Review: Octopath Traveler

Japanische Rollenspiele punkten oft mit ihren sympathischen Figuren und mitreißenden Storys. Diese Stärken ziehen sie oftmals aus der Linearität der Spiele, was auf Kosten in Freiheiten bei Charakterwahl und -erstellung geht. Octopath Traveler versucht sich hierbei an einem anderen Ansatz.

Der neuste Rollenspiel-Streich von Publisher Square Enix und Entwicklerstudio Acquire lässt dem Spieler von Beginn an die Wahl, in welcher Rolle er das Abenteuer starten will. Wie der Titel des Spiels schon verrät, sind das acht Figuren, deren erste Kapitel recht ähnlich aufgebaut sind. Innerhalb einer circa vierzigminütigen Spielzeit wird die grundlegende Motivation aufgebaut, warum sich dieser Charakter auf seine Reise durch die Spielwelt Orsterra begibt. Angetrieben von Rache, Wissensdurst oder Abenteuerlust werden zwar Rollenspiel-Klischees abgedeckt, die Einführung dieser Figuren ist aber sehr sympathisch umgesetzt und dient gleichzeitig als Tutorial. Ist ein Charakter ausgewählt, bedeutet das nicht, dass wir die Geschichten der anderen Figuren erst in einem anderen Spieldurchgang erleben dürfen. Nach dem ersten Kapitel steht die Wahl offen, ob der Spieler weiter der Story folgen oder die sieben anderen Figuren in unsere Party einladen will. Hier zwingt einem die Struktur des Spiels allerdings regelrecht dazu, sich zunächst mit allen Figuren vertraut zu machen, ansonsten wartet auf den Spieler eine ordentliche Grind-Einlage. Problematisch ist das anfangs nicht, erst beim Rekrutieren der letzten verbleibenden Figuren wird klar, dass deren Einstiegskapitel alle sehr ähnlich aufgebaut sind. Schönerweise lassen sich die Prologe größtenteils auch überspringen, eine Idee von dem Charakter und deren Ziele kommt der Spieler dann allerdings nicht.

Kräfte im Ungleichgewicht

Den ersten Bossgegner einer jeden Figur muss der Spieler aber immer erledigen. Damit das auch nach zehn Stunden spannend bleibt, so lange dauert das Aufgabeln aller acht Figuren in etwa, leveln auch die Gegner mit und werden durch weitere Schergen verstärkt, sodass diese Kämpfe stets spannend bleiben. In unserer Truppe sind stets vier Figuren gleichzeitig unterwegs, der Rest wartet in der nächstgelegenen Taverne auf unsere Rückkehr. Leider sehen die inaktiven Spielfiguren auch nichts von den Erfahrungspunkten der anderen. Wer also alle Figuren gleichermaßen stärken und derer Geschichten erleben will, hat einiges an Level-Arbeit vor sich. Ein Punkt, der sich mit wenig Aufwand hätte abändern lassen. Wer auch nur einen Screenshot von Octopath Traveler gesehen hat, dem sticht die Orientierung an klassische Rollenspiele aus der Super-Nintendo-Ära sofort ins Auge. Diese Rückbesinnung auf alte Zeiten beschränkt sich nicht nur aufs Grafische: Es gibt klassische rundenbasierte Kämpfe, Ausrüstungsgegenstände und in den zahlreichen Städten dürfen ikonische Einrichtungen wie das Gasthaus, die Taverne und der Schmied natürlich nicht fehlen. Diese Städte sind zwar visuell hervorragend gestaltet und bieten ebenso wie die gesamte Spielwelt enorme Abwechslung in den Szenarien, doch der Aufbau der Städte und der ziemlich sterilen Verbindungsrouten zwischen diesen ist aber in ganz Orsterra beinahe gleich. Abseits von vielen optionalen Schatztruhen gibt es in der Welt nicht viel zu entdecken, das Highlight sind hier eindeutig die Kämpfe in diesen Gebieten.

Eine Mischung aus Alt und Neu

Die Welt von Octopath Traveler ist diorama-artig aufgebaut. Das heißt, unterschiedliche Ebenen sind sehr stark voneinander abgetrennt und mit unterschiedlichen Schärfegraden gekennzeichnet, sodass die eigentlich recht platte 3D-Umgebung eine besondere Tiefe gewinnt. Über der gesamten Pixel-Optik liegt eine berauschende Lichtstimmung mit vielen feinen Lichteffekten, die es so auf dem Super Nintendo nicht gegeben hätte. Diese Mischung aus traditionellen und modernen Elementen übt eine gewisse Faszination aus und versprüht eine Menge Nostalgie. Ebenso ist es um den Soundtrack bestellt, der auf den Einsatz klassischer Instrumente vertraut und ein breites musikalisches Spektrum abdeckt. Vertont wurden zwar nicht alle Textzeilen, dafür ist jederzeit zwischen der englischen und japanischen Sprachausgabe wechselbar. Sowohl im ersten Kapitel mit nur einer Figur als auch später in der vierköpfigen Party bleiben die Auseinandersetzungen mit den Gegnern spannend. Das liegt am Bruch-System, das von uns verlangt, die Gegner auf ihre individuellen Schwächen hin zu beobachten und dann taktisch auseinanderzunehmen. Trifft der Spieler eine Schwäche, sei es eine Empfindlichkeit gegen Pfeile, Dolchstiche oder Windmagie, verliert der Gegner seine Schild-Punkte. Ist dieser vollständig gebrochen, ist seine Verteidigung drastisch reduziert und offen für jegliche Angriffe. Dazu muss er nächste Runde aussetzen, während die Spielfiguren pro Runde ihre Boost-Punkte auffrischen.

