Ende 2014 standen die Konsolen PlayStation 4 und Xbox One seit einem Jahr in den Händlerregalen. Damit Fans nicht nur auf diesen Plattformen loslegen durften, schickte Ubisoft mit Assassin’s Creed: Rogue einen Ableger für die PlayStation 3 und die Xbox 360 ins Rennen.
Davor oder danach hat sich selbst Ubisoft diesen gewagten Spagat nicht mehr getraut. Am 11. November 2014 veröffentlichte der französische Konzern mit Assassin’s Creed: Rogue und Assassin’s Creed: Unity gleich zwei neue Spiele der beliebten Marke. Nach wie vor bewegen wir uns hier in einem Zeitraum, in dem jedes Jahr mindestens ein neuer Serienteil erscheinen musste. Aufgrund der wohlwollenden Annahme durch die Fans führte das über kurz oder lang dazu, dass sich der Publisher bekräftigt sah, seine Vision von sehr ähnlich aufgebauten Titeln zu festigen. Entsprechend fällt auch Assassin’s Creed: Rogue nahezu identisch zum Vorgänger aus. Mit Assassin’s Creed: Unity rechne ich dann im nächsten Teil dieser Kolumnenreihe ab, da ich sehr überzeugt davon bin, dass sich nicht viel am Gesamtbild ändern dürfte. Trotz allem muss an dieser Stelle noch ein letztes Mal ins Jahr 2014 gesprungen werden. Während Assassin’s Creed: Unity bereits im März auf Basis durchgesickerter Screenshots bestätigt und auf der Electronic Entertainment Expo offiziell vorgestellt wurde, tauchten bezüglich Assassin’s Creed: Rogue ebenfalls Gerüchte im selben Zeitraum auf. Allerdings dauerte es bis zur Enthüllung noch bis August. Nach der Erstveröffentlichung folgten 2015 eine Umsetzung für den PC, 2018 für die PlayStation 4 und die Xbox One und 2019 schließlich für die Switch.
Ein Blick auf die Ausgangslage
Falls ihr euch fragt wo denn die Wii-U-Fassung steckt, schließlich müsste der Titel zumindest lauffähig sein, werdet ihr womöglich enttäuscht sein. Spätestens 2014 hat Ubisoft die Zeichen der Zeit erkannt, dass mit Nintendos Wii U wohl kein Geld mehr zu scheffeln ist. Bis auf die Just-Dance-Reihe erschienen in den letzten Jahren der Konsole keine anderen prominenten Spiele des Konzerns mehr. Zugegeben: Auf der betagten Wii U hätte ich den Titel, gerade vom Standpunkt des Jahres 2024 aus, sowieso nicht gespielt. Wie ich es bereits in den ersten Abschnitten dieser Kolumnenreihe publik machte, wollte ich Assassin’s Creed: Rogue aber ebenso nicht auf einer der ursprünglichen Plattformen spielen, zumal ich diese Versionen auch gar nicht besitze, wie ich bei einem Blick ins Regal überrascht feststellen musste. Ein Glück, dass ich das Remaster des Titels vor einigen Jahren bei einem Aktionsangebot günstig für die PlayStation 4 nachträglich der Sammlung hinzufügen konnte. Nach Assassin’s Creed IV: Black Flag brauchte ich darüber hinaus erst einmal eine Verschnaufpause. Das Spiel bot im Kern zwar immer noch dieselbe Erfahrung, wollte aber mit Piraten-Setting und entsprechenden Gameplay-Mechaniken für frischen Wind sorgen. Diese Rechnung ging nur bedingt auf, da sich das Spiel zu weit vom Konflikt zwischen Assassinen und Templern entfernt hat.
