Review: The Last Guardian

the-last-guardian-1Nachdem Team Ico die beiden Spiele Ico und Shadow of the Colossus für die PlayStation 2 entwickelt hatte, sollte The Last Guardian ihr erstes PlayStation-3-Spiel werden. Allerdings wurde das Entwicklerstudio 2011 aufgelöst und der Titel verschwand zunächst vom Horizont.

the-last-guardian-2Erst 2015 tauchte der Titel mit einem Trailer wieder in Form der Electronic-Entertainment-Expo-Präsentation von Sony auf. Die Entwicklung wurde zwar von anderen Studios übernommen, doch kehrte Ueda Fumito als Regisseur für die Fertigstellung seines Spiels zurück, sodass The Last Guardian nach etwa zehnjähriger Entwicklungszeit endlich veröffentlicht werden konnte – allerdings für die PlayStation 4 und nicht mehr für das Vorgängermodell. Da die frühe Entwicklung von The Last Guardian bereits zu PlayStation-2-Zeiten begann und länger als eine Konsolengeneration andauerte, können Zweifel am Produkt natürlich vorab nicht ausgeschlossen werden. In welchen Punkten man dem Spiel seine Entstehungszeit anmerken kann und in welchen Disziplinen der Titel trotzdem frisch und unverbraucht wirkt, werden wir nach und nach erläutern. Zunächst einmal widmen wir uns jedoch der anfänglich kaum spürbaren Handlung, denn Ausgangslage des Spiels ist das Erwachen eines Jungen in einer Höhle. Ohne Erinnerungen, wie er dort gelandet und warum sein ganzer Körper tätowiert ist, beginnt er mit der Erkundung des dunklen Ortes. Inmitten des Raumes liegt im wahrsten Sinne des Wortes ein Fabeltier, das an einer Kette befestigt ist. Einen Ausweg aus dem Verlies scheint es nicht zugeben, weshalb wir uns erst einmal mit dem Tier anfreunden.

Halbstündiger Gameplay-Kurs

the-last-guardian-3Prompt lernen wir in den ersten Minuten von The Last Guardian ungelogen fast sämtliche Gameplay-Mechaniken kennen. Da das Tier Hunger hat, müssen wir es zunächst füttern. Um Nahrung zu finden, klettern wir an Mauern hinauf, springen über Abgründe, kriechen durch Löcher, betätigen Schalter und öffnen somit Türen, sammeln Fässer mit anscheinend äußerst leckerem Inhalt und werfen es dem großen und gehörnten Katzen-Hunde-Vogel-Wesen, das fortan auf den Namen Trico hört, zum Fressen hin. Wir kümmern uns aber nicht nur um das physische, sondern auch um das seelische Wohlergehen von Trico. Wir klettern auf ihn hinauf, ziehen Speere aus seinem Gefieder und streicheln ihn. Wir befreien ihn von seiner Kette und suchen schließlich gemeinsam einen Ausweg aus dem Gefängnis. Da wir Trico jederzeit rufen können, müssen wir auch seine immense Größe ausnutzen. Über seinen Rücken oder seinen Kopf können wir nämlich an erhöhte Plattformen gelangen, um streckenweise getrennt von Trico Mechanismen auszulösen, die wiederum dafür sorgen, dass auch Trico seinen Weg fortsetzen kann. Bereits zu Beginn des Spiels finden wir einen magischen Spiegel, mit dem wir Trico befehlen können, elektrische Salven auf ein markiertes Gebiet zu schießen. So und nicht anders kann man sich The Last Guardian über die ganze Spielzeit hinweg vorstellen.

Lebensretter Trico

the-last-guardian-4Zusammen mit Trico erkunden wir ein altes Gemäuer in einem Tal, das einst eine mystische Kultur ihr Zuhause nannte. Andere Lebewesen entdecken wir in The Last Guardian kaum. Mit zunehmendem Spielverlauf treffen wir unter anderem humanoide Gegner, die Tempelanlagen bewachen und nicht wollen, dass das ungleiche Paar seinen Weg fortsetzt. Da wir uns kaum wehren können, hilft es in der Regel nur, die Beine in die Hand zu nehmen – Trico wird es schließlich schon richten. Trotzdem müssen wir darauf achten, dass wir Speere aus Trico herausziehen und ihn vor Gegnern, die mit einem angsteinflößenden Schild bewaffnet sind, schützen, indem wir sie anrempeln. Wenn Trico einen Gegner nicht gänzlich zertrümmern kann, können wir ihm auch helfen, die Köpfe der Feinde herauszureißen oder ihm Befehle zu geben, sodass er mit seinen elektrischen Salven auf sie losgeht. Sollte uns ein Wächter packen, ist das Spiel noch nicht direkt vorbei. Auf Lebensenergie oder ähnliche Bildschirmanzeigen verzichtet das Spiel gänzlich. Der Gegner möchte uns zu einer magischen Tür tragen, die für das vorzeitige Spielende sorgt. Um das zu verhindern, müssen wir wie wild auf die Tasten des Controllers hämmern. Dieses nervenaufreibende Feature ärgert uns besonders dann, wenn wir vor mehreren Gegnern gleichzeitig in einem noch dazu sehr engen Gang fliehen müssen.

