Review: Avowed

Jahrelang hielt Obsidian Entertainment für Auftragsarbeiten her. Spätestens seit dem rundenbasierten Rollenspiel Pillars of Eternity sind die Entwickler dafür bekannt, auch eigene tolle Welten zu kreieren. Im Februar 2025 folgte mit Avowed der nächste fantasievolle Streich.

Mit dem rundenbasierten Rollenspiel Pillars of Eternity aus dem Jahr 2015 und dessen Nachfolger Pillars of Eternity II: Deadfire erschuf das US-amerikanische Entwicklerstudio Obsidian Entertainment zwei feste Größen, die in die Fußstapfen klassischer Genrevertreter wie etwa Baldur’s Gate oder Icewind Dale treten. Diese Art von Spielen verschwand ausgelöst von angeblichen Marktanalysen in den 2000er-Jahren schrittweise aus den Händlerregalen. Dafür verlagerte sich der Fokus bei europäischen und nordamerikanischen Titeln zunehmend auf actionlastige Rollenspiele wie etwa Dark Messiah of Might and Magic, mit dem sich Avowed in Teilen durchaus vergleichen lässt. Entwicklerstudio Obsidian Entertainment mit Sitz im kalifornischen Irvine möchte nun auch die entstandene Käuferschicht für die Fantasy-Welt Eora mit ins Boot holen, denn Avowed teilt sich tatsächlich dasselbe Universum mit den beiden Serienteilen von Pillars of Eternity. Trotzdem möchten wir schon an dieser Stelle hinzufügen, dass es nicht notwendig ist, die rundenbasierten Rollenspiele gespielt zu haben. Obwohl Avowed nach den Ereignissen von Pillars of Eternity II angesiedelt ist, spielt sich die Story des actionlastigen Abenteuers losgelöst davon. Vorwissen könnte für Fans zwar einen minimalen Vorteil bringen, der sich aber allerhöchstens in puncto Atmosphäre wiederfindet.

Alltag eines Helden

Sonderlich komplex ist die Ausgangslage von Avowed nicht. Wir schlüpfen in die Rolle eines oder einer Gottberührten und werden vom Kaiser beauftragt, eine mysteriöse Seuche im Land der Lebenden zu untersuchen. Kurz darauf erleiden wir Schiffbruch und müssen uns von ganz unten auf hocharbeiten. Dies geschieht überwiegend durch das Erfüllen von Quests und dem Bekämpfen von illustren Monstern wie Riesenspinnen oder Echsenkriegern aus der First-Person-Ansicht. Peu à peu steigern wir durch den Erhalt von Erfahrungspunkten unsere Stufe und geben bei Händlern unsere erbeuteten Münzen aus. Nebenher stolpern wir über neue Waffen und Rüstungen, die wir unserem Helden respektive unserer Heldin anlegen. Darüber hinaus finden wir in der Spielwelt alle paar Meter Handwerksmaterialien, mit denen sich unsere Ausrüstung nach und nach verbessern lässt. Vorteilhaft ist hierbei, dass wir im Gegensatz zu Diablo IV: Vessel of Hatred und Konsorten angelegte Ausrüstungsgegenstände nicht ständig ersetzen müssen, sondern wir diese gezielt unserem Spielstil entsprechend aufwerten. Obwohl sich das actionlastige Rollenspiel als reine Einzelspieler-Erfahrung versteht, können sich uns bis zu zwei Begleiter anschließen, wodurch die Kämpfe etwas dynamischer ausfallen. Ein aufeinander abgestimmtes Gruppenspiel entwickelt sich in Avowed aber mitnichten.

