Review: Gaming – Eine Pixel-Zeitreise

In Gaming – Eine Pixel-Zeitreise nehmen uns Zeichnerin Émile Rouge und Texter Jean Zeid mit auf eine Comicreise durch die Videospielgeschichte. Eingebettet ist ihre Erkundungstour durch fast achtzig Jahre Videospielhistorie in einen unterhaltsamen Reisebericht. In diesem Rahmen unternehmen die Comic-Alter-Egos der Autoren in Begleitung der künstlichen Intelligenz Roby, und bewaffnet mit einem exotischen Impulsgewehr, eine Zeitreise, um den Ursprüngen und vielfältigen wie verflochtenen Entwicklungen ihres liebsten Hobbys nachzuspüren. An gegebener Stelle müssen sie leibhaftig einige thematisch passende Gaming-Abenteuer überstehen. In zwölf Kapiteln plus Prolog und Epilog zeichnen sie diverse Stationen nach, die die Genese des Videospiels über die Jahrzehnte durchlaufen hat. Sie gehen auf technische Ursprünge, die Keime der ersten Computer- und Konsolensysteme ein, benennen Pioniere und Pionierinnen und zeigen auf, wie eng bereits diese ersten Schritte mit dem Phänomen Videospiel verknüpft waren. Sie berichten vom Zauber der Arcade-Spielautomaten, dem aufkommenden Konsolenmarkt und dem ersten Crash in den 1980er-Jahren. Sie erzählen von der Renaissance der Videospiele befeuert durch Nintendo und den Gaming-Galionsfiguren wie Super Mario oder Sonic the Hedgehog. Sie zeigen Trends auf, die sich durch technische Innovationen wie dem Aufkommen der Compact Disc oder dem Smartphone herausgebildet haben und erklären neue Genres, die der Fortschritt von Technik und Markt hervorgebracht haben.

Eine große Bandbreite, eine große Vielfalt

Über die Expansion der Triple-A-Titel, Online-Rollenspiele wie World of Warcraft, die E-Sports-Szene bis hin zu unabhängigen Entwicklerstudios gelangen sie in die Gegenwart. Gemessen am Umfang und der schier unmöglich zu erfassenden Bandbreite von Arcade-, Konsolen-, PC-, Handheld- und Mobile-Games wundert es nicht, dass die meisten Bereiche bloß angeschnitten werden. Die Namen von kreativen Köpfen, Genies und Entwicklern und Entwicklerinnen der Videospielgeschichte sind stellenweise kaum mehr als Namedroppings mit einem Minimum an Informationen über ihre mal mehr und mal weniger ausschlaggebenden Beiträge zum Reifeprozess. Dafür punktet der Comic mit Vielfalt: Neben den Shootingstars der Szene wie Doom- und Wolfenstein-Co-Entwickler Alfonso John Romero, Super-Mario-Bros.- und The-Legend-of-Zelda-Erfinder Miyamoto Shigeru und Kojima Hideo, dem kreativen Geist hinter Metal Gear Solid und Death Stranding, finden auch weniger renommierte oder gar in Vergessenheit geratene Personen Platz, wie etwa Gerald Anderson „Jerry“ Lawson, einer der wenigen herausragenden People of Color der Videospielwelt. Positiv ist zu vermerken, dass die Rolle der weiblichen Entwickler und sogar von den wenigen LGBTQ-Personen hervorgehoben wird, sodass der Leser mit Vorreiterinnen wie Roberta Williams oder Rebecca Ann Heineman Bekanntschaft macht. Auch weibliche Gaming-Ikonen wie Tomb Raider erfahren eine angemessene Würdigung.

So viele Spiele, so wenig Platz

Das Motto „Überfülle“ gilt genauso für die vorgestellten Spiele. Ob Half-Life, Assassin’s Creed, Die Sims oder etwaige Beat ’em ups und Platformer – im Comic wird eine immense Zahl genannt, was zeigt, dass viele Details und Eigenheiten unerwähnt bleiben. Nicht jeder wird damit zufrieden sein, wie kurz sein Lieblingsspiel behandelt wird. Manchmal verpasst es der Comic, das Alleinstellungsmerkmal eines Titels deutlich zu machen und andere Games fehlen womöglich ganz. Dafür verweisen Zeid und Rouge auf die weniger bequemen Themen, die Schattenseiten und Skandale der Videospielwelt, etwa Vorwürfe wegen Gewaltdarstellung oder Suchtgefahr von Spielen, aber auch auf schwerwiegende brancheninterne Probleme wie Cybermobbing, Sexismus und Crunch, die Mehrarbeit und unbezahlten Überstunden, zu denen Mitarbeiter in diversen Studios genötigt sind. Bei allem dichten Informationsgehalt ist Rouge und Zeid ihre Leidenschaft für die Materie anzumerken. Sie sind unverkennbar enthusiastische Gamer. Zu Zeids „Lieblingsmenschen“ zählen Dr. Gordon Freeman und Ezio Auditore da Firenze. Rouge ist neben World of Warcraft großer Fan der Fallout-Spiele. Nicht zuletzt deswegen haben sie sichtlich Spaß daran, sich in Comicgestalt in die Historie ihres Hobbys zu stürzen. Durch ihren in der Tat spielerischen Umgang mit der Materie entsteht nie der Eindruck, die Rahmenhandlung sei bloß ein auflockerndes Gimmick. Im Gegenteil geben sie der Geschichte so viel von sich und ihrer Begeisterung bei, dass der Leser meinen könnte, tatsächlich der Reise von zwei Enthusiasten als lesender Passagier beizuwohnen.

Liebe zum Gaming

Zeid gibt überwiegend den Part des akademisch angehauchten Erzählers, in dessen Worten nichtsdestoweniger immerzu die mühsam im Zaum gehaltene Erregung des Nerds selbst für die drögeren technischen Aspekte mitschwingt. Rouge repräsentiert demgegenüber die jüngere Generation, die bereits mit den moderneren Auswüchsen der Szene groß geworden ist und stärker an den Spielen als an den technischen Hintergründen interessiert zu sein scheint respektive mehr auf Action als auf Erzählen aus ist. Das korrespondiert letztlich mit ihren Rollen bei der Entstehung des Comics, wo Zeid den Text und die Informationen liefert, die durch Rouges detailverliebten und anspielungsreichen Zeichnungen, die erwähnten Personen, Spielszenen oder Cover-Artworks illustrieren, zum Leben erweckt werden. Die generationsbedingten Unterschiede ergeben darüber hinaus eine spaßige Screwball-Dynamik, die teils aus kleineren Sticheleien zwischen den beiden, teils aus der gemeinsamen Gaming-Leidenschaft besteht, die letztlich alle Klüfte zwischen den Altersklassen überbrückt. Roby ergänzt Zeids Erzählung immer wieder mit enzyklopädischen Einwürfen zu diesem oder jenem Schlagwort und wird deswegen nicht selten gleichfalls Ziel des Spotts durch den Autor, der ihm die maschinelle Aufsagung von Definitionen oder Fakten gerne neckisch vorwirft. Dafür ist Roby am Ende immerhin ein kleiner Twist vergönnt.

Geschrieben von Jan Bantel

Jans Fazit (basierend auf der ersten Auflage): Gaming – Eine Pixel-Zeitreise ist eine Liebeserklärung an die Welt der Videospiele, geschrieben mit Freude am Gaming, aber auch mit dem Anspruch, lehrreich zu sein. Neben der Begeisterung für das Hobby vermittelt der Comic einen dichten Informationsgrad, überschüttet den Leser mit Namen von Entwicklern, Produzenten, Spielen, Bezeichnungen von Konsolen- und PC-Systemen, ohne dabei den Spaß zu opfern. Die Rahmenhandlung mit ihrem sympathischen Protagonistenpärchen führt den Leser auf angenehme wie lebhafte Weise durch diesen enormen Kosmos an Informationen und Eindrücken und verleiht allem eine persönliche Note. Der Informationsgehalt ist zwar hoch, kann aufgrund des kompakten Formats und der Fülle an zu behandelndem Stoff das Meiste hingegen bestenfalls oberflächlich anbringen. Der lockere, ungezwungene und unterhaltsame Ton kompensiert dies und lädt dazu ein, sich über den Comic hinaus eingehender mit der Materie oder diesem oder jenem Teil zu beschäftigen. Gaming – Eine Pixel-Zeitreise bietet sich somit gleichermaßen für eingefleischte Gamer als auch für Anfänger an, die gerne mehr über die Entstehung der Welt des Spielens erfahren oder einfach tiefer in ihr Hobby eintauchen möchten. Der Comic verfügt über einen praktischen Personen- und Spielindex, der allerdings nicht die verschiedenen Konsolen- und PC-Systeme auflistet, was für technisch interessierte Leser durchaus begrüßenswert gewesen wäre. Außerdem haben sich in der deutschen Fassung ein paar Fehler eingeschlichen, so wird zum Beispiel Kojima Hideo einmal fälschlich Kijima genannt und an einer Stelle heißt es Arcraft statt Warcraft.

Vielen Dank dem Carlsen Verlag für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Gaming – Eine Pixel-Zeitreise!

Special: Vom Gangster- zum Mafiafilm

Die Mafia ist ein medienkulturelles Phänomen, ein Archetyp, der sich in der Landschaft von Film, Fernsehen und Cartoons, Sachbüchern und Belletristik, Comics und Graphic Novels, Brett- und Videospielen und nicht zuletzt in diversen Dokumentationen hartnäckig festgesetzt und wenig von seiner Faszination eingebüßt hat.

Sie sind der Inbegriff des mondän-eleganten Gangstertums. Sie stolzieren im schneidigen Nadelstreifen-Zweireiher mit Trilby umher, tragen teure Uhren und prunkenden Schmuck. In protzigen Luxuslimousinen kutschieren sie mit einer Zuversicht durch die Straßen US-amerikanischer Großstädte, als ob sie ihnen gehören würden. Sie halten Hof in Luxusvillen und hochklassigen Hotelsuites. Sie führen ein verschwenderisches Leben in Saus und Braus, vergönnen sich keine kostspieligen Annehmlichkeiten und feiern in Strömen von Geld, Alkohol und schönen Frauen. Außerdem begehen sie Morde, bekriegen sich blutigst und bleilastig untereinander, die Thompson-Maschinenpistole, auch Tommy Gun genannt, ist geradezu ihr kriegerisches Markenzeichen, neben Todeskuss, Handshake Murder, Drive-by-Shootings und One-Way-Rides ihre tödliche Visitenkarte. Wenn sie nicht selbst Hand anlegen, senden sie eiskalte Auftragsmörder aus, um Konkurrenten auszuschalten. Sie bedrohen, erpressen, betrügen und schlagen zusammen. Politik, Polizei und Justiz werden schamlos von ihnen bestochen und lassen sie gewähren in der Hoffnung, das genug Krümel vom Kuchen auf sie abfallen. Die wenigen mutigen unbestechlichen Gesetzeshüter führen einen aussichtslosen Kampf gegen Korruption und Verbrechen. In den seltensten Fälle schaffen sie es, an die wahren Strippenzieher, die großen Bosse heranzukommen und selbst dann sind die Erfolge minimal. Davon, das Imperium des organisierten Verbrechens zu Fall zu bringen, sind sie meilenweit entfernt.

Der stereotype Mafioso

So oder so ähnlich geht der Mythos des stereotypen Mafioso im klassischen Gangsterfilm, wie der Filmfan ihn insbesondere aus den USA kennt. In der Populärkultur wird dieses Musterbild seit Generationen kolportiert und reproduziert. Es ist ein ikonisiert-verklärtes Abbild eines archaischen Banditen und patriarchalischen Anti-Helden, der „althergebrachte Werte“ der Heimat hochhält, beinahe (raub)ritterlich einem Ehrenkodex folgt, die Dinge tatkräftig anpackt, dem die Frauen hörig sind und zu Füßen liegen. Zum Ausgleich kulminieren die meisten Werke in einem alibihaften Sühne-Ende, das nach einer ausgewalzten, glamourös-überhöhten Darstellung des Lebens und der Erfolge des Gangsters, den Untergang zum Schluss pflichtschuldig meist im Kugelhagel folgen lassen – eine Reaktion auf Kritik und Zensur, die den Filmen vorwarfen, das Verbrecherdasein zu glorifizieren. Am Ende der Fiktion sollte darum die umso fiktivere Mahnung stehen: Verbrechen lohnt sich nicht. Hollywood hat indes dazu beigetragen, das mythologisch überhöhte, glamouröse Portrait des Gangsters fest im Bewusstsein des Publikums zu verankern. Damit entstand ein romantisiertes Zerrbild der Mafia in den Köpfen der Menschen, die mit der Praxis wenig gemein hat. Was auch nicht verwundert, hatte die Mafia in Hollywood schließlich lange Zeit einen nicht unerheblichen Einfluss vorzuweisen.

Vom Tellerwäscher zum Boss der Bosse, der amerikanische Traum

Die Evolution des Gangsters zur mythologischen Figur vollzieht sich in den Vereinigten Staaten von Amerika zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es ist eine Zeit das rapiden Wandels, Urbanisierung und Modernisierung gehen mit Riesenschritten voran und die Konsumgesellschaft beginnt ihren epochemachenden Emporstieg. Die Medien und insbesondere die Werbeagenturen erfüllen hierbei eine maßgebliche Schrittmacherfunktion: Die Werbebudgets der US-Firmen steigen um ein Vielfaches an, das Volumen der Zeitschriften nimmt schlagartig zu und das Kino tritt neben das Showgeschäft als dominierende Unterhaltungsform. Der Materialismus als Erfüllung des American Dreams steht in allen Schlagzeilen und in einer eigentümlichen Vereinnahmung dieser Idealvorstellung wird ausgerechnet die Genese des Gangsters zu einer der prägnantesten Manifestationen dieses medienwirksamen Traumgebildes. Die Vorstellung der Laufbahn des armen Tellerwäschers oder Laufburschen, der sich voller Entschlossenheit und einer gehörigen Portion Brutalität und rücksichtslosem Geschäftssinn von ganz unten bis an die Spitze zu Wohlstand und Rang hochkämpft, findet paradoxerweise seine passgenaue Entsprechung in dem Werdegang des Gangsters, an dessen gewalttätigen und skrupellosen Weg am Ende eben jene Wunschvorstellungen von Reichtum und Ruhm stehen.

Der Shooting-Star der Mafia-Welt

Niemand verkörperte die Erfolgsgeschichte des Gangsters trefflicher als einer: Alphonse Gabriel „Al“ Capone, der erste Shooting-Star der Mafia-Welt, der bereits zu Lebzeiten den Status einer Legende erlangte, dessen Name in aller Munde lag und der sich genüsslich im Scheinwerferlicht des ihn umgebenden Medientrubels suhlte. Stolz präsentierte er seinen illegal durch Alkoholschmuggel, Glücksspiel, Prostitution und Erpressung oder Racketeering erworbenen Wohlstand und legte ein Gehabe wie ein König an den Tag. Sein medialer Erfolg war durchschlagend und hat dazu geführt, dass Al Capone zu den prominentesten Persönlichkeiten des 20. Jahrhundert geworden ist. Wie kein zweiter steht sein weltbekannter Name für die Figur und das Renommee des Gangsterbosses jener Zeit. Parallel dazu wurde seine Wirkstätte, die Stadt Chicago im Bundesstaat Illinois, zum Inbegriff des Sündenpfuhls und der Hochburg mafiöser Aktivitäten zu Zeiten der Prohibition. Dieser 18. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten verbot seit 1920 Herstellung, Transport und Verkauf von Alkohol, kurbelte damit freilich den Reiz des Konsum bloß an, vertausendfachte die Bilanz im Schnapshandel und übergab ihn in die Hände der organisierten Kriminalität, allen voran in die Capones.

Sie regieren im Verborgenen

Obgleich dieser König des Verbrechens einen Bekanntheitsstatus wie ein bunter Hund genoss, waren sich weder die Öffentlichkeit, noch die Justiz bewusst darüber, dass sich hinter seinem Tun eine Organisation verbarg, die im Geheimen florierte, deren Wachstum unaufhörlich zu sein schien und die immer mehr und immer stärker in die Fugen der US-amerikanischen Gesellschaft sickerte. Die Auswüchse des Alkoholschmuggels, Glückspiels, der Prostitution, Erpressung und selbstredend die Bandenkriege wurden sehr wohl von der Allgemeinheit wahrgenommen. Nur wurde dies alles als Teil der grassierenden Bandenkriminalität verstanden, von den komplexen Organisationsstrukturen, die dahinter walteten, ahnte kaum jemand etwas. Erst die Kefauver-Untersuchungen aus den Jahren 1950 und 1951 machten die Bezeichnung „Mafia“ der breiten Öffentlichkeit überhaupt bekannt und nicht vorher vermochten die US-Amerikaner überhaupt wahrhaben, wie durchorganisiert, verbreitet und vernetzt die Mafia inzwischen geworden war. Männer wie Al Capone und die anderen Gangster-Cliquen, deren Aktivitäten trotz allem unübersehbar waren, wurden bis dahin verallgemeinert als „Gangster“ oder „Racketiers“ abgestempelt. Ganz gleich, wie sie letzten Endes bezeichnet wurden, die Popularität der aufsehenerregenden Unterweltfiguren blieb den Filmschaffenden Tinseltowns nicht verborgen.

