Special: Der Tod physischer Medien und das Ende der Kunst auf PlayStation-Konsolen

Am 1. Juli 2026 kündigte Sony Interactive Entertainment an, ab 2028 keine physischen Spiele mehr für die hauseigene Konsole zu veröffentlichen. Dieser Trend hin zu einer rein digitalen Distribution dieser Kunstwerke wird äußerst zwiegespalten aufgenommen und birgt mehr Nachteile als Vorteile.

Dass sich der Fortschritt nicht aufhalten lässt, ist eine allgemein gültige Annahme unserer Gesellschaft. Das geflügelte Wort besagt unter anderem, dass sich ein Einzelner nicht gegen technische Innovationen auflehnen kann. Technologien kommen und erkämpfen sich ihren Platz in der Welt und werden früher oder später kollektiv akzeptiert. Dennoch gibt es diese Rebellen, zu denen sich auch der Autor dieser Zeilen zählt, die gegen den Strom schwimmen. Der 1. Juli 2026 hat gerade langjährige PlayStation-Fans, die seit Jahrzehnten dem Unternehmen die Treue halten, schwer getroffen. Sonys Ankündigung, ab dem 1. Januar 2028 keine neuen Spiele mehr auf physischen Datenträgern zu veröffentlichten, war für sie ein Schlag in die Magengrube. Angeblich wandelte sich das Kaufverhalten. Games Wirtschaft veröffentlichte am 8. Mai 2026 hierzu einen Beitrag, aus dem hervorgeht, dass 85 Prozent aller verkauften PlayStation-4- oder PlayStation-5-Spiele digital erworben werden. Dies mag in der Sache durchaus richtig sein, ist aber dennoch irreführend, denn hierzu zählen auch Download-Inhalte, Mikrotransaktionen und kleine Titel, die ohnehin nicht physisch im Einzelhandel erscheinen. Dass die Zahlen für große Spiele zwar alarmierend, aber nicht so schlecht wie suggeriert sind, zeigen geschätzte Verkaufszahlen von Alinea Analytics vom 3. Juli 2026.

Gefärbte Betrachtungsweise

Beispielsweise zeigt selbst Sonys hauseigener Titel Ghost of Yōtei, das 35,4 Prozent der Verkäufe auf physische Exemplare des Spiels zurückgehen. In Angesicht des Aufschreis, der ab der ersten Minute seit Sonys Ankündigung durch das Internet hallt, dürfte nachvollziehbar sein, dass es genügend Spieler gibt, die sich aufgrund eines Millionenverdienstes an den Kopf packen. Natürlich wird von dieser Menge auch ein gewisser Prozentteil auch dann zum Spiel greifen, wenn es rein digital erhältlich wäre, aber womöglich dürften dies nicht so viele Menschen sein, wie sich Sony das erhofft. Hier stellt sich die Frage, warum es diesen Spielern derart wichtig ist, eine physische Kopie eines Kunstwerks erwerben zu können, anstatt auf die digitale Kaufoption zurückzugreifen – schließlich ist ein Download im Zeitalter des Hochgeschwindigkeitsinternets schnell erledigt und das Spiel verkommt im Regal nicht zum Staubfänger. Auch gibt es so gut wie unter jedem Beitrag im Netz, unter denen Fans ihrem Frust freien Lauf lassen, Stimmen, die aussagen, dass das eben schlicht die Zukunft sei, Spiele als Downloads wesentlich bequemer seien, ein Spiel nach dem Durchspielen eh nicht mehr angerührt würde und Videospiele inzwischen so groß seien, dass sie eh nicht mehr auf eine einzelne Disc passen würden. Die Zukunft wird es womöglich sein – alles anderes ist aber Humbug!

Falsche Behauptungen

Es stellt sich alleine schon die Frage, warum ein Download bequemer als eine Installation sein soll. Wer sich im Ballungsraum von Tōkyō und Yokohama aufhält, in großen Metropolen der Vereinigten Staaten von Amerika lebt oder auch in deutschen Großstädten verwurzelt ist, wird wohl Zugriff auf Bandbreiten jenseits von Gut und Böse haben. Wie die Bundesregierung erst am 21. April 2026 bekanntgegeben hat, verfügen gerade einmal 42 Prozent der deutschen Haushalte über einen Glasfaseranschluss. Somit können Downloads in ländlichen Gebieten vielleicht „schnell“ vonstatten gehen, aber nicht unbedingt mit einer Installation von der Disc auf die Festplatte der Konsole mithalten. Auch die Behauptung, dass fast alle Spiele gar nicht mehr auf dem Datenträger vorhanden sind und ein Download ohnehin erforderlich sei, ist schlicht falsch. Laut der Statistik von DoesItPlay? vom 8. Juli 2026 lassen sich 66 Prozent aller 777 eingetragenen PlayStation-5-Titel sowie 73 Prozent aller 1214 gelisteten PlayStation-4-Spiele problemlos ohne Download spielen. Nur 13 beziehungsweise 10 Prozent der Titel, die physisch auf Disc angeboten werden, benötigen tatsächlich einen Download. Die restlichen Prozentpunkte entfallen auf Spiele, bei denen Patches zum Durchspielen empfohlen werden – ein Problem, das Publisher seit Jahrzehnten längst hätten bekämpfen können.

