Review: Ip Man Trilogy

Nachdem die drei Filmbiografien um den Lehrmeister von Bruce Lee bereits vor Monaten auf DVD und Blu-ray erschienen sind, hat sich Splendid Film mittlerweile dazu entschlossen, die bahnbrechenden Martial-Arts-Meisterwerke in einer Drei-Disc-Box auf den Markt zu bringen.

Der erste und zugleich jüngste Film im Leinen-Schuber, Ip Man Zero, erzählt den Beginn der Legende. In der Vorgeschichte erfahren wir, wie Ip Man 1905 von seinem Vater in Foshan in der Wing-Chun-Kampfschule von Meister Chan Wah-shun eingeschrieben wird. Dort lernt er in den nächsten Jahren Kung-Fu, bis er nach dem Tod seines Meisters 1909 von dessen Nachfolger weiter trainiert wird. Im darauffolgenden Jahrzehnt beginnt Ip Man in Hongkong sein Studium, wobei er auch Leung Bik kennenlernt, der ebenfalls einmal Schüler in Foshan war. Er hat Wing Chun verändert, mit neuen Elementen vermischt. Als Ip Man nach Foshan zurückkehrt, stößt dies bei seinem Lehrer auf Missgunst. Nebenher kommt Ip Man einer Frau näher, sein Adoptivbruder heiratet und ein Ip Man nahestehender und wichtiger Mensch wird ermordet. Zudem kommen Geheimnisse ans Tageslicht, die auf den Konflikt zwischen China und Japan zurückzuführen sind. Die Handlung von Ip Man Zero dauert bis zum Jahr 1929 an. Im ersten Teil der Trilogie verkörpert nicht Donnie Yen, sondern Dennis To Ip Man. Die Rolle gelingt ihm sehr wohl – dieser Meinung ist auch Ip Chun, der älteste noch lebende Sohn von Ip Man, der in Ip Man Zero ein paar kurze Auftritte als Leung Bik einnimmt.

The Legend is born

Choreografisch korrekt gelingen Dennis To seine Angriffe. An nur wenigen Stellen merkt man, dass man mit künstlichen Elemente gedreht hat (beispielsweise wenn plötzlich eine Sitzbank zwei Meter in die Höhe katapultiert wird). Schauspieltalente wie Sammo Hung, Suet Lam, Siu-Wong Fan oder Yuen Biao findet man in Ip Man Zero ebenfalls, welche im circa 96-minütigen Film für Stimmung und Spannung sorgen. Die sehr gute Hintergrundmusik tut ihr übriges, damit wir mit den Charakteren in der teilweise frei erfundenen Handlung mitfiebern können. Qualitativ befindet sich das Bild fast durchgehend auf einem hohen Niveau, an manchen Stellen können wir aber deutlich sehen, dass wir es nur mit normaler und teils gehobener DVD-Qualität zu tun haben. Die Tonfassungen liegen in deutscher Sprache, sowie im kantonesichen Original vor – beide Versionen funktionieren für sich genommen sehr gut. Wer sich die kantonesische Tonspur zuschalten möchte, kann zusätzlich deutsche oder niederländische Untertitel aktivieren. Bonusmaterial ist bei Ip Man Zero rar gesät – einzig und allein werden uns 13-Minuten Making-Of-Material vorgesetzt. Bei einer so großen Produktion, wie es im Making-Of heißt, wäre deutlich mehr drin gewesen. Das ist Schade, doch befinden sich noch zwei weitere Blu-rays mit im Leinen-Schuber.

Krieg und Frieden

Der mittlere Teil der Ip-Man-Trilogie siedelt sich in den 1930er Jahren an. Der wohlhabende Ip Man nimmt keine Schüler an, er lebt zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn Chun aber immer noch in Foshan. Foshan hat sich mittlerweile zum Zentrum der Kampfkünste in China entwickelt, viele Kampfschulen unterrichten Wing Chun in der kleinen Stadt. In der ersten Hälfte des Films wird das Leben von Ip Man vor dem Kriegsausbruch geschildert. Als eine Gruppe von starken Kämpfern in die Stadt kommt und jeden Meister problemlos besiegen, liegt es an Ip Man die Ehre aller Bewohner von Foshan wieder herzustellen. 1937 marschieren die japanischen Truppen in das Land ein, kurz danach wird auch Foshan angegriffen. Ip Man wird aus seinem Haus vertrieben und muss Hunger leiden und im Bergwerk arbeiten. Einer der japanischen Generäle lässt Chinesen (unter anderem Ip Man) zu sich rufen, die gegen die japanischen Soldaten kämpfen sollen. Dass sich dieser von Ip Man beeindruckt fühlt, dürfte uns nach der ersten Hälfte des Films bereits klar sein. Als die Japaner nach dem Kampf nach ihm suchen, beginnt für ihn und seine Familie ein Höllentrip, der Leben und Tod einmal mehr erörtert. Der Film endet in der ersten Hälfte des Zweiten Weltkriegs, gibt allerdings Ausblicke auf das weitere Leben von Ip Man.

