Review: Addams Family

Fünf Jahrzehnte lang werkelte Comic-Zeichner Charles Addams an seinem wohl bekanntesten Werk, der nach ihm selbst benannten Addams Family. Nach seinem Tod im Jahr 1988 dauerte es nicht lang, bis die groteske Familie am 22. November 1991 die Kinoleinwand eroberte.

Angefangen als Comicstrips im US-amerikanischen Nachrichten-, Kultur- und Literaturmagazin The New Yorker, war die Addams Family spätestens in den 1960er-Jahren mit einer Fernsehserie jedem Fernsehzuschauer bekannt. Zumindest in den Vereinigten Staaten von Amerika dürfte dies der Fall gewesen sein, denn im deutschsprachigen Raum wurden von der Serie im Jahr 1970 zunächst nur wenige Episoden synchronisiert. Erst 1989 wurden die restlichen Folgen auf Deutsch vertont und haben den Konsumenten zu diesem Zeitpunkt hierzulande bestens auf die Verfilmung des Stoffes durch Regisseur Barry Sonnenfeld vorbereitet. Jüngeren Lesern könnte die Addams Family wohl eher durch die Animationsfilme von 2019 und 2021 bekannt sein – oder noch eher durch die Fernsehserie Wednesday. Bei der titelgebenden Addams Family handelt es sich um eine US-amerikanische Familie, die Charles Addams als satirisches Gegenstück zum idealisierten Familienbild gezeichnet hat. Sie hat einen Hang zum Morbiden und Grotesken, erfreut sich offenbar an allem Schrecklichen und Geschmacklosen und hüllt sich den Umständen entsprechend in dunkle wie triste Kleidung. Mit ihrer eigensinnigen Art, die sie von ihrem sozialen Umfeld abgrenzt, sind sie aber keine bösartigen Kreaturen. Wer schwarzen Humor inhaliert, wird die Addams Family sofort ins Herz schließen.

Identitätskrise eines verloren geglaubten Bruders

Handlungstechnisch spielt der Film aus dem Jahr 1991 ein Vierteljahrhundert nach dem Streit zwischen Familienoberhaupt Gomez Addams und seinem Bruder Fester. An jedem Jahrestag von Festers Verschwindens hält die Familie, bestehend aus Gomez, seiner Frau Morticia, der durch die bereits angesprochene Netflix-Produktion bekannte Tochter Wednesday, dem Sohn Pugsley und Morticias Mutter Granny, eine Seance ab, um Kontakt zu Fester aufzunehmen. Beim fünfundzwanzigsten Versuch gelingt es ihnen und Fester kehrt nach Hause zurück. Zu diesem Zeitpunkt wissen sie aber noch nicht, dass es sich bei Fester um den vermeintlichen Hochstapler Gordon Craven handelt, der – angetrieben durch seine herrische Mutter Abigail und dem in Geldnöten steckenden Buchhalter Tully Alford –, in die Addams Family eingeschleust wird. Er soll das Familienerbe an sich reißen. Obwohl Fester beziehungsweise Gordon zunächst mit den Sitten und Unsitten der Familie zu kämpfen und an den zwischenmenschlichen Beziehungen zu knabbern hat, fühlt er sich mit der Zeit richtig heimisch und passt sich seiner Umgebung an. Zwischen Loyalität zu seiner Mutter und dem unkomplizierten Leben in seiner neuen respektive alten Familie hin- und hergerissen, muss er sich schlussendlich für eine der beiden Seiten und damit für seine ganz persönliche Identität entscheiden.