Lizenz statt Besitz

Auch die Aussage, dass ein Spiel nach dem Durchspielen nicht mehr angerührt würde, ist doch eine hanebüchene Sache. Selbstredend rühren selbst die größten Zocker ein Spiel kaum ein zweites Mal mehr an, das zum Durchspielen mehr als einhundert Stunden verschlingt. Es gibt aber genauso gut Spieler, die ihre Zeit lieber mehrfach in ein Spiel stecken, um den letzten Winkel zu erkunden. Außerdem kann es ein befriedigendes Gefühl sein, die Packung aus der alphabetischen, chronologischen oder nach anderen Kategorien geordneten Sammlung in die Hand zu nehmen und in Erinnerungen zu schwelgen. Auch das spielerische Kunstwerk einem Freund auszuleihen, der mal wieder einen finanziellen Engpass hat oder einfach noch nicht den Videospielgeschmack hat, den er haben sollte, ist mit rein digitalen Spielen derzeitig nicht möglich. Hier wird auch direkt das nächste große Problem sichtbar: Ein digitales Spiel gehört einem nicht. Es ist lediglich eine widerrufbare Lizenz des Herstellers, die einem nur so lange zur Verfügung steht, wie der Hersteller auch gewillt ist, das Produkt anzubieten. Sony hat dies mit im PlayStation Network gekauften Studiocanal-Produkten ein paar Tage vorher wunderbar demonstriert, denn ab dem 1. September 2026 verschwinden ganze 551 Werke aus den Bibliotheken der ehrlichen Käufer, wie Moviebreak schon am 29. Juni 2026 berichtete.

Digitales Ablaufdatum

Wer ein Spiel digital erwirbt, geht damit das Kalkül ein, dass die Lizenz irgendwann entzogen wird, wenn das Spiel aus dem Store als auch aus der Bibliothek entfernt wird. Zugegebenermaßen ist dies bisher kaum bis gar nicht vorgekommen, die Gefahr bleibt dennoch real. Die physische Kopie ist natürlich nicht vor Diebstahl gesichert, bleibt aber bis zu ihrer Abnutzung spielbar. Dadurch entsteht jedoch die Frage, wie Videospiele als Kunstwerke für die Zukunft erhalten bleiben sollen, wenn es keine physische Version mehr gibt. Präservation ist nicht nur für den Käufer wichtig, sondern auch von musealischer Relevanz. Spiele halten der Menschheit einen Spiegel vor, treffen gesellschaftskritische Aussagen und sind ein Zeitzeugnis. Am gleichen Tag mit der Bekanntgabe der Einstellung der Produktion physischer Spiele kündigte der Konzern an, die Download-Stores von PlayStation 3 und PlayStation Vita zu schließen. Es sind zugegeben alte Konsolen, aber es zeigt, dass auch die Stores der nachfolgenden beiden Konsolen nicht ewig offengehalten werden. Somit sind digitale Güter vergänglicher als physische Medien, was bei genauerer Betrachtung schlicht absurd ist. Einerseits sollen digitale Käufe die Zukunft sein, andererseits sind sie schon längst Vergangenheit. Hier prallen zwei Welten aufeinander, die ungeschönt Sonys Ziel zum Vorschein bringt, Geld zu verdienen.

