Review: Night on the Galactic Railroad

Ginga Tetsudō no Yoru, so der nahezu eins zu eins übersetzte Originaltitel des Anime-Films Night on the Galactic Railroad, wurde in Japan bereits 1985 veröffentlicht. In Deutschland wurde das Werk erstmals Mitte 2017 und damit mehr als drei Jahrzehnte später öffentlich vorgeführt.

Im Mittelpunkt der Erzählung von Night on the Galactic Railroad steht der junge Giovanni, der in der Schule von seinen Mitschülern gehänselt wird, da sein Vater die Familie verlassen hat. Er lebt gemeinsam mit seiner Mutter in einem kleinen Haus und da diese an einer Krankheit leidet, muss er jeden Nachmittag nach dem Unterricht arbeiten gehen. Die ersten Szenen des Films werden genutzt, um Giovannis familiäre Verhältnisse und die Lebenssituation, in der er sich befindet, auszudrücken. Bei diesem Unterfangen lässt sich die Geschichte sehr viel Zeit und wird dabei auch sehr ruhig erzählt. Den eigentlichen Handlungsbeginn markiert das an das traditionelle buddhistische O-bon-Fest und das Tanabata in Japan angelehnte Sternenfest, das sich Giovanni auf keinen Fall entgehen lassen möchte. Da er jedoch auch Milch für seine kränkliche Mutter kaufen muss, kann er auf dem Marktplatz, wo er ohnehin mit seinen unliebsamen Klassenkameraden aufeinander trifft, nicht verweilen. Er verlässt den Ort des Geschehens und entdeckt außerhalb des Dorfes ein hell leuchtendes Licht, das sich als eine mysteriöse Eisenbahn entpuppt. Einen unscheinbaren Augenblick später sitzt Giovanni auch schon in der Bahn. Er weiß gar nicht wie ihm geschieht, da taucht auf einmal Campanella, sein einziger Freund aus der Schule, im Waggon auf. Gemeinsam beschließen sie, die Fahrt im Zug fortzusetzen, wodurch sie an den unterschiedlichsten und magischsten Orten landen.

Symbolischer und inhaltlicher Zusammenfluss

Auch wenn die humanoiden Katzen Giovanni und Campanella einmal an einem Bahnhof aussteigen, so findet das Geschehen zumeist linear erzählt in der titelgebenden galaktischen Eisenbahn statt. Die Strecke soll für eine 1912 errichte Linie in der Präfektur Iwate stehen. Alleine sind die beiden Freunde bei ihrer Reise durch die Nacht beziehungsweise durch Raum und Zeit aber nicht, denn regelmäßige betreten neue Personen den Zug, mit denen sie auf vielfältige Art und Weise interagieren. Zu diesen Personen gehören unter anderem ein Vogelfänger, der während der Fahrt Reiher fängt, oder ein menschlicher Musiklehrer, der mit zwei Kindern nach einem Schiffsunglück mit der Bahn weiterfährt. Es sind jedoch nicht nur kleine Geschichten, mit denen diese Charaktere den Verlauf der Story bereichern, sondern auch die Symbolik, die unter anderem über ein leuchtendes Kreuz als christliches Hoffnungszeichen oder das Teilen von Äpfeln ausgedrückt wird. Alle kreativen Ideen setzen sich zu einem Mosaik zusammen. Untergliedert ist die Handlung in diverse Kapitel, die schriftlich eingeleitet werden. Auf einem fast vollständig schwarzen Bild erscheint zwischen den Szenen eines Abschnitts sowohl auf Japanisch als auch in Esperanto, der auf der Erde am weitesten verbreitete Plansprache, der jeweilige Kapitelname. Dieser stellt oft auch den Schauplatz dar. Voreingestellt, auf Wunsch auch abschaltbar, werden gar stilisierte Untertitel auf Deutsch hinzugefügt.

Visueller und inhaltlicher Genuss

Unter technischen Gesichtspunkten ist der Entstehungszeitpunkt des Anime-Films deutlich zu erkennen. Alle Hintergründe und Figuren sind mühevoll handgezeichnet, die Farben oft blass, die Schatten seicht und die Effekte grell. Hinzu kommt, dass in wenigen Momenten das Bild flimmert und leichte Unreinheiten hier und da für den Bruchteil einer Sekunde aufblitzen. Die angenehme und im 16:9-Format bildschirmfüllende Optik kann trotz oder gerade wegen ihres Alters auch in Full-HD überzeugen, da an allen Ecken und Enden die liebevolle Kleinstarbeit zu erkennen ist. Akustisch erinnert der Film auch im hochqualitativen DTS-HD-Tonformat, vor allem auf Japanisch, an die 1980er-Jahre. Das liegt vor allem an den illustren Soundeffekten und der Musik, die mit Synthesizern erstellt wurde. Es gibt sehr viele Szenen, in denen die Musik die paralysierenden Bilder dominierend untermalt, die für sich sprechen sollen. In der Tat sind gesprochene Texte auf ein nötiges Maß reduziert. Noch dazu sind diese sehr einfach zu verstehen, was vor allem jüngeren Zuschauern ähnlich wie bei der Kinderbuchvorlage von Miyazawa Kenji zugute kommt. Stilisierte Untertitel lassen sich in beiden Tonspuren aktivieren oder abschalten, sodass das gesamte Erlebnis auf die eigene Sehgewohnheit zugeschnitten werden kann. Als Bonus gibt es ein Interview mit Adam Grunwald, dem deutschen Sprecher von Giovanni, sowie ein Making-of zur deutschen Synchronisation und ein sehr interessantes Booklet obendrauf. Night on the Galactic Railroad ist ein visueller und inhaltlicher Genuss!

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Miyazawa Kenji wird nicht umsonst zu einem der wichtigsten japanischen Kinderbuchautoren und Dichtern gezählt. Das spiegelt sich auch in der Anime-Verfilmung Night on the Galactic Railroad aus dem Jahr 1985 wieder. Regisseur Sugii Gisaburō hat das Werk aus dem Jahr 1927 auf vielfältige Art und Weise gut umgesetzt. Kinder erleben eine ruhig erzählte Reise zweier Freunde, ältere Zuschauer erfreuen sich dafür an der tiefgründigen Symbolik und Kunstinteressierte an der wunderbaren visuellen Ausgestaltung dieser Elemente. So kann der Anime-Film nicht nur inhaltlich überzeugen, sondern auch mit seiner optischen Gestaltung, so fremd sie dem einen oder anderen Zuschauer auch erscheinen mag, absolut punkten. Diese unterstützt zusätzlich die Ausarbeitung der Persönlichkeiten als auch den Fortgang der Geschichte. Night on the Galactic Railroad gehört definitiv zu den künstlerisch wertvollsten Anime-Filmen, die sich Fans von ruhigen, langsam und intelligent erzählten oder umgesetzten Werken keinesfalls entgehen lassen sollten!

Vielen Dank an Anime House für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Night on the Galactic Railroad!

 

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