Die ersten Gangsterfilme

Eines der ersten Frühwerke, das sich der Thematik annahm, war Wallace McCutcheon seniors The Black Hand oder vollständig The Black Hand: True Story of a Recent Occurrence in the Italian Quarter of New York, ein Stummfilm von 1906, der einen lokalen Fall von Erpressung und Kindesentführung verarbeitete. Ab den 1930er-Jahre machte sich Hollywood daran, in großem Maßstab Kapital aus den gesellschaftlichen Verhältnissen zu schlagen und hob den Gangsterfilm aus der Taufe. Den spektakulären Start legte 1931 Der kleine Caesar von Mervyn LeRoy hin. Edward G. Robinson spielte darin ein Syndikatsmitglied, das grob an Capone angelegt war, ihm etwa optisch ähnelte und dessen aufbrausendes, unkontrolliertes Temperament wiedergab. Das Krimidrama wurde in vielerlei Hinsicht stilbildend und wegweisend für die durch es losgetretene Welle an Gangsterfilmen, die sich noch lange Zeit stark an ihm orientieren sollten. Von seinem grundlegenden narrativen Gerüst des ehrgeizigen, machthungrigen Capos, der eine stürmische Karriere hinlegt, zum obersten Boss aufsteigt, bloß, um am Ende über seine eigenen Ambitionen, seine Arroganz, Skrupellosigkeit, kurz seinen Cäsarenwahn zu Fall zu kommen, zehrt der Gangsterfilm bis heute. Daneben verfügt Der kleine Caesar über charakteristische, wiederkehrende Nebenhandlungen, wie die des treuen Freundes, hier gespielt von Douglas Elton Ulman Fairbanks junior, den die Hauptfigur mit in den Abgrund zu ziehen droht, sowie die des bisweilen obsessiven Ermittlers, die Kehrseite des Gangsters, der gemeinsam mit dem Verbrecher zum Inbegriff des dyadisches Antagonistenpaars wird.

Die Schande der Nation

Im selben Jahr erschien Der öffentliche Feind von William Augustus Wellman mit James Francis Cagney junior in der Hauptrolle, der ein sehr ähnliches Fallhöhe-Gangster-Drama erzählt. Im Unterschied zu LeRoy legte Wellman den Fokus verstärkt auf die Familie des Ganoven, besonders wie das Familienverhältnis unter den illegalen Geschäften des Sohnes zu leiden hat. Obzwar die Message nicht unzweideutiger gewesen sein konnte, war dem Publikum unmissverständlich klar zu machen, dass die Intention des Films nicht die Verherrlichung, sondern eine Mahnung wider die zersetzende Kriminalität sei. Darum entschieden sich die Produzenten dafür, je eine erklärende Texttafel voran und hintan zu stellen. Alles in allem wirkt Der öffentliche Feind dadurch indes sehr moralinsauer und predigend. James Cagney machte er in jedem Fall über Nacht zum Star und in den folgenden Jahren zum prägnantesten Gesicht des Gangsterkinos. Ebenfalls an der Vita Al Capones orientierte sich Howard Winchester Hawks 1932 mit Scarface, betitelt nach Capones Spitznamen „Narbengesicht“, dem ihm drei Messerschmisse an der linken Wange eingebracht hatten. Der Film mit Paul Muni in der Rolle des Tony „Scarface“ Camonte geriet aufgrund seiner für die Entstehungszeit rohen Gewaltdarstellung in Konflikt mit dem Hays Office, der US-amerikanischen Zensurbehörde. Das Resultat waren eine Verzögerung des Veröffentlichungstermins um beinahe zwei Jahre, mehrere Schnittfassungen und der plump-plakative Untertitel The Shame of the Nation, der jedem die Schändlichkeit Camontes von vorneherein nachdrücklich unter die Nase rieb.

Gangster und Film Noir

Spuren von Der kleine Caesar und logischerweise Hawks Original finden sich überdeutlich in Brian De Palmas Scarface-Remake von 1983, in dem Alfredo James „Al“ Pacino den kubanischen, ins Miami der 1980er-Jahre übergesiedelten Drogenbaron Antonio „Tony“ Montana mimte, der den üblichen Kreislauf von blutgetränktem Aufstieg und Fall durchlebte. In den 1930er- und 1940er-Jahren überlappten sich Gangsterfilm und Film Noir zusehends. 1949 etwa schlüpfte James Cagney in Raoul Walshs Sprung in den Tod, der in Deutschland unter dem Kinotitel Maschinenpistolen bekannt wurde, in die Rolle Arthur Cody Jarretts, einem Ganoven mit ungewöhnlichem psychologischen Knicks, der sich in einem freudschen Mutterkomplex und Migräneanfällen offenbarte. Cagneys intensive Darbietung ist mit ein Grund, weshalb der suspensereiche Krimi neben Der kleine Caesar und Scarface zu den absoluten Klassikern des Genres avancierte. Derweil zeigt sich ein unübersehbares retrospektives Problem bei diesen Werken: Sie lassen sich bloß bedingt dem Subgenre des Mafiafilms zuordnen. Das liegt natürlich einerseits darin begründet, dass erst ab den 1950er-Jahren die Mafia und die Ausmaße ihrer Umtriebe ans Tageslicht kamen. Andererseits sind diese Produktionen in erster Linie Gangster- und bestenfalls danach Mafiafilme.

Die Charakteristiken des Hollywood-Gangsters

Die ethnischen und familiären Bezugssysteme ihrer Figuren zur italienische Diaspora wurden oftmals unterschlagen oder bestenfalls angedeutet – teils vermutlich, um einer rassistisch motivierten Stereotypisierung, unter der Italoamerikaner zu jener Zeit litten, zuvorzukommen. Mitnichten stellt dies den benannten Meilensteinen ihre Vorreiterrolle in Abrede, ganz im Gegenteil: Vieles von dem, was wir heute als typische Charakteristiken und Klischees des Mafiosos oder auch nur des klassischen Hollywood-Gangsters identifizieren, hat unweigerlich in dieser Zeit seinen Ursprung. Die visuelle Repräsentation durch Zoot-Suit-Ästhetik, die Tommy Gun als bevorzugtes Schießeisen, die Prohibitionszeit in den Vereinigten Staaten als historischer Hintergrund, das wilde Nachtclubleben, Flappers, Showgirls, Jazz-Musik, aber auch die Hybris-Parabel-Biografie einer repräsentativen wie exaltierten Unterweltfigur entstammen den Kinostücken dieser Zeit. Ebenso die nicht unbedenkliche Verherrlichung des Verbrechers, die sich an schillernden Persönlichkeiten wie Al Capone hochzog und schwertat, sich vom Gewicht der Anziehungskraft ihrer unbewusst zum Anti-Helden erhobenen Protagonisten zu befreien. Dass den Alltag des Mafiosos mitnichten der glamourösen Schein eines Hollywood-Dramas umgab, war damals nicht zu erahnen.

Der Abschaum, das sind die Anderen

Gleichsam wurde selten der Versuch unternommen, diese Fassade der parabelhaften Fiktion von poetischer Gerechtigkeit zu durchbrechen. Der filmisch erhobene Zeigefinger musste zwangsläufig an der Wirklichkeit der organisierten Kriminalität scheitern, nicht zuletzt, weil bei den Moralwächtern Hollywoods zumeist die vermeintlich klar verlaufende Grenze zwischen den Mitgliedern der „normalen“ rechtschaffenen US-amerikanischen Gesellschaft auf der einen Seite und der verdorbenen wie lasterhaften Unterwelt auf der anderen Seite vorausgesetzt wurde. So ließ sich bequem und moralisch überhöht auf die exemplarische Gegenfolie verweisen. De Palmas Scarface adressierte dieses Phänomen tatsächlich in einer der womöglich nuanciertesten Szenen des Remakes, wenn Tony Montana in einem piekfeinen Nobelrestaurant die anderen Gäste der Hautevolee, zu deren Gemeinschaft der Emporkömmling trotz seines steilen Aufstiegs nie wirklich gehören wird, anging und ihnen ihre Scheinheiligkeit unverblümt aufs Brot schmierte. Um sich moralisch überlegen fühlen zu können, ist die bessere Gesellschaft unbedingt auf eine Schreckgestalt wie Tony Montana oder Arthur Cody Jarrett angewiesen, auf die sie mit dem Finger zeigen und verkünden kann: Das ist der Böse, wir sind die Guten.

Italoamerikaner und die Mafia

Dessen ungeachtet entstanden in den 1950er- und 1960er-Jahren die ersten Kriminaldramen, welche explizit den Bezug zur Mafia und Gemeinschaft der Italoamerikaner herstellten. Bereits 1950 war Eugene Curran „Gene“ Kelly, ehedem als Tänzer, Sänger und Choreograph einer der größten Stars des Musicalfilms, in einer für ihn untypischen Rolle zu sehen. In Richard Thorpes Blutrache in New York stellte er sich in der Rolle des Italoamerikaners Johnny Columbo der New Yorker Schutzgeldmafia Black Hand entgegen. Nicht nur entstammte Columbo demonstrativ dem italoamerikanischen Milieu, unter anderem kehrte er zwischenzeitlich mit seiner Mutter in die italienische Heimat zurück, sondern er sah sich unmittelbar mit dem Erpressergeschäft und der Gewaltbereitschaft der Mafia konfrontiert. Dieser hatte er aufgrund des Mordes an seinem Vater Rache geschworen und gegen deren Umtriebe die Bevölkerung Little Italys zu vereinen gesucht. Mit der Black Hand Gang spielte der Film zudem auf eine reale Bande sizilianischer Emigranten gleichen Namens in New York City an, welche sich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert umfassend auf dem kriminellen Feld betätigt hatte. Die Liste ihrer Verbrechen reichte von Entführung, Erpressung und Brandstiftung bis hin zum Mord. Dem couragierten Widerstand gegen diese Bande widmete sich ebenfalls Richard Wilsons biografisches Werk Zahl oder stirb von 1960, in dem Ernest Borgnine Joseph Petrosino verkörperte, einem Pionier im Kampf gegen die organisierte Kriminalität in den Vereinigten Staaten und gegen die Black Hand in Little Italy im Speziellen.

Mobster, Bräute, Transvestiten

Billy Wilders starbesetzte Travestiekomödie Manche mögen’s heiß mit Marilyn Monroe, Tony Curtis und John Uhler „Jack“ Lemmon III in den Hauptrollen von 1959 ist ein Beispiel, wo die Mafia bloß die zweite Geige spielt. Die Handlung dieses unerreichten Komödienklassikers ist zu Beginn in Chicagoer Flüsterkneipen, sogenannten Speakeasys, des Mobsters Gamaschen-Colombo im Jahre 1929 angesiedelt. Dessen Mord an einem Verräter zwingt Curtis und Lemmon, die zufällig Zeugen des Attentats wurden, zum Reißaus gen Florida – stilecht bis zur Unkenntlichkeit getarnt in Frauenkleidern. Erst im Finale treffen sie wieder auf Colombo, der zu einer ausgerechnet im Hotel der beiden abgehaltenen Zusammenkunft der großen Mafia-Clans angereist kommt. Die Persiflage auf Gangsterfilme und Melodramen spielt genüsslich mit den Klischees des Genres, die Erschießung des Verräters und seiner Kumpane ist überdies offenkundig dem berühmt-berüchtigten Valentinstag-Massaker von 1929 nachempfunden. 1968 setzte Martin Ritt das Mafia-Drama Auftrag Mord, im Original passender äquivok The Brotherhood betitelt, in Szene. Darin spielte Kirk Douglas den Mafioso Frank Ginetta, dessen jüngerer Bruder Vinnie nach seiner Hochzeit ins Familiengeschäft einsteigen möchte. Franks Starrsinn und Weigerung, den Expansionsplänen der anderen Vertreter der hiesigen New Yorker Mafia-Liaison, darunter sein Bruder, zuzustimmen, sowie eine offene Rechnung mit einem Denunzianten enden schließlich im Bruderzwist und führen zur Tragödie.

Bruderzwist

The Brotherhood war in vielerlei Hinsicht der Künder des umwälzenden Umbruchs, der sich in den 1970er-Jahren für den Mafiafilm ereignen sollte. Ritts Drama nahm vieles Vorweg, was das Subgenre künftig prägen würde. Die Verbindung in die „alte Heimat“ Sizilien, Mafia-Mitglieder, die weniger den illustren Gangstergestalten der 1930er- und 1940er-Jahre und stärker den „ehrenwerten Geschäftsmännern“ entsprachen, die in Hinterzimmern zu Geschäftstreffen zusammenkommen, um über neue illegale Operationen und das Schicksal unliebsam gewordener Individuen zu entscheiden und dabei ganz auf die Formel bauen: Es ist nichts Persönliches, es geht rein ums Geschäft. Außerdem kaltschnäuziger Betrug und Morde und nicht zuletzt der familiäre Konflikt, der sich aus dem spannungsgeladenen Verhältnis zwischen öffentlicher Fassade und illegaler Unterfangen im Geheimen ergibt. Oft führte er zum Bruch zwischen Familienmitgliedern, Geschwistern, Eltern, Kindern oder Eheleuten. The Brotherhood bot all diese Aspekte, nur vollzog sich die Tragödie in erster Linie zwischen den Brüdern und endete entsprechend leise, ernüchternd und kaum spektakulär. Dies mag einer der Gründe gewesen sein, weshalb Ritts Film an der Kinokasse scheiterte und Paramount Pictures für die nächsten vier Jahre davon abbrachte, weitere Gangsterfilme zu produzieren, bis ein junger aufstrebender Filmemacher namens Francis Ford Coppola mit einem Projekt an sie herantrat, von dem damals noch niemand ahnen konnte, was es für hohe Welle es schlagen würde. Der Name des Films: Der Pate. Der Rest ist Filmgeschichte.

Geschrieben von Jan Bantel

Special: Der Horrorfilm im Wandel

Im zweiten Teil unseres Specials über die Geschichte des Horrorfilms, wenden wir uns der Umbruchzeit der 1960er-Jahre zu, wie vor allem Sir Alfred Joseph Hitchcock und Michael Latham Powell das Genre auf den Kopf gestellt haben, Gewalt und Blut stärker in den Fokus rückten und was sich im europäischen Horrorfilm zu dieser Zeit ereignete.

Horrorfilme aus dem Hause Hammer und Roger William Cormans Produktionsschmiede hatten das Bastionstor zu einem neuen Höllenkreis aufgestoßen, der in Sachen Gewalt und Blut wesentlich enthemmter und freizügiger zu Werke ging. Das kräftige Tiefrot des Kunstblutes machte sich in farbenprächtigem Technicolor besonders aufreizend und bemächtigte sich der morbid gefesselten Blicke, die wie gebannt auf ihm ruhten. 1960 revolutionierten jedoch zwei Meilensteine das Genre auf andere Art und sendeten Wellen der Entrüstung durch die schockierte Filmwelt aufgrund ihrer verstörenden wie disruptiven Abgründigkeit. Wieder ereignete sich diese Zeitwende auf beiden Seiten des großen Teiches in England und in den Vereinigten Staaten von Amerika zugleich, ihre jeweiligen Premieren mit nur wenigen Monaten Abstand: Michael Powells Augen der Angst und Alfred Hitchcocks Psycho trafen Zuschauerschaft und Kritik unvorbereitet. Beide schrieben auf ihre Art Filmgeschichte, aus der die Keime des Slasherfilms erwuchsen, denn auf einmal waren es nicht mehr die altbekannten Gruselgestalten aus verwitterten Schauerlegenden und Volkserzählungen, keine monströsen Mutationen der Zukunftsmusik oder fremdartige Außerirdische von außerhalb, welche das Potenzial von Furcht und Schrecken schon in ihrem Erscheinungsbild hervortreten ließen.

Der sympathische Psychopath von nebenan

Bei Powell und Hitchcock wurde der Mensch selbst Träger des Grauens. Das Mörderische und Verstörende lauerte bei ihnen unter der unscheinbaren Oberfläche vermeintlicher jugendlicher Unbescholtenheit. Ihre Täter waren zwei weitaus weniger augenfällige Spukgestalten als ein Graf Dracula oder Frankensteins Monster. Im Gegenteil: Karlheinz Böhm und Anthony Perkins kann der Zuschauer in jeder Hinsicht zwei sympathische Männer von nebenan nennen, die lieben Nachbarsjungen, Wunschschwiegersöhne vieler Mütter und Traummänner mancher Töchter. Umso schockierender die unfassbare Enthüllung, dass sich hinter ihrer sozial verträglichen Maskerade, dem adretten Äußeren und manierlichem Verhalten, psychisch gestörte Serienmörder verbergen, die selbst Opfer ihrer Traumata, Triebe und Obsessionen sind, welche sie zwanghaft zum Mord an jungen Mädchen nötigen und bei denen die klare Abgrenzung von Gut und Böse bei Weitem nicht mehr leichtfertig zu tätigen ist. Der Mensch stellt sich dissoziativ als Monster und Opfer zugleich heraus. Die berühmte Duschszene aus Psycho hatte eine neue Dimension erschaffen, wie Gewalt auf Film präsentiert werden konnte. Meisterhaft gefilmt, geschnitten und musikalisch von Bernard Herrmanns legendären Streicherglissandi und Dissonanzen untermalt, spielt sich der grauenhafte Mord stärker in den Köpfen der Zuschauer als auf der Leinwand ab.

