Review: Pokémon-Legenden: Arceus

Ende Januar 2021 erschien Pokémon-Legenden: Arceus für die Switch und drehte das bis dahin bekannte Gameplay der Hauptreihe auf links. Mit überarbeiteten und frischen Ideen entpuppt sich der Titel im Test als genau die Frischzellenkur, die das Franchise benötigt hat.

Zu Beginn von Pokémon-Legenden: Arceus ist von der Faszination, die im auf mindestens dreißig Stunden ausgelegten Rollenspiel noch auf uns wartet, kaum etwas zu spüren. Wir entscheiden uns für einen männlichen oder weiblichen Charakter. Von einer mysteriösen Stimme, die vom titelgebenden Taschenmonster Arceus stammt, erhalten wir den Auftrag, allen Pokémon zu begegnen. Kurz darauf landen wir an einem Strand. Dabei fällt uns auf, dass wir uns an nichts mehr erinnern können. Vermutlich sind wir durch Raum, Zeit oder beides zusammen gereist. Von Professor Laven begrüßt, erhalten wir die Aufgabe, seine drei Pokémon Bauz, Feurigel und Ottaro mit Pokébällen zu fangen. Hier lernen wir die ersten Grundzüge kennen, auf die wir gleich noch im Detail eingehen werden. Offenbar sieht der Wissenschaftler in uns ein Naturtalent, das er für seine Forschung einspannen könnte. Dazu ist jedoch das Einverständnis der Galaktik-Expedition vonnöten, die gerade erst damit begonnen hat, die inselartige Hisui-Region zu erschließen. Das Eiland ist für Fans des Franchises aber keine Neuheit, denn die Insel ist an Japans nördlichste Hauptinsel Hokkaidō angelehnt, die auch schon für die Shin’ō-Region in Pokémon: Diamant & Perl als Vorbild herhalten musste. Trotz des vorhandenen Fantasy-Einschlags lässt sich das Spiel grob in die Meiji-Zeit einordnen.

Massenweise Pokédex-Aufgaben

Am Ende des 19. Jahrhunderts ist die Gesellschaft auch in der Pokémon-Welt noch eine andere. So leben die Menschen in der Hisui-Region noch nicht mit den Pokémon Seite an Seite. Stattdessen scheuen sie noch weitgehend den Kontakt und haben teilweise sogar Angst vor ihnen. Mit zunehmendem Fortschritt und dem Abarbeiten von Nebenmissionen scheint diese Hemmschwelle zumindest leicht zu fallen. Bevor es soweit ist, müssen wir uns jedoch für unser erstes Pokémon entscheiden, mit dem wir in die Wildnis ausziehen. Hierzu stellt uns Professor Laven einen seiner drei Schützlinge zur Seite. Anschließend dürfen wir in das Obsidian-Grasland ausziehen, dem ersten von insgesamt fünf Gebieten. In diesem Areal lernen wir die Grundmechaniken des Spiels durch Lavens Assistent oder Assistentin kennen. Grundsätzlich geht es darum, möglichst viele verschiedene Pokémon zu fangen, sie zu bekämpfen, ihnen Futter zu geben oder eine bestimmte Attacke von ihnen zu beobachten. Je geschickter wir uns anstellen, desto schneller erstellt sich der erste Pokédex in der Welt der Pokémon. Bei diesem sich automatisch füllenden Katalog handelt es sich um ein wichtiges Nachschlagewerk, das Informationen zu den 242 in Pokémon-Legenden: Arceus enthaltenen Monstern aufnimmt. Das fühlt sich deutlich natürlicher und vor allem motivierender als in der Hauptreihe an.

