Im schlimmsten Falle können Videospiele mit ihrer Story stundenlang langweilen und ermüden. Es gibt jedoch zum Glück mehr Videospiele, die wunderbare Geschichten erzählen, aber nur wenige hauen uns schlichtweg um. American Arcadia begeistert von Anfang bis Ende und dürfte gerade für Story-Enthusiasten eines der besten Spiele des Jahres 2023 sein!
Stellt euch vor, ihr wacht auf und müsst feststellen, dass euer bisheriges Leben eine Lüge ist. Zugegeben ist diese Thematik nicht neu und wurde schon in zahlreichen populärkulturellen Werken ausgeschlachtet. Auch American Arcadia setzt auf uns bekannte Erzählmechanismen, die zusammengesetzt jedoch ein derart pessimistisches Weltbild aufzeigen, das zum Denken anregt. So erzählt das Adventure des spanischen Entwicklerstudios Out of the Blue Games die Geschichte des 28-jährigen Büroangestellten Trevor Clarence Hills. Seit seiner Geburt lebt Trevor im titelgebenden Ort Arcadia, der Stadt von morgen, wie es im Spiel heißt. Tag für Tag führt er ein gewöhnliches Leben, bis sein Arbeitskollege plötzlich verschwindet. Angeblich habe dieser in der Lotterie ein Reisestipendium gewonnen, hat seine sieben Sachen gepackt und Arcadia hinter sich gelassen. Trevor kann das nicht ganz glauben, hat sein ehemaliger Kollege doch niemals davon geträumt, in die Ferne zu ziehen. Die mysteriösen Ereignisse wie plötzlich erklingende Musik, deren Text Trevor dazu aufruft, kein Dummkopf zu sein, und Werbetafeln mit kryptischen Botschaften, häufen sich. Wenige Tage später wird er zum Chef bestellt, da angeblich auch er ein Reisestipendium gewonnen habe. Eine Stimme aus dem Lautsprecher warnt Trevor, denn würde er das Büro betreten, würde er „verschwinden“.
Populärkulturelle Anspielungen
An dieser Stelle müssen wir eine kleine, aber klare Spoiler-Warnung aussprechen. American Arcadia nimmt viele Elemente aus populärkulturellen Werken auf, die elementar für die Story sind. Wollt ihr euch genauso wie wir vollkommen überraschen lassen, solltet ihr diesen Abschnitt unserer Rezension ab dem nächsten Satz und das Fazit überspringen, um unvoreingenommen an das Abenteuerspiel heranzugehen. Bei Arcadia handelt es sich oberflächlich um eine Stadt, die in den 1970er-Jahren festzuhängen scheint. Trotzdem gibt es hier und da eine Entwicklung, die anachronistisch in das Erscheinungsbild hineingrätscht. Auf der Flucht erfährt Trevor von Angela Solano, der Frau hinter der mysteriösen Stimme, dass er sich zusammen mit über zwanzigtausend weiteren Bewohnern von Arcadia in der Fernsehshow American Arcadia befindet. Dies ist eine klare Anspielung an Peter Lindsay Weirs Film Die Truman Show, nur eben in einem deutlich größeren Maßstab – und gefährlicher! Bewohner, die dem Fernsehsender keine Quote bringen, werden aus der Sendung gestrichen und offenbar umgebracht. Ein wenig perverser wird es, wenn auch Menschen von außerhalb als Touristen Arcadia besuchen dürfen, aber nicht die vierte Wand durchbrechen sollen. Wer jetzt an eine Art Westworld mit lebenden Menschen statt mit Robotern denkt, darf genüsslich schweigen.
