Review: Catherine

Es gibt Spiele, die wollen von Anfang anders sein, ganz anders. Zu dieser Sorte Spiele gehört definitiv Catherine! Nach der Verwunderung, dass es solch ein Spiel auch mal nach Europa geschafft hat, haben wir uns gefreut die Alpträume von Vincent Brooks mit zu erleben.

Vincent vegetiert nur noch vor sich hin. Er hat einen recht gut laufenden Beruf und auch eine Freundin namens Katherine, von der er sich anscheinend gelangweilt fühlt. Routine hat sich in ihrer Beziehung eingefunden. Eines Nachts plagt Vincent ein komischer Alptraum und wacht am Morgen darauf mit einer schönen Unbekannten in seinem Bett auf. Die junge Dame hört auf den Namen Catherine und behauptet steif und fest, Vincent hätte sie am Abend zuvor mit in seine Wohnung gebracht. Alles sieht nach einem eindeutigen Seitensprung aus. Da gibt es kein Vertun – Vincent erlebt wohl das erste Mal in seinem Leben einen Filmriss mit Folgen. Das Spiel dreht sich fortan um die Dreiecksbeziehung, die zwischen Catherine, Katherine und Vincent aufgebaut wird. Während Katherine eher ein Kontrollfreak ist, ist Catherine die junge und fast schon nymphomanische Frau, die es auf Vincent abgesehen hat. Vincents Dilemma oder glückliche Lage, je nachdem, wie wir es sehen möchten, ist allerdings nicht das einzige, was sich auf die Story des Spiels auswirkt. Überall in der US-amerikanischen Stadt häufen sich mysteriöse Todesfälle. Junge Männer werden morgens tot in ihrer Wohnung aufgefunden – die Autopsie liefert keine Antworten, jedoch für genügend Gesprächsstoff für die Sushi-Bar in der Vincent öfters zu Mittag isst und viel mehr für die Kneipe, in welcher er sich Abend für Abend mit seinen drei besten Freunden Toby, Johnny und Orlando trifft. Jedwedes Treffen der vier Kumpanen kommt uns vor wie das letzte Abendmahl, denn Vincent erlebt den bereits erwähnten Alptraum Nacht für Nacht, allerdings mit zahlreichen fiesen Überraschungen.

Das Tetris-Syndrom

In den Alpträumen Vincents wird der Held automatisch entkleidet und ist fortan nur noch mit seiner Boxershorts, einem Kissen und zwei Hörnern auf dem Kopf bewaffnet. Ein noch nie dagewesener Anblick offenbart sich unserem Helden. Er steht vor einem treppenförmigen Gebilde, welches sich aus einzelnen Würfeln zusammensetzt. Unter uns stürzen mit der Zeit immer mehr die Blöcke ein, also heißt es schnell die Treppe hochklettern. Allerdings sind die Würfel selbstverständlich nicht immer so angeeignet, dass wir sie plump erklettern können. In den unterschiedlichen Situation müssen wir die Blöcke gekonnt verschieben, um die nächste Erhöhung sicher zu erreichen, doch Obacht! Die Würfel müssen mindestens mit einer Kante an einem darunterliegenden Block befestigt sein. Ist dies nicht der Fall, fällt der Block exakt so viele Ebenen tiefer, bis er mit mindestens einer Kante sicheren Halt findet. Das Spieltempo kann je nach Spielweise sehr variieren – da kommt es uns doch sehr gelegen, dass wir Fehler wieder rückgängig machen können. Das heißt, wenn wir also einen Block versehentlich so verschoben haben, dass er in die endlose Tiefe fällt und wir ihn dringend gebraucht hätten, so können wir kurz und knapp auf die Select-Taste drücken und im nächsten Moment liegt unser Würfel am letzten bekannten Punkt. Manchmal ist das auch bitter nötig, da es natürlich nicht nur eine Blockvariante gibt. Dunkle Blöcke haben ein höheres Gewicht und benötigen somit mehr Zeit, um sie bewegen zu können. Prangt auf diesen dunklen Ablegern auch noch ein Symbol, so können wir sie überhaupt nicht verrücken, ärgerlich. Brüchige Blöcke können wir hingegen nur ein oder zweimal betreten, anschließend verfallen sie zu Staub.