Zeitreise in die Vergangenheit

Während sich für Ip Man Zero Regisseur Herman Yau verantwortlich zeigt, übernimmt in Ip Man und Ip Man 2 nun Wilson Yip die Regie. Ip Man wird nun nicht mehr vom jungen Dennis To gespielt, sondern fortan vom älteren Donnie Yen verkörpert, was der Rolle von Ip Man selbstverständlich einen reiferen Charakter verleiht. Choreografisch gut wirken auch alle Angriffs- und Verteidigungsmechanismen der Wing-Chun-Techniken, die von den Akteuren ausgeführt werden. Sammo Hung, der in Ip Man Zero noch den Chan Wah-shun gespielt hat, übernimmt im Mittelstück der Trilogie eine Background-Rolle als Action Director. Er sorgt dafür, dass das eingesetzte Wing Chun möglichst authentisch wirkt. Nur an wenigen Stellen merkt man, dass teilweise mit Drahtseilen gearbeitet wurde und einige Szenen dadurch etwas künstlich wirken. Wing Chun steht in Ip Man deutlich im Mittelpunkt, die Handlung baut um die Kampfsportart ihr Gerüst auf. Die Geschichte von Ip Man wirkt deutlich authentischer als noch in Ip Man Zero. Man merkt deutlich, dass sich Wilson Yip und sei Team vorher über die Lebensgeschichte des Mannes informiert und auch seinen Sohn Ip Chun zurate gezogen haben. Außerdem wurden die Kulissen in Ip Man mit viel Lieb zum Detail hergerichtet. Sie wirken tatsächlich so, als würden sie den 1930er Jahren entspringen. Der circa 106-minütige und im 16:9-Format gehaltene Film wirkt durchgehend optisch schön, zahlreiche HD-Momente versüßen den Anblick des Martial-Arts-Streifens. Die Musikeinbindung klappt so gut, wie bei Ip Man Zero. Die deutsche Synchronfassung ist sehr gut gelingen, das kantonesische Original wirkt auch hier deutlich authentischer (Untertitel in Deutsch und Niederländisch sind zuschaltbar). Bonusmaterial liegt bei Ip Man glücklicherweise in größerem Maße vor, als noch beim chronologischen Vorgänger. In circa 90 Minuten werden uns Interviews, Produktionseinblicke und ein paar entfernte Szenen präsentiert, die uns nützliche Hintergrundinformationen geben. Zusätzlich warten auf der Disc weitere Trailer zu ausgewählten Splendid-Filmen.

Ost trifft West

Der letzte Teil der Trilogie macht einen Zeitsprung ins Jahr 1950. Nach dem Ende des Kriegs verlässt Ip Man mitsamt seiner Familie die Heimat Foshan, um in Hongkong leben zu können. Ip Man möchte dort eine Schule auf einer Dachterrasse eröffnen. Es melden sich einige Tage lang keine Schüler an, doch nach dem Kampf gegen einen vorlauten und motivierten jungen Mann, der daraufhin mit seinen Freunden in die Lehre bei Ip Man eintreten, folgen auch schon die ersten Nachzügler. Zu jener Zeit ist Hongkong noch in britischer Hand, ein Meister einer anderen Schuler schmiert die englischen Beamten, damit ihre Kung-Fu-Schulen nicht geschlossen werden. Nachdem Ip Man zunächst gegen die anderen Meister kämpfen muss, um überhaupt als eines Ihresgleichen angesehen zu werden, findet nun ein Boxkampf in Hongkong statt. In diesem Kampf wird die Ehre der chinesischen Landsleute besudelt und ein Meister der Kampfschulen zu Tode geprügelt. Als die Briten sich dafür entschuldigen, planen sie einen weiteren Kampf, in welchem Ost auf West treffen soll. Ip Man beschließt, die Einladung zum Kampf anzunehmen und die Ehre seiner chinesischen Landsleute wieder herzustellen. Am Ende des Films wird kurz die Geburt seines zweiten Sohnes angeschnitten, außerdem hat der wohl berühmteste Schüler von Ip Man seinen eigenen, kurzen Moment, der Ip Man 2 zu einem mehr als nur würdigen Abschluss bringt.