Durch die Linse des Mörders

Dieses Prinzip, das Entsetzliche mehr anzudeuten und in Köpfen der Zuschauer entstehen zu lassen, hatten bereits Jacques Tourneur und Vladimir Ivan Leventon erprobt. Powell und Hitchcock adaptierten es und durch sie erlebte der Horror-Thriller eine nie zuvor dagewesene Drastik, Psychologisierung und reflexive Analysierung der Dunkelheit und Triebhaftigkeit, zugleich der Verwundbarkeit der menschlichen Seele. Die Auseinandersetzung mit den Abgründen des fragilen menschlichen Geistes offenbart schließlich eine nicht unwesentliche erschreckende Offenlegung des voyeuristischen Drangs sowohl seiner Filmmörder, als auch oder mehr noch seiner Zuschauer. Dass sich beim Anschauen von Gewalttätigkeiten im Kino mehr abspielt als das Scheinhandeln eines rein introjektierten Abscheus, stets ein gewisser Grad der Schaulust mitschwingt, war diesen findigen Filmemachern mitnichten verborgen geblieben. Durch die Mordmethode des Mark Lewis in Augen der Angst inkorporierte Powell diese Lust am Hinsehen unmittelbar in die Handlung: Lewis filmt den Mord an seinen Opfern nicht nur. Seine Filmkamera wird durch eine im Dreifuß verborgene Klinge selbst zum Mordwerkzeug und erfüllt somit eine Doppelfunktion, indem sie den Zusehenden auf direktem Wege über den Point-of-View-Shots des Killers so nah wie möglich an das abstoßende, aber dennoch begehrte Geschehen bringt und zum Mittäter macht.

Von fliegenden Skeletten und geschockten Zuschauern

So viel Chuzpe konnte das eiskalt erwischte Publikum nicht verarbeiten und Augen der Angst wurde zum Skandal, der Powells Regielaufbahn praktisch beendete und Böhms Karriere einen ordentlichen Knicks versetzte. Sissis lieben Franzl als zwanghaften Triebtäter zu sehen, war insbesondere den Deutschen zu viel des Guten. Weniger auf den Subtext als den bloßen Effekt abzielend zeigten sich die Unternehmungen des US-Filmemacher William Castle. Zu seinem Markenzeichen wurden diverse Gimmicks, mit denen er die Kinoaufführungen seiner Filme aufpeppte, die selbst für ihn beinahe zur Nebensächlichkeit verkamen und selten mit dem sie umgebenen Brimborium mithalten konnten. Der Besuch einer Castle-Vorführung geriet jedenfalls zu einer vom eigentlichen Streifen geradezu losgelösten, aufsehenerregenden Geisterbahnfahrt. So ließ er 1959 in Das Haus auf dem Geisterhügel ein Plastikskelett über die Köpfe der Zuschauer hinwegsausen und in Schrei, wenn der Tingler kommt seinen Protagonisten den ersten LSD-Rausch der Filmgeschichte erleben. In einer Szene des Schwarz-Weiß-Films wurde Blut in einem Waschbecken rot eingefärbt. Höhepunkt der Attraktion waren ohne Frage die mit kleinen Elektroschockern ausgestatteten Sitze des nichtsahnenden Saalpublikums, welche den Anwesenden durch moderat dosierte Stromschläge zu vergnüglichem Quietschen animierten.

Waten im Gekröse

Castle verwischte beinahe einem Eugen Berthold Friedrich Brecht oder Antoine Marie Joseph Paul Artaud gemäß die Grenzen zwischen Bühne und Auditorium, ließ den filmischen Raum auf den der Betrachter übergreifen, überbrückte in Maßen den Aktiv-Passiv-Dualismus des Films und machte seine Beiwohner zu Beteiligten. Ein künstlerischer Anspruch steckte freilich nicht dahinter. In erster Linie ging es Castle darum, die Leute in seine Shows zu locken und um Ticketverkäufe – mit Erfolg. Herschell Gordon Lewis war Castle insofern nicht unähnlich, dass ihm ebenso wenig an künstlerisch wertvoller Arbeit denn effektvollem wie einträglichem Kintopp gelegen war. Sein 1963 erschienener, aber kostengünstig produzierter Blood Feast suhlte sich geradezu in Blut und den Gräueltaten, die sein von der Göttin Ištar besessener Killer vor allem jungen Frauen antut. Damit gilt er als erster waschechter Splatterfilm der Filmgeschichte; ein Subgenre, das die blutige Zerstückelung und regelrechte Vernichtung des Körpers in paradoxerweise gleichermaßen abstoßender wie anziehender Manier zelebriert. Die Bilanz gab Lewis recht und mit den ähnlich gelagerten und augenzwinkernden Produktionen Two Thousand Maniacs! von 1964 und The Wizard of Gore von 1970 errang er für sich das Epitheton ornans „Godfather of Gore“.

Wo sich Splatterfilm und Body Horror Gute Nacht sagen

Die genussvolle Zurschaustellung der Zerstörung oder Penetration des Körpers, von detaillierten Eviszerationen oder dem blutigen Abtrennen von Gliedmaßen bis hin zur Enthauptung ist ein erster Schritt in Richtung des Body-Horrors. Dieses Subgenre sieht seine Verunsicherung, Zweifel und Angstgefühle in der eigenen ruinösen und korrodierenden Körperlichkeit verortet, die es zumeist durch extreme, dissolvierende, aber befreiende wie erlösende Maßnahmen zu überwinden gilt. Im Splatterfilm findet sich dieser Gedanke freilich nur implizit, im Vordergrund stehen blutgetränkte Spezialeffekte, grenzüberschreitende Übertreibungen und die Lust am Zusehen. Hopkins und Powell leisteten hierfür die Vorarbeit, während Lewis den Grundstein legte. Seine Nachfolger sollten sich noch zu steigern wissen, bis zu einem Punkt, wo der ein oder andere meinte, in einen regelrechten Überbietungswettbewerb treten zu müssen. Die Krone trägt davon, wer die abstoßendsten und widerlichsten Effekte zu produzieren, an der Zensur vorbeizuschleusen und seinem treuen Fanpublikum zu übergeben vermag. Bevor Splatterfilm und Body-Horror jedoch ihre Hochzeit erreichen konnten, musste sich auf dem Film- und Kinomarkt noch einiges tun. Lewis Pionierarbeit stellte dafür auf jeden Fall die Weichen.

Lesbische Vampire und reitende Leichen

Auf dem europäischen Filmmarkt gerieten seit den 1960er-Jahren die Gemüter ebenfalls in Bewegung. Italienische, französische und spanische Genreregisseure folgten dem Schreckensruf und machten sich auf, ihren ureigenen Horror-Stil zu kreieren. Näher an der Auteur-Theorie des europäischen Kinos stehend, scheinen die Ergebnisse gänzlich anderen Gesetzen und Vorgaben zu gehorchen als der Zuschauer es aus den angloamerikanischen Filmen gewöhnt war. Sie weisen auffallende Idiosynkrasie europäischer Mondänität auf, grenzen sich einerseits signifikant vom bekannten Gruselfilm ab, schöpfen andererseits bisweilen ihre Inspiration aus diesem. Das Resultat bewegt sich letztlich auf einer kapriziösen Gratwanderung einer messerscharfen Rasierklinge zwischen ausgestellter Gewaltdarstellung, verzweigtem Drama und psychosexueller Doppelsinnigkeit, je nach Filmemacher ausschlagend in diese oder jene Richtung. Jean Michel Rollin Roth Le Gentil etwa kehrte aus dem Vampirfilm die erotische Seite hervor und erging sich in halbträumerischen Schauer-Fantastereien über lesbische Vampire und einer Gegenüberstellung von Schönheit und Verdammnis. Bisweilen als Softcore-Horror-Regisseur verschrien, geben seine Werke einen unwiderstehlichen Gothic-Surrealismus her, der ihn nahezu einzigartig macht.

Die Welt des Giallos

Vergleichbar zu Rollin schöpfte Amando de Ossorio Rodríguez’ Reitende-Leichen-Tetralogie aus finsteren Gewässern des Unterbewussten und ließ seine einfältigen Teenager in die Arme einer Sekte blinder wie mumifizierter Menschenfresser-Tempelritter geraten. Italienische Produktionen ergingen sich im barocken bis opernhaften Gothic-Horror, sowie, sehr wohl mit Überschneidungen, einer Krimi-Mystery-Spielart, die sich vor allem ihrer inszenatorischen Eigenheiten wegen derart markant profilierte, dass sie eine eigene distinktive Gattungsbezeichnung verliehen bekam: Der Giallo-Film. Die Bezeichnung leitet sich von italienischen Pulp-Kriminalromanen der 1920er-Jahre ab, der letteratura gialla, der nach ihrem Einband benannten „gelben Literatur“, von denen sich die Autoren das Grundkonzept des grob gezeichneten Krimi-Plots entliehen. Dieses rein rudimentäre Gerüst reicherten sie um Aspekte des psychologischen Thrillers, sowie mal mehr und mal weniger stark ausschlaggebende Horror-, Drama- oder übernatürlichen Elemente an. Drastische Gewalt, Thanateros, ein Hang zur im Madonna-Hure-Komplex fundierten Misogynie und zum somnambulen Surrealismus wurden bei den Gialli zu Ingredienzien einer selten logischer Kohärenz denn striktem, unkonventionellem Stilwillen unterworfenen makabren Melange.

Die Psyche des Mörders

Thematisch griffen viele Regisseure das Stalker- und Serienkiller-Motiv von Hitchcocks Psycho auf, drangen hingegen auf eine verfeinert verkünstelte Art tiefer in dessen abgründige Materie vor und intensivierten die Zeigefreudigkeit von sexuell konnotiertem Mord, reflexiven Schauzwang, einer Dualität des Hinsehens und veräußerlichenden Bebilderung. Der Inhalt dreht sich meist um die Jagd nach einem gestörten Serienkiller oder einer gestörten Serienkillerin, der oder die es in den meisten Fällen auf junge, attraktive Frauen abgesehen hat. Das Ableben wird vorzugsweise in obszön-schönen, grausam-ästhetischen tableauartigen Mordinstallationen lustvoll solennisiert. Paradigmatisch legen die Ermittlungen nach und nach erschütternde Kindheitstraumata oder andere traumatisierende Erlebnisse von sexueller Erniedrigung und Ohnmachtsgefühle aus der verborgenen Vergangenheit des Mörders offen. Typisch für den Giallo-Film sind neben der starken Bildhaftigkeit, dass die Kamera die subjektive Perspektive des Killers während der Morde einnimmt und dadurch den Zuschauer gleichermaßen zum passiven, hilf- und machtlosen Zeugen, aber auch zum Komplizen macht. Hierfür hatte Powell mit Augen der Angst die unübersehbare Blaupause geliefert.

Zuschauer, Zeuge, Mittäter

Immerzu herrscht ein erregtes wie tödliches Spiel zwischen Killer, Ermittler und Opfer, das sich wiederholt um das Hinsehen, mehr noch das Hinsehen-Wollen oder nicht Wegsehen-Können arrangiert. Die Lust am und die Lustbefriedigung durch das Zusehen, der obsessiv-kompulsive Drang zum Zuschauen fügte sich oft sehr bewusst in Hinsicht auf die eigene Zuschauerschaft zu einem rückbezüglichen Experiment des Sehens und der Kraft des Sehens in der Kunst des Films selbst. Wie der Giallo-Film Inspiration von Psycho und Augen der Angst bezogen hatte, so fielen die Einflüsse des Giallos später auf den US-amerikanischen Horrorfilm zurück, den Slasherfilm im Speziellen. Gleichwohl gestaltete sich jene Spielart weitaus plakativer, effekthascherischer sowie unweigerlich fixiert auf den bloßen Effekt. Dem US-amerikanischen Filmemacher und Publikum lag mehr am Tabubruch, am Ausreizen des Zeigbaren, was nicht auf einen wild-ungestümen selbstreflexiven, sondern rein am Skandal interessierten und um Publikumswirksamkeit bemühten Nervenkitzel abzielte. Wobei selbstredend die italienischen Filmemacher, gerade solche aus der zweiten oder dritten Reihe, ihrerseits mit Exploitation und billigen Schnellschüssen unübersehbar bestenfalls auf der Welle ihrer Kollegen mitzureiten versuchten und sich ebenso auf dem Gebiet des Giallos in der banalsten oberflächlichen Art und Weise versuchten.

Der Pionier und der König des Giallos

Mario Bava gehörte zu den renommiertesten und vielseitigsten Filmemachern des italienischen Horror-Kinos der 1960er- und 1970er-Jahre. Sein vielseitiges Œuvre umfasste Gothic-Horror, etwa den sadomasochistisch angelegten Der Dämon und die Jungfrau von 1963 mit Sir Christopher Frank Carandini Lee, Peplum-Horror à la Vampire gegen Herakles von 1961, oder Science-Fiction-Horror wie Planet der Vampire von 1965. Letzterer gilt vielen als Vorreiter des Weltraum-Horrors in der Art von Sir Ridley Scotts Alien. Bavas 1964 erschienener Thriller Blutige Seide über eine Reihe von Serienmorden in der Modewelt gilt gemeinhin als der Startschuss für das Zeitalter des Giallos und legte bereits viele Archetypen des Subgenres an. Der durch Maske, Handschuhe und geschlechtsverhüllender Unisexkleidung anonymisierten Killer beispielsweise, der bevorzugt jungen Frauen nach dem Leben trachtet, wurde zum festen Bestandteil des Subgenres. Zum König des Giallos schwang sich in den 1970er- und 1980er-Jahren indessen Dario Argento empor. Seine Werke Rosso: Die Farbe des Todes von 1975, der märchenhaft angehauchte Suspiria von 1977, erster Teil seiner Mütter-Trilogie um drei finstere Hexen, dazu Terror in der Oper von 1987, welcher das opernhafte und den Voyeurismus des italienischen Horrors klarlegte, werden einvernehmlich als die Non-plus-ultra-Schöpfungen in diesem Bereich angesehen. Die bereits bei Bava angelegten Genre-Topoi führte er zur Vollendung und erweiterte sie in vorzüglicher Weise.

Die Wege führen ins Paracinema

Nachdem die 1960er-Jahre zur großen Umbruchphase des US-amerikanischen Kinos allgemein wurden, trat der Horrorfilm in den 1960er- und 1970er-Jahren ebenfalls in eine Epoche tiefgreifender Umgestaltungen ein. Viel Bedeutsames sollte geschehen, um den Acker für die neuen Entwicklungen urbar zu machen. Psycho erwies sich als eines der größten Schlüsselereignisse des Genres. Das veraltete Zensursystem des Hays Code wurde vom freiwilligen Bewertungssystem der Motion Picture Association of America, kurz MPAA, abgelöst. An Geltung verlor das Studiosystem, der Independent-Sektor gewann an Gewichtigkeit, der internationale Film fand Anklang auf dem US-amerikanischen Markt und das Fernsehen befand sich durch den Fernsehapparat unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Der Horrorfilm konnte unter diesen Bedingungen frei am Rad drehen, den krudesten Massengeschmack bedienen, Sex, Gewalt und Drogen am laufenden Band liefern. Wenn überhaupt machte das berüchtigte R-Rating der MPAA die Filme noch attraktiver. Das Genre diversifizierte sich, ein Anti-Establishment-Gestus trat neben den puren Schockeffekt und rein auf den Profit abzielende Provokationen. Billige wie schnell runtergekurbelte Produktionen gewannen an Zulauf, was die Artverwandtschaft zwischen Horror und Pornografie verstärkt hervortreten ließ – inklusive einiger Filmemacher, die es vorzüglich verstanden, auf beiden Hochzeiten zu tanzen. Das Paracinema war geboren, eine wilde, enthemmte Zeit war für den Horrorfilm angebrochen.

Geschrieben von Jan Bantel

Review: Zombie World War

In Táiwāns erstem Zombiefilm stehen sich eine Spezialeinheit der Polizei, eine Gangsterbande und ein abscheulicher Triebtäter gegenüber, während um sie herum die Stadt in einer Flut der lebenden Toten untergeht.

Endzeitstimmung in Táiběi: Eine Zombieepidemie ist ausgebrochen und hat die Stadt unvorbereitet getroffen. Auf den Straßen tummeln sich Horden von Untoten, die Menschen flüchten in Panik und die Behörden scheinen der Bedrohung machtlos gegenüber zu stehen. Die gesamte Stadt befindet sich im Ausnahmezustand. Mitten in diesem Tumult geraten eine Spezialeinheit der Polizei und eine Gangsterbande aneinander. Jedoch müssen beide Fronten bald einsehen, dass es gilt, Feindschaften zurückzustellen, wenn sie den Horror überleben wollen. Eine brüchige Zweckgemeinschaft entsteht. Gemeinsam mit ein paar wenigen überlebenden Zivilisten bunkern sie sich in einem Kino ein. Trotz der Notsituation ist die Lage zwischen den Parteien angespannt. Die Finger zucken am Abzug und die brodelnde Feindseligkeit verhindert, dass sie sich auf einen Anführer, geschweige denn ein gemeinsames Vorgehen einigen können. Als seien die wandelnden Toten nicht genug, treibt zu allem Überfluss ein Serienkiller sein Unwesen auf den leichengesäumten Straßen. Der missgestaltete wie schwer gestörte Perverse entführt junge Frauen in sein Apartment, wo er sie foltert und misshandelt. Auch die Tochter der Reporterin Linda ist in seine Fänge geraten. Die Wege kreuzen sich schlussendlich in der Höhle des Grauens des Psychopathen und die Lage eskaliert endgültig.

