Special: Eine Odyssee zur Odyssee

Der legendäre Odysseús und seine Abenteuer gehören zu den absoluten Klassikern antiker Literatur und haben Romane, Filme, Comics und vieles mehr inspiriert. Wir folgen den ersten Verfilmungen von Homers Epos vom Stummfilm an bis in die 1960er-Jahre hinein.

Homer, eigentlich Hómēros, Iliás und Odýsseia beziehungsweise Odyssee – das sind womöglich drei der gewaltigsten Namen der abendländischen Kultur, die auf eine gesammelte Weltordnung von klassischer Literatur und Kunst, Dichtung und Gelehrsamkeit, Motiven und Einflüssen verweisen, die an Größe, Rang und Bedeutung monumental gigantisch, erschlagend und übermächtig erscheinen. Freilich mögen sie dem einen oder anderen Verächter den Eindruck überholter und altertümlicher Museumsstücke der Weltliteratur erwecken, dass wir uns die Frage stellen müssen, ob das noch wer liest. Ist Odysseús heutzutage tatsächlich noch relevant? Die Antwort des gediegenen Bildungsbürgers darauf muss selbstredend ein klares, herzliches „Ja!“ sein – relevant ist der alte Knabe wie eh und je! In der Wissenschaft sind Homer und sein literarisches Vermächtnis weit davon entfernt ausdiskutiert zu sein. Da geraten wir fröhlich in die messerscharfen Diskutierfänge der sich anfeindenden Unitarier, Analytiker und Chorizonten, die sich allesamt nach wie vor uneins sind, ob Homer eine einzelne Person oder doch mehrere war. Auch wer wirklich die Iliás verfasst hat und ob es derselbe Autor gewesen sein mag, der später die Odyssee hinterherschob, wird breit diskutiert. Es stellt sich auch die Frage, ob der Mann überhaupt Autor oder eher Kompilator und Tradent war, der bloß Existentes sammelte, oder ob sich hinter dem Nom de plume mehrere verbargen. Oder, wer weiß, gar eine weibliche Autorin.

Des Dichters Vermächtnis

Wenn sich die Experten beim Urheber nicht auf die grundlegenden Eckpunkte einigen können – wo er geboren ist, welcher Nationalität er angehörig war, wessen Familie er entstammte, er blind oder sehend war, welches Geschlecht er oder sie hatte –, scheint bei seinen Texten ein verträglicher Konsens kaum möglich. Die werten Damen und Herren kommen ja nicht einmal bei seinem Namen zusammen, ob sich Homer nun von homeros für „die Geisel“, homourarisko für „zusammenfügen“, meros wie „pelziges Bein“ oder ho me horon, das sich von „dem Nicht-Sehenden“, sprich „dem Blinde“ ableitet. Er könnte auch ganz anders geheißen haben, nämlich Melesigenes oder Meles. Bleiben wir der Einfachheit halber bei Homer. Denn das Phänomen Homer beschäftigt uns ununterbrochen seit der Antike. Seine (oder wessen auch immer) richtungweisenden Meisterwerke Die Iliás und Die Odyssee gelten gemeinhin als die Geburtsstunde der griechischen Literatur, die an der Schwelle der mündlichen Dichtkunst zur waschechten Schriftkultur stehen, und als die Meilensteine, die sie fraglos sind, kolossale Schatten auf unseren Kulturkreis werfen. Selbst im 20. Jahrhundert entbrennen immer wieder neue Debatten, Diskussionen und gelehrte Schlagabtausche, um und über den Dichter und sein Opus, die sie zur Projektionsfläche, zur Sehnsuchtsgestalt und zum Politikum machen. Mancher verortete die Ursprünge homerischer Dichtkunst weiter östlich oder tiefer in Afrika als anderem lieb war – und die Übersetzung von Emily Wilson wird uns noch länger beschäftigen.

