Eine wunderbare Grafikpracht ist kein Garant dafür, dass ein Spiel zwingend atmosphärisch sein muss. Das im März 2024 veröffentlichte Look outside verbindet eine Pixel-Ästhetik mit Rollenspiel- und Survival-Horror-Elementen und lässt überraschend so schnell nicht mehr los.
Wenn draußen vor der eigenen Haustür die Apokalypse losbricht, dann ist sich wohl so ziemlich jeder selbst der Nächste. Zumindest geben uns populärkulturelle Werke wie die Fernsehserie The Walking Dead oder das Videospiel The Last of Us mehr oder weniger unterschwellig diese Botschaft mit auf den Weg. Protagonist Sam aus dem Survival-Horror-Rollenspiel Look outside vom kanadischen Entwickler Francis Coulombe überrascht das jüngste Gericht wohl noch stärker als seine Gegenstücke aus anderen Werken. Er hat keinen Job, hat sich unlängst in seine vier Wände eingeschlossen und besitzt auch sonst keine besonderen Merkmale – also die besten Voraussetzungen, um eines der ersten Opfer des sich ausbreitenden Unheils zu werden. Früh morgens von seiner Nachbarin durch ein Guckloch in sein Schlafzimmer geweckt, erfährt er, dass er unter keinen Umständen einen Blick nach draußen werfen darf. Im Internet findet sich schnell die Antwort darauf: Ein mysteriöses Wetterphänomen soll für den Tod vieler Menschen verantwortlich sein – oder irgendetwas in dieser Art. Dass uns beim Blick nach draußen der Game-over-Bildschirm begrüßt, erfahren wir schneller als uns lieb ist. Dementsprechend halten wir uns von Vorhängen fern und machen es uns in unserem Apartment gemütlich. Für ein paar Tage werden Pizzen und Snacks ja wohl noch ausreichen!
Isolation, Hunger und Tod
Fünfzehn In-Game-Tage sollen wir im mit dem RPG Maker gebastelten Look outside ausharren, bis der Spuk ein Ende findet. Befinden wir uns in unserer Wohnung, vergeht die Zeit relativ schnell. Mit Videospielen sammeln wir Erfahrungspunkte und lernen im Vorbeigehen neue Skills, die in Sams Realität noch nützlich sein werden. Ebenfalls achten wir auf unsere Hygiene, stellen uns unter die Dusche und putzen unsere Zähne. Auch auf das leibliche Wohl müssen wir achten, indem wir uns an den Herd stellen. Blöd nur, dass unsere Ressourcen nur ein paar Tage reichen und wir irgendwann hungrig werden – und wenn wir hungrig sind, sinkt unsere maximale Lebensenergie. Außerdem hämmern alle paar Stunden irrwitzige Gestalten an die Haustür. Ob diese uns wohlgesonnen sind oder eben nicht, erfahren wir nur, wenn wir ihnen auch die Tür öffnen. Darunter gibt es Händler, an die wir nicht mehr benötigte Items abtreten oder von ihnen neue erwerben. Es kann aber genauso gut sein, dass sich eine zunächst kaum bedrohlich wirkende Dame in ein Ungetüm verwandelt und uns wenige Sekunden später im rundenbasierten Kampfsystem von Look outside in tausend Stücke zerreißt. Zu guter Letzt gibt es aber auch wohlgesonnene Helden, die wir in unser Apartment einladen, mit ihnen plaudern und eine Gruppe bilden dürfen, um auf die Suche nach Ressourcen zu gehen.
