Kolumne: Late to the Party #7: Assassin’s Creed IV: Black Flag

Piraten oder Ninja heißt eine oft gestellte Frage, wenn in populärkulturellen Sphären nach den cooleren Archetypen mordsbereiter Charaktere gesucht wird. Für Ubisoft war die Antwort im Jahr 2013 eindeutig, was auch am Titel von Assassin’s Creed IV: Black Flag zu erahnen ist.

Nach dem einigermaßen guten zweiten Serienteil, zumindest rede ich mir das inzwischen immer wieder ein, war ich zunehmend enttäuscht vom Franchise. Ich frage mich, wie diese Reihe allen Ernstes so populär und finanziell erfolgreich werden konnte, wenn doch in puncto Gameplay kaum etwas Neues gewagt wird und Portierungen auf spätere Konsolen auch schon mal halbgar erscheinen. Von der schwachen Portierung von Assassin’s Creed III auf die PlayStation 4 und der zusätzlichen Episode Assassin’s Creed III: Liberation war ich, wie aufmerksame Leser bereits wissen oder es im fünften wie sechsten Teil dieser Kolumnenreihe nachzulesen ist, alles andere als angetan. Elementare Punkte, die mich an der Serie bis hierhin gestört haben, sind auch im vierten Hauptteil noch spürbar. Stellt euch an dieser Stelle bitte vor, wie mein Kopf mit aller Gewalt gegen die Wand schlägt. So, das Blut ist abgewischt. Lasst uns im ersten Schritt in den März des Jahres 2013 springen. Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung des dritten Hauptteils kündigte Ubisoft mit einem Trailer Assassin’s Creed IV: Black Flag an. Heutzutage kaum denkbar, hat Ubisoft die Zeichen der meiner Meinung nach unbegreiflichen eierlegenden Wollmilchsau erkannt. Ein Piraten-Setting, das eigentlich nur bedingt etwas mit dem Konflikt zwischen Assassinen und Templern zu tun hat, soll die Lücke füllen.

Fehlender Testbericht kurz vor Redaktionsschluss

Im Oktober 2013 erschien der Titel für die PlayStation 3 und die Xbox 360, im November für den PC, die PlayStation 4 und die Xbox One. Selbst die Wii U wird von Ubisoft bedacht. Beim NMag, für das ich seit 2008 regelmäßig schreibe, haben wir vom Publisher ein physisches Rezensionsexemplar erhalten. Blöd nur, dass die Videospielreihe in der Redaktion zumindest zu diesem Zeitpunkt keine allzu großen Fans hat. Tatsächlich habe ich mich erbarmt, das Muster zu übernehmen, kam dann aber leider zeitlich nicht mehr dazu, das Spiel überhaupt mal anzurühren. Etwas, was mir in meiner Laufbahn in der journalistischen Berichterstattung bislang äußerst selten bis gar nicht passiert ist. Bis heute steht Assassin’s Creed IV: Black Flag für die Wii U ungespielt bei mir im Regal und dient seit mehr als einem Jahrzehnt treu als Staubfänger. Somit haben wir 2013 kurz vor Redaktionsschluss zur 54. Ausgabe in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Review von meinem Kollegen Axel Gutsmiedl mit dessen Genehmigung übernommen und den Artikel um die wichtigsten Wii-U-Features ergänzt, um überhaupt über das Spiel berichten zu können. Wer die Wii-U-Version verpasst hat, das Spiel aber unbedingt auf einer Nintendo-Plattform nachholen will, kann dies seit 2019 auf der Switch tun. Für diese Kolumne habe ich jedoch wieder auf die PlayStation-4-Fassung gesetzt.

