Review: The Kids we were

Bereits im Februar 2020 erschien das Voxeloptik-Adventure The Kids we were von Entwicklerstudio Gagex für mobile Endgeräte. Aufgrund der allgemein positiven Resonanz war es kein Wunder, dass der Titel im Dezember 2021 endlich für die Switch nachgereicht wurde.

Zeitreisen sind ein beliebtes Konzept in Filmen und Videospielen. Auch The Kids we were macht Gebrauch von dieser Thematik. Wir schlüpfen in die Rolle des elfjährigen Grundschülers Minato, der im Jahr 2020 gemeinsam mit seiner jüngeren und an einer seltenen Krankheit leidenden Schwester Mirai und seiner Mutter mit der Tram in die Kleinstadt Kagami unterwegs ist. Minatos Mutter begibt sich auf ein Treffen mit anderen Gemeindemitgliedern, um den Opfern eines Erdbebens von vor 33 Jahren zu gedenken. In der Zwischenzeit versuchen Minato und Mirai mehr über ihren Vater zu erfahren, der angeblich in Kagami leben soll. Auf dem buddhistischen Friedhof des Städtchens werden sie zwar fündig, doch auch mit der traurigen Wahrheit konfrontiert. Hinzu kommt, dass Minato die Enthüllung kommen gesehen hat. Seit einiger Zeit hat er Vorahnungen respektive Visionen von Geschehnissen, die in der Zukunft liegen. So überschlagen sich zu Beginn die Ereignisse regelrecht. Kurz vor der Abreise beschließt Minato, einer seiner Vorahnungen nachzugeben. Er nimmt Reißaus und landet schließlich auf der Baustelle eines abgerissenen Shintō-Schreins. Dort lernt er den Minato aus dem Jahr 2053 kennen. Von ihm erhält er den Auftrag, mit der Zeitmaschine in die Vergangenheit zu reisen, um die Grundlagen zur Rettung seiner Familie zu legen. Auf ins Jahr 1987!

Zurück in die Zukunft

Machen wir uns nichts vor. Die Geschichte von The Kids we were erinnert stark an Robert Lee Zemeckis Science-Fiction-Klassiker Zurück in die Zukunft aus dem Jahr 1985. Unter anderem lernt Minato in der Vergangenheit seine Eltern kennen. Auch ein Naturphänomen wird auf einem Flugblatt mit genauem Zeitpunkt kenntlich gemacht. Ähnlich wie Jennifer Parker in Zurück in die Zukunft hinterlässt auf dem Flyer auch Minatos Mutter eine Telefonnummer, die in der Vergangenheit natürlich nicht vergeben ist. Die Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen. Schlimm ist das nicht, gilt Zurück in die Zukunft doch als einer der besten Filme aller Zeiten. So ist The Kids we were in gewisser Weise eine Verbeugung vor dem Vorbild. Zudem verknüpft das Adventure die Rahmenhandlung mit eigenen Geschichten, die sich um die sieben Mysterien von Kagami drehen. So liegt es an uns, unter anderem herauszufinden, was es mit dem im Pool der Schule badenden Kappa auf sich hat. Hierbei handelt es sich um ein als Yōkai bezeichnetes Monster aus der japanischen Mythologie. Daran ist zu erkennen, dass sich The Kids we were als japanisch identifiziert und sich mit der Kultur des Landes der aufgehenden Sonne auseinandersetzt. Eine kräftige Portion Nostalgie ist dabei nicht von der Hand zu weisen, die sich jedoch fast ausschließlich an japanische Spieler richtet.

Nostalgischer Retro-Flair

Überall in der überschaubaren Spielwelt verstecken sich 91 sammelbare Items, die für den erfolgreichen Abschluss des Spiels aber nicht notwendig sind. Hierbei handelt es sich vor allem um bestimmte Süßigkeiten, die die Zeit nicht überdauert haben und vor allem Spieler kennen, die im Japan der 1980er-Jahre aufgewachsen sind. Weniger spezielle Objekte wie Röhrenfernseher dürften aber auch europäische Spieler wiedererkennen – zumindest wenn sie vor der Jahrtausendwende geboren sind. Wer über kein Retro-Faible verfügt, den wird ein guter Teil der Atmosphäre von The Kids we were vermutlich nicht erreichen. Liegt dieses aber vor, macht es unglaublich viel Spaß, im Item-Katalog zu stöbern und die interessanten Fakten nachzulesen. Nichtsdestotrotz kann uns die Story auch abseits der Nostalgie fesseln. In insgesamt 16 Kapiteln wollen wir jederzeit wissen, wie die Story um Minato, seinen Eltern, seiner jüngeren Schwester und seinen neuen Bekanntschaften aus dem Jahr 1987 weitergeht. Zahlreiche Überraschungen und Wendungen sorgen dafür, dass nur wenig vorhersehbar ist. Auch die auf Englisch geschriebenen Dialoge sind gelungen und setzen teilweise auch auf Humor, der zum Schmunzeln anregt. Mit entsprechenden Sprachkenntnissen lässt sich der Titel auch komplett auf Japanisch, Koreanisch oder Chinesisch bis zum Abspann genießen.