Guck mal wer da spricht

Sprungblöcke katapultieren uns direkt ein paar Etagen höher, sofern wir denn in der Höhe den nötigen Halt finden – das ist besonders in hitzigen Situationen sehr nützlich, wenn unter uns fast das gesamte Level bereits in seine Einzelteile zerfallen ist. Stachelfallen können unseren Pantoffelhelden sofort töten und Bombenblöcke schlagen in einst standhaften Würfeln Risse. Gegen Ende des Spiels erwartet euch noch die eine oder andere Überraschung, die wir hier keinesfalls vorweg nehmen möchten. In jeder Nacht gilt es eine gewisse Anzahl an Stages zu absolvieren. Am Ende des Marathons erwartet uns dann meistens noch ein Bossgegner, den wir zwar nicht direkt besiegen können, aber trotzdem unseren Respekt einräumen, oder viel mehr unsere Furcht, denn wenn plötzlich ein Riesenbaby hinter uns den Turm erklettert, dabei noch Sabber in die Höhe schleudert und ständig nach seinem Vater ruft, bekommen wir es schon mal mit der Angst zu tun. Dieser Bossgegner ist übrigens keine Seltenheit, ein paar andere Schrecken hat das Spiel ebenfalls in petto. Eine Lebensanzeige gibt es in Catherine übrigens nicht. Wir müssen nur einmal von einem Geschoss getroffen werden, in eine Falle laufen, von einem der herunterfallenden Würfel zerquetscht oder den sicheren Halt verlieren und schon dürfen wir am Levelanfang einen weiteren Versuch starten. Glücklicherweise gibt es in fast allen Levels Kontrollpunkte, welche die Klettertouren ein wenig einfacher machen sollen. Den Game-Over-Bildschirm haben wir jedoch nur einmal in der ersten Hälfte zu Gesicht bekommen. Obwohl der Titel relativ schwierig ausfällt und sicherlich nichts für schwache Nerven ist, haben die Entwickler (im getesteten normalen Schwierigkeitsgrad) genügend Kopfkissen verteilt, mit denen wir zwei zusätzliche Versuche spendiert bekommen und dazu über die Nächte hinweg anhäufen dürfen.

Das Schweigen der Lämmer

Übrigens erleichtern uns einige Items, von denen wir maximal eines an der Zahl mitführen dürfen, den Aufstieg. Herumlaufende Gegner können mit Blitzen pulverisiert, Blöcke mit dem Klingeln einer Glocke verwandelt, zusätzliche Würfel erschaffen oder mithilfe eines Energy-Drinks gleich zwei Blöcke auf einmal erklettert werden. Letzteres ist uns im Test allerdings komischerweise nicht geglückt. Unterwegs finden wir immer wieder einige Münzen, die wir beim Händler in den Ruhestätten ausgeben dürfen, um uns eben diese Items zu erwerben. Das ist zwar nicht essentiell für das Bestehen der Areale, doch für den einen oder anderen Spieler sicherlich eine gut gemeinte Stütze. Zu diesen Ruhestätten gelangen wir immer, sobald wir eine Stage hinter uns lassen und verlassen sie später wieder über einen Beichtstuhl, in denen wir eine Frage über unseren Charakter beantworten müssen, die uns dann als vorbildlichen oder gerissenen Menschen einstuft. Jedenfalls tummeln sich hier alle Menschen, die den Aufstieg im Alptraum geschafft haben, allerdings in der Gestalt von Schafen, was wohl auch Vincents Hörner recht eindeutig erklären sollte. Wir können uns mit den Lämmern unterhalten, neue Techniken zum Klettern austauschen (was übrigens eine sehr große Hilfe seitens der Programmierer ist!) und dem Stöhnen der armen Schafe lauschen, die sich nicht so recht erklären können, warum sie eigentlich immer wieder, Nacht für Nacht, diesen Alptraum erleben müssen. Jedenfalls haben nicht nur die Schafe, sondern auch die Menschen in der Bar, die Vincent jeden Abend aufsucht, ein paar Probleme. Bei diesen Personen sind wir doch gerne bereit, in irgendeiner Weise zu helfen, oder eben nicht. Zwei Antwortmöglichkeiten entscheiden darüber, welche Person in den nächsten Tagen wieder in der Bar anzutreffen ist und wer ganz genau hinschaut beziehungsweise hinhört, entdeckt vermutlich die eine oder andere Gemeinsamkeit mit einem Schaf aus den Alpträumen des Protagonisten.

Rapunzel, lass dein Haar herunter

In der Bar unterhalten wir uns allerdings nicht nur mit den Gästen und unseren Freuden. Wir können dabei auch Cocktails genießen und Kurzmitteilungen beantworten, die auf unserem modischen Handy eingehen. Da macht sich Katherine Sorgen um unsere Gesundheit und die Affäre schickt uns gelegentlich schon mal gewisse Foto, denen wir kaum widerstehen können. Für Ablenkungen sorgt die Juke Box, in der wir nicht nur Tracks des Spiels rauf und runter, sondern auch Musikstücke aus anderen Titeln wie Persona 4 anhören können. Daneben wartet auch ein Automat auf uns, in dem wir das Arcade-Spiel Rapunzel spielen können, das nach demselben Muster aufgebaut ist, wie die nächtlichen Alpträume – an vielen Stellen sogar eine ganze Ecke knackiger als der normale Spielverlauf. Wenn wir im normalen Spielverlauf für einen beendeten Alptraum mindestens eine Goldtrophäe abstauben, schalten wir im Modus Babel neue Herausforderungen frei und nach dem ersten Durchspielen gesellt sich zudem der Colloseum-Modus dazu, in dem wir sogar zu zweit mit einem Freund gegeneinander antreten dürfen. Leider nur lokal und nur mit einem menschlichen Mitspieler, Computergegner gibt es hier leider nicht. Vielleicht ist das auch gut so, denn in einem Level des Golden-Theater-Modus sind wir auch mit einem anderen Nichtspielercharakter gleichzeitig im Alptraum unterwegs und glaubt uns an dieser Stelle bitte eines: Ashley aus Resident Evil 4 ist sicherlich bei weitem klüger. Wie dem auch sei: Ein Online-Modus hätte dem Titel sicherlich gut getan. Immerhin werden die Ergebnisse der Fragen, die über unseren Charakter entscheiden und uns vor jeder Stage gestellt werden, online an andere Catherine-Spieler übermittelt.