Verkehrte Welt für Außenstehende, Alltag für die Addams Family

Insgesamt fasziniert die Horrorkomödie fast einhundert Minuten lang mit schwarzem Humor. Es darf dabei aber keine so hohe Gagdichte erwartet werden, wie sie bei Die nackte Kanone vorliegt. Der Humor kennt keine Höhen und Tiefen und bleibt durchweg auf demselben Niveau. Wenn Wednesday zum wiederholten Male versucht, Pugsley mit einem Degen abzustechen, mit einem Hackebeil zu malträtieren oder auf einem elektrischen Stuhl zu grillen – und Morticia das auch noch erlaubt und von Pugsley regelrecht erfleht wird –, dann regt das zum Dauerschmunzeln an. Wie in der Comicvorlage gelten für die Addams Family umgedrehte Gesetze. So serviert Granny bei den Mahlzeiten teils Lebendiges und Morticia schneidet im Gewächshaus die Rosenblüten ab, die danach zum Verwelken auf dem Boden liegen bleiben. Auch das riesige Anwesen, das über einen eigenen Friedhof und eine Gruft unterhalb des Herrenhauses verfügt, hat seinen ganz eigenen Charme. Dies dürfte unter anderem daran liegen, dass es sorgfältig gepflegt wird von Butler Lurch. Nicht vergessen werden darf das eiskalte Händchen. Während sich dieses in der Wednesday-Serie zu einem der beliebtesten Figuren entwickelt hat, mimt die autonom agierende und herumkrabbelnde rechte Hand im Film die Rolle eines treuen Dieners und wird noch mehr seinem englischen Namen Thing gerecht.

Zusammengesetztes Schauspiel aus Meisterhand

Besonders lobenswert ist das grandiose Schauspiel sämtlicher Hauptdarsteller. Allen voran sei hier der schon 1994 verstorbene Raúl Rafael Carlos Juliá y Arcelay erwähnt, der Gomez markantes Äußeres für lange Zeit definierte. Überdreht, aber stets zielgerichtet steht Gomez für seine Familie ein. Christopher Allen Lloyd zeigt hingegen mit Mimik und Gestik wunderbar die Wandlung von Gordon zu Fester. Christina Ricci gelingt es hingegen, Wednesday als Nachwuchskillerin zu inszenieren, da sie nicht nur ihren Bruder ins Grab bringen will, sondern einen derart scharfen Blick des Todes aufsetzt, dass sich wohl jeder bis ins Mark fürchten würde. Besondere Eleganz und ein Auge für die umgedrehte Ästhetik bringt hingegen Anjelica Huston als Morticia mit, die von Gomez selbst in der Lage des drohenden Todes angehimmelt wird. Carel Struycken, den Fernsehserienfans definitiv aus Twin Peaks wiedererkennen werden, spielt hingegen Butler Lurch, der mit einer Körpergröße von über zweihundertzehn Zentimetern durchaus eine erschreckende Wirkung haben kann. Nebenfiguren wie dem am ganzen Körper beharrten Vetter It zeigen gut, wie vielseitig die Verwandtschaft außerhalb der Kernfamilie ist. Das frische Filmuniversum erlöschte 1991 allerdings nicht, denn schon zwei Jahre später erschien mit Die Addams Family in verrückter Tradition eine ebenso lustige Fortsetzung.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Aufgrund der komplizierten Rechtslage war es im deutschsprachigen Raum lange Zeit nicht möglich, eine Kopie des Films auf DVD oder Blu-ray-Disc zu erhalten. 2013 hatte das Drama aber zum Glück ein Ende, sodass Filmfans seither in den Genuss dieses Filmklassikers aus dem Jahr 1991 kommen können – und meiner Meinung nach auch sollten. Mich persönlich hat der Film bereits in jungen Jahren stark geprägt. Das erste Mal habe ich ihn im zarten Alter von sieben Jahren im Hotelkino auf Ibiza bruchstückhaft gesehen. Natürlich habe ich die Satire im Film zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstanden, geschweige denn wahrgenommen, aber dennoch habe ich den Film viele Jahre später aus der Videothek ausgeliehen bekommen und in mich aufgesogen. Auch heute noch kann der Film von Regisseur Barry Sonnenfeld faszinieren, sofern ein Faible für schwarzen Humor vorliegt, der sich eigentlich über den ganzen Film nicht entwickelt und stets auf derselben Stufe verharrt. Fast würde ich sagen, dass der Film diesbezüglich einhundert Minuten lang vor sich her dümpelt, aber schlimm ist das in meinen Augen absolut nicht. Die Addams Family ist derart charmant und innerhalb der Filmwelt durchaus glaubhaft, da sie nach festen und zuweilen selbst aufgestellten Regeln agiert, was nicht zuletzt am tollen Schauspiel durch Größen wie Christopher Lloyd oder Christina Ricci liegt, die ihren Charakteren reichlich Leben einhauchen. Wer die Addams Family noch nicht kennt, sollte diese Kulturlücke unbedingt ausmerzen und eine neue Sichtweise auf das Groteske erhalten.

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