Treue bis in den Tod
Vorweg kann ich sagen, dass Assassin’s Creed: Rogue diesbezüglich deutlich besser funktioniert. Anscheinend haben die Verantwortlichen bei Ubisoft gemerkt, dass Piraten zwar durchaus cool sind, die Videospielserie aber in ganz andere Gefilde führt, wo sie schlicht nichts zu suchen hat. Nichtsdestotrotz greift der letzte Serienteil, der noch für die siebte Konsolengeneration entwickelt wurde, auf das Gameplay von Assassin’s Creed IV: Black Flag zurück, versucht aber zumindest in den Story-Abschnitten sich so weit wie nur möglich davon zu positionieren. Ohnehin fällt die Geschichte in meinen Augen deutlich spannender als erwartet aus. Handlungstechnisch spielt Assassin’s Creed: Rogue zwischen Assassin’s Creed III und dem nummeriert vierten Serienteil. Entsprechend treffe ich auf Charaktere der beiden besagten Episoden, was mich als Kenner wirklich fasziniert und diverse Ereignisse gänzlich neu beleuchtet. Wer die vorherigen Spiele nicht gespielt hat, verpasst so manchen Aha-Moment. Achtung, ab dem nächsten Satz kommt es zu Spoilern: Dieses Mal schlüpfe ich in die Rolle des Assassinen Shay Patrick Cormac, der sich im Verlauf der Story aber leicht überraschend für die Gegenseite entscheidet und zum Templer wird. Obwohl ich erwartet habe, dass er seine Entscheidung noch revidiert, bleibt er seiner neuen Linie bis über das Finale hinaus treu.
Perspektivenwechsel
Gelungen finde ich vor allem, wie diese Wendung in Assassin’s Creed: Rogue eingeläutet wird. Aus einer Vorläuferstelle der Ersten Zivilisation versuche ich 1755 im portugiesischen Lissabon mit Shay ein Artefakt zu entwenden, was zu einem historisch belegten Erdbeben führt. Prompt werden seine Auftraggeber um den aus dem dritten Serienteil bekannten Achilles dafür verantwortlich gemacht. Auch wenn das Hin und Her um das Manuskript, dass die weiteren Fundstellen der Tempel der Ersten Zivilisation auffindbar macht, für meinen Geschmack etwas aufgesetzt wirkt, macht es mir echt Spaß, mit Shay die Story voranzutreiben. Besonders in dem Moment, wenn in der zweiten Spielhälfte Haytham Kenway eine tragende Rolle einnimmt, bin ich selbst als Spieler gewillt, der Sache der Templer zu dienen. Es ist keine schwarzweiß gezeichnete Welt mehr. Beide Seiten kämpfen für ein Ideal, dass ich nun umso besser verstehe. Schade ist jedoch, dass Assassin’s Creed: Rogue überaus kurz ausfällt. Wer nur der Story folgen will, ist sicherlich in fünfzehn Stunden mit dem Abenteuer durch. In meinem Fall sind hieraus 45 Stunden geworden, da ich natürlich auch wieder alle Sammelgegenstände aufklauben und optionale Aufträge abschließen wollte. Soll heißen, dass Assassin’s Creed: Rogue zu mindestens zwei Dritteln wieder als längere Beschäftigungstherapie fungiert.
Gegenwartsdilemma
Bevor ich auf das Gameplay zu sprechen komme und wie gewöhnlich über so manche Dinge wettern darf, möchte ich die Autoren bei Ubisoft noch ganz kurz eine immens wichtige Frage zur Gegenwartshandlung stellen: Was soll das alles? Es ist schlimm genug, dass ihr Desmond Miles in Assassin’s Creed III aus der Story geschrieben habt. Jetzt wollt ihr mich wohl in jedem neuen Kapitel mit einem anderen stummen Charakter aus der First-Person-Perspektive abspeisen. Mensch! Nach einem Server-Ausfall muss ich in dem aus Assassin’s Creed IV: Black Flag bekannten Bürogebäude als Techniker den Laden wieder zum Laufen bringen und regelmäßig zurück in den Animus steigen, um Shays Geschichte zu rekonstruieren. Während im vierten Serienteil wenigstens noch frühere Verbündete von Desmond aufgetreten sind, ist davon in Assassin’s Creed: Rogue nichts mehr zu sehen. Allenfalls sind diese Figuren Randnotizen in E-Mails, Audiofiles und Videoschnipseln, die ich mühselig sammeln darf. Dabei erhalte ich auch immer mehr Informationen über meinen digitalen Vorgesetzten, der hier aber ganz klar als böser Templer personifiziert wird. Ganz am Ende stellt dieser mir sogar die Frage, ob ich mich nun den Templern anschließen will – und wedelt dabei offensichtlich mit seiner Pistole herum. Eine Entscheidung fällt übrigens nicht; der Abspann läuft einfach weiter.