Personifizierung des Bösen

Wilson Yip hat mit Ip Man 2 versucht, an den Erfolg des Vorgängers anzuknüpfen. Zum Teil ist ihm das auch gelungen, doch so langsam aber sicher konzentrierte man sich hier verstärkt auf Wing Chun und vergaß dabei ein wenig die Geschichte. So wird Ip Mans Sohn Chun noch immer als kleines Kind dargestellt, obwohl dieser bereits in den 1920er Jahren geboren wurde. Eventuell hätte man zu authentischen Zwecken auch Donnie Yens Haare ein klein wenig grau färben können, da dieser mittlerweile ja auch über fünfzig Jahre alt ist und optisch nicht unbedingt dieselbe Figur machen sollte, wie bereits im zehn bis zwanzig Jahre zuvor angesiedelten Vorgänger. Trotzdem kann auch die Handlung von Ip Man 2 bis zu einem gewissen Grad überzeugen. Während in Ip Man Chinas Nachbar Japan möglichst treu zur Realität und mit Anstand an den Zuschauer nähergebracht wird, fällt uns bei Ip Man 2 auf, dass die Macher (wie es bereits auch bei Once upon a Time in China der Fall war) die Briten durch den im Film aufkommenden Boxer Taylor „The Twister“ Milos als überzogen, wenn nicht sogar als personifiziertes Böse darstellen. Auch wenn Ip Man nach dem finalen Kampf kluge Worte spricht, die das vorherige Auftreten der Engländer (fast) vergessen lässt, ist das Stilmittel für einen Europäer ein wenig befremdlich ausgefallen.

Überzogene Kampfszenen

Die verwendeten Kulissen in Ip Man 2 versuchen das Hongkong der 1950er Jahre realitätsnah wiederzugeben. Dieses Ziel wird bei den gezeigten Lokalitäten auch erreicht, doch wir hätten uns darüber gefreut, mehr über die einst britische Kolonie im Süden Chinas zu erfahren, mehr Örtlichkeiten in der damaligen Zeit anzutreffen. Da im circa 106-minütigen Film auch hier das Hauptaugenmerk auf Wing Chun gelegt wird, bekommen wir deutlich mehr Kampfszenen spendiert als noch in den beiden Vorgängern. Diese wirken mittlerweile auch schon deutlich übertrieben. Als Beispiel wäre die Szene auf dem Fischmarkt zu nennen, wo mit Paletten um sich geschmissen wird, die dann meterweit durch die Luft fliegen. Ohne Drahtseile wäre diese Szene sicherlich nicht machbar gewesen. Auch der Kampf, wo Ip Man gegen eine Vielzahl an Meistern antritt, wirkt ein wenig überzogen, aber nicht weniger spannend. Choreografisch ist es wieder einmal mehr Sammo Hung zu verdanken, der in Ip Man 2 neben seiner Tätigkeit als Schauspieler des Hong Zhen Nan, als Action Director zur Verfügung stand. Die Auseinandersetzungen sind in 1080p und im 16:9-Format eine Augenweide. Wie bereits bei den beiden anderen Ip-Man-Filmen wird auch hier die Musik mit Dramatik zu den einzelnen Szenen hervorragend eingespielt und auch die deutschen Synchronsprecher geben wieder einmal ihr Bestes, was sich durchaus hören lässt. Die kantonesische Tonspur wirkt im Vergleich um einiges glaubhafter, Untertitel lassen sich glücklicherweise in Deutsch und Niederländisch zuschalten. Bonusmaterial spiegelt sich hier in Interviews und Einblicken in die Produktion wieder – zusammen gerechnet ergeben sich hier ungefähr etwas mehr als sechzig Minuten Spielzeit (die beiliegenden Trailer nicht mit einberechnet!).