Spannende Geschichte trotz Logiklücken

Fangen wir mal mit dem Punkt an, den ich einfach nicht verstehen kann. Ubisoft beziehungsweise das Entwicklerstudio Ubisoft Montréal versucht erneut ein historisches Setting greifbar zu machen, schafft es aber nicht, eine vernünftige Geschichte zu erzählen. Ich schlüpfe in die Haut von Edward James Kenway, der wiederum der Großvater von Ratonhnhaké:ton aus dem dritten Serienteil ist. Aus Rückblenden erfahre ich, dass dieser England und seine Ehefrau verlassen hat, um in der Karibik Ruhm und Reichtum zu erlangen. Allerdings bleibt es unklar, wie Edward überhaupt zum Kapitän einer Mannschaft geworden ist. Anfangs macht es auf mich eher den Eindruck, dass er als einfacher Pirat auf einem Schiff anheuern will. Plötzlich ist er eine wichtige Bezugsperson und steht in engem Kontakt mit Piratenlegenden wie Edward Teach, besser bekannt als Blackbeard, die ihm Respekt zollen. Erneut sind die Zeitsprünge nicht greifbar. Durch Zufall muss ich zu Spielbeginn einen Templer ermorden und dessen Identität annehmen. Später wechsle ich auf die Seiten der Assassinen, weil die Templer mein falsches Spiel durchschauen. In Assassin’s Creed IV: Black Flag dreht sich alles um ein ominöses wie mächtiges Observatorium, mit dem es möglich ist, über weite Entfernungen zu sehen. Zwischen Assassinen und Templern entbrennt wieder ein Wettlauf gegen die Zeit!

Holprige Charakterentwicklung

Obwohl mir dieser Ansatz eigentlich gut gefällt, wird mir immer wieder bewusst, wie sehr die Story vom Zufall bestimmt ist. Vor allem, weil diese Dinge auch in der Desoxyribonukleinsäure von Subjekt 17 respektive Desmond Miles enthalten sein müssen. Vermutlich kommt dieser zufällige Ansatz aus der anderen familiären Linie, egal ob Mutter oder Vater, aber ein wenig aufgesetzt wirkt das Spektakel schon. Hinzu kommt, und in meinen Augen ist das der größte Witz an der Charakterentwicklung von Edward, dass dieser gleich von Beginn an alle Assassinentricks ausführen kann, obwohl er niemals auch nur eine Trainingsstunde geschweige denn eine Ausbildung genossen hat. Okay, dass er vielleicht gut klettert und den Säbel rasselt, kann ich mir bei einem geübten Piraten noch vorstellen. Die anderen Ideen, wie Edward bei einer Vorführung seiner Künste problemlos die in diesem Moment erstmals einsatzfähigen versteckten Klingen demonstriert, ist ein ganz anderer Fauxpas. Mir geht es nicht in den Kopf, wie das intern bei Ubisoft – und noch schlimmer bei Fans und Menschen aus meinem Freundeskreis –, niemandem aufgefallen sein kann. Nun ja, zumindest die Gaming Clerks haben es in ihrer Rezension vom 29. Oktober 2013 treffend attestiert: „Stellt euch vor, jemand tötet Batman. Dann nimmt er Batmans Maske, zieht sie auf und sagt: ‚Ich bin Batman’ – und dann kann er plötzlich alles, was Batman kann, weil er [ja] Batmans Maske [hat]“. Wie wahr!

Fehlerhafte Immersion

An dieser Stelle möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass es auch im inzwischen siebten Teil dieser Kolumne zu Spoilern kommen kann. Im Folgenden möchte ich nämlich kurz auf die Gegenwartsgeschichte eingehen, die genau wie der Hauptteil des Spiels recht holprig erzählt ist, aber immerhin wird versucht, an die Geschehnisse von Assassin’s Creed III anzuknüpfen. Es ist schon verrückt wie mutig, den eigentlichen Protagonisten der Reihe sterben zu lassen, aber so ist nun mal. Desmond Miles betrachtet die Radieschen mittlerweile von unten, bleibt aber zumindest für Assassin’s Creed IV: Black Flag relevant. Allerdings spiele ich ihn nicht mehr. Er wird zu einer verstorbenen Nebenfigur degradiert, der zumindest intern beim Templerkonzern Abstergo zu Entertainment- und Forschungszwecken seziert wird. Soll heißen, dass ich diesmal einen Mitarbeiter bei Abstergo spiele. Dennoch macht Ubisoft hierbei den Fehler, die Spielfigur blass zu lassen. Vor allem bleibt sie stumm. Zudem sehe ich das Geschehen in den fünf Gegenwartssequenzen des auf fünfzig bis sechzig Stunden angelegten Action-Adventures auch nur aus der First-Person-Perspektive. Es tut mir Leid, aber so funktioniert Immersion in einem geschichtsträchtigen Spiel einfach nicht. Immerhin tauchen ganz am Rande mit Shaun Hastings und Rebecca Crane zwei Mitstreiter des Verstorbenen auf.

