Review: The Longing

Obwohl The Longing von Entwicklerstudio Seufz bereits am 5. März 2020 für den PC erschienen ist, dauerte es über ein Jahr, bis das Spiel auf der Nintendo Switch veröffentlichen werden konnte. Diese recht lange Wartezeit wird im Spiel thematisch nahtlos fortgeführt.

Konsolenhersteller wie Microsoft oder Sony haben erkannt, dass die Lebenszeit der Spieler ein teures Gut ist. Mit neuen Festplattentechnologien können Ladezeiten auf ein Minimum reduziert werden und sind in einigen Fällen schon fast gar nicht mehr spürbar. Da ist es irre komisch, dass in dieser fortschrittlichen Zeit mit The Longing ein Point-and-Click-Adventure veröffentlicht wurde, das die Ladezeiten von vorgestern durch elendlange Wartezeiten ersetzt, die selbst die nervigsten Social Games in den Schatten stellen. Zumindest ist dies der Ersteindruck, den wir von The Longing von Studio Seufz zu Beginn des Spiels hatten. Ausgangslage der mitfühlenden Geschichte ist ein König, der vierhundert Tage lang tief unter einem Berg in einen ebenso tiefen Schlaf fällt, um danach mit gestärkten Kräften seinem Reich zu neuem Glanz zu verhelfen. Dies erinnert vage an die deutsche Kyffhäusersage, denn alleine ist der König nicht. Ihm zur Seite steht sein Schatten. Diesen Diener des Königs verkörpern wir in The Longing, in dessen Haut wir vierhundert Tage lang in Echtzeit waten müssen, bis der Monarch aus seinem Nickerchen erwacht. Kein Scherz! Am oberen Bildschirmrand sehen wir stets die Zeitangabe, wie viele Tage, Stunden, Minuten und Sekunden noch vergehen müssen, bis der König wieder über sein Reich herrschen kann und wir unsere Pflicht erfüllt haben.

Schleppende Spaziergänge

Um uns die Zeit im äußerst verschachtelten Höhlensystem zu vertreiben, haben wir zum Glück verschiedene Möglichkeiten. Zum einen dürfen wir ausufernde Spaziergänge machen und zum anderen auf Wunsch auch einfach nur herumtrödeln. Das meinen wir wörtlich, denn die Bewegungsanimation des Schattens ist unglaublich langsam. Im Kontext der Geschichte macht das natürlich Sinn, denn vierhundert Tage sind eine lange Zeit, bei der sich wohl kein Mensch verausgaben würde, wenn er einfach nur warten müsste. Hinzu kommt, dass wir an verschiedenen Stellen des aus der zweidimensionalen Seitenperspektive dargestellten Höhlensystems an künstliche Grenzen stoßen. So braucht ein Tor zum Öffnen schon mal satte 45 Sekunden. In den Untiefen der Höhle soll es aber auch Modelle geben, die noch mehr Zeit in Anspruch nehmen. Ebenfalls gibt es Stellen, bei denen wir wochenlang darauf warten müssen, bis ein Stalaktit von der Decke fällt oder Moos auf einem Felsen gewachsen ist. Da stellt sich zurecht die Frage, ob das überhaupt Spaß machen kann. Zum Glück läuft die Zeit nach dem ersten Spielstart auch dann weiter, wenn der Titel gar nicht in Betrieb oder die Konsole ausgeschaltet ist. Wie Animal Crossing: New Horizons ist The Longing ein Spiel, bei dem Fortschritt über Zeit erkauft wird. Ob einem das Konzept zusagt, muss jeder für sich entscheiden.