Grandiose Fangmechaniken

Auch die Fangmechanik fühlt sich in Pokémon-Legenden: Arceus sehr viel immersiver an, denn wir können mit unserem Charakter zahme Pokémon einfach so fangen, ohne dass sich ein Kampfbildschirm dazu öffnen muss. Bei scheuen Monsterchen müssen wir uns aus der Verfolgerperspektive hingegen anschleichen und dazu das hohe Gras als Versteck nutzen. Was für eine Ironie! Erst wenn kampfeslustige Pokémon auf uns aufmerksam werden oder wir bewusst eine Auseinandersetzung provozieren, können wir das Gefecht starten. Auch hierzu müssen wir einen unserer bis zu sechs mit Pokémon gefüllten Pokébällen in Richtung Gegner werfen. Um das deutlich actionlastigere Gameplay zu unterstreichen, gibt es in Pokémon-Legenden: Arceus auch neue Pokéball-Arten in verschiedenen Abstufungen. Schwerbälle können nicht weit geworfen werden, haben aber eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit, wenn sie treffen. Mit Flügelbällen können wir hingegen besonders agile und vor allem auch fliegende Wesen deutlich einfacher fangen. Nichtsdestotrotz gibt es mit den Super- und Hyperbällen auch die klassischen Vertreter. Die Jagd kann damit ebenso erfolgreich sein. Da die fünf Spielgebiete mit Pokémon nur so vollgestopft sind, gibt es hierbei auch keinen Leerlauf. Wer sich einmal in die Wildnis wagt, wird während des Ausflugs durchgehend unterhalten.

Jäger, Sammler und Entdecker

Dass die Ausflüge in die fünf Areale so gut funktionieren, liegt aber auch an weiteren Ideen. Da Menschen nicht nur Jäger, sondern auch Sammler und Entdecker sind, vergeht die Zeit noch sehr viel schneller. Überall in der Spielwelt entdecken wir Materialien wie Erze, Holz oder Beeren. Oft hinterlassen auch Pokémon entsprechende Objekte. An einer Werkbank können wir eigene Pokébälle, Tränke und Köder herstellen, sofern wir die dafür benötigten Anleitungen besitzen. Die wichtigsten Anleitungen erhalten wir im Verlauf der Story, weitere können wir in Jubeldorf erwerben. Jubeldorf, das sich in den nächsten Jahrzehnten peu á peu zu Jubelstadt entwickeln wird, ist im Übrigen auch der Ausgangspunkt unserer Ausflüge. Hier erhalten wir Haupt- sowie Nebenmissionen und begeben uns anschließend in die Areale. Ein wenig erinnert das an Monster Hunter, was aber nicht die schlechteste Entscheidung ist. Viele Spieler hätten sich für Pokémon-Legenden: Arceus vermutlich eine offene Spielwelt gewünscht, aber denen können wir versichern, dass die fünf Areale sowohl abwechslungsreich als auch weitläufig genug sind. So erkunden wir Wälder, Höhlen, Berge, Tempel und Co. In jedem Gebiet erhalten wir zudem ein weiteres Reit-Pokémon, mit denen wir auch in bereits besuchten Gegenden neue Orte sowohl horizontal als auch vertikal erreichen können.

Spaßige Charaktere, aber eingeschränkte Dialoge

Im Verlauf der Handlung lernen wir in Pokémon-Legenden: Arceus zahlreiche Charaktere kennen. Dazu zählen zum Beispiel der zumeist engstirnige Expeditionsleiter Denboku, der fahrende Händler Volo oder die drei Diebinnen Nessia, Efelia und Distia. Hinzu kommen mit Perla und Diam die Oberhäupter zweier konkurrierender Klans, die in spiritueller Hinsicht aber offenbar an ein und dasselbe Pokémon glauben. Wie für Rollenspiele üblich kommt auch dieser Titel nicht ohne Dialoge aus. Diese nehmen aber nicht zu viel Zeit in Anspruch und passen hervorragend in die Spielwelt. Schade ist nur, dass es bei allen Fragen in den Dialogen im Grunde nur eine einzige Antwortmöglichkeit gibt, die tatsächlich Einfluss auf den Verlauf der weiteren Handlung hat. Hier wäre durchaus mehr möglich gewesen. Selbiges betrifft auch die Nebenmissionen. Oft genügt es, ein bestimmtes Pokémon zu fangen, den Pokédex-Eintrag eines Monsters zu vervollständigen, bestimmte Materialien zu sammeln oder einfache Suchaufgaben abzuschließen. Trotz der Einfachheit gefallen uns die meisten Geschichten sehr gut, da sie sich natürlich in Setting und Szenario einfügen. Mit der Ballonjagd gibt es an bestimmten Stellen auch ein Minispiel, das vom Pokémon-Sammeln ablenkt und Highscore-Jäger beschäftigen dürfte. Ob eine Nebenmission zur Verfügung steht, hängt zudem oft von gewissen Faktoren ab, die sich im Gameplay sauber zusammenfügen.