Unsere alltägliche Odyssee

Wie auch immer die Wissenschaft und ausgesuchte Homer-Apologeten das Gemenge betrachten mögen, auch wir Durchschnittsbürger sind nicht gefeit vor Homers Allgegenwart. Die Odyssee ist längst Teil unseres kollektiven Bewusstseins und unserer Kultur. Losgelöst von ihrem Ursprung ist „Odyssee“ bis heute der Inbegriff einer langwierigen, gefahrumwitterten, mit Hindernissen gespickten Reise, ob zu Schiff, zu Pferd, zu Fuß oder anderweitig. Mentorfiguren begegnen wir allerorts; und der eine oder andere fand sich garantiert schon reizend bezirzt oder bezauberndem Sirenengesang erlegen. Selbst bei denen, die keine einzige seiner Zeilen gelesen haben, werden die Namen Homer und Odysseús unweigerlich starke Assoziationen wecken – und das nicht nur wegen der Simpsons. Die Odyssee spricht Abenteuerlustige an, ältere Semester durch die Figur des Odysseús, jüngere durch Tēlémachos, weibliche Leser vielleicht durch Pēnelópē, Athḗnē, Nausikáa, Kírkē oder Kalypsṓ. Für wieder andere ist Homer pure künstlerische Inspiration: Angefangen bei Virgils Aeneis über Monteverdis Il Ritorno d’Ulisse und James Augustine Aloysius Joyce Ulysses bis hin zu John Ronald Reuel Tolkiens Fantasy-Klassiker Der Herr der Ringe, wo sich Frodo und seine Gefährten auf ihre eigene Odyssee gen Mordor begeben – und mit diesen Beispielen kratzen wir bloß an der Oberfläche. Des Sängers Wurzeln ragen wahrlich tief.

Muse! Erzähl mir vom wendigen Mann, der die heilige Feste Trojas zerstörte!

Abgesehen von Literatur, Tanz, Musik, Theater, Comics und Videospielen wie Assassin’s Creed: Odyssey haben noch weitere Medien Homer für sich vereinnahmt: Der Film, das Kino, das Fernsehen. Seit den Tagen des Stummfilms haben die buntesten Variationen das Licht der Welt erblickt, sowohl von der Iliás als auch von der Odyssee. Gerade Odysseús‘ fantastische Irrfahrt gibt überreichlich Material für ein aufregendes, vielseitiges und spektakuläres Abenteuer her, dem sich so mancher inspirierter Kreateur hingebungsvoll widmete. Seit der ersten Verfilmung von 1905 bis zu Christopher Edward Nolans anstehendem Epos The Odyssey von 2026 haben sich Filmschaffende auf mannigfaltigen cineastischen Meeren verdingt und die Tauglichkeit des Stoffes in verschiedenen Genres ausgelotet. Ob Historienschinken, Western, Science-Fiction oder moderne und abstrakte Bearbeitung: Stets fand sich jemand darum bemüht, die Odyssee auf die Leinwand oder allerwenigstens den Bildschirm zu übertragen. Werktreue, kreative Freiheit und Erfolg waren dabei wenig überraschend schwankenden Grades. Nolans Blockbuster-Event nehmen wir darum zum Anlass euch auf eine Odyssee zur Odyssee mitzunehmen, eine Entdeckungsreise von Insel zu Insel, wo die unterschiedlichen Filmgestalten weilen und verborgene Schätze darauf warten, geborgen zu werden. Zuerst ankern wir bei den Stummfilmen, reisen weiter zu den schäumenden Peplum-Brandungen der 1950er- und 1960er-Jahre, landen nach einer kleinen Flaute im Archipel der 1990er und erreichen schließlich die vertrauten Gewässer der 2000er-Jahre. Backbord und steuerbord werfen wir noch den Blick auf die vorgelagerten Kliffs von Fernsehen, Zeichentrick und Anime.

