Review: Miss Hokusai

miss-hokusai-1Katsushika Hokusai gehört zu den bekanntesten japanischen Künstlern der Edo-Zeit und wird als einer der wohl wichtigsten Ukiyo-e-Maler angesehen. Zwischen 1983 und 1987 erschienen mehrere Manga über sein Leben aus Sicht seiner Tochter, die für den Anime Pate standen.

miss-hokusai-2Im Anime-Film Miss Hokusai, der im Original Sarusuberi, übersetzt Lagerströmien, heißt, dreht sich alles um den berühmten Maler Katsushika Hokusai. Eine Biografie darf man von Miss Hokusai allerdings nicht erwarten. Der Film gibt episodenhaft Einblicke in das Leben des Malers, allerdings aus der Sicht seiner Tochter Katsushika Ōi. Zwar funktioniert Miss Hokusai ohne spürbare Unterbrechungen wie ein abendfüllender Film, dessen Szenen aufeinander aufbauen, doch sind viele Verknüpfungen für das Verständnis der Handlung nicht nötig. Man könnte Miss Hokusai sogar als ein Stück herausgerissenes Leben bezeichnen, denn im Mittelpunkt der Handlung stehen nur wenige Figuren. Ōi steht zwischen den Stühlen, denn auf der einen Seite eifert sie ihrem stursinnigen Vater Hokusai nach und auf der anderen Seite fehlt ihr ihre Mutter, die sie gelegentlich besucht. Hinzu kommen eine kleine Schwester, die aufgrund ihrer Blindheit im Kloster aufwächst und dort zur Biwa-Spielerin ausgebildet wird, und verschiedene Herren, die romantische Gefühle für Ōi hegen. Es entwickelt sich aber an keiner Stelle ein Drama aus dieser Konstellation, trotz Themen wie Erotik, Geschlechtsverkehr und Tod. Obwohl auf die exzessive Darstellung dieser Punkte weitestgehend verzichtet wird, richtet sich der Film trotz Altersfreigabe ab sechs Jahren an ein erwachsenes Publikum.

Edo-Zeit trifft auf Heisei-Ära

miss-hokusai-3Die eigentliche Umsetzung als Anime-Film erfolgte 2015 und gewann im Veröffentlichungsjahr und 2016 mehrere Preise, unter anderem den Jury Award beim Festival d’Animation Annecy. Ohne die im Jahr 2005 verstorbene Manga-Zeichnerin Sugiura Hinako wäre dies nicht möglich gewesen. Sie schuf mit dem im Weekly Manga Sunday veröffentlichten Sarusuberi nicht nur die Vorlage, sondern mit dieser auch einen wichtigen Manga, da Hokusai mit seinen Werken den Begriff Manga bis heute bedeutend prägte. Zu spüren ist dieser Fakt vor allem in der letzten Szene des vorliegenden Films. Diese umfasst zwar nur wenige Sekunden, doch in kurzen und prägnanten Bildern trifft hier die Edo- auf die Heisei-Zeit. Ebenso ist die Musik des Films an vielen Stellen für das dargestellte frühe 19. Jahrhundert nicht zeitgenössisch, wodurch ebenfalls dieser Schluss gezogen werden kann. Eingeordnet in den historischen Kontext, ergeben Handlung und Hintergründe ein funktionierendes Gesamtbild für den Zuschauer. Beispielsweise wird durch das deutliche Auftreten von Samurai die Herrschaft des Tokugawa-Shōgunats, die fast zeitgleich mit dem Tod von Hokusai endete (Hokusai starb 1849; die Meiji-Restauration setzte 1868 ein), deutlich. Der Wahrheitsgehalt der Handlung darf an einigen Stellen zugunsten der künstlerischen Freiheit jedoch angezweifelt und stark belächelt werden.

Die 36 Ansichten der Bildsprache

miss-hokusai-4Beispielsweise werden im Film verschiedene Bilder behandelt, die eine besondere Wirkung auf die Figuren haben. Dadurch verliert sich die Handlung stellenweise ins Übermenschliche, wenn auch die Vorstellungskraft eines Künstlers maßgeblich damit untermauert werden soll. Apropos Bilder: Optisch kann Miss Hokusai mit einem knackscharfen Bild in der Auflösung 1080p und im bildschirmfüllenden 16:9-Format punkten. Besonderheiten bei der künstlerischen Gestaltung sind verschiedene Stile, die zum Einsatz kommen. Hokusai schuf mit Die große Welle vor Kanagawa um 1830 einen Farbholzschnitt, der in einer Szene des Films ähnlich wiedergegeben wird. So stellen sich Ōi und ihre blinde Schwester während einer Fahrt in einem kleinen Boot auf dem Fluss vor, wie es wäre, wenn große Wellen sie auf dem Meer verschlingen würden. In diesem Moment ändert sich der Zeichenstil schlagartig und friert das Bild dann sogar kurz völlig ein, um eine Nähe zur kunsthistorischen Vorlage zu schaffen. Da dies nicht oft im Film passiert, wirken die Szenen umso bedeutender für den Kontext. Sowohl die deutschen, als auch die japanischen Synchronsprecher können den Charakteren mit ruhigen Stimmen in diesem Zusammenhang wunderbar Leben einhauchen. Am Ende bleibt Miss Hokusai ein Film, der weniger unterhaltend sein will, sondern sich eher an Kunstliebhaber richtet.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Miss Hokusai basiert auf einer Manga-Reihe, die hierzulande bis heute nicht veröffentlicht worden ist. Dass das schade ist, habe ich beim Ansehen des Films gemerkt. Mit seiner Handlung kann dieser mich aber nur selten unterhalten und viel mehr mit den Gedanken, die sich nicht selten in einer metaphysischen Botschaft verstecken, begeistern. Ob sämtliche Geschehnisse tatsächlich so passiert sind, darf nämlich an einigen Stellen mehr als einmal bezweifelt werden – und genau das ist der Knackpunkt von Miss Hokusai. Wer auf einen Film gehofft hat, der mit seiner Handlung unterhält und dazu ein biografisches Bild eines der berühmtesten japanischen Maler zeichnet, wird von Miss Hokusai enttäuscht werden. Miss Hokusai richtet sich nämlich eindeutig an Liebhaber der japanischen Zeichenkunst und ihren Intentionen – und genau in diesem Falle gibt es derzeit kein vergleichbares Werk, weshalb man als Kunstliebhaber hier ruhig zuschlagen darf!

Vielen Dank an Kazé Anime für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Miss Hokusai!

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