Ineinandergreifende Gameplay-Mechaniken

In Pokémon-Legenden: Arceus sind viele Gameplay-Mechaniken wirklich sehr eng miteinander verknüpft. Um beispielsweise in neue Gebiete vorzudringen, ist ein hoher Rang innerhalb der Galaktik-Expedition überaus wichtig. Wir steigen im Rang aber nur auf, wenn wir genügend Aufgaben für den Pokédex erfüllen. Je weiter wir in der Story oder unserem Rang sind, desto mehr Nebenmissionen schalten sich in Jubeldorf und in der restlichen Region frei. Da es keine Trainer im klassischen Sinne gibt, gegen die wir unser Team aus bis zu sechs Pokémon antreten lassen können, verdienen wir unser Pokédollar zudem auf andere Art und Weise. So sollten wir bei jedem Ausflug möglichst viele Pokémon fangen, für die uns Professor Laven entlohnt. Je höher unser Rang, desto mehr Moneten landen in unserem Portemonnaie. Für unser hart verdientes Geld können wir beispielsweise auf dem Acker in Jubeldorf Beeren, Kräuter und Co anbauen lassen. In der Schneiderei können wir hingegen neue Outfits erwerben. Da ist von der Alltagskleidung bis hin zur Karatekluft alles dabei. Im Schrein können wir darüber hinaus Talismane für besseren Schutz kaufen und in den Läden gibt es neue Items und Materialien. Da unsere Tasche zu klein für alle Items gleichzeitig ist, sollten wir diese übrigens regelmäßig erweitern – und dafür müssen wir ungelogen tief in die Tasche greifen.

Überraschend komplexes Spieldesign

Auch in den Kämpfen gibt es kleine, aber feine Veränderungen. Nach wir vor laufen die Auseinandersetzungen rundenbasiert ab, können ab einem frühen Zeitpunkt im Spiel aber auch ein wenig manipuliert werden. Mit der Zeit meistern unsere Pokémon ihre Attacken. Ist dies geschehen, können wir einen Angriff auch als Tempo- oder Krafttechnik ausführen. Mit der Tempotechnik kommen wir schneller wieder zum Zug. Dafür fällt der Angriff unseres Monsters aber nicht ganz so stark aus. Mit der Krafttechnik verzögert sich unser nächster Angriff eventuell, ist dafür aber ein wenig stärker. Pokémon-Legenden: Arceus vergisst an dieser Stelle aber nicht, dass es ein Rollenspiel ist. Dementsprechend spielen auch die  Attribute und Typen der jeweils am Kampf beteiligten Pokémon eine nicht weniger wichtige Rolle. Interessant ist auch die Tatsache, dass jeder Wert ein bestimmtes Leistungslevel hat, das wir durch seltene Items erhöhen können. Ihr merkt schon: Das Spiel ist in vielerlei Hinsicht überraschend komplex. Auch der Schwierigkeitsgrad ist äußerst ansprechend, denn selbst Gegner, die aufgrund ihres niedrigen Levels scheinbar kein Problem darstellen, können das Blatt im Kampf plötzlich wenden. Langwieriges Grinden ist in Pokémon-Legenden: Arceus übrigens nicht nötig. Alle einsatzbereiten Taschenmonster in unserem Team erhalten nach dem Kampf oder beim Fangen eines wilden Pokémons ähnlich viele Erfahrungspunkte fürs Level-up.

Packende Bosskämpfe

Trotzdem ist das Kampfsystem nicht perfekt. So können uns zwar Pokémon in Rudeln angreifen, wir hingegen dürfen aber zu keiner Zeit zumindest ein zweites Pokémon in den virtuellen Ring schicken. Dies ist ein klarer Rückschritt im Vergleich zu früheren Spielen der Reihe. Dafür gibt es noch zwei Aspekte, durch die sich Pokémon-Legenden: Arceus vom Rest der Serie abhebt. Zum einen tauchen mit andauernder Erkundung immer wieder Verzerrungen im Raum-Zeit-Gefüge auf. Betreten wir diese kuppelartige Verzerrung, können wir dort für kurze Zeit besonders seltene oder gar starke Pokémon fangen oder bekämpfen und noch dazu wertvolle Items vom Boden aufklauben. Zum anderen gibt es spezielle Bosskämpfe, in denen wir ein Pokémon, die sogenannten Königinnen und Könige des jeweiligen Gebiets, herausfordern. Diese Pokémon fallen storytechnisch in Rage und müssen zunächst mit den ominösen Entspannungskugeln beworfen und besänftigt werden. Ist das Pokémon temporär geschwächt, können wir einen einfachen Kampf mit ihm ausfechten, bevor es mit Entspannungskugeln in die nächste Runde geht. Sind wir zu ungeschickt, werden wir bewusstlos, können auf Wunsch aber wieder mitten im Kampf ohne Verluste einsteigen. Knocken die Gegner den Protagonisten im normalen Spielverlauf aus, verliert er hingegen einen Teil gesammelter Materialien.