Táiwāns erster Zombiefilm

Gerne wird behauptet, dass es sich bei Zombie World War, international bekannt als Zombie 108, um Táiwāns ersten waschechten Zombiefilm handelt. Fraglich ist, ob dies eine Pionierleistung ist, auf die das Filmstudio stolz sein kann. Zu Ruhm ist Táiwān in diesem Bereich erst 2021 mit dem Film The Sadness gelangt, der eher der Infizierten-Subkategorie zuzuordnen ist. Zombie World War konnte demgegenüber kaum Punkte auf der Ruhmesleiste für sich verbuchen, war außerdem geschlagen mit einem verhältnismäßig kleinen Budget zwischen einhundert- bis zweihunderttausend US-Dollar. Das muss der Qualität freilich kein Hindernis sein, schließlich haben talentierte Filmemacher wie Samuel M. „Sam“ Raimi mit weniger Kapital Kultprodukte wie Tanz der Teufel hervorgebracht. Kreativer Geist kann kleines Geld übertrumpfen. Andererseits muss eine ausgemachte stadtweite Hirnfresser-Pandemie zwangsläufig in etwas anderen Dimensionen gedacht werden, wo ein paar zusätzliche Dollar dem Vorhaben garantiert gut täten. Tatsächlich vermag Regisseur Joe Chien Jen-Hao einigermaßen das magere Budget zu überspielen und eröffnet mit dem altbekannten 28-Days-Later-Kniff von stimmungsvollen Bildern ausgestorbener Straßen einer Großstadt. Im ersten Moment bringt er so etwas wie Tempo in das Geschehen, bevor ihm dann jedoch schnell die Luft ausgeht, zumal seine Schnitttechnik nervig sein kann und einige Digitaleffekte überdeutlich hervorstechen.

Cops vs. Thugs vs. Zombies

Zunächst präsentiert er eine reizvolle Grundkonstellation einer aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zusammengewürfelten Gruppe Überlebender, wie sie zu Genüge in Zombiestreifen oder dem Genreprimus The Walking Dead auftreten. Nichtsdestotrotz birgt die Ausgangssituation von Special-Weapons-and-Tactics-Einheiten, was auch immer diese in Táiběi zu suchen haben, und Gangstern, die sich spinnefeind und nur danach lechzen, dem Gegenüber mit gezücktem Messer zu Leibe zu rücken, ein nicht unerhebliches Potenzial für knisternde Spannungsmomente. Leider verpasst es Joe Chien das Maximum aus der Lage herauszukitzeln. Stattdessen verhalten sich seine flachen Figuren in erster Linie dämlich, verabschieden sich aber wenigstens blutig aus der Handlung. Beispielsweise denke ich an den Plan der Polizisten, die sich den Weg aus der Belagerung auf eigene Faust freizukämpfen versuchen – und mit Faust meine ich im Martial-Arts-Stil, sprich waffenloser Nahkampf mit Handkante und Fußsohle gegen eine Übermacht von bissigen Widergängern. Dagegen wirkt selbst Shaun und Eds Schallplatten-Verteidigung wie eine taktische Meisterleistung. Auf der anderen Seite macht solcher Schwachsinn den Film unfassbar ulkig, woran Xiàng Róngs beleibter Gangsterboss einen nicht unwesentlichen Anteil hat. Pluspunkte gibt es für den Parkourcharakter, der behände durch die Massen reanimierter Toter traversiert und sie ausmanövriert.

Ein Hauch von Torture Porn

Jedoch war Joe Chien die Bedrohung durch die Untoten offensichtlich nicht hart genug. Also schmiss er kurzerhand noch einen Prise Torture Porn in das Ragout, mit einem abartigen Triebtäter, der junge Frauen im ranzigen Sex-Zombie-Kombi-Keller seines heruntergekommenen Apartments in verdreckten Käfigen eingesperrt hält. Während also drei Schlurfer festgekettet im endlosen 360-Grad-Mühlstein-Kreislauf longieren und einen Generator antreiben, misshandelt dieses abgrundtief abstoßende Subjekt seine Opfer sexuell, bisweilen optional mit Tintenfischeinsatz. Das ist der Moment, wo der schmuddelige Low-Budget-Look des Films, die deutsche Billigsynchronisation tut das ihrige dazu, dem Geschehen einen besonders unangenehmen Anstrich verpasst und der Zuschauer ernstlich zwischen Lachen, aufgrund der unsinnigen Absurdität des Ganzen, und dem Abscheu vor der gezeigten Widerlichkeit schwankt. Wenn dann die letzten Cops und Gangster in das Apartment poltern, sich, wie es der Teufel so will, ein weiterer Psychopath in die Situation verläuft, außerdem ein in bester Resident-Evil-Manier grotesk mutierter Fettzombie im Badezimmer heranwächst, ist die Grenze der Idiotie endgültig überschritten und es bleibt nur noch die blutige Eskalation. Unterdessen stellt die größte Dämlichkeit der Epilog dar, in dem Táiběi offensichtlich innerhalb 24 Stunden nach der Faulfleischfraktionsapokalypse die Straßen gesäubert, alle Schäden repariert und seelenruhig zum Alltag zurückkehrt ist, als ob nie etwas passiert wäre. Das nenn ich mal Effizienz!

Geschrieben von Jan Bantel

Jans Fazit (basierend auf der DVD-Fassung): Zombie World War oder Zombie 108 ist ein Maximalerlebnis – maximal dämlich, maximal unterhaltsam und maximal abstoßend. Joe Chien hat allerlei an und für sich reizvolle Zutaten in den Mixer geschmissen. Heraus kam kein sonderlich schmackhafter Cocktail. Das bizarre Gesöff, was er letztlich zusammengepanscht hat, mag die Stimmung heben, aber es ist auch ein wenig eklig im Abgang. Den etwas ranzigen Nachgeschmack mag ich ihm verzeihen, schließlich hat er nicht gerade ein üppiges Budget zur Verfügung gehabt und Spaß bringt die Sache allemal. Es ist etwas schade um die Grundidee, Cops und Gangster in ein abgeschottetes Szenario zu packen, wo Feindschaft untereinander und gemeinschaftlicher Überlebenstrieb während einer Extremsituation miteinander konkurrieren, also gewissermaßen ein Rio Bravo oder ein Assault: Anschlag bei Nacht mit Zombies zu kreieren. Das hätte Potenzial gehabt und darf von einem fähigen Filmemacher mit höherem Budget gerne in Angriff genommen werden. In Sachen Trash-Fun-Faktor sollte der Zuschauer hingegen nicht zu viel von Zombie World War erwarten, ebenso wenig Ansprüche an einen ernsthaften wie gelungen inszenierten Zombiereißer stellen. Es mag bemerkenswert sein, dass Táiwān hiermit sein Beißer-Debüt hingelegt hat, gemessen am Inhalt ist das Machwerk dahingegen höchstens für beinharte Genrefans und Komplettisten einen Blick wert, die zudem eine gewisse Schmerzgrenze mitbringen. Auch hartgesottene Trash-Fans, die auf der Suche nach einem absurden Zombie-Vergnügen und bewaffnet mit Bier und Popcorn sind, dürften ein wenig Freude an diesem Film haben.

Review: Die nackte Kanone [2025]

2025 kehrte Die nackte Kanone ins Kino zurück. William John „Liam“ Neeson übernimmt die Rolle von Frank Drebin Junior und beweist, dass die Spoof-Komödie immer noch funktionieren kann, wenn die Verantwortlichen sie richtig anpacken.Wie der Vater, so der Sohn: Ganz in der Tradition seines Erzeugers, des legendären verstorbenen Frank Drebin Senior, arbeitet Frank Drebin Junior bei der Spezialeinheit der Polizei. Mögen seine Methoden auch unkonventionell sein, seine Erfolge sprechen für sich. Gerade hat er auf spektakuläre Art und Weise einen Banküberfall vereitelt, doch von seiner Vorgesetzten schlägt ihm wenig Verständnis entgegen und er wird zur Abteilung für Verkehrsunfälle versetzt. Bereits bei seinem ersten Fall, der Untersuchung des in einem E-Auto verunglückten Simon Davenport, stößt Drebin auf Ungereimtheiten, die nur die Möglichkeit eines Mords nahelegen. Die Spur führt zum Tech-Milliardär Richard Crane, der in allerlei futuristisches Gerät investiert und aus dessen Fabrik das E-Auto des Toten stammt. Für Frank ist der zwielichtige Crane mehr als verdächtig. Zu allem Überfluss scheint dieser außerdem in die Geschehnisse des Banküberfalls verwickelt zu sein. Gemeinsam mit Davenports Schwester Beth versucht er, dem größenwahnsinnigen Unternehmer auf die Schliche zu kommen. Während sich Drebin, der der Liebe eigentlich abgeschworen hatte, und die verführerische, aber von Rachegelüsten getriebene Beth allmählich näherkommen, stellt Crane Drebin eine Falle, um seinen verqueren Plan eines bizarren Utopia ungehindert in die Tat umsetzen zu können. Plötzlich befindet sich Drebin auf der Fahndungsliste und im Visier der Polizei. Nun muss er nicht nur seine Unschuld beweisen, sondern parallel dazu Cranes Irrsinn Einhalt gebieten.

KindheitserinnerungBei Die nackte Kanone muss ich unweigerlich immer wieder an diese eine Eskapade aus meiner Kindheit denken: Es ist nach zwanzig Uhr, meine Eltern haben Besuch, zusammen sitzen sie im Wohnzimmer und sehen sich einen Film an. Für mich kleinen Hosenmatz hingegen hieß es, dass ich schon lange im Bett liegen und selig schlafen sollte, doch wie es manchmal in diesem Alter so ist, verweigerte sich mir der Schlaf vehement, während praktischerweise das elterliche Schlafzimmer nun mal unmittelbar neben dem Wohnzimmer lag. Also war der Plan schnell gefasst: Ich krabbelte aus dem Bett, schlich auf Zehenspitzen um die Ecke und öffnete vorsichtig die Tür zum Wohnzimmer. Nur einen Spalt breit! Gerade genug, um unbemerkt den Fernseher in Sichtweite zu haben. Dort lief Die nackte Kanone mit Leslie William Nielsen. Es war das erste Mal, dass ich einen Ausschnitt des Films sah. Es war die berühmte Autoverfolgungsjagd, in der Frank Drebin einem Mörder an den Fersen klebte, dabei allerdings ausgerechnet in den Wagen einer Fahrschule und zögerlichen Fahranfängerin eingestiegen war. Obwohl ich mich die meiste Zeit im Griff hatte, hielt ich es irgendwann nicht mehr aus und musste blöderweise lautstark loslachen. Sofort machte ich kehrt, sprang ins Bett, zog die Bettdecke hoch bis zum Kinn und gab vor, engelsgleich in Morpheus’ Armen zu liegen. Sinnlos natürlich, jeder und das ganze Haus hatte mein schallendes Gelächter vernommen. Meine Mutter kam entsprechend ins Schlafzimmer getost, hielt mir eine kurze Standpauke und danach ging ich das Risiko nicht mehr ein. Freilich, das Erlebnis blieb und nicht zuletzt wegen dieser Geschichte hat der Film bei mir einen festen Platz im Herzen.

Die Zucker-Abrahams-Zucker-Chaos-KomödieSelbst abseits dieser persönlichen Bindung sind sowohl die Serie, als auch die klassische Trilogie mit Leslie Nielsen von David Zucker, Jerry Zucker und James Steven „Jim“ Abrahams, dem ZAZ-Trio, gleichwohl in meinen Augen Komödiengold. Der Mix aus Parodie auf den Polizeifilm und Hard-Boiled-Film-Noir durch die Linse der Chaoskomödie, welche das ZAZ-Trio bereits mit Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug, Die unglaubliche Reise in einem verrückten Raumschiff und Top Secret! tatkräftig und zwerchfellquälend erprobt hatten, gehört für mich zu den Sternstunden des 1980er-Jahre-Komödien-Kinos. Jede Szene war überfüllt mit kleineren und größeren visuellen Späßchen, die sich oft im Hintergrund ereigneten, derweil die Figuren im Vordergrund bierernst ihre Texte aufsagen mussten. Gleichzeitig waren selbst diese Dialoge und Monologe von einer urkomischen Manier mit ihren unvorhersehbaren Wortklaubereien und Wortspielen. Slapstick machte einen nicht unwesentlich Teil des Humors aus, war dennoch trotz seiner Albernheit aufgrund seiner Eskalationsspirale und spinnerten Kreativität ein köstliches Vergnügen. Bisweilen folgten die Witze einander im Sekundentakt, sodass für einen weniger gelungenen Jokus ein umso witzigerer folgte. Über allem thronte jedoch zweifelsfrei Leslie Nielsen, der zuvor eigentlich gar nicht für komödiantische Rollen bekannt gewesen war. Für Die nackte Kanone stellte sein Frank Drebin hingegen das Pièce de Résistance dar, mit seinen trockenen Reaktionen selbst auf die groteskesten Vorgänge, wie er seinem Gegenüber mit abstrusen Dialogzeilen den Wind aus den Segeln nahm, war unvergleichlich. Gerade sein Gehabe eines Hard-Boiled-Detective im Angesicht all der Absurditäten, die ihn umgaben und die er nicht selten selbst verursachte, trugen wesentlich zum Humor des Films bei.

Verklärte Fans und die 1980er-Jahre-NostalgieDer letzte Teil der Trilogie mit Nielsen hat zum Zeitpunkt dieser Rezension 31 Jahre auf dem Buckel und in unserer heutigen Welt mit seinem vergifteten politischen und kulturellen Klima ist sich wahrscheinlich zurecht die Frage zu stellen, ob ein Die-Nackte-Kanone-Film hier überhaupt noch seinen Platz finden könnte. Ganz zu schweigen davon, dass eine Fortsetzung oder ein Remake oder ein Legacyquel, oder welche modisch-verbrämte Bezeichnung vorzuziehen sei, für beinharte Fans des Originals und unrettbar verklärte 1980er-Jahre-Nostalgiker wie ein Sakrileg sondergleichen anmuten musste. Nachdem zwischenzeitlich immer mal wieder Gerüchte über eine Neuverfilmung durch das Netz kursierten, nahmen die Pläne schließlich Gestalt an. Was, wenig überraschend, eben besagte Klientel in helle Aufregung versetzte. Da wurde fröhlich-munter die Leslie-Nielsen-Trilogie derartig überschäumend in den Olymp erhoben, zum Definitivum der Komödie an sich erklärt, rückwirkend in einem Maße vergöttlicht, dass eine Neuauflage in deren Köpfen nur scheitern konnte. Die Bekanntgabe, dass Liam Neeson nun in die Pantoffeln Nielsen schlüpfen würde, wurde nicht minder negativ aufgenommen. Zu ernst sei Neeson, er habe keine Erfahrung im komödiantischen Bereich und sei schlicht und ergreifend nicht witzig. Ihm wurde gar per se der Sinn für Humor abgesprochen. Dass Nielsen vor Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug ebenso wenig als Komödiant in Erscheinung getreten war, das ZAZ-Trio für ihre Parodien sogar in vollem Bewusstsein auf Darsteller gesetzt hatte, die eben nicht für ihre Komödienrollen bekannt waren, wurde dabei geflissentlich ignoriert.

Der Stammbaum der Spoof-KomödieNeben den National-Lampoon-Komödien waren Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug, Die nackte Kanone und Hot Shots! – Die Mutter aller Filme im Verein der Spiritus Rector der sogenannten Spoof-Komödien gewesen. Diese Spielart der Parodie war vor allem in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren mit den Scary-Movie-Filmen der Wayans-Brüder und den (unsäglichen) Movie Movies des Duo Infernale Jason Friedberg und Aaron Seltzer in Mode gekommen. Das ZAZ-Trio hatte unverkennbar eine ganze Generation von Filmemachern und Komödianten inspiriert, angefangen bei diversen Saturday-Night-Live-Mitwirkenden, über die South-Park-Macher Randolph Severn „Trey“ Parker III. und Matthew „Matt“ Richard Stone bis hin zur Generation Akiva Daniel Shebar Schaffer, dem Regisseur dieser Neuverfilmung. Die Mischung aus Parodie, unberechenbarem Witz und spielerischer Verulkung von Genrekonventionen ist zu einem Standard geworden. Schon in den 2000er-Jahren begann dem Witz jedoch rasch ein ellenlanger Bart zu wachsen – oder präziser: Es fehlte an Filmemachern, die verstanden hätten, was die ZAZ-Komödien so erfolgreich werden ließ. Statt alberner, dennoch treffsicherer Demontage von Klischees und Genremechanismen, verfiel man zusehends auf unzusammenhängende Aneinanderreihungen von Filmzitaten tagesaktueller Blockbuster, hilfloser populärkultureller Anspielungen und Pipi-Kacka-Witzchen. Die Spoof-Komödie verkam zum geistlosen Reference Dump. In späteren Jahren trat schließlich das „Meme Cinema“ an dessen Stelle, wo der Witz weniger im Film selbst als in der ihn umgebenden Internet-Meme-Kultur verortet lag, wie zum Beispiel bei Morbius oder Public-Domain-Horror wie Peter Pan’s Neverland Nightmare.

