Review: Dragon Lapis

Obwohl das japanische Unternehmen Kemco seit den 1990er-Jahren Rollenspiele für Konsolen und mobile Endgeräte veröffentlicht, steht der Konzern vor allem in den 2010er-Jahren für die Rückbesinnung an alte Tugenden. Kemcos Dragon Lapis könnte nicht klassischer sein.

Einst bekämpften sich in der Fantasy-Welt von Dragon Lapis der goldene und der silberne Drache unermüdlich; bis schließlich ein Held erschien und die gefürchteten Wesen versiegelte. Wie es der Zufall so will, werden die Seelen der Drachen eintausend Jahre nach ihrer Niederlage befreit und brechen ihren alten Streit vom Zaun, den sie nun stellvertretend für das Gute und das Böse der Menschheit austragen. Im Mittelpunkt dieses Zwists steht Lucas, ein Nachfahre des einstigen Helden und Beschützer eines Dorfes. Als ein Landinspekteur ins idyllische Dorf gelangt, überschlagen sich die Ereignisse: Plötzlich kriechen Monster aus allen Löchern und radieren die Bevölkerung bis auf den Protagonisten und Ordensschwester Iria aus. In dieser nistet sich die Seele des goldenen Drachen ein, sodass das ungleiche Paar an einem Strang ziehen kann. Um die Hintergründe des mysteriösen Vorfalls herauszufinden, begeben sich die beiden zusammen mit Leibwächter Melvin und Hexe Elodie auf eine Reise durch verschiedene Königreiche und stoßen dabei immer wieder mit ihrem Widersacher, dem nach der Weltherrschaft trachtenden Ramires, zusammen. Sonderlich tiefgründig mag die Geschichte von Dragon Lapis zwar nicht sein, doch wird sie über zahlreiche Dialoge zwischen den Helden oder zwischen den Bösewichtern charmant und liebevoll präsentiert. Hinzu kommen Gespräche mit dutzenden Nicht-Spieler-Charakteren, die nur rudimentär zum Storytelling beitragen.

Klassisch und traditionsbewusst

Was der Erzählung hin und wieder an Tiefgang fehlt, machen die ausgearbeiteten Charaktere locker wieder wett. Iria ist stets hungrig, erschnüffelt mit ihrem gestärkten Geruchssinn jedes Stück gebratenes Fleisch im Umkreis von hundert Kilometern und trägt auf diese Weise trotz ihrer sonst starken Führungspersönlichkeit sehr zum Humor bei. Nicht weniger unterhaltsam ist Melvin, der als Leibwächter das große Geld wittert, aber sich viel lieber verdrückt, wenn es ernst wird. Elodie nimmt hingegen so etwas wie die Mutterrolle für den Rest der Gruppe ein, da sie stets um ihre Verbündeten und ihre Mitmenschen besorgt ist. Einzig und allein Lucas ist ein Charakter, der wie Adol Christin in der Ys-Reihe nicht gänzlich durchleuchtet wird und eher dazu dient, dem Spieler ein Werkzeug zur Erkundung der Spielwelt in die Hand zu drücken. Obwohl manche Dialoge ausufern können, sind die meisten Gespräche überschaubar – das heißt, dass es kaum eine Viertelstunde nach dem Besuch einer Stadt wieder zurück in die Wildnis oder in einen Dungeon geht, um Monster zu jagen, die Gruppenstärke zu verbessern, Gold zu sammeln und Schätze aufzuspüren. In dieser Disziplin fühlt sich Dragon Lapis ebenfalls sehr klassisch an: Für besiegte Gegner, die in flotten rundenbasierten Zufallskämpfen getötet werden, hagelt es nach dem Ableben Erfahrungspunkte, die das Level der Figuren erhöhen. Gesammeltes Geld darf hingegen in den Läden in neue Ausrüstung investiert werden.

Einsteigerfreundlich und spielflussfördernd

Neben den traditionellen Erfahrungspunkten gibt es noch Fähigkeitspunkte, die ähnlich wie in Final Fantasy X auf austauschbaren Tafeln verteilt werden dürfen, wodurch die Charaktere zusätzlich noch weitere Boni wie mehr Lebens- oder Magiepunkte erhalten, weitere Attribute erhöhen, ihre Klasse verbessern oder gar neue Fähigkeiten erlernen, die innerhalb und außerhalb von Kämpfen eingesetzt werden können. Hinzu kommt, dass die Charaktere auch weitere Klassen annehmen dürfen, wodurch sich die Entwicklung der Spielfiguren stets frisch anfühlt. Des Weiteren sollte erwähnt werden, dass das Spiel sehr einsteigerfreundlich ist. Am Anfang werden die grundlegenden Funktionen kurz und bündig instruiert, weitere Inhalte kommen im Verlauf des Abenteuers hinzu und werden dem Spieler dann ebenfalls leicht verständlich erklärt. Schnell stellt sich ein Spielfluss ein, der höchstens durch die optionalen, aber oft eher einfallslosen Nebenquests unterbrochen wird. Optisch erinnert das Spiel wie das uneheliche Kind des Super-Nintendo-Rollenspiels Mystic Quest Legend und Lufia: The Legends Returns für den Game Boy Color. Die 16-Bit-Grafiken überzeugen mit ihrem Charme und passen wie der angenehme Chiptune-Soundtrack zur restlichen Präsentation und Atmosphäre. Wer traditionsbewusste Rollenspiele wie die Dragon-Quest-Reihe mag, sollte Dragon Lapis unbedingt eine Chance geben. Hinter dem unscheinbaren eShop-Titel steckt ein fantastisches Rollenspiel.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der 3DS-Fassung): Dragon Lapis gehört definitiv zu den besten Rollenspielen, die Kemco bisher veröffentlicht hat. Die interessante und spannende Handlung, der höchstens der gelegentlich fehlende Tiefgang vorgeworfen werden kann, führt den Spieler durch ein Abenteuer, in dem es praktisch keinen Leerlauf gibt. So entwickelt sich nach wenigen Spielminuten bereits ein Spielfluss, der es darauf abzielt, die Charaktere immer weiter zu verbessern und dies gelingt dem Titel ohne ausufernde oder gar zu häufige Zufallskämpfe. Es ist ein ausgewogenes Spiel, das sich aber nicht nur an Einsteiger richtet. Wem die Kämpfe in den meisten Rollenspielen zu einfach sind, kann bei Dragon Lapis vor Spielstart auch einfach den Schwierigkeitsgrad hochdrehen und sich so größeren Herausforderungen stellen. Unterm Strich begeistert der Titel vor allem mit seinen Charakteren, der großen Spielwelt, charmanten Grafiken und passender Musik. Kaum ein Spieler wird den Handheld aufgrund des sehr guten Spielflusses aus der Hand legen wollen. Nur Rollenspiel-Experten, die von Beginn mit komplexen Mechaniken überhäuft werden wollen oder sich gar nicht mit der goldenen Rollenspiel-Ära der 1990er-Jahre anfreunden können, werden die Faszination hinter Dragon Lapis nicht verstehen können. Fans von klassischen Rollenspielen greifen umso lieber zu!

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