Catherine oder Katherine

Es ist zwar nicht sehr hilfreich zu wissen, ob die meisten Spieler eher Masochisten oder Sadisten sind, doch je nachdem, ob die Antworten wirklich ehrlich getroffen werden, sind die Ergebnisse entweder schockierend oder auch schon mal für einen Lacher gut. Grafisch macht der Titel zwar keinem Titel Konkurrenz, doch der teils kunterbunte, aber eher düstere Anime-Look verpasst dem Titel seinen ganz eigenen Charme. Zwar gefallen uns die eingespielten Anime-Videosequenzen deutlich besser, als die in Spielgrafik gehaltenen Dialoge zwischen den Charakteren, doch selbst diese stehen im Einklang mit der grafischen Raffinesse des Titels. Unterlegt wird das ganze Spektakel mit unterschiedlichen Musikstücken. Da ist von fröhlicher Untermalung, über fetzige Sounds und klassischen Musikstücken eine breite Palette an hochwertigen Tracks dabei. Die Atmosphäre besteht jedoch nicht nur aus dem gut gemischten Soundtrack, sondern viel mehr aus den facettenreichen Charakteren und der sehr intelligenten Handlung. Zu Beginn scheint noch sehr vieles klar zu sein, wie sich die Story wohl entwickeln wird, doch bereits nach wenigen Spielstunden tauchen immer wieder neue Fragen auf und lassen uns als Spieler gerne miträtseln, wer denn nun wen wirklich betrügt. Einzig und allein gegen Ende des Spiels verdichtet sich die Handlung so sehr, dass sie sich einfach nur in die Länge gestreckt angezogen fühlt und vielleicht nicht auf das Ende hinarbeitet, wie man es sich eventuell vorgestellt hat. Aber davon soll es laut Trophäenliste sowieso mehrere geben. An der Steuerung gibt es nur wenig zu kritisieren. Je nachdem wie viel Alkohol wir in der Bar vor dem Alptraum konsumieren, desto schneller läuft und klettert Vincent durch seine Alpträume. Cheers! Unterm Strich bleibt ein interessantes Spiel, das sicherlich seine Fans finden, aber definitiv nicht die breite Masse ansprechen wird. Uns hat der Ausflug in Vincents Alpträume zwanzig Stunden lang sehr gefallen und können euch das Spiel nur ans Herz legen, welches dann wiederum darüber entscheiden darf, ob ihr euch lieber zu Catherine oder zu Katherine hingezogen fühlt.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-3-Fassung): Weit im Vorfeld, bevor ich erst von der Existenz von Catherine wusste, war eine Freundin von dem Titel sehr angetan und hat es sich, soweit ich weiß, aus den Staaten importiert. Glücklicherweise kam der Titel dann auch noch in Europa heraus und das dies bei solchen exotischen Spielen eine Seltenheit ist, dürfte wohl jedem klar sein. Schnell habe ich mich daran erinnert, wie die Freundin von dem Spiel überzeugt war und habe mir das Testmuster unter den Nagel gerissen. Zwanzig Spielstunden später komme ich fast nicht mehr von dem Titel los, obwohl der Abspann bereits über meinen Bildschirm geflimmert ist. Die Charaktere sind bis auf die Ausnahmen, die ich aus Spoiler-Gründen nicht erwähnen möchte, alle sehr glaubhaft geschildert und erwecken das Gefühl, wirklich ein Teil von Vincents Leben zu sein. Die eigentliche Storyline hat mich zum Ende hin aber doch ein wenig enttäuscht, hier hätte ich definitiv an einer bestimmten Stelle eine andere Richtung eingeschlagen, wäre ich der Storywriter des Entwicklerteams gewesen. Trotzdem möchte ich Catherine jedem von euch ans Herz legen, der Geschicklichkeitsspiele mag und nichts gegen Anime-Szenen und japanische Gameplay-Freizeiteinlagen eines Yakuza hat. Vor einem Punkt möchte ich euch aber warnen. Konsumiert das Spiel nicht zu lange am Stück, denn sonst ergeht es euch vielleicht noch genau wie mir: Immer wenn ich einschlafen möchte und somit die Augen schließe, habe ich das Bild vor mir, wie Vincent Blöcke verschiebt und auf diesen herumklettert. Ich bin gespannt, wie lange ich an den Nachwirkungen leiden darf. In diesem Sinne: Schlaft recht schön und genießt euren Kletterausflug!

Vielen Dank an Deep Silver für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Catherine!

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