Lineares Storytelling bis zum Schluss

Obwohl wir uns meistens frei durch Kagami bewegen können, ist dies nur selten notwendig. Nur wenn wir tatsächlich alle Münzen finden wollen, die wir für Items an Kapselautomaten ausgeben können, ist das in jedem Kapitel erneute Absuchen der Stadt erforderlich. Folgen wir nur der Story, reicht es schlicht zum nächsten Zielort aufzubrechen. Dort angelangt spielt sich schlicht die nächste Story-Sequenz ab. Wirkliche Rätsel oder Story-Abweichungen gibt es in The Kids we were leider nicht. Die Entwickler haben sich eine Geschichte ausgedacht, die niemals von ihrem Konzept abweicht. Im Zusammenhang mit dem Zeitreise-Szenario ist das nachvollziehbar, da mehrere Zeitebenen die Handlung komplizierter machen. Dennoch hätten wir uns über alternative Enden oder zumindest unterschiedlich ablaufende Dialoge sehr gefreut. Der Wiederspielwert ist damit äußerst gering. Dafür entschädigt zumindest ein wenig der Grafikstil, der mit seiner Voxeloptik wie im PlayStation-3-Klassiker 3D Dot Game Heroes oder wie im eShop-Titel The Touryst aus der Masse heraussticht. Allerdings fallen die kaum vorhandenen Animationen negativ auf. Ähnlich sieht es bei der Musik aus. Diese passt mit Klavier- und Gitarrenklängen zur Geschichte wie die Faust aufs Auge, doch gibt es keinen dynamischen Wechsel zwischen zwei Szenen, was vor allem emotional aufgeladene Momente abschwächt. Adventure-Fans kommen dennoch nicht um The Kids we were herum. Wer sich auf den Titel einlässt, wird je nach Sammelwahn sieben bis zehn Stunden bestens unterhalten.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch-Fassung): Als der einstige Mobile-Titel The Kids we were plötzlich im eShop für die Nintendo Switch erschienen ist, war ich sofort Feuer und Flamme. Ich konnte es als Fan von Zeitreisen kaum erwarten, mich in das kurze und knackige Abenteuer zu stürzen. Die Geschichte erinnert zwar stark an Zurück in die Zukunft, doch ist dies in meinen Augen kein Problem. The Kids we were setzt viele eigene Akzente und verbindet diese mit der japanischen Kultur und Mythologie. Langweilig wird die Story trotz der linearen Erzählweise nie. Ich möchte in jedem Kapitel stets wissen, wie es mit Minato und Co weitergeht. Auch das repetitive Absuchen der japanischen Kleinstadt Kagami macht mir Spaß, da ich ständig über neue Items wie Süßigkeiten stolpere, mit denen die Kinder im Japan der 1980er-Jahre aufgewachsen sind. Dank vieler Anime, Filme und Videospiele, die sich mit der Zeit beschäftigen oder aus dieser Zeit stammen, war ich auf diesen Anflug an Nostalgie gewappnet. So gefällt mir auch die Retro-Atmosphäre, die der Titel versprüht. Bei der audiovisuellen Gestaltung ist zwar viel Luft nach oben, doch passt diese in meinen Augen gut zu Gameplay, Story, Setting und Szenario. Ich kann das Adventure jedem Genre-Fan nur wärmstens empfehlen. Am Ende hoffe ich sogar, dass auch ein japanisches Animationsstudio auf das Spiel aufmerksam wird. Alleine schon aufgrund der Kapitelstruktur würde sich eine Anime-Umsetzung mehr als anbieten. Während ich das Spiel aufgrund der linearen Erzählung sicherlich kein zweites Mal durchspielen werde, würde eine Anime-Serie diesen Umstand ändern. Dem Entwicklerstudio Gagex würde ich den Erfolg von Herzen wünschen.

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