Komödiantisches Talent vor und hinter der KameraIn jedem Fall tragen die ZAZ-Chaos-Komödien und Die nackte Kanone insbesondere ein schweres Erbe mit sich herum. Letzten Endes war es der mit Komödien und Comedy bestens vertraute Regisseur und Drehbuchautor Akiva Schaffer, der die schwierige Mission annahm, die Neuauflage von Die nackte Kanone zu schreiben und zu inszenieren. Seine Sporen hat sich Schaffer unter anderem bei Saturday Night Live, Brooklyn Nine-Nine und bei Filmen wie Hot Rod: Mit Vollgas durch die Hölle oder Popstar: Never Stop Never Stopping verdient. Ganz zu schweigen von seiner Beteiligung an der Emmy-prämierten Musikvideoparodie Dick in a Box von The Lonely Island. Seth MacFarlane übernahm eine Produzentenrolle und neben Neeson wurde das einstmalige Sexsymbol und die berühmte Baywatch-Nixe Pamela Denise Anderson für die weibliche Hauptrolle gecastet. Anderson, die zuletzt mit The Last Showgirl Kritiker und Publikum für sich zu vereinnahmen wusste, war wie Neeson eine nicht minder ungewöhnliche Wahl, zumindest auf den ersten Blick. In jedem Fall hatte sich hier eine interessante Kombination an Filmschaffenden vor und hinter der Kamera versammelt, um den Komödienklassiker wiederzubeleben. Neeson sollte nun nicht einfach eine Neuauflage von Frank Drebin geben, sondern seinen Sohn, Frank Drebin Junior verkörpern. Die ersten Trailer waren nicht umwerfend. Nichtsdestoweniger fanden sich hier bereits einige durchaus amüsante Spitzen, aller Unkenrufe zum Trotz notabene, welche diese trotzig als alberne Fremdscham-Blödelei abtaten, als ob die Originale das Hoch intellektuellen Esprit dargestellten hätten, die sich niemals auf solche Niederungen begeben hätten.

Eine gelungene Hommage im Geiste des OriginalsNun haben Trailer bisweilen die sehr unangenehme Unart, alle Höhepunkte eines Werks vorwegzunehmen und die weniger gelungenen Aspekte geflissentlich zu unterschlagen. Zum Glück hat die Neuverfilmung mit denen in der Vorschau gezeigten Szenen bei Weitem noch nicht ihr Pulver verschossen. Im Gegenteil wage ich sogar zu behaupten, dass sie nicht mal die besten Gags gebracht hat, denn der fertige Film ist eine durch und durch gelungene Hommage an die Originalfilme geworden, die zwar nicht an die Dichte und die Dynamik der ZAZ-Komödien heranreicht, deren Ton hingegen formidabel zu treffen weiß. Schaffer beweist ein gutes Gespür für Gags, die dem Humor des Originals nicht nur treu bleiben, sondern ihn vorzüglich zu emulieren wissen. Im Gegensatz zu manch anderem hat er verstanden, was den Geist und das humoristische Naturell der ZAZ-Filme ausgemacht hat und folgt deren Ansatz geradezu sklavisch. Das bedeutet nicht, dass er bekannte Schoten simpel recyceln würde, selbst wenn etwa das versaute Schattentheater jedem Austin Powers-Fan zur Genüge bekannt sein dürfte. Was er uns präsentiert, entspricht grosso modo der oben beschriebenen Formel: Da wäre die Parodie auf Polizeiroutine, Film Noir und Hard-Boiled-Ermittler in detailverliebten Szenentableaus, angereichert um eine Fülle an visuellen Gags. Dazu gesellen sich haarsträubende und kontrastierend zum Humor trocken vorgetragene Dialoge oder Off-Kommentare des Protagonisten (manchmal mit ein paar Stimmen zusätzlich) und natürlich der obligatorische Slapstick.

Unvermittelt lauert der WitzSchaffer gelingt überraschend leichtfüßig die schmale Gradwanderung zwischen Albernheit und spitzzüngigem Spott über das Genre, der gekonnt dessen Marotten aufs Korn nimmt, ohne sich dabei in Copy-and-paste-Szenen mit Furzwitzen zu erschöpfen. Hinzu kommt die Unberechenbarkeit vieler Szenen, die es tatsächlich vermag, einige effektive Überraschungsgags zu liefern. Ein Teil von ihnen funktioniert ebenfalls gemäß einer Eigenart der ZAZ-Parodien: Sie unterlaufen nämlich die Zuschauererwartung an genretypische Situationen und lösen sie unerwartet komödiantisch auf oder verlaufen gänzlich anders als gewohnt. Das betrifft exemplarisch den Romantik-Subplot, der in gängigen Krimis den Kriminalfall in der Regel eher ausbremst als ihm dient. Diese Abschweifung verballhornte Die nackte Kanone bereits mittels eines urkomischen Musikvideos. Den gleichen Weg geht Schaffer und präsentiert einen reichlich überflüssigen Umweg in Musikclipform rund um einen dämonischen Schneemann. Das kommt aus dem Nichts, hat mit dem Rest der Geschichte nicht das Geringste zu tun und ist ein bewusst gehörig bescheuerter Filler. So belämmert solche Flausen sein mögen, Schaffer reizt sie dankenswerterweise nie über Gebühr aus und weiß, wann Schluss ist – oder wann er wieder auf sie zurückgreifen kann. Das beste Beispiel für Letzteres ist der andauernde Kaffeebecher-Kalauer.

Zwei wunderbare HauptdarstellerNeben Drehbuch und Regie muss unweigerlich die Leistung von Neeson und Anderson hervorgehoben werden. Nicht nur, dass es angenehm ist, endlich mal keine präpubertierenden Teenies als Protagonisten ertragen zu müssen, beide legen ein ausgesprochen gutes Timing an den Tag und haben eine ausgezeichnete Chemie untereinander. Neeson ist haargenau der Typ, der die nötige spröde Trockenheit beweist, um auf all den Irrsinn wie selbstverständlich zu reagieren, als sei es das Normalste auf der Welt, denselben Radfahrer zum x-ten Mal über den Haufen zu fahren oder die Waffe eines Bankräubers beiläufig zu verspeisen wie ein Stück Schokolade. Das ist präzise die Art von absurd-charakterfestem Selbstbewusstsein, die wohlgemerkt auch Nielsen zur Schau getragen hat, während er in einer Welt agierte, die für uns über alle Maße paradox erscheinen musste, die als Filmkosmos hingegen eine absonderliche Kohärenz bewies und einem eigenen Regelwerk zu folgen schien. Das ist der Grund, weswegen der Witz mit Neeson-Charakter so erfolgreich ist, weil der Film Neeson nie zwingt, „witzig“ zu sein. Das ergibt sich daraus, dass er so wirkt, wie er immer wirkt: wie Liam Neeson. Schließlich war es diese Mischung aus Authentizität und Ironie, die Nielsens Drebin auszeichnete. Insofern straft Neeson alle Mäkler Lügen. Leider ist Neesons Stammsynchronsprecher Bernd Rumpf 2019 verstorben, aber sein Ersatz Bernd Vollbrecht ist ein würdiger Nachfolger. Anderson ist nicht minder großartig, kann auch im fortgeschrittenen Alter als aufreizende Femme fatale überzeugen, ohne auf eine peinlich sexualisierte Gummipuppe reduziert zu werden. Wenn überhaupt wirkt sie sogar anziehender, würdevoller als zu Baywatch-Zeiten, spielt zugleich die Absurditäten ihrer Rolle genüsslich aus wie in der Nachtclubszene.

Ulkige Nebenrollen, schmierige Bösewichter und amüsante CameosDie meisten Nebenrollen stehen dahinter ein wenig zurück. Nichtsdestoweniger legen sich alle Beteiligten ins Zeug. Paul Walter Hauser als Ed Hocken Junior ist ein anständiger Stichwortgeber, muss sich letztlich aber ein wenig unter Wert verkaufen. Wobei George Harris Kennedy Junior zugegeben mindestens ebenso schwer zu ersetzen ist wie Nielsen. Carol Christine Hilaria Pounder hingegen gibt grundsolide die dauernd wütende Vorgesetzte, wie sie aus diversen Copfilmen zur Genüge bekannt ist. Mit ihrem narkoleptischen Ehemann bekommt sie obendrein einen überaus kuriosen Anhang spendiert. Daniel Sallis Huston gibt die inzwischen im Kino obligatorische Bösewicht-Tech-Milliardär-Karikatur, die Elon-Musk-Sparversion mit einer Prise Hugo Drax, und ist angemessen arrogant und schmierig, eine Megalomane mit Sendungsbewusstsein und voller Verachtung für die Menschheit. Kevin Serge Durand als Handlanger kommt hingegen gerade so auf eine hinreichend physische Präsenz ohne allzu viele herausragende Momente, was indes an der etwas einfallslosen Rolle liegt. Dafür gibt es einige amüsante Cameos zu bestaunen, etwa David Michael Bautista Junior oder Priscilla Ann Presley, Leslie Nielsen Love Interest der Originaltrilogie. Unbedingt erwähnenswert ist natürlich Alfred Matthew „Weird Al“ Yankovics Auftritt, der somit alle vier Teile mit seiner Anwesenheit beehrt. Musikalisch sucht der Soundtrack zudem begrüßenswerterweise, neben den unvermeidlichen Pop-Songs und dem unverkennbaren Lorne-Balfe-Klang, den Anschluss an Ira Newborn, dessen A Lonely Drebin an passender Stelle erklingt. Dass der Film nicht mit seinem kultigen Titelthema The Naked Gun From The Files Of Police Squad! startet, habe ich zunächst mit Unmut festgestellt. Inzwischen sehe ich es hingegen als Vorteil, dass sich Schaffer nicht an einer krampfhaften Kopie versucht hat. Dafür beschließt der Film eins zu eins mit der Originaltitelsequenz des Erstlings, inklusive des Originalthemas – und diese mittelkleine Dosis wohliger Nostalgie hat mich mehr als versöhnt.

Geschrieben von Jan Bantel

Jans Fazit (basierend auf dem Kino-Besuch): Ich kann nicht lügen, denn ich war überaus skeptisch, ob eine Neuauflage von Die nackte Kanone tatsächlich funktionieren kann – insbesondere ohne Leslie Nielsen in der Hauptrolle. Was für eine angenehme Überraschung war daher der Kinobesuch, der mir gezeigt hat, dass diese Art von Komödie wirklich witzig sein kann, solange sie nur in den richtigen Händen liegt. Fernab der totgerittenen Spoof-Komödie oder des Meme cinemas beweist Akiva Schaffer, dass er den Geist des ZAZ-Originals verstanden und verinnerlicht hat. Er schenkt uns eine spritzig-witzige Hommage an den Leslie-Nielsen-Klassiker der 1980er-Jahre. Ja, die klassische Formel der Chaoskomödie kann heute noch genauso gut funktionieren wie damals. Trotzdem vermeidet Schaffer in den meisten Fällen die einfallslose Kopie, präsentiert uns statt deren Gags am laufenden Band, die eins zu eins der Original-Trilogie entsprungen sein könnten. Ich habe nicht damit gerechnet, so viel im Kino lachen zu müssen. Bisweilen habe ich mich derart köstlich amüsiert, dass mir die Tränen in den Augen standen – fast wie damals beim Spinksen im Kindesalter. Natürlich ist das Original unübertroffen, das steht außer Frage. Bei allem Lob ist die 2025-Version weder vergleichbar dicht befüllt, noch so schwungvoll inszeniert wie seine Vorgänger. Aber es ist in jedem Fall die nächstbeste Sache, die ich mir erhoffen konnte. Liam Neeson und Pamela Anderson sind ein köstliches Leinwandpaar und beide bringen exakt das mit, was ihre Rollen verlangen, nämlich den trockene Witz und die ausgestellte Selbstverständlichkeit chaotischen Irrsinns. Ein tolles Erlebnis. Und ein kleiner Tipp zum Schluss: Beim Abspann unbedingt sitzen bleiben! Nicht nur bekommt der Zuschauer hier Frank Drebin Junior in der Aufnahmesession zu hören, zwischen den Namen aller Beteiligten verstecken sich allerlei kleinere Witzeleien – und eine Post-Credit-Szene gibt es obendrauf.

Special: Die Französische Revolution im Film

Die Französische Revolution ist eine der komplexesten und vielschichtigsten Themenkomplexe, derer sich ein Filmemacher annehmen kann. Seitdem die Bilder laufen lernten, haben sich viele Kreative an der Darstellung davon oder an verschiedenen Einzelaspekten versucht, insbesondere in den USA und selbstverständlich in Frankreich.

Ich beginne mit einer steilen These: Die Französische Revolution ist im Bereich von Film und Fernsehen nicht annährend so populär wie die schillernde Porträtierung von hochgestellten Persönlichkeiten dieser Periode wie Marie Antoinette oder Napoleon, zumal die revolutionären Verhältnisse, die uns in Film- und Fernsehform schließlich präsentiert werden, ausgerechnet den Großteil jener komplexen Ent- und Verwicklungen der immensen, weittragenden politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen großzügig vorenthalten. Stattdessen beschränken sich Filmemacher auffällig häufig auf das effekthascherische Drama der Herrschaft des Terrors, genauer der Jakobinerherrschaft von 1793 bis 1794. Blut, Gewalt, Fanatismus als Spektakel gewürzt mit einer gesunden Dosis Skepsis an Mob-Mentalität und Totalitarismus sollen das Publikum reizen, nicht aber der passionierte Kampf für die eigenen Rechte und Freiheiten oder das gerechtfertigte Aufbegehren gegen eine dekadente wie selbstgefällige Oberschicht. Fast scheint es, als solle lieber die Skepsis am Freiheitskampf geweckt werden, als den durchaus hehren, in manchen Belangen zweifellos utopischen Bestrebungen und Idealen der bourgeoisen Vordenker Raum zu geben. Dabei wäre gerade die Erkenntnis, dass das Feuer eines gerechten Kampfes schwer zu zügeln ist und in ochlokratischen Verhältnissen oder im Fanatismus außer Kontrolle geraten kann, ein bedeutsamer Schritt in der Anerkennung massenpsychologischer Effekte und soziopolitischer Dynamiken, die wir uns zu Herzen nehmen sollten, anstatt sie unreflektiert zu verdammen – gerade in heutiger Zeit.

Was die Französische Revolution für uns heute bedeutet

Zugegeben sind das sehr persönliche Eindrücke, ein Gefühl, keine empirisch gesicherten Tatsachen, die sich mit prägnanten Gegenbeispielen relativieren lassen mögen. Nichtsdestotrotz bleibt der Eindruck bestehen: Die Französische Revolution ist ohne Frage ein sträflich vernachlässigter Themenkomplex in der Kinosphäre, dessen randständige mediale Präsenz in keinem Verhältnis zu der gravierenden Bedeutung steht, welche die Ereignisse von 1789 bis 1799 für unsere soziopolitische Entwicklung einnehmen. Dinge wie Freiheit der wirtschaftlichen Betätigung, der Meinungsäußerung, der Religion, politische Gleichheit, Pressefreiheit, Volkssouveränität, nationales Selbstbestimmungsrecht, der Schutz der Rechte von Minderheiten, nicht zu vergessen die Voranstellung der Menschenrechte, sind alles Prinzipien, die sich die Revolutionäre mühevoll im erbitterten Kampf gegen das Ancien Régime erstritten haben. Diese Prinzipien sind zu den Leitsätzen moderner Demokratien geworden. Obwohl sie bis heute ihre Gültigkeit beibehalten konnten, standen sie immer wieder unter Beschuss durch reaktionären Kräfte – was wir heute bedauerlicherweise verstärkt miterleben, wo autoritäre Tendenzen und Nationalismen weltweit an Boden gewinnen, dabei von nichts mehr profitieren als Geschichtsvergessenheit. Dabei sind diese Grundsätze beileibe keine Lappalien, keine beiläufigen Errungenschaften, deren Selbstverständlichkeit wir uns bloß, weil wir es gewohnt sind, im Privileg ihrer Schirmherrschaft zu leben, noch lange nicht sicher sein können. Insofern ist es bedenklich, dass einer der größten revolutionären Kraftakte, der für uns alle diese Errungenschaften unter vielen Opfern erkämpft hat, momentan in einer derartigen medialen Marginalisierung vor sich hin darbt.

Erste Schritte

Seit der rapiden Entwicklung der Filmindustrie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben freilich zunächst verschiedene Filmemacher unterschiedlichster Länder die Französische Revolution thematisiert. Vielfach nahmen sie sich beliebte Theaterstücke oder Romane zur Vorlage, etwa Adolphe d’Ennerys und Eugène Cormons Les deux orphelines oder Charles John Huffam Dickens Eine Geschichte aus zwei Städten. Einer der ersten Filme war Jean Alexandre Louis Promios und Georges Alphonse Hatots 1897 für die Société Lumière entstandene Mort de Marat, visuell an Jacques-Louis Davids Gemälde Der Tod des Marat von 1793 angelehnt. Seit dieser Pionierleistung sind je nach Zählung gut 300 Spielfilme zustande gekommen, zusätzlich zu diversen Fernsehserien, Kurzfilmen oder Dokumentationen. Mehr als die Hälfte stammt wenig überraschend aus Frankreich. Daneben existiert eine große Zahl Produktionen aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Deutschland und Italien, hinzukommend der eine oder andere Beitrag aus Polen, Spanien, Japan und anderen Ländern. 1904 erschien mit dem Kurzfilm Marie-Antoinette der erste US-amerikanische Stummfilm zum Thema. 1910 bis 1919 gab es die meisten Veröffentlichungen von Revolutionsfilmen in den Staaten und noch bis in die 1950er-Jahre wurden fleißig weitere Werke produziert. Aus dieser Zeit stechen David Wark Griffiths moralisierendes Revolutionsdrama Zwei Waisen im Sturm von 1921, das schwülstige, opulente Kostümmelodrama Marie Antoinette von Woodbridge Strong Van Dyke II aus dem Jahre 1938, sowie Anthony Manns Historien-Film-noir Guillotine von 1949 hervor.

