderen Blatt. Im ersten Stockwerk befindet sich eine Ausstellungsfläche, in der Nintendo verschiedene Produkte zeigt, die der Konzern seit seiner Gründung im Jahr 1889 publiziert hat. Der Fokus konzentriert sich hierbei allerdings auf Videospiele, wie Miyamoto klarstellt. Neben den bereits angesprochenen Karten war aber auch Spielzeug ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum heutigen Videospielhersteller. Letztere Atmosphäre ist in der Nintendo-Direct-Ausgabe zu spüren, hängen im vergleichsweise riesigen Ausstellungsraum ebenso große Steuerungseinheiten wie der dreizackförmige Controller des Nintendo 64 oder das markante Gamepad vom Super Nintendo von der Decke. Darunter sind Monitore angebracht, auf denen schnell wechselnde Spielszenen aus den ausgestellten Spielen ablaufen. Ohnehin ist es in psychologischer Hinsicht bereits bewiesen, dass bewegte Bilder eher zum Verweilen einladen als die sonst starre Präsentation, doch benötigen auch Filme Platz zur Ausstellung.

Mängel in der Kuration

Je nachdem wie viele Besucher Nintendo pro Tag in die eigenen Hallen einlädt, könnte sich das Publikum an diesen Stellen zu sehr tummeln. Je nach kultureller Herkunft sollte sich von diesem vermeintlichen Defizit aber niemand abhalten lassen, einen Blick in die Ausstellungen zu werfen. Exemplarisch präsentiert Miyamoto, wie unterschiedlich beispielsweise die Bauart vom Nintendo Entertainment System respektive vom Famicom weltweit ausfiel – inklusive der jeweiligen Verpackungen, wie sie in den späten 1980er- beziehungsweise frühen 1990er-Jahren überall auf der Erde in den Läden stand. Selbige Unterschiede zeigt Nintendo jedoch auch mit den Verpackungen von Klassikern wie Donkey Kong oder Super Mario Bros. auf. Hier lässt der Konzern die Verpackungen jedoch für sich sprechen, denn kuratiert wirkt die Sammlung nicht ganz. Vor den einzelnen Verpackungen befinden sich transparente Schildchen, die lediglich den Veröffentlichungsmonat mit dem jeweiligen Jahr angeben. Richtige Museumsetiketten, die Informationen für die Besucher aufschlüsseln, sind hier (noch) nicht zu finden. So verhält es sich ebenfalls mit weiteren Exponaten aus der Spielzeugzeit. Wer im deutschsprachigen Raum aufgewachsen ist, dürfte eine Vielzahl der Ausstellungsstücke nicht kennen, erhält im Museum aber offenbar nicht die zum Verständnis wichtigen Hintergründe.

Wunderkammercharakter

Hinzu kommt, dass ein Museum eine Ordnung aufrechterhalten muss. Chaos hat dort keinen Platz. Genau dies setzt Nintendo aber um. Teils liegen zu viele Exponate beieinander, die sich kaum auseinanderhalten lassen. Beispielsweise befinden sich in ein und derselben Vitrine der Mamaberica genannte Baby-Buggy von 1970, eine Lightgun, das Schachspiel Socrates sowie verschiedene Ausgaben der Color TV-Games. Diese Reizüberflutung erinnert eher an europäische Wunderkammern als an ein Museum. Besser, wenn auch nicht vollumfänglich, gelingt dies bei der Darstellung der Super-Mario-Fragezeichenblöcke. Diese werden in einem Zeitstrahl mit Vergrößerung und der Darstellung im Spiel hervorgehoben. Einen Fokus auf Spielgrafik bietet eine Wand, auf der Videomaterial diverser Reihen wie The Legend of Zelda im Wandel der Zeit präsentiert werden. Im Falle der Super-Mario-Spiele ist zu vermuten, dass Ableger wie die Mario-Kart-Titel gezeigt werden könnten, zumal hiervon die Titelbildschirme am unteren Rand der vertikalen Monitore ersichtlich sind. Museumsetiketten oder ein Äquivalent dazu sind auch hier nicht auszumachen. Dass die Kuratoren des Museums Etiketten aber sehr wohl kennen, lässt sich bei Miyamotos Übergang zur Verabschiedung erkennen. Dort ist eine Kalligraphie zu sehen – und daneben klebt auf der Wand tatsächlich ein kleines Label.