Aufbruch von Troja: Ein Pionier sticht in See

Kein geringerer als Filmpionier, Bühnenmagier und Illusionist Marie-Georges-Jean Méliès ging seinen Kollegen voran und lief als erster vom Stapel. Viele seiner ersten Ruderschläge hatte das noch in seinen Kinderschuhen steckende Kino diesem nimmermüden Tausendsassa zu verdanken, der mit Experimentierfreude, Hingabe und Einfallsreichtum die wildesten Attraktionen auf sein Publikum loszulassen verstand. Mit Wonne bediente er sich der Untiefen seiner Trickseekiste, nutze Sprungschnitte, Überblendungen, Doppelbelichtungen und vielen weiteren effektvollen Bühnenzauber, um verblüffende Kinomagie zu erschaffen. Neben anderen Märchen und Mythengestalten transportierte er 1905 in Die Insel der Calypso gleichfalls Odysseús auf sein Zaubereiland. In knapp dreieinhalb Minuten und einer einzigen Einstellung begegnet der trickreiche Schiffbrüchige in rascher, frei losgelöster Abfolge Nausikáa, muss sich speerkräftig Polýphēmos erwehren und schlussendlich Kalypsṓ nach immerhin sieben Jahren Aufenthalt beziehungsweise weniger als einer Minute Filmlaufzeit entkommen. 1911 ließen sich die Regisseure Francesco Bertolini, Adolfo Padovan und Giuseppe de Liguoro in Die Irrfahrten des Odysseus mit 43 Minuten deutlich mehr Zeit: Sie zeigen in abweichender Abfolge die Abfahrt aus Itháki, Pēnelópēs Leid, den Untergang Trojas, Polýphēmos, die Sirenen, kein Chárybdis, dafür immerhin Skýlla, die Rinder des Zeús (eigentlich des Hḗlios), Kalypsṓ (aber nicht Kírkē), Nausikáa und die Phaíakes und schließlich die Rückkehr nach Itháki.

Ísmaros: Wo die Pebliten hausen

Wir gelangen in das Inselreich der Pepliten, wo prächtige Muskelheroen stolz im Peplum herumparadieren, unterdessen ihre schulterfreien Exōmís vor hervorquellendem Bizeps, Trizeps und Musculus pectoralis major vorzeitig kläglich kapitulieren – wahre Männer eben, die, während ihre holden Frauen in Nöten züchtiger Verhüllung nachkommen, stolz Brust zeigen, sich halbnackt fidel mit Styropor-Gefels bewerfen und eingeölt miteinander in engstem Körperkontakt rangeln. Als ob kaum etwas männlicher sein könnte – und ganz bestimmt nichts weniger homoerotisch wirkt –, denn sich im antiken Griechenland zu Ehren der Götter oberkörperfrei mit anderen Muskelbergen zu balgen. Die opulenten Kostüme, Kulissen und Massenszenen, auf die uns Die Irrfahrten des Odysseus einen Vorgeschmack gegeben haben, bildeten arrangiert um diese Männerbilder den Rahmen für allerlei Schindluder, den die überwiegend italienischen Filmemacher mit Material aus der griechischen Mythologie trieben. In diversen Iliás-Monumentalschinken wie Die schöne Helena von 1956 oder Achilles: Der Zorn des Kriegers von 1962, sogar im deutschen Stummfilm Helena von 1924 gab sich Odysseús in Nebenrollen die Ehre, doch nicht früher als 1954 widmete sich Regisseur Mario Camerini einer ausgemachten Odyssee-Umsetzung in Die Fahrten des Odysseus.

Eine erste Odyssee

Kein geringerer als Hollywoodlegende Kirk Douglas schlüpfte in des berühmten Irrfahrer Sandalen, um zunächst Nausikáa und den Phaíakes von seinen Abenteuern mit Polýphēmos, den Sirenen, Kírkēs Insel und seiner Reise in die Unterwelt zu berichten, und anschließend in Itháki Pēnelópēs aufdringlichen Freiern, angeführt von Anthony Quinns Antínoos, das Handwerk zu legen. Silvana Mangano war hier in einer Doppelrolle zu sehen, denn sie spielte sowohl Pēnelópē als auch Kírkē. Diese beachtliche Herkulesleistung hatte Camerini in kompakte 108 Minuten zu packen, wobei der Film Peplum gemäß über manche Strecken arg geschwätzig ausfällt und ihm ein wenig der Wind in den Segel fehlt, welcher immerhin die Polýphēmos-Episode antreibt. Dafür erscheint hier die italienische Horrorfilm-Legende Mario Bava an Deck, wenn auch nur in der Funktion des Spezialeffektekünstlers und Kameramanns, also noch lerneifriger Maat für seine späteren Peplum-Unternehmungen in Eigenregie. Bavas großer Odysseús-Moment sollte sowieso noch folgen. Camerini ist nichtsdestoweniger ein respektabler Erstversuch gelungen, der bei allem Peplum-Kolorit und obwohl er einige Etappen vermutlich aus Budget- und Laufzeitgründen fallen lassen musste, verhältnismäßig vorlagengetreu ausfällt – ein Anspruch, den viele seiner italienischen Kollegen in den 1960er Jahren schon bald über Bord werfen sollten.