Schiffsgefechte im Nordatlantik
Es ist doch zum Verrücktwerden! Gerade der Aspekt, den ich an der ganzen Reihe immer am spannendsten hielt, zumal in den ersten Serienteilen alles noch auf ein Ziel hinauslief, wird in meinen Augen von Spiel zu Spiel weiter zerstört. Beide Story-Ebenen haben großes Potenzial, doch die Handlungsstränge leiden unter verschiedenen Problemen. Der stumme Protagonist der Gegenwart hat kein Profil und ihm ist es offenbar egal, was Abstergo mit ihm macht. Shays Geschichte ist hingegen zu kurz. Da es aber mehrere Abschnitte gibt, die ihn nach Paris führen, erwarte ich von Ubisoft, dass ich die Figur in Assassin’s Creed: Unity – wenn auch als Gegenspieler –, wiedersehen darf. Paris liegt für mich jedoch in weiter Zukunft. Assassin’s Creed: Rogue spielt im Nordatlantik, in New York und im Grenzland zu Kanada dahinter. Um von einem Ort zum anderen zu gelangen, nutze ich das Schiff Morrígan, das sich zudem leicht besser steuern lässt wie die Jackdaw aus dem vierten Serienteil. Gerade die Schiffsschlachten, die auch in puncto Schwierigkeitsgrad wesentlich angenehmer ausfallen, machen so deutlich mehr Spaß. Obwohl diese mehr oder weniger an der Tagesordnung stehen, wenn ich übers Meer segle, wirkt die Action plötzlich flüssiger. Selbst das Entern feindlicher Schiffe ist nicht mehr so nervenaufreibend. Eine Schiffsflagge musste ich zum Beispiel nur zweimal einholen.
Gangs of New York
Geht es aber an Land, bekomme ich es mit voller Wucht mit der Identität der Serie zu tun. Es müssen Türme erklimmt werden. Durch den Blick aufs Umland decke ich dann etliche Collectibles auf, die ich einsammeln darf. Hinzu kommen Außenposten, deren Lager ich ausräume. Gesammelte Materialien stecke ich in die Aufrüstung der Morrígan oder nutze sie, um Immobilien zu renovieren. Auch Nachschublager oder Schiffskonvois sind vor mir nicht sicher. Dadurch, dass ich die Seiten gewechselt habe, werde ich jedoch gerade in New York an fast jeder Ecke von Assassinen aufgelauert. Anfangs fand ich diesen Umstand ja noch amüsant, aber selbst das Übernehmen der Bandenlager dezimiert ihren Bestand einfach nicht. Ein Glück, dass nur ein kleiner Teil der Story in New York spielt und ich die meiste Zeit Ruhe vor den Attentätern habe. All dies zeigt aber sehr gut, dass den Entwicklern bei Ubisoft vermutlich von oben diktiert wird, möglichst wenig zu ändern. Für die positive Entscheidung bei der Schiffssteuerung folgte die negative Konsequenz bei den Banden. Auch wenn mir trotz allem Assassin’s Creed: Rogue ganz gut gefallen hat, ist die Luft für mich wirklich raus, wenn optionaler Kram den eigentlichen Kern des Spiels doppelt übertüncht. Mit Assassin’s Creed: Unity erwarte ich nicht nur einen technologischen, sondern auch einen spielerischen Sprung. Ob ich letzteren bekomme, bezweifle ich zwar, doch Ubisoft darf mich eines Besseren belehren.
Geschrieben von Eric Ebelt