Zeit verrinnt nur in einer Richtung

Testweise haben wir versucht, die Systemzeit der Switch umzustellen – ohne Erfolg. Wenn wir diesen – zugegeben billigen – Trick versuchen, werden wir im Gefängnis eingekerkert und müssen als Strafe vierhundert Mal auf den Aktionsknopf oder im Handheld-Modus den Touchscreen an einer bestimmten Stelle berühren, bevor wir dazu aufgefordert werden, die Systemzeit zu korrigieren. The Longing ist mit allen Wassern gewaschen, um die Wartezeit auf bestimmte Ereignisse möglichst in die Länge zu ziehen. Nichtsdestotrotz gibt es ein paar Möglichkeiten, mit denen die Zeit sehr viel schneller verrinnt. So können wir in unserem persönlichen Wohnzimmer Bilder zeichnen und an die Wand hängen, sofern wir über Papier und Malzeug verfügen, was kreuz und quer im Höhlensystem zu finden ist. Auch ein Feuer lässt sich mit den bestimmten Materialien entfachen. Am interessantesten ist jedoch die Einbindung von real existierenden Romanen. Unter anderem können wir „Moby Dick“ von Herman Melville oder „The Time Machine“ von Herbert George Wells lesen, sofern wir die Bücher im Höhlensystem aufgeklaubt haben. Das Lesen meinen wir wortwörtlich, denn sobald wir uns im digitalen Sessel zurückgelehnt haben, liest der Schatten zwar von alleine, wir können aber alle Seiten der Werke im englischen Original parallel oder getrennt davon mitlesen. Toll!

Künstlerischer Anspruch

Je nachdem wie heimelig wir unsere Wohnung eingerichtet haben, vergeht die Zeit in dieser wesentlich schneller. Aus vierhundert Tagen können so nur wenige Stunden werden, sofern wir das denn wollen. Am Ende ist es jedem selbst überlassen, wie schnell der Abspann über den Bildschirm flitzt. In puncto Steuerung funktioniert The Longing überwiegend gut. Uns stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, den Schatten durch die Höhlen zu manövrieren. Entweder benutzen wir den linken Control Stick, was auf Dauer sehr mühselig sein kann, oder wir schieben den ebenso langsam zu bewegenden Mauszeiger an eine bestimmte Stelle und drücken zweimal den Aktionsknopf, damit der Schatten automatisch losmarschiert. Ein Schnellreisesystem gibt es übrigens nicht. Alle Gänge müssen händisch aktiviert werden. Wir haben jedoch die Möglichkeit, uns bestimmte Orte einzuprägen, zu denen sich der Schatten anschließend – natürlich in Echtzeit – vollautomatisiert aufmacht. Grafisch geht das Spiel in Ordnung. So erinnert uns die Optik vor allem an triste Comics. Anleihen an Kupferstiche sind ebenfalls vorhanden. Hinzu kommt eine beklemmende Hintergrundmusik, die das Gefühl der Einsamkeit genauso stark einfängt wie die melancholischen Monologe des Schattens. Bei all diesen Aspekten ist The Longing unterm Strich ein Werk, bei dem der künstlerische Anspruch über dem Gameplay steht – und das wird bei Weitem nicht jedem Genre-Fan gefallen.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch-Fassung): Immer mal wieder trauen sich Entwickler mit ihren Spielen neue Wege zu bestreiten und bestimmte Gefühle auf andere Art und Weise zu vermitteln. Das Point-and-Click-Adventure The Longing fällt in diese Kerbe und lässt mich in vierhundert Tagen in Echtzeit warten, bis ein König aus seinem Schlaf erwacht. Ich kann zwar geduldig sein, um das eine oder andere Ziel zu erreichen, aber The Longing überspannt den Bogen maßlos. Ein Glück, dass es Mittel und Wege gibt, die Spielzeit von maximal vierhundert Tagen auf nur wenige Stunden zu drücken. So toll ich die Idee hinter The Longing finde und es mag, wie mir die Geschichte ein Gefühl für Isolation und Einsamkeit vermittelt, so wenig gefallen mir die überaus lahmen Gameplay-Mechaniken. Der Schatten trottet für meinen Geschmack zu langsam voran und Stellen, an denen ich – ohne den Umweg in die Wohnung zum Verkürzen der Zeit zu nehmen – erst einmal Tage lang verharren muss, bis ich neuen Fortschritt erzielen kann, sind für mich regelrechte Spielspaßkiller. Wem genau dieses Konzept aber nichts ausmacht oder sogar gefällt, wird mit The Longing sicherlich deutlich mehr anfangen können. Bei The Longing wiegt das Erzählte, die vermittelten Gefühle, die triste Atmosphäre und schlicht der künstlerische Anspruch deutlich mehr als das Gameplay. Wer sich darauf nicht einlassen will, sollte sich lieber nach Alternativen umschauen.

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