Bei den Lotophagen: Sandalen, Rivalen und Westernhelden

Jedenfalls gingen Mario Caiano 1962 in Herkules, der Sohn der Götter, Pietro Francisci 1963 in Herkules, Samson und Odysseus und Duccio Tessari 1965 in Ringo kommt zurück mit dem homerischen Sagenstoff gelinde gesagt ausgesprochen freimütig um. Bei Caiano macht sich Hēraklḗs respektive lateinisiert Herkules im Auftrag des Olymps auf die Jagd nach dem Herrscher von Itháki, um ihn zu Poseidṓns Freuden Polýphēmos auszuliefern. Der listenreiche Odysseús versteht es sich ein ums andere Mal, seinem zwar ungleich kräftigeren, dafür leicht tumben Verfolger zu entziehen – bloß um in die Fänge eines irren Königs zu geraten, der über eine Armee aus höhlenmenschartigen Tiermenschen gebietet. Francisci degradiert Odysseús trotz seiner prominenten Erwähnung im Filmtitel dagegen zur besseren Nebenfigur. Statt des erfahrenen Heimkehrers begegnet uns eine deutlich jüngere Version, die dem Marvel-artigen Aufeinandertreffen von Hēraklḗs und Samson beiwohnen darf. Tessari schließlich verlässt den homerischen Kurs vollends: Im von ihm und Fernando Di Leo verfassten Script wird aus der Nóstos der Odyssee kurzerhand ein Italo-Western. Der Amerikanische Bürgerkrieg ersetzt den trojanischen Krieg und aus Odysseús wird der von Giuliano Gemma verkörperte Nordstaaten-Offizier Captain Montgomery „Ringo“ Brown, ein heimkehrender Soldat, der feststellen muss, dass eine Bande mexikanischer Banditen seine Heimatstadt terrorisiert. Einer der Anführer stellt gar Pēnelópē, das heißt Hally Fitzgerald Brown nach, woraufhin Ringo im Finale zur bleihaltigen Mnesterophonie bläst.

Im Reich des Kyklopen: Werktreue in Serienform

Nach diesen wirren Wogen geraten wir mit Franco Rossis Die Odyssee von 1968 wieder in ruhigeren Wellenschlag. Im Gegensatz zu seinen Vorgänger hat sich Rossi mit seiner für den italienischen TV-Sender RAI produzierte Miniserie acht Episoden Zeit gelassen, um so viel wie möglich vom homerischen Kosmos auf die Leinwand zu retten. Tatsächlich gilt sie bis heute als eine der vorlagengetreusten Interpretationen von Homers Odyssee. Mit beinahe philologischer Akribie folgt Rossi dem Handlungsverlauf der Vorlage, obgleich sich im Detail die ein oder andere Abweichung auftut, etwa bei Odysseús Charakter oder dem (budgetverschuldeten?) Fehlen von Skýlla und Chárybdis. Dafür bekommt man bei Rossi fast alles andere zu sehen: Die Telemachie, also Pēnelópēs Schererein mit den Freiern, und Tēlémachos eigene Reise zu seines Vaters Kampfgefährten Néstōr, sowie Menélaos und Helena, um sie über dessen Verbleib zu befragen. Bekim Fehmius Odysseús taucht leibhaftig erst am Ende der ersten Episode als Schiffbrüchiger auf, der nach langem Irren bei Nausikáa, hier gespielt von Bond-Girl Barbara Bach, und den Phaíakes landet. Es folgt der bekannte Bericht über seine berühmten Abenteuer bei Kalypsṓ, der Sieg über Troja dank seiner List mit dem trojanischen Pferd, die Lōtophágoi, Polýphēmos, Aíolos, Kírkē, der Abstieg in die Unterwelt, die Sirenen, bis zu den Rindern des Sonnengottes. Erst in den letzten beiden Folgen gelingt ihm die Heimkehr und die Serie endet nach der Mnesterophonie mit dem Friedensschluss auf Itháki.