Hollywood verliert das Interesse

Seit den 1960er-Jahern ebbte das Interesse Hollywoods an der Französischen Revolution erheblich mit Tendenz zu null ab. 1970 und 1980 brachten jeweils eine Komödie mit Anknüpfpunkten hervor: Alan David „Bud“ Yorkins Die Französische Revolution fand nicht statt mit Gene Wilder und Donald McNicol Sutherland; außerdem Mel Brooks Historienschinkenparodie Mel Brooks‘ verrückte Geschichte der Welt, worin die Revolution in lediglich einer Episode eine Rolle spielt. 1995 inszenierte James Francis Ivory mit überschaubarem Budget Jefferson in Paris. 2006 drehte Sofia Carmina Coppola Marie Antoinette mit Kirsten Caroline Dunst in der Hauptrolle, welcher aus der Erzherzogin und Königin ein It-Girl, ja, regelrecht eine Pop-Ikone machte – und dafür sattsam Schelte einstecken musste. Später entstandene Filme wie Stephen Williams Chevalier von 2022 und Ridley Scotts Napoleon von 2023 streiften die revolutionären Stationen ihrer Protagonisten nur noch am Rande, verliehen ihnen darüber hinaus hingegen kaum Substanz. Gerade den US-amerikanischen Produktionen ist eine ausgeprägte dichterische Freiheit im Sinne filmischer Konstruiertheit zu eigen. Ein Film wie Marie Antoinette von 1938 stellt sich in erster Linie als publikumstaugliche Melodramunterhaltung heraus, der mehr an prächtigen Kostümen, denn an Historizität gelegen ist. Zwei Waisen im Sturm wiederum opfert, trotz einiger beeindruckender Massenszenen und beachtlichem Willen zu Authentizität, wie bei Griffith üblich Glaubwürdigkeit packender Dramaturgie und mitreißender Montage. Nirgends wird dies deutlicher als in der Szene, wenn Georges Jacques Danton, der „Abraham Lincoln Frankreichs“, auf einem weißen Ross in einer dramatischen Parallelmontage herangeprescht kommt, um die blinde Protagonistin um Haaresbreite vor der Guillotine zu bewahren. Zu guter Letzt gewinnt sie gemeinsam mit ihrer Schwester die Gunst des Volkes und sogar ihr Augenlicht zurück. Ein Happy End auf dem Schafott. Typisch Hollywood bleibt zu sagen.

Jakobiner-Komplex und Guillotine-Fetisch

Unübersehbar ist, dass sich insbesondere die US-amerikanischen Filmproduzenten mit Vorliebe auf die Vorstellung der „schwarzen Jakobiner“ und Bilder des Fallbeils stützten. Politische und soziale Bedingungen und Vorentwicklung waren von untergeordnetem Rang, komplexe Sachverhalte wurden runtergekürzt und frappante Schwarz-Weiß-Malerei betrieben. Mit Vorliebe wurde der rasende Mob gezeigt oder auf die autoritären Züge eines Maximilien de Robespierre verwiesen, dessen Intrigen und Machenschaften in Anthony Manns Guillotine zur unmissverständlichen Sowjetparabel umgedeutet wurden. Obwohl zwischen der Amerikanischen und der Französischen Revolution oft eine schwer zu verleugnende Verwandtschaft und Wechselwirksamkeit gesehen wird, sogar von Schwesterrepubliken die Rede ist, scheint in Hollywood die Meinung geherrscht zu haben, das französische Pendant müsse als gescheitert oder allerwenigstens in der späteren Phase fehlgeleitet hinzustellen sein, um die Großartigkeit der eigenen Revolution indirekt herauskehren zu können – ungeachtet dessen, ob diese wahrgenommene Überlegenheit einer historischen Betrachtung standhalten würde, wird die Französische Revolution filmisch in den Dienst der US-amerikanischen Meistererzählung gestellt. Insofern verwundert es nicht, dass es stets die betont in den Vordergrund gestellte, assoziativ stark aufgeladene Gestalt der Guillotine ist, die im US-amerikanischen Revolutionsfilm am häufigsten zu sehen ist. Sie wird nachgerade ostentativ nach vorne gedrängt und dem Zuschauer wenig subtil immerzu aufgezwungen. Nicht selten eröffnet eine Einstellung der niedersausenden Klinge einen Film und beschließt ihn zugleich. Ein übermächtiges und ominöses Symbol des Terrors, gleichermaßen abschreckend wie sensationslüstern.

Zurück zum Ursprung: Das französische Revolutionskino

Das französische Kino bedient schon allein bedingt durch die enorm hohe Anzahl an Produktionen ein weitaus weiträumigeres Spektrum an revolutionären Themen, das sich um Längen nicht auf Szenerien der Schreckensherrschaft der Jakobiner und Zurschaustellung blutiger Guillotine-Bilder reduzieren lässt. Mancher Filmemacher verzichtete womöglich zur Gänze auf Schafott-Obsessionen zugunsten von differenzierten politischen oder gesellschaftlichen Anliegen, die geschichtliche Komplexitäten mal mehr und mal weniger nuanciert berücksichtigten. Dass hierbei die französische Meistererzählung, etwa wie aus den revolutionären Tumulten ein geeintes und zentralisiertes gestärktes Frankreich hervorging, wirksameren Widerhall erzeugte, ist logische Konsequenz – natürlich stets gemessen am Kontext von Entstehungszeit und Filmemacher. Je nach Schwerpunktsetzung konnte sich ebenso eine konservative oder kritische Lesung der autoritären Züge der Revolution offenbaren. Aussagekräftige Beispiele französischen Schaffens herauszupicken fällt demgemäß nicht leicht, dafür ist das Feld zu weitläufig, die Vielfalt zu breit aufgestellt. Obgleich die Revolution im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten von Amerika französische Filmschaffende über einen längeren Zeitabschnitt beschäftigt hat, tatsächlich im Grunde heute noch beschäftigt, hat selbst in ihrem Heimatland die Dichte nachgelassen und sich eine verstärkte Wahrnehmung der Rolle Louis XVI. oder Marie Antoinettes in das revolutionäre Geschehen eingeschlichen.

Das erste Meisterwerk und die Marseillaise

Abel Gances epochale Napoleon-Biografie von 1927 war als erster von sechs Filmen über den legendären Korsen gedacht, realisieren vermochte der Regisseur schlussendlich bloß das erste Kapitel dieses monumentalen Vorhabens. Bereits für die Schilderung von Bonapartes frühen Jahren während der französischen Revolution veranschlagte Gance sage und schreibe fünf Stunden. Nichtsdestoweniger zählt sein Napoleon zu den großen innovativen wegweisenden Meisterwerken der Filmgeschichte. 1938 schuf Jean Renoir mit La Marseillaise ein episodisches wie erzählerisch breit angelegtes Panorama von Politik, Gesellschaft und Militär. Obwohl er sich des Öfteren in die feinen Salons von Adel und Oberschicht begibt, folgt Renoir in erster Linie drei aus Marseille stammenden Charakteren unterschiedlicher gesellschaftlicher Herkunft. Anhand ihres Schicksals werden die Ereignisse zwischen 1789 bis 1792 nachgezeichnet: Angefangen bei der Eroberung des Marseiller Fort Saint-Jean, über die Geburtsstunde der Marseillaise als Fanal der Revolution, bis hin zum blutigen Tuileriensturm am 10. August 1792 erstreckt sich ihr Werdegang. Weder Guillotine, noch Jakobinerherrschaft, nicht einmal die sich knapp einen Monat nach Ende der Filmhandlung ereignenden Septembermassaker finden hierin die kleinste den Chanson de geste trübende Erwähnung. Im Gegenteil herrscht die meiste Zeit beinahe ausgelassen-fröhliche Aufbruchsstimmung. Erst gen Ende schlägt Renoir dramatischere Töne an und mündet nichtsdestoweniger im heldenhaften Siegesmarsch seiner Recken. In einer Zeit geschaffen, in der sich Frankreich unvermeidlich auf dem Weg in den Krieg mit Deutschland befand, ist der flagrante Hang zu Patriotismus und ausgestelltem Nationalstolz unübersehbar oder viel mehr unüberhörbar: Die Marseillaise wird dem Titel gemäß zu jedem Anlass von großen Menschenmassen in leidenschaftlich-patriotischer Innbrunst avec ferveur geschmettert. Daneben indes ebenso die vorherrschende Meistererzählung des revolutionären Akts als den einer nationalen Wiedergeburt bedient, der Überwindung von regionalen und politischen Differenzen, nicht zuletzt dem allgemeingültigen Geist der Ziele und Prinzipien der Revolution und der Verbrüderung.

Ein anderer Blickwinkel

1947 beleuchtete Henrif Calef in seinem auf Honoré de Balzacs basierenden Melodrama Les Chouans die andere Seite, nämlich die der Chouannerie, königstreuer Katholiken aus der Bretagne, die von 1792 bis circa 1804 der Jakobinerregierung bewaffneten Widerstand leisteten. So kurz nach Kriegsende muss es Calef naheliegend erschienen sein, überdeutlich Parallelen zwischen den Chouans und der Résistance zu ziehen, um dem Widerstand gegen autoritäre Macht wie das Vichy-Regime, ein Denkmal zu setzen – ungeachtet dessen, dass die Chouans ideologisch anders gelagert waren. Wie sehr sich Bearbeitungsweisen solcher Sujets unterscheiden können, zeigt Philippe Claude Alex de Broca de Ferrussacs 1988 veröffentlichte Neuverfilmung. Wie der Titel Chouans! – Revolution und Leidenschaft bereits andeutet, handelt es sich bei de Broca im Gegensatz zu Calef um einen unterhaltsamem Abenteuerfilm, in seiner Darstellung romantisch, bildgewaltig, mit den Chouans in der Rolle der edlen Rebellen, die fast wie Robin-Hood-artige Figuren wirken. Noch in den 1950er-Jahren hatte Alexandre-Pierre Georges „Sacha“ Guitry mit seiner Tableaux-Trilogie Wenn Versailles erzählen könnte von 1954, Napoleon von 1955 und Si Paris nous était conté von 1956 einen Streifzug durch die französische Geschichte begangen, der zwangsläufig einige Episoden der Revolutionen beinhaltete. Allgemein waren in den 1950er- und 1960er-Jahren französisch-italienische Koproduktionen marktführend auf dem Feld der Revolutionsfilme, bei denen sich indessen vielfach ein Hang zu Mantel-und-Degen-Kintopp bemerkbar machte und deren Augenmerk auf Abenteuer und Action, nicht auf ideologischen oder sozialen Dimensionen der Revolution ruhte.

Zeit des Umbruchs

Die 1980er-Jahre bedeuteten für Frankreich eine Zeit des Umbruchs: François Mitterrand wurde 1981 der erste sozialistische Präsident seit Jahrzehnten, während kulturell eine Neuentdeckung der „großen französischen Geschichte“ einsetzte. Damit ist keine ideologisch geprägte Ausrichtung gemäß der 1950er-Jahre gemeint, sondern so etwas wie ein postmoderner Bilderkosmos, der sich oftmals als ambivalent oder nostalgisch aufgeladen erwies. In diesem Kontext erfuhr die Revolution eine Umdeutung weg vom Bild des progressiven, heroischen Ideals, hin zu einem emotional und psychologisch aufgeladenen Trauma – oder alternativ zu einer romantisierten Kulisse. Klassische Monarchisten und Royalisten war selten die Heldenrolle vergönnt. Dafür häuften sich diejenigen Figuren, die für eine verlorene Ordnung, eine persönliche Bindung zur Welt kämpften. Es wurden Kostümfilme mit Blockbuster-Anspruch herausgebracht. Dennoch war Ambivalenz statt Parteinahme vorherrschend und der französische Filmemacher darum bedacht, beide Seiten zu zeigen, wobei sich Liebesgeschichten als Brücke zwischen den Lagern anboten. Die Geschichten bewegten sich im Bereich der Pole Gewalt, Verlust und der Suche nach Identität, in ihrer Gestaltung zwischen ambiguer oder tragischer Couleur, waren selten jedoch explizit politisch. Eine Ausnahme stellte Andrzej Wajdas Danton von 1983 dar, der, basierend auf dem Theaterstück von Stanisława Przybyszewska, hochpolitisiert daherkam und Wajdas Erfahrungen mit der Solidarność-Bewegung und der Ausrufung des Kriegsrechts 1981 in Polen widerspiegelte.

Menschlicher Makel: Marie Antoinettes und ein monumentaler Versuch

Andere Beispiele sind Ettore Scolas Flucht nach Varennes von 1982, wo mehrere historische Persönlichkeit in den misslungenen Fluchtversuch des Königs im Juni 1791 involviert sind; oder Pierre Granier-Deferres Die Letzten drei Tage der Marie Antoinette von 1989, der von den letzten Tagen der Königin in Gefangenschaft erzählt, kurz bevor sie die unweigerliche Hinrichtung erwartet. Ute Gertrud Lemper obliegt es hierin, dem Publikum die menschliche Seite Marie Antoinettes in ihren letzten drei Tagen auf Erden näherzubringen. 1989 war darüber hinaus ein überaus symbolträchtiges Jahr, da nun die Zweihundertjahrfeier der Revolution anstand. Dies veranlasste Frankreich, Italien, Deutschland, Kanada und Großbritannien dazu, sich in einer multinationalen Großunternehmung an eine filmischen Würdigung der Revolution zu wagen. Unter enormen finanziellem und logistischem Aufwand – es war mit 50 Millionen US-Dollar das bis dato teuerste europäische Filmprojekt – entstand Die Französische Revolution. Dieses mehrteilige monumentale Historiendrama mit namhafter internationaler Besetzung bis in die kleinsten Nebenrollen hatte es sich auf die Fahne geschrieben, bei größtmöglicher historischer Präzision und Geschichtstreue die ersten fünf Jahre der Revolution von 1789 bis 1794 dramaturgisch aufzuarbeiten. Über zwei Teile, Jahre der Hoffnung und Jahre des Zorns mit insgesamt sechs Stunden Laufzeit, erstreckt sich diese minutiöse Nachstellung der wichtigsten Ereignisse: Angefangen bei der Einberufung der Generalstände, über den Ballhausschwur, den Sturm auf die Bastille, die Erklärung der Menschenrechte, den Marsch der Pariser Frauen, die Flucht nach Varennes, das Massaker auf dem Marsfeld, den Tuileriensturm, die Ausrufung der Ersten Französischen Republik, das Septembermassaker, die Exekutionen des Königs und seiner Frau, den Aufstand der Vendée, die Terrorherrschaft, endend mit Robespierres Sturz und im Thermidorianer-Putsch. Es ist bis zum heutigen Tage der längste und umfassendste Spielfilm, der sich mit der Revolutionszeit beschäftigt, dabei historisch in der Tat so akkurat bleibt, wie es seinerzeit möglich war.

Knappheit und Liebe

In den 1990er-Jahren nahm selbst in Frankreich die Zahl der Produktionen drastisch ab, die sich mit der Revolution beschäftigten. 2000 inszenierte Benoît Jacquot Sade – Folge deiner Lust! über den berüchtigten Marquis, hier gespielt von Daniel Auteuil, der 1794 eine Haftstrafe absitzt. 2001 ließ sich Éric Rohmer dazu hinreißen mit Die Lady und der Herzog einen Film über die Revolution zu Wege zu bringen, der seinem konservativem, deutlich revolutionskritischem Gestus entsprach. Knapp zehn Jahre später war es erneut Jacquot, der mit Leb wohl, meine Königin! 2012 ein Drama präsentierte, das, basierend auf dem Buch von Chantal Thomas, über die fiktive Dienstmagd Sidonie Laborde und deren amourösen Gefühle für Marie Antoinette sinniert. In den beengten Räumlichkeiten Versailles angesiedelt, spielt sich das Geschehen überwiegend weit entfernt von revolutionären Brennpunkten ab, vermittelt Angst und Sorge der Oberschicht vor einer beinahe abstrakt gehaltenen Bedrohung. Die angenehm zurückgenommene wie intime Erzählperspektive lebt vor allem durch das Schauspiel Lea Seydouxs als Sidonie und ist eins der Brückenbeispiele, wo in der Liebe nach einer Möglichkeit der Überwindung von Kluften gesucht wird. Demgegenüber stellt sich Pierre Schoellers Ein Volk und sein König von 2018 breiter auf in dem Bemühen, einerseits die Perspektive des Volkes – repräsentiert durch die Familie Françoise Candoles – gegenüber der des Königs, andererseits die politischen Entwicklungen um Robespierre, Marat, Danton unter einen Hut zu bekommen. Mit 121 Minuten Laufzeit gelingt es ihm bestenfalls bedingt, alles zusammen mit den wichtigsten Stationen bis zur Enthauptung des Königs unter einen Hut zu bekommen. Vieles bleibt auf der Strecke, anderes kann bestenfalls angeschnitten werden, zumal die Charaktere gleichsam unter der schwachen wie zu knapp gefassten Darstellung blass bleiben müssen.

Rechter Geschichtsrevisionismus überschattet die Revolution

2023 erregte Freiheit oder Tod der Regisseure Paul Mignot und Vincent Mottez über François-Athanase de Charette de la Contrie, einen adligen Anführer des Aufstands in der Vendée, ein weitreichendes mediales Echo und rief Empörung in Frankreich hervor. Bereits die Finanzierung durch die Stiftung Puy du Fou, einem historischen Freizeitpark mit royalistisch-katholischer Grundausrichtung, zog negative Aufmerksamkeit auf sich. Nach seiner Veröffentlichung fühlten sich die Kritiker in ihren Befürchtungen bestätigt: Der Film wurde als bedenklich geschichtsrevisionistisches Werk wahrgenommen, das gezielt die Revolution dämonisiert und die royalistischen Rebellen glorifiziert. In einseitiger und ideologisch geprägter Schwarz-Weiß-Malerei wird die jakobinische Republik als blutrünstiger, repressiver und atheistischer Terrorapparat, die Vendéer hingegen als edle und christliche Freiheitskämpfer dargestellt. Während das rechte Spektrum ihn als notwendige Gegenerzählung zur „linken Revolutionsverklärung“ lobte, kritisierten Linke und Historiker scharf die ideologisch gefährliche Legendenbildung, die der Film betreibt und warnten vor einer Mythisierung der Vendée, die den historischen Kontext verzerrt. Für weniger Aufregung sorgte immerhin Gianluca Jodices Le Déluge von 2024, der, vergleichbar zu Die Letzten drei Tage der Marie Antoinette, ein intimes Portrait von Ludwig XVI. und Marie Antoinette in Gefangenschaft Monate vor ihrer Hinrichtung zeichnet. Der Film konzentriert sich auf die psychologische und emotionale Entwicklung der Hauptfiguren und endet mit einem symbolischen Bild von Marie Antoinette auf dem Weg zur Guillotine.