Zwei Videospielreihen, aber ein Universum

Falls ihr euch fragt, was mit der ersten Zivilisation ist, und danach höre ich auch sofort auf, mich über das miserable Storytelling zu beschweren, dann gibt es diesbezüglich neue Entwicklungen. Das Lichtwesen Juno taucht in Form eines fragmentierten Hologramms auf und bedankt sich für das Opfer, das Desmond erbracht hat. Ansonsten spricht sie wie gewohnt in Rätseln, sodass ich als Spieler keine wirklichen Antworten erhalte. Ziemlich lächerlich, wenn Ubisoft sich im Klaren darüber sein muss, wie der dritte Teil Spieler enttäuscht zurückgelassen hat. Assassin’s Creed IV: Black Flag dürfte, wenn meine Berechnungen richtig sind, auch in künftigen Kolumnen von mir als Paradebeispiel herhalten, wie sehr Ubisoft auf eine stringente Gegenwartsgeschichte pfeift. Es ist an allen Ecken und Enden im Bürogebäude zu erkennen, wie unnötig groß das Universum gedacht wird. Toll finde ich, dass an einer Stelle mit dem Central Operating System ein Überwachungssystem Erwähnung findet, das im 2014 veröffentlichten Watch Dogs ein zentrales Storyelement einnimmt. Entsprechend können wir mit den drei bislang veröffentlichten Watch-Dogs-Titeln die Assassin’s-Creed-Liste um drei Spiele erweitern, da sie de facto im selben Universum angesiedelt sind. Super, denn von Assassin’s Creed gibt es ja noch gar nicht so viele Spiele, wie ich heute wieder festgestellt habe.

Bullshit im Spieltitelwirrwarr

Eine Antwort, warum sich Ubisoft für das Piraten-Setting in Assassin’s Creed IV: Black Flag entschieden hat, findet sich in einem Interview mit Game Informer. Mit der Erklärung dürfte aber nicht jeder von euch, und ich erst recht nicht, konform gehen. So spricht Kreativdirektor Ashraf Ismail mit einem breiten Grinsen im Gesicht davon, dass es für das Team absolut Sinn ergeben hat, den vierten Hauptteil aus Gameplay- wie aus Storytelling-Perspektive mit der Piratenthematik anzureichern. Also wenn das die ehrliche Antwort ist, hätten bei Ubisoft spätestens zu diesem Zeitpunkt die Alarmglocken laut schrillen müssen. Wer in Interviews und Herstelleraussagen aus dieser Zeit kramt, erfährt, dass der Titel eigentlich als Ergänzung zur Geschichte des dritten Teils gedacht war und der Untertitel Black Flag hinter der römischen Zahl Vier nur hinzugefügt wurde, damit sich das Spiel vom Rest der Reihe unterscheiden beziehungsweise abtrennen lässt. Was für ein Bullshit! Diese Designentscheidung ist Humbug. Es wäre logischer, die Zahl ganz wegzulassen oder zumindest als Ergänzung zum dritten Teil anzusetzen. So hat es Ubisoft doch auch schon zuvor gemacht. Lustigerweise ist Assassin’s Creed IV: Black Flag bis heute der letzte Serienteil, der überhaupt noch von Ubisoft nummeriert wurde. Da hat der Konzern wohl eingesehen, dass er hier regelrecht Quatsch erzählt hat.

Mut zur Wahrheit

Viel eher dürfte der Grund für das Piraten-Setting gewesen sein, dass Piraten spätestens seit Gore Verbinskis Film Fluch der Karibik aus dem Jahr 2003 und dessen Fortsetzungen wieder in Mode waren. In den 2000er-Jahren hat auch Sid Meier mit seinem Piratenspiel einen Stück vom Kuchen abhaben wollen. Selbst Topware Entertainment, sofern euch der Laden überhaupt noch etwas sagt, hat bereits 2012 das Piratenspiel Raven’s Cry angekündigt. Das erschien zwar mit großer Verzögerung, halbgar und dann noch einmal leicht verbessert mit einer Änderung des Namens, doch zeigt das, dass sich Piraten in der Populärkultur größter Beliebtheit erfreut haben. Von der bis heute laufenden Manga-Reihe One Piece, an der Oda Eiichirō seit 1997 tollwütig zeichnet, wollen wir gar nicht erst anfangen. Ubisoft hätte ruhig ehrlich sein und sagen können, dass sie Bock auf ein Piratenspiel haben. Es hätte ja auch ein Spin-off zur Assassin’s-Creed-Reihe sein können, aber es als neuen Hauptteil anzukündigen und dann auch noch zu veröffentlichen, ist schon ein bisschen albern. Vor allem deshalb, da das Gameplay einfach nicht richtig in das frühe 18. Jahrhundert passt und mit dem Meucheln so gut wie gar nichts zu tun hat – oder denkt ihr entweder direkt an Auftragsmorde oder Bespitzelung für einen höheren Zweck, wenn ihr ein feindliches Schiff entern sollt? Eher nicht.

