1995 strahlte der Fernsehsender TV Tōkyō mit Neon Genesis Evangelion eine Anime-Serie aus, die mit philosophischen Themen und brachialer Mecha-Action punktete, aber zunächst gar nicht so beliebt war und zudem mit einem abstrusen Ende eine Kontroverse losbrach.
In den 1990er-Jahren entwickelte der japanische Regisseur Anno Hideaki im Anschluss an seine Arbeit an Die Macht des Zaubersteins eine weitere Anime-Serie, die unter Fans auch Jahrzehnte nach der Erstausstrahlung heftig und kontrovers diskutiert wird. Die Rede ist von Neon Genesis Evangelion aus dem Jahr 1995. Im Mittelpunkt der Geschichte des philosophisch aufgeladenen Science-Fiction-Werks steht der 14-jährige Ikari Shinji. Zu Beginn der Handlung kommt dieser nach Neo-Tōkyō 3, um seinen Vater zu treffen. Angesiedelt im Jahr 2015, das während der Produktion noch mehr als zwanzig Jahre in der Zukunft lag, kann es sich aber nicht um ein freudiges Wiedersehen zwischen Vater und Sohn handeln. Im Jahr 2000 der Serienhandlung hat ein ominöses Ereignis namens Second Impact dafür gesorgt, dass die Polkappen geschmolzen sind. Dies führte dazu, dass ein Großteil der Menschheit ausgelöscht wurde. Fünfzehn Jahre danach steht die Menschheit vor einer neuen Bedrohung. Wie aus dem Nichts tauchen in regelmäßigen Abständen gigantische Engel genannte Wesen auf, die jegliche Bedrohung aus dem Weg räumen und auch die letzten Menschen vernichten wollen. Um sich gegen die Engel zu erwehren, haben die Menschen biomechanische Roboter entwickelt. Eine dieser titelgebenden Evangelion-Einheiten soll schlussendlich Shinji steuern.
Charaktergetriebene Science-Fiction-Story
Storytechnisch setzt Neon Genesis Evangelion in den ersten Episoden größtenteils auf verständliche Konflikte und Zusammenhänge und kombiniert dies mit problemloser Mecha-Action im Stile von Mobile Suit Gundam. Zwischendurch fallen jedoch immer wieder einzelne Begriffe, die wiederholt erwähnt die Aufmerksamkeit des Zuschauers wecken. Diese Begrifflichkeiten stammen vor allem aus dem mythologischen wie philosophischen Spektrum der Menschheitsgeschichte. Dementsprechend gelingt es der Anime-Serie nach und nach das Science-Fiction-Konstrukt mit einer kräftigen Portion Mystery aufzuwerten. Dem Zuschauer wird schnell bewusst, dass mehr hinter den Engel-Angriffen steckt und auch die Evangelion-Einheiten Geheimnisse umgeben. Vorteilhaft ist ebenfalls, dass die illustren Charaktere um Shinji herum die Geschichte immens aufwerten. Unter anderem kommt der an Selbstbewusstsein mangelnde Protagonist bei Einsatzleiterin Katsuragi Misato unter, die innerlich jedoch selbst an der Vergangenheit zu knabbern hat. Ayanami Rei, ebenfalls eine Evangelion-Pilotin, zieht sich hingegen von ihrem Umfeld zurück. Die andere Pilotin, Sōryū Asuka Langley, ist dafür umso aufbrausender, aber nicht minder eine komplexe Figur. Neben dem Kampfalltag tragen die Charaktere von Neon Genesis Evangelion ihre Differenzen auch in der Schule aus.