Action-Adventure-Anleihen im Rollenspiel

Nebenher erkunden wir die sowohl weitläufigen als auch schlauchartigen Areale der Spielwelt nach Schatztruhen. Besonders wenn wir Geheimverstecke aufstöbern, die zum Beispiel durch einen besonderen Mechanismus geschützt sind, fühlt sich das sehr befriedigend an. Darüber hinaus sind Teile der Spielwelt parkourartig aufgebaut. Soll heißen, dass wir in Avowed unter andrem über Dächer von Wohngebieten flitzen oder über Säulen von Ruinen springen, um an einen sonst unerreichbaren Ort zu gelangen. Ganz so vielschichtig wie in Assassin’s Creed II und Co sind die parkourartigen Elemente zwar nicht ausgefallen, aber Obsidian Entertainment gelingt es damit erstaunlich gut, unseren Erkundungsdrang einerseits zu motivieren und andererseits ihn so flüssig wie möglich zu gestalten. Daneben können wir mit weiteren Teilen der Spielwelt auch interagieren. Falls sich vor uns eine Wasserstelle befindet und der Rand der zu erreichenden Plattform zu hoch angelegt ist, können wir das Wasser punktuell in einen Eisblock verwandeln, auf den wir schlussendlich draufklettern. Gestrüpp vor Durchgängen lässt sich hingegen verbrennen und eine Maschine braucht hin und wieder etwas Elektrizität – ein Blitzzauber beschert Abhilfe. Damit ist Avowed nicht nur ein Rollenspiel, sondern beherbergt auch überraschend viele Action-Adventure-Elemente, die wir so gar nicht erwartet hätten.

Leichte Abzüge in der Präsentation

Im Umkehrschluss heißt das aber, dass so manche zu erwartenden Rollenspielsysteme etwas zu kurz kommen. Überwiegend werden wir nämlich in die Rolle des glorreichen Helden geworfen, dem böse Taten weitgehend verwehrt bleiben. Beispielsweise juckt es niemanden, ob wir ihm sein Hab und Gut vor der Nase wegklauen. Diebstähle werden schlicht nicht geahndet und bleiben konsequenzfrei. Auch können wir nicht einfach unsere Mordinstrumente auspacken und Jagd auf Unschuldige machen. Greifen wir sie dennoch an, passiert nichts. Da geht in unseren Augen die Immersion flöten. Lediglich in den Gesprächen mit den Nicht-Spieler-Charakteren haben wir hier und da Zugriff auf nicht ganz so löbliche Dialogoptionen. Immerhin lassen sich die deutschen Bildschirmtexte angenehm lesen. Leider ist das Spiel aber lediglich auf Englisch vertont. Obwohl die Synchronisation positiv auffällt, ist es dennoch manchmal anstrengend, die Gesprächsinhalte bilingual aufzunehmen. Ein großer Publisher wie Microsoft ist zu mehr imstande! Dafür sieht das Rollenspiel mit seinem teils einzigartigen Look insbesondere mit seiner Flora echt schick aus und läuft auf unserem Testrechner (Intel i5 13600K, GeForce RTX 4070, 32 GB DDR5 RAM) bei maximalen Grafikeinstellungen geschmeidig. Fans von Action-Rollenspielen kommen um Avowed definitiv nicht herum.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PC-Fassung): Avowed ist meiner Meinung nach ein überraschend gutes Spiel geworden. Für mich ist es zwar mehr Action- als Rollenspiel, doch kann ich mich auf den Titel durchaus immer wieder mehrere Stunden am Stück einlassen. Gerade das Erkunden der Spielwelt fällt sehr befriedigend aus, da es in fast allen Winkeln etwas zu holen gibt. Ebenso begrüße ich die Interaktionen mit einzelnen Elementen der Spielwelt. So eröffne ich mir mit Magie neue Pfade beim Untersuchen von Höhlen oder Ruinen – oder nutze hohes Gras aus, um mich an Gegner heranschleichen und ihnen in den Rücken fallen zu können. Zwar hätte ich mir vom Kampfsystem etwas mehr Tiefgang und Feinschliff erhofft, da es mir doch sehr oft wie ausdauerbegrenztes Button Mashing vorkommt, aber aufgrund der unterschiedlichen Spielweisen, die Avowed bietet, kann ich ja auch einfach einen anderen Ansatz ausprobieren. Wer Rollenspiele mag, die eher in Richtung farbenfrohes Gemetzel gehen, wird auch optisch angesprochen. Selbst die Musik untermalt das Geschehen passend. Schade finde ich jedoch, dass es keine deutsche Vertonung gibt. Die Synchronisation auf Englisch ist zwar hervorragend, doch mir in Zusammenhang mit den deutschen Bildschirmtexten zu anstrengend. Wem das aber egal ist, wird mit Avowed seine helle Freude haben!

Vielen Dank an Microsoft Xbox für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Avowed!

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