Shinkai Makoto gehört zu den populärsten Anime-Regisseuren aller Zeiten. Zum Entstehungszeitpunkt des abendfüllenden Films aus dem Jahr 2022 war er bereits mehr als zwei Jahrzehnte in der Branche tätig. In Suzume dreht sich alles um Verlust und Naturkatastrophen.
Trotz seiner landschaftlichen Schönheit ist Japan ein Land, das immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht wird. Die Wunden solcher Ereignisse wie das Tōhoku-Erdbeben im Jahr 2011 sitzen in der japanischen Gesellschaft tief. Filme wie Suzume versuchen, die Geschichte aufzuarbeiten. Bevor sich der Zuschauer dieser Thematik annähern kann, wird er in das Leben der titelgebenden siebzehnjährigen Oberschülerin Iwato Suzume geworfen. Da ihre Mutter bereits vor vielen Jahren verstarb, lebt sie bei ihrer Tante Tamaki auf Japans südlichster Hauptinsel Kyūshū. Eines Tages begegnet sie dem mysteriösen Wanderer Munakata Sōta, der sie nach einem verlassenen Dorf aushorcht. Unbemerkt folgt sie Sōta in den menschenleeren Ort. Dort angelangt entdeckt sie eine magische Tür, die offenbar in eine andere Welt führt. Unwissentlich lockert sie hierbei einen Siegelstein, der sich in eine mysteriöse Gestalt verwandelt und entwischt. Die kuriose Entdeckung lässt ihr keine Ruhe. Sie kehrt noch am selben Tag zurück und muss mit ansehen, wie ein riesiger Wurm durch das Portal in Suzumes Welt übertreten will. Sōta und Suzume gelingt es, die Tür zu schließen. Kurz darauf wird Sōtas Seele von besagter mysteriöser Kreatur in einen Kinderstuhl transferiert. Ein Umstand, den Suzume definitiv nicht hinnehmen kann und den Fluch schnellstmöglich umkehren will.
Platz für Humor trotz ernster Thematik
Immer mit dem Stuhl im Schlepptau reist Suzume notgedrungen von einem Ort zum anderen. Egal wo sie auftaucht, manifestieren sich an besagten Stellen neue Türen, die Vorboten von Katastrophen sind. Wird eine Tür nicht rechtzeitig geschlossen, kann es beispielsweise zu einem Erdbeben kommen. 121 Minuten lang erhalten Suzume und der Zuschauer immer mehr Hinweise darauf, um was es sich bei den Türen und der Welt dahinter handelt, auch wenn ein guter Teil der gestellten Fragen offen bleiben und nach einer eigenen Interpretation schreien. Wer Anime mit klaren Antworten mag, wird bei Suzume wohl eher weniger glücklich, aber dennoch gut unterhalten. Der Film beschäftigt sich ausdrucksstark mit Naturkatastrophen, die selbst Japanfans paralysieren respektive ohnmächtig machen. Aufgrund der meist heiteren Charaktere, die damit konträr zum eigentlichen Inhalt stehen, handelt es sich bei Suzume um keinen bierernsten Streifen. Humor kommt ebenso zur Geltung und zaubert dem Zuschauer sogar gelegentlich ein Lächeln ins Gesicht. Sowohl der japanische Originalton als auch die deutsche Synchronisation wissen zu gefallen. Hinzu kommt die passende Musik, die von Komponist Jinnouchi Kazuma in Zusammenarbeit mit der Rockband Radwimps entstand. Den Melodien gelingt es, Ängste und Ausmaße der Katastrophen mit Feingefühl einzufangen.
Beeindruckende Bildqualität
Es gibt nur wenige Anime-Filme, die es mit der Bildgewalt von Suzume aufnehmen können. Das knallbunte Bild ist ein Charakteristikum, das es so schon in den vorherigen Filmen des Regisseurs Bestand hat. Trotzdem ist dem Werk anzumerken, dass sich die Technik seit dem 2002 veröffentlichten Film Voices of a distant Star unaufhaltsam weiterentwickelt hat. Auffällig ist vor allem der Umgang mit dreidimensionalen Räumen im kunterbunten Zeichentrickgewand. Rennt die Heldin durch einen im Halbkreis angeordneten Gang, so bewegt sich der Hintergrund parallel dazu. Dadurch gewinnt der Film eine räumliche Tiefe, die es in dieser Form selten zu sehen gibt. Noch dazu beeindrucken die zahlreichen Effekte aus der Trickkiste des Animationsstudio CoMix Wave Films, die sich auch für die vorherigen Werke von Shinkai zu verantworten haben. Beispielsweise spiegeln sich Figuren und Objekte realitätsnah auf Wasseroberflächen. Auch der Einfall von Lichtquellen sorgt dafür, dass die Charaktere glaubhaft einen Schatten werfen. Spezialeffekte, die das Übernatürliche symbolisieren, fallen zwar leicht ab, überzeugen aber immer noch weitestgehend. Zu guter Letzt sind es aber gerade die überaus flüssigen Animationen, die sich uns ins Gedächtnis brennen. Damit ist Suzume auch in visueller Hinsicht ein Werk, das die Popularität des Regisseurs weiter anheizen dürfte.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf dem Stream bei Crunchyroll): In den letzten zehn Jahren bin ich zu einem Fan von Shinkai Makoto geworden. Dem Regisseur gelingt es mit seinen Filmen sowohl seichte als auch ernste Themen anzuschneiden und diese mit herausragenden Bildern zu unterstreichen. Suzume hat meine Erwartungen zwar nicht ganz erfüllt, ist aber noch meilenweit davon entfernt, sich in die Riege durchschnittlicher Anime einzufinden. Die Story ist zwar interessant, hinterlässt für meinen Geschmack nach dem Ansehen aber zu viele Fragen. Sicherlich möchte Shinkai, dass ich hier meine eigenen Schlussfolgerungen anstelle, doch wäre es mir lieber, die Aussage des Regisseurs direkt herauszulesen. Dennoch macht es mir trotz der ernsten und eigentlich auch melancholischen Grundstimmung viel Spaß, Suzume bei ihrer Reise durch halb Japan zu folgen und ihre Vergangenheit aufzuarbeiten wie ihre Gegenwart zu bewältigen. Da das Werk ebenso audiovisuell überzeugt, vergeht die Zeit beim Anschauen des zweistündigen Films wie im Flug. Fans des Regisseurs können bedenkenlos einschalten. Alle anderen beginnen vielleicht eher mit früheren Werken des Künstlers.
Vielen Dank an Crunchyroll für die freundliche Bereitstellung des Zugangs zum Streaming-Angebot!