Technisch durchwachsenes Abenteuer

Spielen wir mit aktiver Internetverbindung, können unsere Materialien von anderen Spielern aufgeklaubt und an uns zurückgeschickt werden. Eine weitere nette Idee des Titels! Unterm Strich klingt das alles ziemlich gut, aber wo es Licht gibt, gibt es auch Schatten. Obwohl das Spiel eigentlich einen sehr schönen Artstyle hat, der an The Legend of Zelda: Breath of the Wild erinnert, wird dieser von der schwachen Technik der Nintendo Switch gänzlich zunichte gemacht. Viele Texturen sind matschig bis unklar, was selbst Details an Charakteren betrifft. Dann poppen Objekte und sogar Schattierungen selbst in der näheren Umgebung plötzlich auf. Die Bewegungs- und Gesichtsanimationen der Charaktere sind ebenfalls eine völlige Katastrophe. So wirken die Figuren oft, als würden sie durch die Gegend fahren und in den Dialogen bewegen diese ihre Lippen so, als wären sie Fische mit Schnappatmung. Noch dazu agieren die Pokémon in einem festen Bewegungsradius, den sie nur bedingt verlassen können. Ihr Verhalten ist schlicht nicht glaubhaft. Genauso wenig überzeugt das Midi-Gedudel der Pokémon. Ihre Laute nehmen viel von der Atmosphäre. Auch an einer Synchronisation haben Entwickler und Publisher gespart. Immerhin gefällt uns die heitere Musik, auch wenn sie häufig zu plötzlich und zu sparsam eingesetzt wird. Hier müssen Game Freak, The Pokémon Company und Nintendo bei einem möglichen Nachfolger unbedingt noch nachbessern.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit: Mit Pokémon-Legenden: Arceus ist dem Entwicklerstudio Game Freak trotz der miserablen Technik der große Wurf gelungen. Es macht mir unglaublich viel Spaß, in die Weiten der Wildnis der Hisui-Region vorzudringen, massenweise Pokémon zu fangen, mein Team auf die nächsten Herausforderungen vorzubereiten, überall Materialien zu sammeln und einfach die abwechslungsreichen und weitläufigen Areale zu erkunden und versteckte Orte zu entdecken. Dadurch, dass bis zum Ende neue Optionen zur Erkundung hinzukommen, macht das auch nach vierzig Spielstunden immer noch sehr viel Spaß. Auch wenn die Story eher Mittel zum Zweck ist und erst zum Schluss und über den Abspann hinaus interessant wird, motiviert sie mich genug, mehr und mehr über die Region herauszufinden. Zudem flutscht das Gameplay mit seinen vielseitigen Fang- und Kampfmechaniken, sodass es zu keiner Minute langweilig wird. Am Ende frage ich mich jedoch, warum die technische Umsetzung so mau ausfällt. So läuft das Spiel mit fast konstant dreißig Bildern pro Sekunde ganz gut und auch der eigentliche Stil gefällt mir, aber abgehackte Animationen und teils ganz schön hässliche Texturen dürfen im Jahr 2022 wirklich nicht sein. Auch vom Verhalten der Pokémon würde ich mehr erwarten als einfach nur in der Gegend herumzustehen oder sich selten schlafen zu legen. Von der fehlenden Synchronisation und dem Midi-Gedudel bei den Lauten der Pokémon möchte ich erst gar nicht anfangen. Trotz allem macht mir das Spiel sehr viel Spaß. Sollten Game Freak und Nintendo aber eines Tages einen Nachfolger veröffentlichen, sollte sich dieses technische Debakel keinesfalls wiederholen. Dann kann aus einem sehr guten auch ein herausragendes Spiel werden!

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