Der Schatten Homers birgt Fluch und Segen

Wenig überraschend widersteht Rossi dem Sog des Peplum-Strudels beziehungsweise des Italo-Westerns. Seine Odissea kreuzt fernab von deren kunterbunten, auf Kurzweil und Kintopp abzielenden Sturmfahrt. Sein höchster Maßstab war Homers Text und auf seiner eigenen Odyssee von zwei Jahren Vorbereitung, weiteren elf Monaten Dreh- und Synchronisationsarbeiten, destillierte er mithilfe eines multilingualen Teams und mit italienischen, jugoslawischen, englischsprachigen, französischen und deutschen Schauspielern auf staunenswerte Weise das seinerzeit maximal mögliche aus der Vorlage heraus. Kaum eine andere Adaption fängt Stimmung und Ambiance der Odyssee trefflicher ein. Besonders Bekim Fehmiu und Irene Papas in der Rolle der Pēnelópēs tragen die Serie mühelos. Hinzu kommt der überzeugendste Polýphēmos der Filmgeschichte, bedrohlich und tricktechnisch für die Zeit eindrucksvoll in Szene gesetzt. Für die Inszenierung der Kyklopen-Episode zeichnete sich übrigens der bereits erwähnte Mario Bava verantwortlich, dessen Gespür für spielerischen Farbeinsatz und kreative Kameraführung der Serie einen ihrer großen Höhepunkte beschert. Die große Stärke der Serie ist wiederum ihre größte Schwäche. Rossis kompromisslose Werktreue führt zwangsläufig dazu, dass L’Odissea eher erzählt als dramatisiert. Manche Episoden bestehen über weite Strecken aus Gesprächen, das Erzähltempo bleibt bewusst getragen, ein Off-Erzähler verleiht dem Ganzen zusätzlich einen literarischen Duktus und Pēnelópēs Dienerinnen übernehmen stellenweise sogar die Funktion eines antiken Chors.

Bei Aíolos: Experimente, Formalismus, Meta-Kino

Noch in den 1960er-Jahren zweigen zwei experimentellere Nebenströmungen ab, die keine direkten Ausformungen des Epos markieren. Sie verwenden es stattdessen als Palimpsest und Folie, suchen dort nach anderen Gestaden, nach Ausdruck, Form und Gestalt zwischen Formalismus und Selbstbefragung. In Jean-Luc Godards Die Verachtung von 1963 wird der Autor Paul Javal, gespielt von Jacques Daniel Michel Piccoli, vom US-amerikanischen Filmproduzenten Jeremiah Prokosch, verkörpert von Walter Jack Palance, angeheuert, das Drehbuch für eine Odysseús-Verfilmung von niemand Geringerem als Friedrich Christian Anton Lang, der sich selbst spielt, zu überarbeiten. Bei Godards Metafilm steht nicht Homer, sondern die poetologische Selbstreflexion im Mittelpunkt: Der Konflikt zwischen Filmemacher und Produzent, künstlerischem Anspruch und Kommerz, Authentizität und Ausverkauf, von Künstler und Werk an sich. Lieben, Leben und Leiden der Figuren spiegeln sich auf der schier endlos wirkenden Meeresoberfläche von Homers Dichtung, auf die sie ihre innersten Begierden, Zweifel und Sehnsüchte projizieren – wie Schiffbrüchige, die auf dem Meer ihrer gekenterten Leidenschaften nach einem unerreichbaren Heimathafen Ausschau halten. Nicht zuletzt in der Beziehung von Odysseús und Pēnelópē finden sie ein Medium für die Untiefen ihres Gefühlslebens, was wiederum Entsprechung findet in der Beziehung zwischen dem Autor und seiner von Brigitte Anne-Marie Bardot gespielten Frau, die in der eponymen Verachtung endet.

