Review: Nosferatu: Der Untote

Dracula gilt als einer der einflussreichsten Werke der Schauerliteratur und bestimmt bis heute, wie wir Vampire in Unterhaltungsmedien wahrnehmen. Mehrfach wurde der Stoff verfilmt – unter anderem im Jahr 2024 von Regisseur Robert Houston Eggers als Nosferatu: Der Untote.

Dass der deutsche Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau nicht ganz so viel vom Urheberrecht hielt, ist seit dem Horrorfilm Nosferatu: Symphonie des Grauens aus dem Jahr 1922 unlängst bekannt, wie ein kurz nach der Uraufführung entfachter Urheberrechtsstreit mit Florence Stoker belegt. Nicht nur die Witwe des britischen Schriftstellers Abraham „Bram“ Stoker dürfte erkannt haben, dass es sich hierbei zweifelsfrei um eine Umsetzung des Romans Dracula handelt. Auf kurz oder lang sollten alle Kopien des Stummfilms vernichtet werden, was allerdings nur in Teilen gelang. Der Film wurde bereits mehrfach ins Ausland verkauft, wo etliche Versionen des Klassikers in verschiedenen Schnittfassungen entstanden. Es ist eine abenteuerliche Geschichte, für die an dieser Stelle kein Platz bleibt. Obwohl besagter Stummfilm zu Beginn der 1980er-Jahre restauriert wurde, drehte Regisseur Werner Herzog im Jahr 1979 mit Nosferatu: Phantom der Nacht bereits ein Remake, beließ die Charaktere jedoch bei den englischen Namen, obwohl bestimmte Teile des Films weiterhin in Deutschland spielen. Robert Eggers ging 2024 mit Nosferatu: Der Untote das nächste Remake an. Zwar orientierte er sich stark an der Romanvorlage von 1897, gab den Charakteren aber die deutschen Namen, welche sie auch in Murnaus Werk aus dem Jahr 1922 tragen. Das ist aber eigentlich ganz egal, denn die düstere Story ist ohnehin weltbekannt, war aber vielleicht nie so atmosphärisch wie hier.

Vampirismus über alle Grenzen

Für all jene, die in den letzten Jahrzehnten selbst in einem Sarg geschlummert haben, soll die Rahmenhandlung von Nosferatu: Der Untote einmal in aller Kürze rekonstruiert werden. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Ellen und Thomas Hutter, ein junges Ehepaar, die im fiktiven Wisborg an der Ostsee leben. Während Ellen von Alpträumen geplagt wird, bricht der als Immobilienmakler arbeitende Thomas auf Geheiß seines Prinzipals Herr Knock nach Transsylvanien auf, um diesem das zur Ruine verfallene Schloss Grunewald zu verkaufen. So merkwürdig der Auftrag auch klingt, so verheißungsvoll ist die Belohnung. Thomas benötigt dringend eine höhere Position im Unternehmen, um die finanziellen Möglichkeiten zu haben, um mit Ellen eine Familie gründen zu können. Obwohl Thomas, angekommen in Transsylvanien, von den Einheimischen eindringlich davor gewarnt wird, sich dem unheimlichen Schloss von Graf Orlok zu nähern, folgt er unbeirrt seinem eingeschlagenen Weg. Der Graf entpuppt sich als Gefängnismeister und lässt Thomas das Gemäuer nicht mehr verlassen. Zudem labt Orlok sich Nacht für Nacht an Thomas’ Blut, der peu à peu seinen Verstand verliert. Ähnlich geschieht es zu gleichen Zeit im deutschen Wisborg mit Herrn Knock und Thomas’ Frau Ellen. Beide berichten von der Ankunft eines Unbekannten – nichtsahnend, dass es sich dabei um jenen Vampir handelt, der in Wisborg seine Schreckensherrschaft errichten will.

Abscheulichkeiten und Grandiositäten

Storytechnisch reißt Nosferatu: Der Untote sicherlich keine Bäume aus – dafür traut sich das Remake von Eggers schlicht zu wenig. Nichtsdestoweniger ändert dies nichts an der dichten Atmosphäre des Films. Das Szenenbild mitsamt der liebevollen Kulissen und den detaillierten Kostümen lässt den Zuschauer wahrhaftig ins Jahr 1838 eintauchen. Selbst die Maske, die den Schweden Bill Istvan Günther Skarsgård in Orlok verwandelt, ist eine Meisterleistung. Zudem ist dieser häufig unscharf zu sehen, was mit der Erwartungshaltung des Zuschauers spielt. Selten schafft es ein Film, mit simplen Tricks und Effekten Abscheu, Ekel, Spannung und Faszination auf die Leinwand zu hieven. Bei der Schauspielerwahl gibt es auch keinen Grund zum Nörgeln, denn Nicholas Caradoc Hoult als Thomas und Lily-Rose Melody Depp, die ihre Rolle als Ellen völlig überdreht spielt und gerade deshalb so einzigartig ist, wissen zu überzeugen. William James „Willem“ Dafoe, mit dem Eggers schon bei Der Leuchtturm zusammengearbeitet hat und hier als Professor Albin Eberhart von Franz auftritt, spielt seine Rolle auf seine eigene Art wieder fantastisch. Dank der stimmungsvollen Musik von Robin Carolan, die gemessen an den Stimmen höchstens zu laut aus den Lautsprechern dröhnt, kann Nosferatu: Der Untote 132 Minuten in der Kinofassung respektive 136 Minuten im um Dialoge erweiterten Extended Cut aber durchaus überzeugen. Horrorfilmfans kommen hier nicht vorbei!

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Als einer der einflussreichsten Romane der Schauerliteratur wurde Dracula entsprechend häufig verfilmt. Nicht immer gelingt es dem Regisseur, der Werkvorlage gerecht zu werden. Zugegebenermaßen bin ich von dieser auch kein großer Fan, fühlt sich das 1897 veröffentlichte Werk in meinen Augen über weite Strecken zu trocken oder gar langweilig an. Francis Ford Coppola hat mit Bram Stoker’s Dracula 1992 für meinen Geschmack aber die bislang beste Filmumsetzung auf die Leinwand gebannt, weil alle Inhalte genau richtig dosiert und die Handlung spannend inszeniert wurde. Da kommt selbst Robert Houston Eggers Nosferatu: Der Untote nicht heran, da meiner Meinung nach ein paar wichtige Schlüsselmomente, etwa wie ein Charakter von einem Ort zum anderen gelangt, ausgeklammert werden. Dafür überzeugt das Werk zum Ende hin mit ein wenig Eigenständigkeit, welche auch die düstere Atmosphäre untermauert. Selten habe ich in einem Film in einem Wechselbad der Gefühle derart häufig eine Figur verabscheut, mich vor dieser geekelt oder die Angst im Gesicht einer der Charaktere regelrecht gespürt. Hinzu kommen ein grandioses Szenenbild, eine vortrefflich gute Musik und ein Schauspiel, das mich trotz oder gerade wegen teils übertriebener Mimik und Gestik überrascht und überzeugt hat. Robert Eggers hat mit Nosferatu: Der Untote definitiv eine seiner besten Regiearbeiten abgelegt, die sich kein Fan des Horrorfilmgenres entgehen lassen darf!

Kommentar verfassen