Kameraperspektiven
Handlungstechnisch konzentriert sich das Spiel darauf, dass wir mit Trevor aus Arcadia fliehen, um aus den Fängen seiner Gegenspieler zu entkommen. American Arcadia bedient sich hierbei verschiedener Genres und Gameplay-Mechaniken aus anderen Spielen. So laufen wir die meiste Zeit auf einer zweidimensionalen Ebene im 2,5D-Spiel von links nach rechts und hüpfen auch schon mal über Abgründe, um möglichen Verfolgern zu entkommen. Hin und wieder können wir auf andere Kameraperspektiven wechseln, um weitere Details von der jeweiligen Spielszene zu erhalten oder über diese sogar mit der Umgebung wie in Watch Dogs zu interagieren. Beispielsweise können wir so elektronisch gesicherte Heizungsrohrventile aufdrehen, einen Kran oder einen Aufzug bewegen oder schlicht Schaltkreise aktivieren, um Zugang auf ein neues Objekt zu erhalten. Diese meist seichten Rätsel machen uns durchaus Spaß, erfordern von uns aber hin und wieder hohe Konzentration, da wir manchmal nicht nur Trevor steuern, sondern ziemlich schnell auch die Perspektive wechseln müssen, um in Windeseile die Umgebung zu checken. Je nachdem wie geschickt wir uns dabei anstellen, kann das schon mal in einer Versuch-und-Irrtum-Phase enden, die uns für ein paar Minuten aufhält. Mit etwas Geduld sind aber auch diese Stellen von American Arcadia sehr schnell gemeistert.
Erzählkünstlerische Glanzleistung
Nichtsdestotrotz handelt es sich bei diesem Abenteuerspiel, bei dem es durchaus auf Geschick ankommt, nicht um ein allzu hektisches Spiel. Es kommt zwar regelmäßig zu Verfolgungsjagden, aber American Arcadia lässt uns regelmäßig durchatmen. So wechselt das Geschehen an vordefinierten Stellen auch zu einer weiteren Spielfigur, die mit Trevors Geschichte verknüpft ist. Diese Passagen spielen wir entschleunigt aus der First-Perspn-Perspektive, wodurch noch ganz andere Rätsel möglich sind. Zudem erfahren wir gerade hier mehr über die Stadt Arcadia und ihre Hintergründe. Den Erzählkünstlern bei Out of the Blue Games ist es nicht nur gelungen, eine mitreißende und vor allem wendungsreiche Geschichte zu inszenieren, sondern drumherum eine Welt zu schaffen, die mit unglaublich vielen Details gefüttert ist. Je mehr Zeit wir uns mit dem Spiel beschäftigen, desto glaubhafter wirkt Arcadia – und umso mehr wollen wir über den Ort erfahren. Hinzu kommen die retrofuturistische 1970er-Jahre-Ästhetik in Form eines Comic-Looks und der stimmungsvolle Soundtrack von Komponist Eduardo de la Iglesia, die uns so sehr an den Monitor bannen. Obwohl das Adventure mit einer Spielzeit von gerade einmal sieben Stunden sehr kurz ausfällt, bleiben uns diese sieben Stunden im Gedächtnis haften. Wenn ihr gutes Storytelling und Worldbuilding in Videospielen schätzt, solltet ihr American Arcadia unbedingt spielen. Denkt dran: „Don’t be a Fool!“.
Geschrieben von Eric Ebelt
Erics Fazit (basierend auf der PC-Fassung): Überaus froh bin ich darüber, dass ich vielen Videospielen nur aufgrund ihres äußerst einprägsamen Erscheinungsbildes eine Chance gebe. So habe ich mich im Vorfeld nicht mit American Arcadia beschäftigt und wusste nicht, was da überhaupt auf mich zukommt. Es mag vielleicht ein wenig einfallslos sein, wenn ein Entwicklerstudio einfach nur das Grundkonzept von Die Truman Show übernimmt, doch geht Out of the Blue Games noch einen gravierenden Schritt weiter. Sie nehmen noch mehr populärkulturelle Anspielungen von Werken wie Westworld, Police Academy, Und täglich grüßt das Murmeltier, Blade Runner und Co hinein, beweisen an den passenden Stellen Humor und verknüpfen dies mit einem eigentlich ganz schön melancholischen Protagonisten. Darüber hinaus ist das Bild, dass American Arcadia von der konsumsüchtigen und spektakelgeilen Gesellschaft zeichnet, richtig pessimistisch. Kombiniert wird all das mit seichten Rätseln, die zum Geschehen passen, wenn auch ganz selten in nervigen Versuch-und-Irrtum-Passagen münden. Trotzdem kann ich nach dem Durchspielen American Arcadia nur wärmstens empfehlen. Eine bessere Geschichte bekommt ihr in sieben Stunden so schnell nicht mehr erzählt.
Vielen Dank an Raw Fury Games für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von American Arcadia!