Blick über den Tellerrand: Andere Länder, andere SittenNatürlich kann diese Übersicht nur einen Bruchteil der Filme vorführen, die sich des Themas der Französischen Revolution angenommen haben. Kurzfilme, Dokumentationen und Fernsehserien, sowie solcherlei Geschichten, welche die Revolution womöglich nur am Rande streifen, mussten hierbei ebenso außen vorgelassen werden, wie die Vielzahl der Produktionen aus weiteren Ländern neben Frankreich und den Vereinigten Staaten von Amerika. Deutschland hat sich beispielsweise hin und wieder an Filmen über Danton versucht; in Großbritannien waren zeitweise Mantel-und-Degen-Abenteuer über den „roten Pimpernel“ und Scaramouche beliebt. Auch die eine oder andere Marquis-de-Sade-Verfilmung musste unerwähnt bleiben und vieles weiteres unter den Tisch fallen. Ebenso sind Fantasy-Filme wie Highlander III – Die Legende, Pakt der Wölfe oder Die Besucher – Sturm auf die Bastille mit der Revolution verknüpft. Selbst Japan hat mit Lady Oscar: Die Rose von Versailles einen in späteren Bänden inhaltlich auf die Revolutionszeit zusteuernden Manga und darauf basierenden Anime hervorgebracht. Dieser wurde wiederum 1978 mit Lady Oscar in Koproduktion mit Frankreich als Live-Action-Adaption umgesetzt. Auch die Netflix-Animationsserie Castlevania: Nocturne, der Nachfolger zur Erfolgreichen Mutterserie Castlevania, ist 1792 während der Revolution angesiedelt.

Ein Plädoyer wider Geschichtsvergessenheit

Vielleicht erscheint es so, als habe ich sodann meine These von der mangelhaften medialen Repräsentation selbst widerlegt. Die Französische Revolution ist in vielerlei Gestalt und Form adaptiert, verarbeitet und thematisiert worden. Mal mit mehr und mal mit weniger durchgreifendem Erfolg. Sogar in der Welt der Videospiele ist die Revolution angelangt, etwa 2014 in Assassin’s Creed: Unity. Eine Erkenntnis, die sich zumindest für mich ergeben hat, ist, dass es über alle Maße schwierig ist, die Revolution als Phänomen in seiner Gesamtheit mit all seinen politischen, gesellschaftlichen, religiösen, biografischen Aspekten, all den lang-, mittel- und kurzfristigen Folgen, Auswirkungen und Konsequenzen für Frankreich, Europa und die Welt in ein prägnantes filmisches Korsett zu zwängen. Das muss zwangsläufig aus allen Nähten platzen. Selbst der nach wie vor umfangreichste, ambitionierte Versuch die Französische Revolution von 1989 ist dermaßen dicht und kompakt überfüllt mit Informationen, Ereignissen, Personen und Schauplätzen, dass jemand leicht damit überfordert sein kann – und das bei sechs Stunden Laufzeit. Trotz alledem bin ich nach wie vor der Überzeugung, dass wieder mehr Beschäftigung mit den Umständen und Entwicklungen, nicht zuletzt den Folgen der Revolutionen uns allen gut täte – medial und andernorts. Zumal rechte Kreise bereits begonnen haben, selbst dieses Thema für sich zu vereinnahmen und dessen Errungenschaft zu attackieren. Darum mein Plädoyer: Es ist wichtig, sich mit der Revolution und anderen Kämpfen um Demokratie und Freiheit zu beschäftigen. Heute mehr denn je.

Geschrieben von Jan Bantel

Special: In memoriam David Lynch

Mit David Keith Lynch geht einer der faszinierendsten Künstler der Populärkultur von uns. Dieser Nachruf soll seiner schillernden Persönlichkeit, seiner umfassenden künstlerischen Betätigung in Film, Fernsehen und unzähligen weiteren Bereichen, vor allem jedoch seinem ausgeprägten Charakter und Eigensinn gedenken.

Ein Finger betätigt den matten weißen Knopf, körperlos verkündet die Stimme des Universums in nüchternen Erkenntnis: David Lynch ist tot. Ich weiß nicht, ob ich ein geeigneter Kandidat bin, um einen Nachruf auf diesen Ausnahmemenschen zu schreiben. Zum einen war ich nie der glühende Verehrer wie manch anderer, obwohl ich mich gerne von seinen Mysterien habe mitreißen lassen. Zum anderen drängt sich mir im Grunde meines Herzens der Verdacht auf, dass man ihm und seinem Werk aufgrund des stark ausgeprägten audiovisuellen Charakters kaum in Wort und Schrift gerecht werden kann. David Lynch war ein Universalkünstler, ein multimedialer Polymath, eigensinnig, kapriziös und unbedingt idiosynkratisch. Von Videokunst, Malerei, Fotografie, Musik, über Spiel- und Dokumentarfilm, Fernsehen, Werbeclips, Comicstrips bis hin zu Büchern, YouTube-Flausen und sogar Möbeldesign wandelte er auf unzähligen wie weitverzweigten und sich unablässig kreuzenden Pfaden, die er womöglich auf unnachahmliche Weise noch viel mehr vereinnahmte als sie ihn. Nicht selten stieß er damit auf Widerstand oder allerwenigstens Unverständnis, denn eines ist klar: Lynch war weder leichtverdaulich noch publikumsfreundlich oder gar kommerziell. Nichtsdestotrotz umschwirrt das Wort Kult sein Schaffen wie ein Trabant, am meisten seine Filme, derweil seine Studiokunst vor allem im späteren Verlauf seiner Karriere sein Publikum zu begeistern wusste.

Kafkaesk, fellinesk, lynchian

Ein Indiz für seinen kulturellen und populärkulturellen Stellenwert stellt dar, dass sein Name zu einer eigenen Gattungsbezeichnung geworden ist: So wie es kafkaesk oder fellinesk gibt, ist „Lynchian“ zu einem eigenen bedeutungsvollen, assoziativ aufgeladenem Begriff geworden, der es unter anderem in das Oxford English Dictionary geschafft hat – wobei keineswegs klar umrissen ist, wie der Begriff zu definieren ist oder was genau er umfasst; abgesehen davon, dass sich das Beschriebene Charakteristiken der Filme oder Fernsehproduktionen Lynchs teilt oder imitiert. Insofern hat er sich eine gewisse Uneindeutigkeit, eine terminologische Unschärfe und Offenheit für Interpretation und persönliche Erfahrung offengehalten – ganz wie die Filme und Kunstwerke seines Namensvetters weniger Luzidität als Fluidität aufweisen. Lynchs Werke sind bildhafte Installationen und Soundscapes, die sich über verschiedene Ebenen erstrecken. Sie sind in mehreren Schichten aufgebaut und miteinander vernetzt, wo die Tonlandschaft das Visuelle, der Ton das Wort und das Gesagte das Gezeigte reziprok durchwirkt. Nicht von ungefähr sind etwa seine Filme sedimentär aufgebaut: Sie sind an der Oberfläche in einer beinahe banalen Alltagswelt angesiedelt, darunter jedoch durchzogen von einem Netzwerk aus verborgene Kammern. Es sind abgeschlossenen, von der Außenwelt abgeriegelten Orte, sinistre Logen, Treffpunkte für geheime Zusammenkünfte und Kabale, fast immer Schauplatz von etwas Abgründigem oder Bedrohlichem, das unter der braven wie heilen Welt brodelt und lauert.

Traumhaft, alptraumhaft, surreal

Die Stimmung in Lynchs Welten oszillierte immerfort zwischen der wohlgeordneten Oberwelt und dem Surrealen, Traumhaften oder vielmehr Alptraumhaften, dem irrationalen Gegenpol de profundis zu unseren fassadenhaften Oberwelt. Er brach mit den Regeln eines herkömmlichen Raum-Zeit-Kontinuums, ging an die Substanz des Unterbewussten und der Tiefenpsychologie. Eine geradlinige Erzählung schien in den meisten Fällen undenkbar, oft genug überlappten sich zeitliche Ebenen vielfältig, waren Räume wie der Realität enthoben nur über metaphysische Umwege oder auf Traumpfaden erreichbar. Das Telefon wurde zum bizarren Sprachohr, über das asomatische Stimmen unmögliche Distanzen überwanden und entrückte Orte erreichten, um kryptische, gravierende Botschaften weiterzugeben. In Finsternis getauchte schnurgerade Straßen verloren sich kurvenlos, ohne Abzweigung und ohne Ausfahrt in einer Negativwelt ins Nirgendwo. Figuren und separierte Aspekte ihres Charakters, insbesondere die düstersten und unheimlichsten aus den Abgründen des Ichs, manifestierten sich in Zerrbildern und Zerrspiegeln; ein Alter Ego, dass uns direkt gegenüberstand und die finstersten Begierden und Obsessionen mit sich an die Oberfläche trug. Lynchs Spiel mit der Realität, mit Zeit und Raum, dem Verborgenen und Unterbewussten, dem Oberflächlichen und den Untiefen bot selten einen sicheren rationalen Anker. Sobald sich jemand auf sicherem Terrain glaubte, ließ er das hauchdünne Eis unter den Füßen brechen. Unversehens landete er im roten Raum oder der schwarzen Loge.

Das filmische Alter Ego

Vieles davon schien den Empfindungen und dem Kopf Lynchs direkt entsprungen zu sein, gleich der Offenlegung eines kryptischen Inneren, einem verklausulierten Seelenstriptease oder einem „coming to terms“ mit den eigenen Dämonen. Gleich in seinem ersten Spielfilm Eraserhead schien Lynch so zum Beispiel seine Erfahrungen eines jungen gestressten Vaters in der prekären Umgebung des von Armut und Verbrechen geplagten Fairmount, einem Stadtteil der US-amerikanischen Metropole Philadelphia, zu verarbeiten. Viele seiner Protagonisten traten in Gestalt filmischer Alter Egos seiner selbst auf, wozu unter anderem Jack Nance, William James „Bill“ Pullman und vor allem natürlich Kyle Merritt MacLachlan zählen. Immerzu waren sie Akteure in einem thematisch abgesteckten künstlerischen Rahmen, an dem sich in erster Linie Lynch als sein Schöpfer selbst verwirklichte. Wo Lynch draufstand, war auch immer Lynch drin, bis zur letzten Konsequenz. Eine Konsequenz, die er sich freilich zunächst schmerzlich erarbeiten musste, nachdem ihm seine erstes Großprojekt, die Kinoadaption von Frank Patrick Herberts Dune 1984 vor Augen geführt hatte, was es bedeutet, im Studiosystem zu arbeiten – und wie wenig Raum es einem Filmschaffenden für Individualismus lässt. Danach war er für Kompromisse nicht mehr zu haben: Wenn er nicht seine ureigensten Vorstellungen realisieren durfte, war es das Projekt nicht wert begonnen zu werden. Punkt.

Erste Erfolge, erste Niederlagen

Letzteres mag genau der Grund sein, weshalb er zwischen 1977 und 2006 insgesamt bloß zehn Filme drehte, sich ansonsten in die Welt der Kunst und des Kurzfilms zurückzog, wo er seine künstlerische Freiheit weitaus ungezügelter ausleben konnte. Sein Erstlingswerk Eraserhead sorgte 1977 für Furore, die bizarren Bilder einer industriellen Alptraumkulisse, das dichte Sounddesign, sowie die abstrakte solipsistische nach Außenkehrung wiesen frühzeitig wesentliche Charakterzüge seiner eigenen Art des Filmemachens auf und haben bis heute nichts von ihrer verstörenden und hermetischen Sogkraft verloren. Während der Vorproduktion von Eraserhead litt Lynch unter enormer Anspannung, für die er schließlich in der transzendentalen Meditation des Maharishi Mahesh Yogi ein Ventil fand und für die er Zeit seines Lebens einer der größten Fürsprecher war. Sein zweiter Film Der Elefantenmensch startete 1981 sogar als großer Oscar-Favorit unter anderem für die beste Regie ins Rennen, ging letzten Endes jedoch leer aus. Nach der daran anschließenden bitteren Erfahrung mit Dune widmete sich Lynch schließlich dem Zyklus seiner ureigenen Filmkunstwerke, die er mit einem Maximum an künstlerischem Einfluss und persönlichem Stilwillen realisierte. Kompromisslos „lynchian“ trugen sie fortan ausnahmslos seine unverkennbare Handschrift und waren erfüllt vom Charakter des Regisseurs und Kunstschaffenden.

Film Noir, Hommage und verdammt guter Kaffee

1986 entstand Blue Velvet, der das Paradigma des Lynch’schen Filmkosmos bereits prononciert ausstellt. MacLachlan spielte als archetypischer Lynch’scher Protagonist die Hauptrolle in einem modernen Film Noir, in dem sich triste Interieurs und ein schillerndes Nachtclubleben abwechselten. Letzteres nahm vorweg, welche hervorstechende Rolle Musik, varietéartige Bühnenauftritte und Show-Vorhänge im Verlauf seiner Filmkarriere einnehmen sollten. Isabella Fiorella Elettra Giovanna Rossellini ist darüber hinaus das erste Exemplar der Lynch’schen Femme fatale. Sie diente als Schablone für die komplexen Frauenfiguren, die von nun an in seinen Filmen immer größere Rollen spielten, bis sie und ihre Schicksale in Twin Peaks – Der Film, Mulholland Drive und Inland Empire zum wahren Kern reiften. 1990 gewann Lynch mit Wild at Heart, einer wilden Der-Zauberer-von-Oz-Hommage mit Nicolas Cage und Laura Elizabeth Dern in den Hauptrollen, die Goldene Palme der Internationalen Filmfestspiele von Cannes in einer nicht unumstrittenen Entscheidung. Nur zwei Jahre später erfuhr Twin Peaks – Der Film am selben Ort breitseitige Ablehnung und wurde bei seiner Erstaufführung ausgebuht. Mit der Mutterserie Twin Peaks konnte Lynch hingegen zwischen 1990 und 1991 beim TV-Sender ABC große Erfolge feiern: Das Mysterium um den Mord an Laura Palmer lockte die Zuschauer reihenweise vor den Bildschirm, obwohl Lynch beim besten Willen nicht mit seinen grillenhaftend Kaprizen geizte. Bis heute zählt Twin Peaks zu seinen kommerziell erfolgreichsten Unternehmungen, wovon ein Berg von Auszeichnungen und eine treue Fangemeinde zeugt, die unvermindert leidenschaftlich über die vielen liebgewonnenen skurrilen Charaktere und die ungeklärten Geheimnisse des Orts diskutieren.

Meisterwerke des surrealen Thrillers

1997 und 2001 legte Lynch mit zwei Filmen nach, die seinen Status als Meister des surrealen Thrillers zementierten: Lost Highway und Mulholland Drive. Beide zählen zu seinen verworrensten, rätselhaftesten wie schwer verständlichsten Produktionen, die in mannigfacher Weise interpretiert und rezipiert wurden. In Kreisen von Filmliebhabern gelten sie mitunter als das Nonplusultra des sogenannten Mindfuck-Films, der einen sprach-, orientierungs- und verständnislos zurücklässt. Lost Highway erzählt die verschachtelte Geschichte einer zerstörerischen Begierde mit Anleihen am klassischen Film Noir, angereichert um Ideen von Seelenwanderung, Dopplungen à la Vertigo, mysteriösen Gestalten und unterlegt mit Musik von David Bowie und Rammstein. Mulholland Drive wiederum untermauerte Lynchs Status als Frauenregisseur, wenn er in seiner Abrechnung mit Hollywood à la Billy Wilders Boulevard der Dämmerung Naomi Ellen Watts an ihren Träumen einer aufstrebenden Jungschauspielerin zerbrechen ließ – neben anderen hintergründigen Storysträngen, die von Schockerlebnissen bis zum schwarzen Humor reichten und wesentlich mehr Fragen aufwarfen als beantworteten. Zu Beginn als ein weiteres Fernsehserienprojekt für ABC geplant, scheiterte Mulholland Drive hingegen an den Erwartungen der Produzenten an ein zweites Twin Peaks und wäre mithin in der Produktionshölle untergegangen, wäre Canal Plus nicht in die Bresche gesprungen, um die Pilotfolge als Kinofilm doch noch zu realisieren.