Motivierende Kämpfe

Diese erlauben uns, ähnlich wie in Bravely Default und Bravely Second: End Layer, Aktionen wie Angriffe oder Heilmagie aufzuladen und mehrere Aktionen in einer Runde durchzuführen. Anders als in den spirituellen Vorgängern muss dafür im Nachhinein aber niemand aussetzen, was in einem tollen Kampffluss resultiert. Fetzige Lichteffekte sorgen zusammen mit einem angenehm ruppigen HD-Rumble für das passende Treffer-Feedback im Kampf. Aufmerksame Kämpfer werden belohnt, ebenso wie das Lernen und Antizipieren von Taktiken. Genau so muss ein Kampfsystem funktionieren! Langfristig hält das Kampfsystem durch die Klassenvielfalt der acht Figuren bei Laune. Zwar werden hier auch einige Rollenspiel-Klischees abgedeckt – wer kennt nicht den starken Krieger, die holde Weißmagiern oder den verruchten Dieb – dazwischen finden sich aber spannende Kampffähigkeiten, die alle um einen Platz in unserer Party konkurrieren. In vielen Fällen greifen die Wege-Fähigkeiten, klassenspezifische Interaktionsmöglichkeiten mit Figuren in Städten, schön ins Kampfsystem über. Von Tänzerin Primroses Charme verführte Nicht-Spieler-Charaktere werden von ihr im Kampf zum Einsatz gerufen, ähnlich verhält es sich um H‘aanits tierische Bestien, die sie zuvor im Kampf einfängt. Später ist es zudem möglich, die Figuren außerhalb ihrer bekannten Klassenkonstellationen einzusetzen. Wer in Octopath Traveler klassisches rundenbasiertes Rollenspiel-Gameplay sucht, wird bestens unterhalten. Auf der Reise selbst gibt es aber nicht allzu viel zu sehen. Hier ist die persönliche Gewichtung des Spielers besonders ausschlaggebend.

Geschrieben von Jonas Maier

Erics Fazit: Octopath Traveler ist ein Rollenspiel geworden, das vor allem mit seinem Grafikstil Fans alter 16-Bit-Klassiker ansprechen soll. Dazu gesellt sich eine fantastische Musik, die besonders bei den ersten Bosskämpfen wahrhaftig ins Ohr gehen. Auch das klassische Gameplay funktioniert, sodass das Erkunden von Städten und Dungeons, in denen viele Schatztruhen versteckt sind, durchgehend funktioniert. Selbst die vielen Zufallskämpfe motivieren mit einem gelungenen Kampfsystem, immer mehr Zeit in das Rollenspiel zu motivieren. Leider gibt es jedoch auch Schattenseiten, denn nicht aktive Charaktere erhalten keine Erfahrungspunkte und müssen immer und immer wieder aufgestuft werden, damit sie im Kampf nicht den Märtyrertod sterben. Obwohl sämtliche Geschichten mit verschiedenen Stilmitteln schön erzählt sind, stört mit zunehmender Spielzeit der identische Aufbau jeglicher Kapitel und die arg rudimentären Gruppendiskussionen. Das macht aus Octopath Traveler zwar kein schlechtes Spiel, aber eine mühselige Angelegenheit für alle, die viele Stunden in einen kurzen Zeitraum investieren wollen.

Jonas‘ Fazit: Octopath Traveler ist ein sehr charmantes Rollenspiel mit viel Profil pro Pixel geworden – und das nicht nur optisch. Besonders das griffige Kampfsystem, das keine hirnlosen Angriffslawinen unterstützt, funktioniert sehr gut und wird nicht nur Rollenspiel-Nostalgikern gefallen. Rollenspiel-Fans der alten Schule werden Octopath Traveler auf jeden Fall etwas abgewinnen können. Freude an vielen und langen Kämpfen bringt diese Zielgruppe sowieso schon mit, denn das wird vom Spieler auch abverlangt, denn leider gehen nicht alle Ideen des Entwicklers vollständig auf. Auch wenn dem Spieler nach einer gewissen Spielzeit die Gleichförmigkeit der Welt und Story-Struktur zu sehr vor Augen geführt werden, ist der markante Retro-Stil wirklich toll! Bleibt zu hoffen, dass dieser in der Zukunft in weiteren Rollenspielen zum Einsatz kommen wird.

Ein Kommentar zu “Review: Octopath Traveler

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