Kirmes im Museum

Vollständig vom Museumskonzept weg bewegt sich Nintendo im Erdgeschoss des Gebäudes. In der Halle befindet sich am Boden ein großflächiges Display, auf dem die Besucher Hyakunin Isshu unter Zuhilfenahme gestellter mobiler Endgeräte spielen können. Diese Attraktion kann durchaus noch als Performance unter Einbeziehung des Publikums gewertet werden. Allerdings bietet Nintendo acht weitere Aktivitäten, für die es nötig ist, den beim Betreten des Museums erhaltenen Eintrittspass zu nutzen. Auf diesem sind laut Miyamoto digitale Münzen gespeichert, die als Zahlungsmittel für die Attraktionen dienen. Mit diesen ist es zum Beispiel möglich, die 1968 veröffentlichte Ultra Machine auszuprobieren. Hierbei handelt es sich um eine Maschine, die halbautomatisiert Bälle verschießt, die der Besucher mit einem Baseballschläger zurückwerfen und dabei Objekte in einem japanisch eingerichteten Wohnraum der späten 1960er- bis frühen 1970er-Jahre umwerfen muss. Offenbar läuft dabei die Minispielmusik, die langjährige Fans bereits aus The Legend of Zelda: Ocarina of Time kennen. In einer weiteren Aktivität müssen per Lightgun Gumbas und Koopas abgeschossen werden. Da kommt Schießbudencharakter auf! Auch können zwei Spieler zusammen an riesigen Controllern auf Solisten ausgerichtete Spiele zocken, was für sehr lautstarkes Gelächter sorgen dürfte.

Erlebniswelt unter dem Deckmantel eines Museums

Nicht detailliert beschrieben, aber dennoch in der Nintendo-Direct-Präsentation erwähnt, ist die Option, vor Ort Hanafuda spielen zu können, auch wenn der Besucher die Regeln nicht kennen sollte. Darüber hinaus bietet Nintendo auch Workshops an, in denen der Besucher eigene Hanafuda-Karten gestalten kann. Wie für Museums üblich, bietet auch das Nintendo-Museum ein Café, in denen es überraschenderweise auch Burger gibt, sowie einen Museumsshop, in dem Merchandise-Artikel zum Kauf bereitstehen. Spätestens jetzt stellt sich die unvermeidbare Frage, ob es verwerflich ist, wie Nintendo ans eigene Museum herangeht. Vermutlich ist es das nicht, denn Miyamoto beschreibt „das [Nintendo-Museum als einen] Ort, an dem [der Besucher Nintendos] Hingabe dafür kennenlernen [kann], Erlebnisse zu gestalten, die Spielspaß und Kreativität wertschätzen – beides Grundpfeiler von Nintendo“. Ohne das Museum mit eigenen Augen gesehen zu haben, präsentiert es sich mehr wie eine Erlebniswelt. Ob das Nintendo-Museum alle Kriterien als ein Museum im engeren Sinne erfüllen muss, ist Auslegungssache. Für viele Nintendo-Fans dürfte dies eh zweitrangig sein. Jeder Fan, der einmal in der Nähe von Kyōto sein sollte, wird wohl nicht daran vorbei kommen, dem Museum einen Besuch abzustatten – und sei es auch nur, um wie Miyamoto den fünf Toads den Kopf zu tätscheln, damit diese zu singen anfangen. Ein Bild, das sich ins Gedächtnis brennt.

Geschrieben von Eric Ebelt

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