Problematisches Ende der Serie
All das klingt grundsätzlich ziemlich spannend – und das ist die Serie bis zur 24. von insgesamt 26 bildgewaltigen Episoden auch. Zum Ende hin wird die Geschichte allerdings immer düsterer und derart wirr, dass sie für den einen oder anderen Zuschauer sogar unverständlich sein könnte. Hierfür hat der Regisseur von Fans gleichermaßen Lob als auch Kritik geerntet, was unter anderem dazu führte, dass sich dieser aus der Öffentlichkeit kurzzeitig zurückzog. 1997 folgte dann mit Neon Genesis Evangelion: Death & Rebirth ein Kinofilm, der größtenteils eine holprige Zusammenfassung der Serie darstellt. Diese Kernessenz ist im Film Neon Genesis Evangelion: Death (True)² enthalten, der auch Teil der Special Edition auf Blu-ray Disc ist. Dieser Streifen lässt sich aber problemlos überspringen, nicht jedoch der Abschlussfilm Neon Genesis Evangelion: The End of Evangelion, der die Episoden 25 und 26 revidiert respektive als eine Art verlängertes Remake neu beziehungsweise alternativ erzählt. Leicht zu verdauen ist keines der beiden Enden von Annos kultverdächtigem Meisterwerk. Schade ist, dass beide Filme im Gegensatz zur Serie nicht mit deutscher Synchronisation auf den Blu-ray Discs vorliegen. Lediglich die aufgeteilte Remake-Variante in zwei 45-minütigen Episoden ist im Bonusmaterial auch auf Deutsch ansehbar, teilweise aber mit anderen Synchronsprechern.
Beste, aber lieblose Version
Während die Anime-Serie altersbedingt nur im 4:3-Format auf den Blu-ray Discs vorliegt, ist das kein Weltuntergang. Die HD-Variante besticht größtenteils mit einem knackscharfen Bild und überzeugt mit tollen Effekten und geschmeidigen Animationen. Selbiges ist auch bei den beiden enthaltenen Kinofilmen der Fall, die aufgrund des Lichtspielhausformats natürlich im bildschirmfüllenden 16:9-Format zu erleben sind. Der Ton geht in DTS-HD Master Audio 5.1 ebenfalls in Ordnung. Sowohl die deutsche als auch die japanische Synchronisation wissen zu gefallen. Vorteilhaft an der Special Edition von Leonine Anime aus dem Jahr 2022 ist definitiv die Verwendung der alten deutschen Synchronfassung von 2004, die uns noch einen Ticken besser gefällt als die Synchronisation von Streaming-Anbieter Netflix. Problematisch sehen wir jedoch das Bonusmaterial, denn dieses besteht überwiegend nur aus Zusammenfassungen des Animes. Making-ofs, Gespräche mit den Synchronsprechern oder gar dem Regisseur sind nur bedingt enthalten und verstecken sich teils sogar in den Zusammenfassungen. Besser gefällt uns das 84-seitige Booklet, das leicht tiefere Einblicke in die Psychologie der Charaktere und der Gestaltung der Serie gibt. Eine umfassende Aufklärung bleibt bei Neon Genesis Evangelion, das zwischen 2007 und 2021 sogar eine Neuauflage erhielt, abermals verwehrt. Die Special Edition bleibt trotz allem die beste Option, die Serie nachzuholen.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung und dem Stream bei Netflix): Vor ein paar Jahren habe ich Neon Genesis Evangelion bei Netflix nachgeholt, nachdem mir die Serie von Freunden immer wieder ans Herz gelegt wurde. Diese haben mir allerdings nicht erklärt, dass das Ende von allen Seiten kontrovers diskutiert wird. Obwohl mir die Anime-Serie von Anno Hideaki ziemlich gut gefällt, zähle ich mich zu den Personen, die mit dem Ende nicht viel anfangen können. Trotzdem musste ich der Serie noch eine zweite Chance geben und habe sie über ein paar Wochen hinweg noch einmal geschaut und mich in der Tiefenpsychologie der Charaktere probiert. Es tut mir sehr Leid, doch nach wie vor ist das Ende für mich unbegreiflich. Versöhnlicher bin ich mit der revidierten Fassung aus Neon Genesis Evangelion: The End of Evangelion. Zwar muss ich auch hier sehr viel interpretieren und sonderlich glücklich bin ich nicht, aber die Zeit bis dahin habe ich erneut sehr genossen. Mir gefallen die vielen philosophischen wie mythologischen Themen, der Mystery-Einschlag und nicht zuletzt die Mecha-Action wie sie im Buche steht. Deshalb kann ich jedem nur raten, sich einmal an die Anime-Serie heranzutrauen. Ihr werdet in meinen Augen zumindest bis zur 24. Episode nicht enttäuscht werden. Ob ihr Neon Genesis Evangelion danach wie viele andere in den Himmel lobt oder eher mit einem Kopfschütteln den Fernseher ausschaltet, überlasse ich lieber euch selbst. Nur so viel sei euch gesagt: Gefällt euch die Serie nicht, solltet ihr euch auch nicht an Rebuild of Evangelion wagen, denn da wird es überraschend noch viel abgedrehter.