Review: Summer Wars

In Zeiten des Internets und sozialen Netzwerken finden zwischenmenschliche Interaktionen vermehrt nur noch virtuell statt. Anders als ins Geschäft zum Einkaufen zu fahren, bestellen wir die gewünschten Artikel einfach online. Selbst die Partnersuche stellt theoretisch keinerlei Probleme dar, wie uns Dating-Portale mitteilen möchten. Kenji Koiso, der Protagonist von Summer Wars, lebt ebenfalls in einer technisch ausgereiften Welt und muss am eigenen Leib erleben, dass das Internet ebenso unsicher wie das wahre Leben ist.

Kenji und sein bester Freund Takashi Sakuma gehen gemeinsam in die zweite Stufe der Kuonji-Oberschule in Tokyo. Als der Sommer hereinbricht, haben beide bereits einen Job für die Ferien gesucht. Als Aushilfe unterstützen sie die Systeminspektion und –wartung von OZ, einem gigantischen Online-Netzwerk. Plötzlich stürmt ihre Freundin Natsuki Shinohara ins Zimmer und bittet die beiden um Hilfe. Angeblich benötigt sie einen der beiden Jungs für ein paar kleinere Aufgaben auf dem Land bei ihrer großen Familie. Kenji willigt nach kurzem Zögern ein. Am nächsten Tag fahren die beiden mit dem Zug aufs Land. Angekommen bei Natsukis Familie, gibt die Oberschülerin Kenji als ihren Freund aus. Die Familie ist wie Kenji ebenfalls überrascht. Der Grund ist schnell gefunden: Natsukis Großmutter ist bereits sehr alt und gesundheitlich angeschlagen. Natsuki möchte nur, dass ihre Großmutter glücklich ist. Kenji ist mit der gegenwärtigen Situation zwar nicht wirklich einverstanden, doch verspricht er bei der Scharade mitzuspielen.

Zusammenbruch eines Netzwerks

Kurz nachdem sich das frischverliebte „Paar“ auf dem Land eingelebt hat, geschieht in der ersten Nacht etwas Seltsames. Kenji erhält eine Kurznachricht auf seinem Mobiltelefon, in der eine sehr lange Zahlenreihenfolge zu finden ist. Das Mathe-Genie setzt sich an die Lösung des Codes, was ihm am nächsten Tag zum Verhängnis werden soll. Das Online-Netzwerk OZ wurde laut den Fernsehnachrichten von einem Jugendlichen gehackt. Wie das in einer großen Familie so ist, kann man sich selten aus dem Weg gehen. Fortan wird Kenji nicht mehr als der perfekte Freund von Natsuki, sondern teilweise schon als Schwerverbrecher angesehen. Währendessen macht sich in OZ ein Virus breit, welches mehr und mehr Zugriff auf die reale Welt erhält. Die öffentliche Infrastruktur bricht stellenweise zusammen, Verkehrsleitsysteme geben nur noch falsche Daten aus und eine Sonde droht auf ein Atomkraftwerk zu stürzen. Ein Wettlauf gegen die Zeit steht Kenji und dem Rest aller OZ-Benutzer bevor. Diesen Sommer wird wohl niemand mehr vergessen können.

Leben ohne Internet ist (nicht) vorstellbar

Summer Wars ist ein Anime, der zum Denken anregt. Wenn wir ehrlich zu uns sind, müssen wir klar erkennen, dass das Internet ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens geworden ist. In sozialen Netzwerken lernen wir neue Freunde kennen und in Online-Rollenspielen lassen wir der Fantasie freien Lauf und bekämpfen gemeinsam mit anderen Spielern das Böse. Dieses Phänomen wirkt sich auf manche Personen leider negativ aus und wird aus diesem Grund von diversen Regierungen aufgrund unterschiedlicher Ursachen nicht toleriert. Für einen Großteil der menschlichen Bevölkerung hat sich durch das Internet viel geändert und viele werden die Änderungen auch nur bemerken, wenn es plötzlich nicht mehr da ist. Doch Summer Wars ist deutlich tiefgründiger. Der Film zeigt uns, was im schlimmsten Falle passieren kann, wenn Benutzerdaten in falsche Hände geraten oder gehackt werden. 1997 und 1999 haben die Vereinigten Staaten von Amerika zwei Versuche durchgeführt um zu beweisen, dass Cyber-Terrorismus möglich ist. Notrufsysteme wurden zerstört und Energieversorgungssysteme lahmgelegt. Summer Wars möchte überspitzt ausdrücken, dass wir in einer gefährlichen Welt leben – auch wenn im Anime keine Menschenleben gefordert wurden.