Gruselkabinett vom Feinsten
Innerhalb des Apartmentkomplexes erkunden wir rollenspieltypisch die Spielwelt, die in ihrer Architektur logischerweise aus Fluren und Zimmern besteht. Hier vergeht die Zeit wiederum immer dann, wenn wir den Raum wechseln. Dabei müssen wir stets auf der Hut sein, denn überall lauern Monster, die einem Bilderbuch des Body-Horrors entsprungen sein könnten. Riesige Münder, die sich über den menschlichen Torso über den Hals und schräg über eine Gesichtshälfte ziehen und aus denen mehr Zähne klaffen als der Besitzer eigentlich in seinem Beißwerk haben dürfte, ist nur ein Beispiel von vielen, was euch in Look outside erwartet. An anderer Stelle schlitzt sich mitten im Kampf ein Gegner immer mehr den Bauch auf, da er in seinem Inneren unbedingt etwas sehen muss – ein riesiges Auge kommt zum Vorschein. Die Kreativität von Coulombe ist selbst spielübergreifend äußerst faszinierend, haben wir derlei abartige Monstrositäten schon lange nicht mehr erlebt. Dass dieser Umstand auch Sam und seinen Freunden, die stellenweise auch schon an Serienmörder wie Jason Voorhees erinnern, nicht entgeht, zeigt der sich zunehmende Gefahrenmeter am unteren Bildschirmrand. Überleben wir den Ausflug mit zig Gefahren, hagelt es bei der Rückkehr in der zur Basis umfunktionierten Wohnung zusätzliche Erfahrungspunkte, die unsere Charakterstufen deutlich erhöhen.
Audiovisueller Retro-Genuss
Grundsätzlich spielt sich Look outside richtig gut, unterliegt aber ähnlich wie Camp Sunshine den Limitierungen des RPG Makers. So können wir nur in die vier Himmelsrichtungen laufen und das Manövrieren durch die eigentlich recht aufgeräumten Menüs ist dann und wann etwas umständlich. Gerade wenn wir mit Sam und Co vor größeren Gefahren fliehen, mitten in der Nacht schnellstens zum Apartment zurückkehren oder einfach nur Ausrüstungsgegenstände wechseln wollen, ist das verhältnismäßig etwas fummelig. Dennoch unterstützen auch diese Unzugänglichkeiten die dichte wie klaustrophobische Atmosphäre des Spiels. Nicht ganz unschuldig daran ist auch die feine Pixel-Optik im 4:3-Bildformat, die dennoch Raum für kleine Details lässt, die an Charakteren oder Objekten zu sehen sind. Hinzu kommt ein mit Synthesizern unterlegter Soundtrack, der uns passend zur Grafik noch etwas weiter zurück in der Zeit versetzt. Wollt ihr mit dem Spiel Spaß haben, so solltet ihr aber gute Schulenglischkenntnisse mitbringen. Eine deutsche Übersetzung gibt es leider nicht. Auch solltet ihr euch zu Spielbeginn gut überlegen, ob ihr auf dem einfachen oder normalen Schwierigkeitsgrad loslegen wollt, denn nur auf der niedrigsten Stufe könnt ihr jederzeit speichern. Da der Tod hinter jeder Ecke lauert, könntet ihr so schnell euren Spielfortschritt verlieren. Also: Don’t look outside!
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit: Handlungstechnisch bietet Look outside womöglich nicht mehr als die Standardkost, die ich vom Genre erwarten würde. Das macht aber gar nichts, denn alles, was nach dem Ausbruch der Apokalypse und vor allem außerhalb des Apartments von Protagonist Sam geschieht, wirkt in meinen Augen ziemlich frisch und unverbraucht. So hocke ich mit meiner Spielfigur für zwei bis drei Tage erst einmal isoliert in der Wohnung und verbringe meine Zeit hauptsächlich damit, Videospiele zu spielen. Die komischen Gestalten, die in regelmäßigen Abständen an meine Tür hämmern, versuche ich vorerst zu ignorieren. Irgendwann wächst jedoch meine Neugier – und da meine Vorräte eh zu neige gehen, öffne ich auch schon mal die Tür. Genau mit solchen Momenten, die dann geschehen können, packt mich Look outside, denn die grotesken Nebenfiguren und noch viel mehr das Monsterdesign sind derart großartig, dass ich mehr und mehr Zeit in das Spiel stecken will. Die Mischung aus Rollenspiel- und Survival-Horror-Genre geht inklusive Ekelgarantie in Look outside einfach auf. Wer dann auch noch ein Faible für die Pixel-Optik und die Synthesizer-Musik mitbringt, wird an diesem Kleinod etliche Stunden lang seine wahre Freude haben.
Vielen Dank an Devolver Digital für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Look outside!