Versteckte Kosten durch limitierten Speicherplatz

Unter den Kommentaren befanden sich auch Aussagen, die behaupteten, dass Sony die Preise anpassen könnte und Spiele nun günstiger werden. Wer so etwas behauptet, hat das Konzept des Kapitalismus nicht ganz verstanden. Sony ist ein Unternehmen und ist bestrebt, den Gewinn zu maximieren – das ist in einer leistungsorientierten Gesellschaft auch völlig legitim. Das Problem wird sich in der Preisgestaltung wiederfinden, denn Spiele sind in den letzten Jahren teurer geworden. Nur weil Sony die Spiele auf Disc nicht mehr für die hauseigenen Studios oder Dritthersteller produzieren muss, heißt das noch lange nicht, dass die Preise automatisch schrumpfen. Das für den 19. November 2026 geplante Grand Theft Auto VI erscheint nach aktuellem Stand nicht in einer Disc-Version, sondern nur als Downloadversion und kostet je nach Version zwischen 80 und 100 Euro. Wer das Spiel im Laden erwirbt, kauft nur einen Zettel mit einem Downloadcode in einer Schachtel, der nach der Einlösung nicht verliehen oder weiterverkauft werden kann. Dies wäre sicherlich ein denkbares Szenario für Sony in der Zukunft und ist durchaus ökologisch vertretbar, bis es um das Speichermanagement geht. Wer Spiele dauerhaft gespeichert haben möchte, ohne ständig zu löschen, muss teure Festplatten erwerben. Der Kauf des Spiels auf Disc ist für den Kunden viel günstiger.

Friedhofsstimmung

Es wird aber noch besser: Wenige Tage nach diesen beiden Ankündigungen verkaufte Sonys Präsident Totoki Hiroki laut Eurogamer mehr als die Hälfte seiner Aktienanteile. Wie zudem PlayCentral berichtete, tauchen bei einigen Spielern wohl Rabatte für PlayStation Plus, dem Online-Angebot, von bis zu 50 Prozent auf. Böse Zungen behaupten sogar schon, dass Sony alles daran setzt, sich selbst zu beerdigen. Auch wenn sich die Zeiten in den letzten zehn Jahren gewandelt haben, ist es schon erstaunlich, wie sich Sony um 180 Grad gedreht hat. Als Microsoft mit der Xbox One im Jahr 2013 gegen den Gebrauchtmarkt vorgehen wollte, hat sich Sony als Samariter aufgespielt und klar gezeigt, dass der Konzern wirklich für alle Spieler da ist, welche die Kunstwerke auf der PlayStation 4 erleben wollten. Von diesem Kunstverständnis ist nichts mehr zu sehen. Stattdessen droht ein Monopol am Horizont, bei dem der Kunde nur noch im hauseigenen Store einkaufen soll – gerade in der Europäischen Union dürfte dies noch interessant werden. Zieht Sony diesen Schritt wirklich durch, wird es sehr schwierig, die Kunstwerke zu bewahren. Hier steht Sony in der Verantwortung, den eigenen Künstlern als auch Drittherstellern und vor allem den Spielern neue Möglichkeiten zu geben und dies schnellstmöglich zu kommunizieren und das Grab nicht noch tiefer zu schaufeln.

Ende eines Kunstverständnisses

Provoziert oder unbeabsichtigt: Was bleibt, ist ein Mediendesaster. Womöglich hat Sony nicht damit gerechnet, dass sich großer Widerstand unter den Fans regt. Diese wollen sich je nach Aussage die künftige PlayStation 6 nicht mehr zulegen und planen sogar, ihr PlayStation-Plus-Abonnement zu kündigen oder haben dies längst getan. Inzwischen wurde für den Erhalt der Disc-Produktion sogar eine Petition ins Leben gerufen, die am 10. Juli 2026 bereits über eine Viertelmillion verstimmter Liebhaber physischer Medien unterzeichnet haben. Ob dies die Verantwortlichen bei Sony zum Umdenken bewegt, gilt als unwahrscheinlich, bleibt zum jetzigen Zeitpunkt aber offen. Wenn Sony die Wahl nimmt, an welchen Orten und vor allem zu welchen Preisen zukünftige Meisterwerke vom Schlage eines Remakes von Demon’s Souls, des Action-Adventures Uncharted 4: A Thief’s End, des Survival-Horror-Spiels The Last of Us: Part II, des Rogue-likes Returnal, des kunterbunten Ratchet & Clank: Rift Apart, des charmanten Astro Bot, des Rennspiels Gran Turismo 7, des Japanausflugs Ghost of Yōtei oder von God of War: Ragnarök zu erwerben sind, wird dies spürbare Folgen für die Wertschätzung von Spielen haben. Schon in Angesicht des zu erwartenden vierstelligen Kaufpreises der PlayStation 6 wird Kunst zu einem Luxusgut erhoben, was in einer modernen Gesellschaft niemals der Fall sein darf. Ohne Gebrauchtmarkt, Tauschmöglichkeiten, Angeboten und Verfügbarkeiten kann dies das Ende der Kunst auf PlayStation-Konsolen zementieren, was ein herber Verlust für alle Videospieler wäre.

Geschrieben von Eric Ebelt

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