Bindung zwischen Mensch und Tier

the-last-guardian-5Wir möchten dieses Feature aber nicht als rückständig bezeichnen, da die Angst des Protagonisten vor dem drohenden Ende seiner Existenz auf uns übergeht. Jedes einzelne Mal sind wir sichtlich froh darüber, den Klauen der Feinde für kurze Zeit entkommen zu können. Ebenfalls berührt uns die Beziehung zwischen Junge und Tier, denn je länger unsere Reise dauert, desto mehr verstehen wir Tricos Ängste. Die gemeinsame Suche nach einem Ausgang aus dem Tal schweißt uns mit Trico zusammen und wird dazu noch von einer hintergründigen Geschichte, die sich mehr und mehr aus plötzlichen Erinnerungsfetzen zusammensetzt und weitgehend auf Dialoge verzichtet, begleitet. Mehr möchten wir darüber jedoch nicht verraten, denn die Story beziehungsweise die Gefühle, die diese in uns auslöst, sind der eigentliche Grund, warum wir uns mit The Last Guardian freiwillig beschäftigen. Obwohl der Titel ungefähr ein Jahrzehnt in der Entwicklung war, muss er sich dennoch heutigen Maßstäben stellen – daran ändern auch die Intentionen von Ueda und seinen Teams, sowie die gefühlsvolle Erfahrung, die wir in etwa zehn bis zwölf Spielstunden machen, nichts. Es gibt einfach zu viele Stellen im Spiel, die uns nicht ganz überzeugen können, da die Mechaniken selbst zu späten PlayStation-2-Zeiten schon altbacken waren. Wir verstehen nicht, wie diese eine Dekade überdauern konnten.

Altbackenes Gameplay

the-last-guardian-6Beispielsweise landen wir in der Mitte des Spiels in einem Korridor, der von ein paar Wächtern bewacht wird. Trico kann uns hier nicht helfen, da wir erst an einem Hebel ziehen müssen, um ein Tor zu öffnen. Allerdings bleibt uns nicht genug Zeit, den Hebel in einem Ruck zu aktivieren, sodass wir insgesamt dreimal den langen Gang hinunterlaufen, dort angekommen einige Sekunden auf die Gegner warten und schließlich wieder zurück zum Schalter rennen müssen, bis sich im Endeffekt das Tor öffnet und Trico uns einmal mehr rettet. An anderer Stelle müssen wir erst einmal Kisten verschieben, dann ein Fass auf diese werfen, auf sie hinaufklettern und schließlich das Fass durch eine größere Öffnung hinter Gitterstäben werfen. Solche Momente erleben wir leider, nicht zuletzt durch die gelegentlich sperrige Steuerung, viel zu oft. Auch scheint Trico nicht gerade die hellste Leuchte am Himmel zu sein, da unsere Befehle nicht immer und häufig nur zögerlich umgesetzt werden. Trotzdem verzeiht man dem Tier gerne, wenn es mal das tut, was man von ihm möchte. Akustisch bietet der Titel nur sehr wenige Klänge, die jedoch in den richtigen Momenten eingesetzt werden. Grafisch kann uns das Spiel mit schönen Aussichten, saftigen Texturen und einem wunderbar animierten Trico überzeugen. Schade nur, dass The Last Guardian sonst nur sehr wenig Abwechslung bietet.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit: Wer The Last Guardian spielen möchte, sollte sich im Klaren darüber sein, dass man dem Titel nicht wegen seines Gameplays spielen möchte. In dieser – für jedes Spiel sehr wichtigen Disziplin – versagt The Last Guardian nämlich weitgehend. Viel zu oft wiederholen sich die Rätselmechaniken, die vor allem auf müden Schalterrätseln basieren. Viel mehr sollte man das Spiel wegen seiner Interaktion zwischen dem kleinen Protagonisten und dem riesigen Fabeltier ausprobieren. Zwar kann die Gameplay-Kombination zwischen den beiden ebenfalls nicht gänzlich überzeugen, da genaugenommen auch hier alle Mechanismen ständig wiederholt werden, doch berührt einen das Spiel hier richtig. Wenn Trico Schmerzen erleidet, möchte ich ihm helfen. Wenn ich in Gefahr schwebe, zögert Trico nicht lange und schreitet zur Tat. Hinzukommt die minimalistische, aber dennoch sehr tiefgründige Geschichte in einer interessanten Welt, die sich über die Spieldauer von etwa zehn bis zwölf Stunden peu á peu aus Erinnerungsfetzen des Jungen zusammensetzt und teils sogar mit spannenden Videosequenzen unterlegt ist. Trotzdem bleibt The Last Guardian ein mittelmäßiges Spiel, denn obwohl mich der Titel innerlich berührt, ist das Gesamtpaket leider zu repetitiv, als dass ich durchweg Spaß haben würde, ein neues der sehr linearen Gebiete erschlossen zu haben. Wer damit aber leben kann und sich nicht davor scheut, ein Experiment einzugehen, wird The Last Guardian so schnell nicht mehr vergessen!

Vielen Dank an Sony Interactive Entertainment für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von The Last Guardian!

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