Ein Jahrhundertroman und was das geschrieben Wort leisten kann 

1967 erscheint außerdem die erste Realisierung von James Augustine Aloysius Joyce Jahrhundertroman Ulysses. Dieses Schlüsselwerk der modernen Literatur verfolgt einen Tag lang die Wege, Begegnungen und Gedankenwelten seiner drei Protagonisten Leopold Bloom, Molly Bloom und Stephen Dedalus am 16. Juni 1904 in Dublin. Je nach Leseart erscheinen sie als moderne Entsprechungen von Odysseús, Pēnelópē und Tēlémachos. Unter seiner homerischen Oberfläche verhandelt Joyce Fragen nach Ersatzvaterfiguren, Antisemitismus, Sexualität, Religiosität, britischer Herrschaft in Irland und irischem Nationalismus. Gleichwohl lässt er es an Humor nicht fehlen. Epochemachend ist indessen Joyce experimentelle Schreibweise, denn jedem Kapitel liegt ein eigenes sprachliches oder literarisches Verfahren zugrunde. Er wechselt von assoziativer Prosa über lyrische Sprache und ungezügeltem Bewusstseinsstrom bis hin zum Schlusskapitel Pēnelópē, das aus acht seitenlangen Sätzen besteht, die weitgehend auf herkömmliche Interpunktion verzichten. Wichtiger als Geradlinigkeit, als das, was erzählt wird oder das überhaupt etwas erzählt wird, war für ihn die Form, wie etwas ausgedrückt werden kann und was Sprache im Roman zu leisten imstande ist. Womit wir zur Gretchenfrage des Adaptionsproblem kommen, ob ein komplexes Gebilde, das derart auf Sprache und schriftliche Ausdrucksform ausgelegt ist, überhaupt in eine filmische Form zu pressen ist.

Aíolos’ Geschenk vergeudet: Bestätigte Unverfilmbarkeit und der Weg in die Flaute

US-Regisseur Joseph Strick stieg als erster in die cineastische Taucherglocke, um diesen literarischen Tiefseegraben zu ergründen. Obgleich ihm an der ein oder anderen Stelle die Übertragung gelungen sein mag, scheint er zunächst das Stigma der Unverfilmbarkeit von Joyce‘ Roman zu bestätigen. Ein begrenztes Produktionsbudget verhindert, dass sein Dublin glaubhaft nach 1904 aussieht, die 1960er-Jahre lugen mit ihren unverkennbaren Konturen an jeder Straßenecke hervor. Obwohl er mit Wolfgang Suschitzky über einen ausgezeichneten Kameramann, mit Milo Donal O’Shea als Leopold Bloom und Barbara Mary Jefford als Molly Bloom über passende und fähige Hauptdarsteller verfügt, bleibt Joyce’ sprachliche Komplexität für ihn letztlich unerreichbar. Kürzungen, Straffungen und Auslassungen waren unvermeidbar. Nichtsdestotrotz findet Strick keine filmische Entsprechung für Joyce‘ formale und sprachliche Kühnheit. Sein Arsenal erschöpft sich in vergleichsweise unaufgeregten Voiceovers und im späteren Verlauf surrealistischen Sequenzen, die zwischen Realität und Gedankenwelt hin und her schneiden, ohne dadurch etwas Revolutionäres und gar ein Äquivalent zu schaffen. Immerhin das Pēnelópē-Kapitel ist ihm ohne Frage gelungen, da hier Wort und Bild tatsächlich zu einem eindrucksvollen Ganzen finden. Nach den 1960er-Jahren geriet des listenreichen Ithákiers schwarze Barke in eine langanhaltende Flaute. Kaum ein Lüftchen regte sich in den 1970er- und 1980er-Jahren, und erst die 1990er- und 2000er-Jahren sollten wieder günstigeren Fahrtwind bringen.

Geschrieben von Jan Bantel

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