Über Jahrzehnte hinweg hat sich Schauspiellegende Hugh John Mungo Grant ein Image als umworbener, manchmal auch leicht schurkischer Frauenheld aufgebaut. Inzwischen bröckelt diese Fassade peu à peu. Im Film Heretic mimt er den mörderischen Bösewicht Mister Reed.
Religionszugehörigkeit und Glauben an eine höhere Macht wie eine Göttlichkeit sind Themen, die in der menschlichen Zivilisation seit jeher eine besondere Stellung innehalten. Im 21. Jahrhundert ist es trotz etlicher Kirchenaustritte im deutschsprachigen Raum und einer allgemeinen Abkehr von theologischen Grundsätzen dennoch Gang und Gäbe, dass Glaubensgemeinschaften neue Mitglieder rekrutieren. So geschieht es zumindest im Horrorfilm Heretic aus dem Jahr 2024 von den US-amerikanischen Regisseuren Scott Beck und Bryan Woods. In ihrem Werk, das hier und da mittelstarke Thriller-Züge annimmt, dreht sich im Grunde alles um zwei Mormoninnen, die Hausbesuche bei zuvor angesprochenen Interessenten durchführen. Sie ahnen jedoch nicht, was geschieht, als ihnen eines Tages Mister Reed die Tür öffnet. Obwohl dieser im ersten Moment einen freundlichen Eindruck macht, lockt er sie in eine regelrechte Todesfalle. Mit falschen Versprechungen und kalkulierten Vortäuschungen verstrickt er Schwester Barnes und Schwester Paxton in tiefsinnige Gespräche. Nach und nach versucht er in Dialogen Vertrauen aufzubauen, indem er auf die Fragen der jungen Frauen die richtigen Antworten findet. Regelmäßig verspielt er dieses Vertrauen jedoch durch Gegenfragen, welche bei den Mormoninnen für verdutzte Blicke und ängstliche Gefühle sorgen.
Glaubensfragen
Sobald die Tür hinter Schwester Barnes und Schwester Paxton ins Schloss fällt, sorgt das düstere Geschehen für ein mulmiges Gefühl in der Magengrube des Zuschauers. Im Gegensatz zu anderen Horrorfilmen setzen die beiden Regisseure nicht auf Monster und plötzliche Schockmomente. Stattdessen bewegt sich das Grauen in Heretic auf einer psychologischen Ebene, indem mittels Dialogen und schlichtweg der darauffolgenden Ungewissheit beklemmende Gefühle bei den Protagonistinnen erzeugt werden, die dem Zuschauer nicht unbemerkt bleiben. Selbst wenn Mister Reed einmal kurz den Raum verlässt, bleibt das, was auf Schwester Barnes und Schwester Paxton wartet, im Verborgenen. Etappenweise erhält der Zuschauer einen Einblick in die Architektur des Hauses. Ähnlich wie bei Roman Raymond Polańskis Der Gott des Gemetzels beschränkt sich das Geschehen kammerspielartig auf nur wenige Schauplätze respektive Räume. Dies sorgt für einen zusätzlichen Adrenalinanstieg, zumal die Räumlichkeiten von einer Kammer zur nächsten gefühlt dunkler denn heller werden. Dabei geht vom Antagonisten zumindest oberflächlich abseits unangenehmer Fragen zunächst gar keine Gefahr aus, doch mit jedem weiteren Raum offenbart sich dessen titelgebende häretische Einstellung gegenüber den jungen Frauen, die an ihrem festen Glauben zweifeln sollen.
Trugbilder und Entwirrungen
Mister Reed stellt die beiden Damen auf die Probe und setzt ihnen haarsträubende Vergleiche über Brettspiele und Musik vor und verdreht religiöse Überzeugungen. All das wird von Hugh Grant mit seinem britischen Charisma derart grandios gespielt, dass sich der Zuschauer in sein Haus immersiv versetzt fühlt und ihm alles abkaufen würde, was er da gerade von sich gibt. Sophie Thatcher in der Rolle von Schwester Barnes und Chloe East als Schwester Paxton sind nicht weniger glaubwürdig, steht ihnen die Angst und Unsicherheit mit jeder Minute Laufzeit immer mehr ins Gesicht geschrieben. Trotz des Fehlens von Monstern will der Horrorfilm an einer Stelle mit einem oder vielleicht sogar zwei übernatürlichen Erlebnissen womöglich aufs Glatteis führen. Ob es sich hierbei jedoch um einen Zaubertrick von Mister Reed oder einem durch ein Gebet ausgelöstes Wunder handelt, sollte der Zuschauer schon alleine herausfinden. In jedem Falle reißt Heretic von der ersten bis zur letzten Minute mit. Einen tieferen Einblick kann der Zuschauer erhalten, wenn er sich auf den Audiokommentar der beiden Regisseure einlässt, denen anzumerken ist, dass sie schon mehrfach zu zweit Filme gedreht haben. Kurze Interviews mit den drei Hauptdarstellern und den beiden Filmschaffenden runden das Gesamtpaket des hauptsächlich auf einer psychologischen Ebene ablaufenden Horrorfilms ab.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Bislang habe ich Hugh Grant selten in einer Rolle als freakartigen Bösewicht erlebt. Dass ihm diese Charaktere liegen, beweist Heretic auf ganzer Linie. Trotz seines kaum abzulegenden britischen Charismas gelingt es ihm, einen zunächst undurchschaubaren Antagonisten zu mimen. Schrittweise entpuppt der von ihm gespielte Mister Reed seine Identität als Häretiker, der ein perfides Spiel mit den beiden Mormoninnen treibt. Die Damen, verkörpert von Chloe East und Sophie Thatcher, bieten ihm jedoch trotz einiger gut dargestellter Unsicherheiten reichlich Paroli. Dass fast der gesamte Film nur in wenigen Räumen spielt, sorgt für klaustrophobische Gefühle beim Zuschauer, die ihn Hand in Hand mit den Thriller-Elementen des Werkes von Scott Beck und Bryan Woods regelrecht mitreißen. Das liegt vor allem daran, dass die düsteren Dialoge sich regelmäßig mit heiteren wie albernen, aber niemals die Immersion zerstörenden Ausreißern abwechseln und die Aufmerksamkeitsspanne stets hochhalten. Heretic ist ein Film, den sich kein Fan der drei Hauptdarsteller entgehen lassen sollte. Horrorfilmfans, die lieber von philosophischen Gedanken auf einer psychologischen Ebene statt mit übertriebenen wie ausufernden Brutalitäten gefüttert werden wollen, werden an Heretic in meinen Augen durchaus Gefallen finden.
Vielen Dank an Plaion Pictures für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Heretic!