Gelungene Trilogie

Abschließend bleibt zu sagen, dass diese Trilogie nicht nur für Wing-Chun-Anhänger und großen Bewunderern von Ip Man geeignet ist. Auch Filmfreunde, die sich für Martial-Arts-Streifen oder für chinesische Kultur interessieren, werden mit der Ip Man Trilogy mehr als nur zufrieden sein. Größtenteils glaubhafte Kämpfe, eine packende Handlung (die manchmal leider in den Hintergrund gedrängt wird), tolle Schauspieler und gute Synchronsprecher, sowie einen Soundtrack, den wir seit Once upon a Time in China nicht mehr so passend eingespielt und episch wirkend gehört haben, machen diese Trilogie zu einem Genuss. Schade ist unserer Meinung nach nur, dass alle drei Blu-Rays in einer Hülle untergebracht werden. Das ist zwar platzsparend für das Regal, doch bei diesen Filmen hätte es sich wirklich gelohnt, eine größere Box auszuwählen und für jeden Film eine einzelne Hülle zu verwenden, ähnlich wie bei der Der-Pate-Trilogie. Der Leinenschuber macht aber einen stabilen und hübschen Eindruck – als weiterer Bonus liegt auch ein 24-seitiges Booklet bei, dass mit einigen Informationen zu den drei Filmen, den Mitwirkenden, Wing Chun und natürlich Ip Man selbst daherkommt. Selten bekommt man für einen Preis zwischen zwanzig und dreißig Euro eine so packende Trilogie spendiert, weshalb wir uns ganz klar für eine Kaufempfehlung aussprechen – diese Filmreihe gehört definitiv in jedes gut sortierte Filmregal!

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der 3-Disc Special Edition der Blu-Ray-Fassung): Auf so gut wie jeder DVD oder Blu-Ray-Disc aus dem Hause Splendid Film, die in den letzten Wochen und auch Monaten in meinem DVD-Player oder meiner PlayStation 3 rotierte, befand sich so gut wie immer mindestens ein Trailer eines Teils der Serie. Nach dutzendfachem Anschauen kam ich bei Veröffentlichung der gesamten Trilogie nicht umehr, diese Filme als großer Fan des Martial-Arts-Kinos anzuschauen. Nachdem ich viele Filme gesehen habe, die an moderne Klassiker wie Once upon a Time in China bei weitem nicht heranreichten, war ich wirklich froh, dass die Ip Man Trilogy wieder ähnliche Wege einschlägt und größtenteils auf die doch eher zu übertriebenen Action-Szenen verzichtet. Sicherlich ist Action ein Stilmittel, das man in keinem Film vernachlässigen darf, wenn sich das Werk dann mit dem Genre beschäfftigt. In der Ip Man Trilogy wird ein durchgängiges Drama erzählt, dass sein Hauptaugenmerk aber mehr und mehr auf die Kampfsportart Wing Chun richtet. Das ist zwar in erster Linie klasse, da Ip Man eben wegen dieser Art des Kung-Fu bekannt wurde, doch man darf nicht vergessen, dass ein Film auch eine Geschichte erzählen soll. Das schafft die Trilogie mit zunehmender Dauer der Handlung nicht unbedingt mehr so gut, wie es noch zu Beginn – im zugegebenermaßen überwiegend frei erfundenen – Ip Man Zero der Fall war. Trotzdem: Die Erzählstruktur ist durchaus vorhanden und bis auf ein paar kleine Logiklücken (Ip Chun wird in all der Zeit nicht erwachsen) ist jeder Teil der Reihe absolut sehenswert. Schade ist derzeit nur, dass sich Donnie Yen bereits gegen einen weiteren Teil ausgesprochen hat. Es wäre doch sicherlich noch interessant zu sehen, wie das Leben von Ip Man bis zu seinem Tode verlaufen ist und wie er Bruce Lee Unterricht erteilt hätte. Übrigens: Nach dem Anschauen der Filme habe ich übrigens selbst Lust dazu bekommen, Wing Chun auszuüben. Leider fehlt es mir dafür derzeit an Zeit, sonst würde ich mir sofort die nächste Schule in meiner Umgebung suchen.

Vielen Dank an Splendid Film für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars der Ip Man Trilogy auf Blu-Ray!

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