Drei wertvolle Eigenschaften

Des Weiteren beruht der Film auf den Tatsachen, dass Freundschaften nicht mehr vor der Haustür, sondern in den Weiten des Internets geschlossen werden. OZ orientiert sich am japanischen Facebook-Pendant Mixi, welches zu Produktionszeiten von Summer Wars circa 24 Millionen Mitglieder aufwies. Außerdem erscheint OZ wie eine virtuelle Welt, wie man sie aus Spielen wie „Second Life“ her kennt. Ein weiterer Bestandteil der Entwicklung zu OZ sei wohl die Videospielkonsole Wii gewesen, wie wir dem Booklet entnehmen können. Das man zusammen vor dem Bildschirm sitzt und gemeinsam ein Videospiel spielt, wird besonders gegen Ende des Films mehr als deutlich. Alle drei Grundideen setzten OZ nach und nach zusammen, um dem Anime den notwendigen Touch einer virtuellen Welt zu verleihen. Bis auf das man die Anzahl der weltweiten OZ-Nutzerkonten während des Films immer mal wieder durcheinander schmeißt, sind uns keinerlei Fehler aufgefallen die an der durchgehend guten Atmosphäre kratzen. Optisch wirkt der Anime sehr schön und an einigen Stellen auch sehr detailreich. Präsentiert wird der Anime im angenehmen 16:9-Format. Musikalisch hält sich der Film überwiegend im Hintergrund, doch bei Szenen wo akustische Klänge mehr als notwendig sind, erstrahlt die gut komponierte Musik in einem unvergesslichen Glanz.

Ein Meisterwerk unter den Animes

Die deutschen Synchronsprecher wurden so gut wie für jede Figur passend ausgewählt. Neben der deutschen und original-japanischen Sprachausgabe, befindet sich auch die italienische Synchronisierung auf dem Datenträger. Untertitel liegen allerdings nur in deutschen, polnischen und italienischen Texten vor. Die auf der Packungsrückseite angegebene Laufzeit von 114 Minuten können wir nach unserer ausgiebigen Testphase nur bestätigen, genau so wie die angegebene Laufzeit von 60 Minuten für das Bonusmaterial. Hier sei allerdings erwähnt, dass sich ein Storyboard mit der auf der Bonus-Disc befindet, welches parallel zum Film (allerdings nur in japanischer Sprache) läuft und somit für Fans weitere 114 Minuten Unterhaltung garantiert. Auf der zweiten DVD finden wir interessante Interviews mit dem Regisseur, sowie teils in der Anime-Szene neuen Synchronsprechern. Während der Regisseur viele Verbindungen zum Anime Das Mädchen das durch die Zeit sprang aufzählt, erzählen die Synchronsprecher von der neuen Erfahrung, die sie durch die Tonaufnahmen von Summer Wars gewonnen haben. Außerdem liegt der Deluxe-Edition neben fünf runden Stickern ein  vielseitiges Booklet mit vielen Informationen über den Film bei. Regisseur Mamoru Hosoda hat mit Summer Wars ein Meisterwerk geschaffen, welches aktuelle Geschehnisse gekonnt in Szene setzt und zum mehrfachen Nachdenken anregt. Wir meinen: Unbedingt zugreifen!

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (Basierend auf der DVD-Deluxe-Edition des Films): Als ich im letzten Jahr die Trailer diverser Animes auf der DVD zu Professor Layton und die ewige Diva gesehen habe, gewann Summer Wars meine Aufmerksamkeit. Der Trailer war gekonnt in Szene gesetzt und weckte mehr als nur meine Neugier. Als langjähriger Fan von Facebook, wollte ich mir unbedingt ansehen, welche Auswirkungen Datendiebstahl haben kann. Sicherlich kann man sich im Internet dutzende Berichte über Cyberterrorismus anschauen, doch wollte ich diese Thematik gerne aus der Sicht eines Japaners kennenlernen – und da liegt es nahe, sich einen Anime zum Thema anzuschauen. Summer Wars hat mich von der ersten Minute an überzeugt. Das virtuelle Netzwerk OZ wirkt für Europäer vermutlich befremdlich, doch wenn man sich mit der schrillen Pop-Kultur Japans anfreundet, kann man schnell mit der optischen Ansicht leben. Obwohl der Film immer wieder auf die virtuelle Welt und dessen Auswirkungen auf die Realität anspielt, überzeugen mich auch die zwischenmenschlichen Beziehungen von Natsukis Familie. Egal ob ich mir die Großmutter, welche das Oberhaupt der Familie einnimmt oder auch den uneheliche Sohn, der aus Amerika zurückkehrt ansehe – alle Charaktere besitzen eine einzigartige Persönlichkeit. Recht oberflächlicher Humor, der Zusammenhalt einer wahnsinnig großen Familie und eine gewisse Portion Dramaturgie machen meiner Meinung nach in nur wenigen Animes eine bessere Figur. Ich bin schon sehr gespannt, welchen Geniestreich sich Mamoru Hosoda für sein nächstes Werk ausdenken wird.

Vielen Dank an Anime Virtual für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsxemplars!

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