Viel Altes, wenig Neues

Stellt sich zum Ende nur noch die Frage, ob Assassin’s Creed IV: Black Flag denn trotzdem Spaß macht. Hierauf kann ich keine leichte Antwort finden, denn mir ist die Story bei einem Spiel wie das vorliegende schon sehr wichtig. Wäre es ein reines Piratenspiel mit einem kleinen wie feinen Fantasy-Aspekt, hätte ich den Titel diesbezüglich genossen. Allerdings kommt auch nicht so richtig das Gameplay der Vorgänger zur Geltung, denn Städte wie Nassau oder Kingston sind historisch bedingt eher flach und zudem überschaubar. Hier passiert nicht viel. Auch steuerungstechnisch spielt sich der Titel immer noch so hakelig wie der dritte Serienteil. Immerhin gibt es kleine Verbesserungen im Detail. Beispielsweise muss ich Wachen nur noch entkommen und nicht meine Fahndungsstufe durch das Abreißen von Suchplakaten verringern, was mir in den Vorgängern zunehmend auf den Sack ging. Frisches Gameplay gibt es nur bedingt – und zwar bei den spannenden Kanonengefechten auf hoher See. Mit meinem Schiff Jackdaw kann ich feindliche Schiffe versenken oder sogar entern. Auf Dauer ist dieses Element unfassbar repetitiv, aber zwischendurch macht es Spaß, mit erbeuteten Materialien das eigene Schiff zu verbessern und mit der Zeit immer größere Schiffe angreifen zu können. Hätte Ubisoft doch mal so eine Immersion bei Skull & Bones angestrebt, wäre allen geholfen!

Black Flag? Red Flag!

Unterm Strich bietet das etwa sechzigstündige Assassin’s Creed IV: Black Flag eher mehr vom Alten und nur wenig Neues. Wer immer noch keine Ermüdungserscheinungen hat, darf sich in der digitalen Karibik mit seinem Assassinen-Piraten-Hybriden austoben und sich in der Gegenwart an langweiligen Puzzles versuchen. Seid gewarnt, dass es abseits der Handlung nur repetitive Nebentätigkeiten oder ähnlich ablaufende Nebenmissionen gibt. Hier einen militärischen Stützpunkt angreifen, da einen vergrabenen Schatz ausheben und noch woanders Collectibles einsacken. Zum Beispiel gibt es zweihundert Animusfragmente zu sammeln, die mir aber nichts bringen. Erinnert euch an den goldenen Scheißhaufen aus The Legend of Zelda: Breath of the Wild. Ich sag es euch, die Videospielentwickler verarschen uns doch nach Strich und Faden. Im Übrigen könnt ihr den Titel, zumindest zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Kolumne, immer noch online spielen, sofern ihr noch auf Mitspieler stoßen solltet. Als Singleplayer-Enthusiast ist mir das schnuppe, aber ich wollte es mal ansprechen, nachdem die letzten Titel online nicht mehr spielbar waren. Zu guter Letzt möchte ich noch kostenpflichtige Zusatzinhalte erwähnen, in denen ich den Quartiermeister der Jackdaw Adéwalé und Aveline de Grandpré aus Assassin’s Creed III: Liberation spielen könnte. Allerdings werde ich diese Inhalte nicht anrühren, da sie zusammen teurer sind, als ich für das Hauptspiel auf den Tisch geblättert habe – und diese Cashcow muss ich nicht auch noch unterstützen.

Geschrieben von Eric Ebelt

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