Review: A Silent Voice – The Movie

In so gut wie jedem Film versteckt sich eine unterschwellige Botschaft; manchmal wird sogar auf eine ernste Thematik deutlich mit dem Fingerzeig hingewiesen. Sich mit einem solchen Thema auseinanderzusetzen und dabei einen langsamen Erzählstil in Kauf zu nehmen, trauen sich jedoch nur wenige Werke.

Beim Anime-Film A Silent Voice: The Movie aus dem Jahr 2016 handelt es sich um solch ein Werk, dem sogar eine pädagogische und sozialkritische Wirkung nachgesagt werden darf. Der Film stellt ein hörbehindertes Mädchen in den Mittelpunkt der Handlung, um die Situation von schwerhörigen bis gehörlosen Personen zu umschreiben. Ausgangspunkt der Geschichte, die sich circa 130 Minuten lang eher ruhig entfalten kann, ist die Versetzung von Nishimiya Shōko in die sechste Klasse einer Grundschule. Als neue Schülerin (und auch als neuer Schüler) ist es in Japan gang und gäbe, dass sich diese(r) seinen neuen Mitschülern vorstellt. Aufgrund ihrer Hörbehinderung fällt es Shōko logischerweise auch schwer, sich mit Worten auszudrücken. Aufgrund dessen hat sie auf einem Notizblock Sätze vorgefertigt, die sie ihren neuen Klassenkameraden zeigt. Obwohl zum Teil Freude unter den Kindern aufkommt, Shōko kennenzulernen, wird dieses Gefühl mit jedem weiteren Tag aufs Neue auf die Probe gestellt. Manchen Kindern fällt es schwer, sich mit ihrer Behinderung auseinanderzusetzen und selbst die Lehrer scheinen mit der Situation sehr wohl überfordert zu sein. Von der Schule wird zwar versucht, den Kindern die Zeichensprache beizubringen, doch ist dies die letzte und einzige pädagogische Maßnahme, die ergriffen wird, um den Zusammenhalt in der Klasse zu stärken: Beeindruckende und erschreckende Kritik!

Folgen von Mobbing

Obwohl Dreh- und Angelpunkt von A Silent Voice unumstößlich Shōko mit ihrem Handicap ist, ist der tatsächliche Hauptcharakter jedoch Ishida Shōya. Dieser ist ebenfalls ein Grundschüler in ihrer Klasse und ist der Auffassung, dass Shōko ein Individuum ist, das nicht in ihre Klasse passt. Deshalb beginnt er, sie zu ärgern und zu triezen. Zum Teil überschreiten seine Taten die Grenze zum Mobbing, was schließlich dazu führt, dass Shōko nach einiger Zeit wieder die Schule wechseln muss. Allerdings sorgt dieser Fall für einen harten Schnitt in der Gemeinschaft von Shōyas Klasse. Nun wenden sich seine einstigen Freunde gegen ihn, was für den Rest der Handlung nicht unerheblich ist. Während die ersten Szenen des Films die zeitliche Abfolge der Geschehnisse teilweise durcheinanderwürfeln, sind die Szenen nach einem circa fünfjährigen Zeitsprung stringent chronologischen geordnet. Mittlerweile besuchen Shōko und Shōya die Oberschule und begegnen sich dort zufällig wieder. Zunächst versucht Shōko dem einstigen Fiesling zwar aus dem Weg zu gehen, doch mit der Zeit wachsen die beiden durch Gespräche und Verabredungen zusammen. Diese konträre Gegenüberstellung der Tatsachen kann ebenso auf die anderen Freundschaften aus ihrer Kindheit übertragen werden, da auch diese Charaktere wieder auftreten und wesentlich mehr Akzeptanz als früher aufbringen.

Dreidimensionale Charaktere

Trotzdem kann Geschehenes nicht ungesagt gemacht werden, sodass sich A Silent Voice auf einer sehr erwachsenen Ebene mit den Themen Mobbing, Erwachsenwerden und sogar zwei Suizidversuchen von zwei unterschiedlichen Charakteren auseinandersetzt. Positiv ist auch hervorzuheben, dass die Persönlichkeiten der Akteure verschiedene Facetten aufweisen. Es sind dreidimensionale Charaktere und nur die allerwenigsten Figuren sind Stereotypen. Auch in puncto Stilmittel unterscheidet sich der Film von anderen Werken in einem Punkt deutlich. Um eine Differenz zu Personen darzustellen, mit denen Shōya nicht befreundet sein kann oder an die er sich schlichtweg nicht mehr erinnern kann, werden Kreuze über die Gesichter gelegt. Ein wenig gewöhnungsbedürftig ist dies schon, wenn auch nur in sehr wenigen Szenen wirklich zu spüren. Viel eher fallen da schon die weniger schönen Unschärfe-Effekte auf, die selbst im Vordergrund der nahezu plastischen Umgebungen zu erkennen sind. Das ist überraschend, da es wirklich erstaunlich ist, wie gut das Produktionsteam Realaufnahmen gemacht und im Anime verwertet hat. Hinzu kommen schöne Lichteffekte und recht flüssige Animationen. Die deutsche Synchronisation ist wie der japanische Originalton gut gelungen, insbesondere Jill Schulz als Sprecherin verleiht der hörbehinderten Shōko mit Würde ihre Stimme. So geht der Film mit der Thematik auch in der deutschen Fassung mit Sachverstand und Respekt vor den Menschen um, die tagtäglich mit solch einer Behinderung leben müssen.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): A Silent Voice: The Movie ist ein Film, der es weitgehend gut geschafft hat, eine siebenteilige Manga-Reihe in einem abendfüllenden Film zusammenzufassen. Mit der erwachsenen und pädagogisch wertvollen Handlung geht das Werk von Regisseurin Yamada Naoko aus einem angemessenen Blickwinkel mit der Thematik um und zeigt zum Teil sogar mit unkonventionellen Mitteln, welche Missstände in der Gesellschaft zum Teil immer noch vorliegen. Hinzu kommen dreidimensionale Charaktere, die in anderen Anime-Filmen so nicht funktionieren würden. Es ist ein Film, der sich nicht nur an Zuschauer im Teenager-Alter, sondern auch an Erwachsene richtet. Das liegt vor allem am langsamen Erzählstil, der jeder Szene und jeder Situation genau so viel Zeit zum Entfalten und zum Atmen lässt, wie viel sie auch benötigt. Dies gelingt dem Film sowohl im japanischen Originalton, als auch mit der würdevollen deutschen Synchronisation. Wer sich auf einen etwas anderen Anime-Film einlassen oder sich sogar mit der Thematik etwas tiefgründiger beschäftigen will, sollte bei A Silent Voice unbedingt einen Blick riskieren. Anime-Fans, die in erster Linie nur auf der Suche nach Unterhaltung sind, schauen sich nach Alternativen um.

Vielen Dank an Kazé Anime für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von A Silent Voice: The Movie!

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