Ein Tausendsassa

Zwischen diesen beiden berüchtigten Meisterwerken des abgründigen, surrealistischen Thrillers lieferte Lynch 1999 mit Eine wahre Geschichte – The Straight Story seinen vielleicht zugänglichsten Film. Es handelt sich hierbei um einen gemächlichen, nahezu meditativen Roadmovie basierend auf der wahren Geschichte des Rentners Alvin Boone Straight. 2006 beschloss Inland Empire seine Kinokarriere, ein Drama, das stilistisch wieder näher an Lost Highway und Mulholland Drive heranrückte. Lynch wandte sich hiermit unter dem Kommentar, Film sei wie ein Dinosaurier in einer Teergrube, endgültig vom Zelluloidfilm ab: Von nun an sollte er nur noch Kurzfilme auf Digitalfilm drehen, die ihrerseits nicht weniger verquer ausfielen, sondern im Gegenteil das Surreale, das Merkwürdige und das Groteske noch intensiver umarmten. Neben Film und Fernsehen zeichnete Lynch außerdem von 1983 bis 1992 den Comicstrip The Angriest Dog in the World über einen vor Wut in regelrechter Katatonie erstarrten Hund, hielt viele groß angelegte Vernissagen ab (in einem Bild verarbeitete er die Kadaver echter Tiere) und veröffentlichte mehrere Musikalben solo oder in Kollaborationen. Außerdem absolvierte er einen Gastauftritt in Louis C. K.s Anti-Sitcom Louie, drehte Werbespots wie die absonderliche PlayStation-2-Werbung Welcome to the Third Place, tourte mit einer fotografische Wanderausstellung, die schattenhaft verzerrte Aktaufnahmen von Frauen in fetischisierten roten Lack-Stilettos aus dem Hause Christian Louboutins zeigte und gestaltete einen Nachtclub in Paris mit dem Namen Silencio, benannt nach der berühmte Szene aus Mulholland Drive. Und, und, und vieles mehr.

Was uns bleibt

All dies zeigt: David Lynch war ein Ausnahmekünstler, ein Tausendsassa, ein Eigenbrötler und so ausdrucksstark eigensinnig und charakteristisch wie kaum ein Zweiter. Was ich hier von ihm geschrieben habe, kratzt höchsten an den Ausläufern des Gebirges, den sein Œuvre bildet. Es ist ein bestenfalls oberflächlicher Eindruck eines außergewöhnlichen, exzentrischen, bestimmt nicht immer leicht verträglichen Mannes, der neben seinen Werken, die auf ihre eigentümliche Art und Weise für sich sprechen, mit urigen Kommentaren, Sentenzen und Aphorismen von sich reden machte. „Lynchian“ ist eine eigene Kategorie künstlerischen und ästhetischen Schaffens geworden, ein Etikett, ein Markenzeichen, eine eigene Stilbezeichnung, ein Label und nicht zuletzt ein Way of Life. David Lynch wurde verehrt, ästimiert, nachgeahmt, gleichermaßen geschätzt und gefürchtet. Die Abgründe, in die er uns stürzte und an denen wir teilhaben durften, erregten, verstörten und verunsicherten uns. Was sie aber über allen anderen Dingen taten war, dass sie uns hypnotisch anzogen, faszinierten, intellektuell und seelisch fesselten und beschäftigten. Mit ihm verliert unsere Welt einen großartigen Universalkünstler, der sich auch im Angesicht einer wachsenden Kommerzialisierung seinen Charakter, seine Eigenheiten, seine Integrität bewahrt hatte und der uns etwas unschätzbar Kostbares hinterlässt: Den Eigensinn der Kunst und des Künstlers. Silencio!

Geschrieben von Jan Bantel

Special: Anfänge und Grundlagen des Horrorfilms

Anfänge und Grundlagen des Horrofilms 01

Horror im Film ist, ungeachtet der Dominanz von Motiven und Themen der angloamerikanischen Welt, vielfältig, reich, weitverzweigt und eigentlich unüberschaubar. Er packt uns bei den Wurzeln unserer Angst und zerrt uns an den Haaren hinter sich her.

Anfänge und Grundlagen des Horrorfilms 13

Dunkle Halbwesen, die in den Schatten lauern, unerwartet aus ihnen hervorschnellen und gnadenlos zubeißen. Geister der Vergangenheit, die Mensch und Haus heimsuchen. Ein Monster liegt auf der Pirsch. Rachsüchtige Tierwesen, die aus dem Ungleichgewicht der Natur verheerend über die Zivilisation herfallen. Verstörte Individuen, die ihren ahnungslosen Opfern nachstellen und sie auf das Grausamste massakrieren. Wahnsinnige, die ihren entführten Opfern Unaussprechliches (und vielleicht gerade deswegen nur Zeigbares) zufügen. Es liegt etwas in diesen schicksalhaften Bildern von Angst, Panik und Grausamkeit, das uns bindet, uns immer wieder zu ihnen hinzieht, in ihren Bann schlägt und nie wirklich loslässt. Der Horrorfilm hat Macht über uns, verändert sich, adaptiert und assimiliert unsere Schrecken und Alpträume immer wieder aufs Neue, wandelt, verformt, transformiert sich, um uns immerzu unerbittlich und gnadenlos zu jagen. Man sollte meinen, das pure Grauen, dem wir uns in filmischer Gestalt immer und immer wieder aussetzen, sollte uns in Wahrheit schreiend, kreischend und panisch um uns schlagend das Heil in der Flucht suchen lassen. Brennt alle Brücken hinter uns nieder! Verbarrikadiert jede Tür! Schlagt die Tore lautstark-kraftvoll zu und verrammelt sie mit so vielen Schlössern, Balken und Riegeln, auf dass nie wieder jemand dieses fremde Land der Angst zu betreten habe – wir selbst vor allen anderen.

Schrecken lockt

Anfänge und Grundlagen des Horrofilms 02

Dennoch kehren wir immer wieder zurück. Es sind Folgen der Verlockung, dem misstönenden Gekreische der tödlichen Sirene, einem unhörbaren geisterhaften Ruf. Wir treiben unaufhörlich und unaufhaltsam tiefer und tiefer im Sog eines unvermeidbaren Malstroms in die Finsternis. All das geschieht vielleicht weitaus weniger widerwillig, als wir uns selber eingestehen möchten. Unser Blick wendet sich voller abseitiger Faszination, doppelgesichtiger Neugierde und ostensibler Aversion dem Schauerlichen zu, unsere Augen mesmerisiert und machtlos im Dämmerzustand gebannt. Sie sind fest auf das Schauspiel des Schreckens gerichtet, nicht willens den Blick zu senken oder die Augen ernstlich zu verschließen – es sei denn im Moment spielerischer Schreckhaftigkeit. Es ist eine unangenehme, ins uns verborgen liegende Wahrheit, die sich im Horrorfilm spiegelt. Er dringt in die dunkelsten Ecken, die tief verborgenen Winkel, die ungeahnten Untiefen unsere Psyche vor; manchmal grobschlächtig gewaltsam, bisweilen jedoch verführerisch-zwingend. Aus diesem düsteren Ultima Thule unserer Seele zerrt er das Schrecklichste hervor: Urängste, Panik, Alpträume, Verstörendes, Klagendes und Traumata. Es sind Dinge, vor denen wir instinktiv zurückschrecken, Vorkommnisse, die uns unwillkürlich erschauern lassen, Fremdartiges, das uns irritiert und verunsichert. Weiterhin sind es Taten, die uns bis ins Mark erschüttern, und Ereignisse, die wir lieber begraben ließen.

Das Böse im Spiegel

Anfänge und Grundlagen des Horrofilms 03

Gerade weil er das andere, das finstere Ich in uns heraufbeschwört, uns ihm vis-à-vis gegenüberstellt, sich in der Unsicherheit des Unbewussten oder aber manchmal auch des wohl Bewussten herumzuwühlen getraut, sich an die Orte zu gehen wagt, die wir sonst im vermeintlich bannenden Tageslicht oder der trügerischen Rückversicherung gesellschaftlicher Güte beschämt oder verängstigt meiden, ist die Faszination und Publikumswirksamkeit des Horrorfilms ungebrochen. Wir sind ihm verbunden in einer merkwürdigen Gegenseitigkeit, einem unerklärlichen Drang, einer Mondsüchtigkeit der Abgründigkeit. In ihm vereinen sich die Unvermeidbarkeit von Angst und Furcht, die unnennbaren, tief in uns sitzenden Zweifel und unbekannten Größen des Ichs, mitunter die erschreckendsten Untiefen der dunkelsten Aspekte unseres Selbst. Der Horror kann in Gestalt des monströs erscheinenden Anderen, des Fremden auftreten. Oder durch Manifestation des Bösen greifbar werden. Oder durch die Grausamkeit des Menschen, des Menschseins an sich zu Tage treten. Oder durch den Blick in den Spiegel das in uns selbst schlummernde Furchtbare und Erschütternde unheilvoll an die Oberfläche drängen. Zuweilen erkennen wir das Monster in uns, fremd und unheimlich, der eigene Körper zur bizarren Dinglichkeit und Bedrohung mutiert. Ein Anzapfen des urtümlichen, uralten, aus uns geborenen Grauen.

Gestaltannehmender Schrecken

Anfänge und Grundlagen des Horrofilms 04

Neben dem Drama, der Komödie oder dem Western ist der Horrorfilm ein Urgestein des Kinos, eines der frühesten Genres, dem wir begegnen können. Schon einer der ersten Stummfilme, Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat der Gebrüder Lumière aus dem Jahre 1895 mag zwar niemand ernstlich als Horror bezeichnen. Nichtsdestoweniger zog er einen gewissen Reiz aus dem Nervenkitzel, den er seiner Zuschauerschaft bereitete: Neu und fremd war dieses Medium und manch einer erschrak ernstlich, weil er oder sie dem Eindruck erlag, der auf die Kamera zurollende Zug könne tatsächlich die vierte Wand sprengen und in den Zuschauerraum donnern. 1920 sorgten die frühen Expressionisten in Deutschland für Furore, allen voran stilbildende Meistwerke wie Paul Hermann Wegeners und Carl Eduard Herrmann Boeses Proto-Frankenstein Der Golem, wie er in die Welt kam von 1920, Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens des Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahre 1922 oder Das Cabinet des Dr. Caligari von Robert Wiene. Der US-Filmpionier David Wark Griffith wagte sich frühzeitig an Verfilmungen des Meisters der Schauerliteratur Edgar Allan Poes. Sein Film The Avenging Conscience von 1914, einer der ersten US-amerikanischen Horrorfilme, war sogar mit psychologischem Anklang versehen. Geschuldet ist dies freilich nicht zuletzt der Vorlage Poes, der durch seine Literatur dem Horrorfilm bedeutende Vorarbeit geleistet hatte.

Die Monster sind los!

Anfänge und Grundlagen des Horrofilms 05

Literarisch geprägt zeigte sich ebenso die erste wirkungsmächtige Hochphase des Horrorfilms der 1930er-Jahre und 1940er-Jahre: Die Zeit der Universal-Monster war angebrochen. Dieses Studio schuf Jahrzehnte vor dem ersten Marvel-Comic das erste umfangreiche Cinematic Universe und lies basierend auf Werken von Abraham „Bram“ Stoker, Mary Shelley oder Gaston Louis Alfred Leroux die Ungeheuer von der Kette. So sorgten 1931 Bela Lugosi als Dracula, sowie Boris Karloff als Frankensteins Monster oder 1943 William Claude Rains als Phantom der Oper für wohligen Schauer und hohe Zuschauerzahlen in den Kinos. Vampire, Werwölfe, Mumien – das waren die Gestalten, die ausgezogen waren, dem Publikum das Fürchten zu lehren. Dabei stellen sich ihre Geschichten, oftmals einem romantischen Grundtenor verhaftet, sie selbst als tragische, vereinsamte Archetypen heraus, vom Schicksal geschlagen, von ihren Mitmenschen missverstanden, von der Gesellschaft verstoßen. Unerfüllte, die Jahrtausende und den Tod überdauernde Liebe, menschliche Hybris und die Suche nach Menschlichkeit liegen den Schreckgestalten stärker zu Grunde denn ausgemachte Boshaftigkeit. Nichtsdestotrotz kulminiert ihr Leben oder untotes Dasein als Außenseiter und Ausgestoßene verhängnisvoll in solchen Taten. Letztlich muss dies zwangsläufig in einem formelhaften, aus der Konvention selbstgerechter Selbstsicherheit geborenen Kampf des Guten gegen das Böse münden.

Es lebt! Tragisches im Monströsen

Anfänge und Grundlagen des Horrofilms 06

Zugleich gestattet ihr im Tiefen ihres blutleeren Herzens bedauernswerte Naturell den Zuschauerinnen und Zuschauern gleichermaßen Gefühle der Furcht, als auch des Mitgefühls, des Mitleids – mithin ein Grund, weshalb es die Monster und weniger ihre Bezwinger sind, die den Status von Kultur-Ikonen erlangt haben und fester Bestandteil der Populärkultur geworden sind. Am Ende sind all jene Schreckgestalten nichts anderes als schicksalsschwere, symbolhafte Manifestationen, in denen sich allzu menschliches, allzu törichtes, allzu verständliches widerspiegelt. Aus Begehren, Leidenschaft und Geltungssucht geborener Seelenschmerz. Fremde Wesen aus der schattenverhangenen Halbwelt als Träger des schwachen, desillusionierten Abglanzes der vernebelten menschlichen Natur, die oftmals bloß die Verzweiflung zu böser Untat verleitet, über die zum Schluss dennoch das Gute obsiegt. Findige Filmemacher wie James Whale akzentuierten dieses existenzialistische Dilemma, indem sie die althergebrachte Gut-Böse-Formel vereinzelt auf den Kopf stellten. So erscheint bei Whales Frankenstein der Mensch deutlich monströser als die von ihm erschaffene Kreatur. Dies ist ein Tonfall, der sich 1935 im direkten Nachfolger Frankensteins Braut noch verschärfte. Die Geschichten und Figuren der Universal-Monster sind derart prononcierte bildgewaltige Kinolegenden, dass ihre Unverkennbarkeit, ihre überlebensgroßen Tragödien und Schicksale bis in die Gegenwart Bestand und kaum populärkulturelle Wirkung verloren haben.

Grauen im Schatten

Anfänge und Grundlagen des Horrofilms 07

Der zweite Weltkrieg bedeutete eine nicht zu unterschätzende Zäsur für den Horrorfilm. Wenig verwunderlich ging der Genuss am Gruseln angesichts der sehr realen Kriegsgräuel zunächst verloren. Grafische Wiedergabe des Horrors, so wenig grauenhaft uns das, was die 1930er-Jahre zu zeigen wagten, heutzutage erscheinen mag, galt plötzlich als unangemessen und war verpönt. Großbritannien verhängte sogar ein regelrechtes Verbot. Auf den US-amerikanischen Filmproduzenten Val Lewton wirkten die Einschränkungen dahingegen beflügelnd. Mit seinem Horrorzyklus, den er für die Radio-Keith-Oprheum Pictures kreierte und aus dem vor allem Jacques Tourneurs Werke Katzenmenschen von 1942 und Ich folgte einem Zombie von 1943 herausstechen, versetzte er dem Genre einige neue Impulse. Die subtile suggestive Inszenierung dieser Filme verzichtet weitestgehend auf plakative vordergründige Visualität des selbstdarstellerischen Grauens der Marke Universal zugunsten einer mittelbaren Dramaturgie, dem ausdrucksstarken Einsatz von Licht und Schatten und dem Verzicht auf ostentativen Schrecken. Das tiefsitzende Grausen der Figuren und Geschehnisse enthüllt sich weitaus effektiver in dem, was die Bilder nicht zeigen, als in dem, was sie tatsächlich preisgeben. Das Monströse schleicht vielleicht noch gerade sichtbar in den äußersten Augenwinkeln umher. Das Unausgesprochene, Angedeutete und Verhohlene hingegen stimuliert die Vorstellungskraft um ein Vielfaches effektiver.

Attacke der Riesenmonster

Anfänge und Grundlagen des Horrofilms 08

Lewtons Produktionen bewegen sich thematisch nach wie vor in einem von Mythen und Aberglaube genährtem, nichtsdestoweniger stärker psychologisch und poetisch abgesteckten Feld des Horrors. Die 1950er-Jahre sorgten hierauf wieder für spektakulären Schauder: Das Creature Feature eroberte die Leinwand und ließ allerlei tierische Ungetüme über die Menschheit herfallen. Bei Jack Arnold waren es 1954 der urzeitliche, in seiner Abgeschiedenheit einer unberührten Lagune des tiefsten Dschungels von einer Forschungsexpedition behelligte Gill-man in Der Schrecken vom Amazonas und 1955 die gigantische Riesenspinne aus Tarantula. In Gordon Douglas Formicula setzten 1954 durch Atomtests zu riesenhafter Größe mutierte Ameisen zum Angriff an. Ein von der Zeit vergessener Urzeitsaurier brachte 1953 Chaos und Zerstörung nach New York in Eugène Louriés Panik in New York. Letzterer gilt unter anderem als einer der frappantesten Einflüsse auf Honda Ishirōs 1954 erschienenen Klassiker Godzilla. Jenem legendären, für Japan über alle Maße ikonisch-monumentalem Filmmonster, eine mit allerlei allegorischem Deutungspotenzial ausgestattete Riesenechse, welche ebenfalls durch die Auswirkungen der Atombombe zur kolossartigen Geißel Japans emporwuchs. Seit den 1950er-Jahren lässt diese in Tōkyō keinen Stein mehr auf dem anderen und hat zwischenzeitlich sogar den US-amerikanischen Filmkosmos erobert.

Zeitalter der Atombombe

Anfänge und Grundlagen des Horrofilms 09

Augenfälligstes Merkmal der 1950er-Jahre ist die Abkehr vom düsterromantischen Gothic Horror, den untoten Schattenwesen, volkstümlichen Gruselfiguren und Gespenstern. Stattdessen näherte sich der Horrorfilm in dieser Zeit mehr und mehr der Science-Fiction an. Ängste und Sorgen vor einer sich durch die Wissenschaft rapide entwickelnden Welt, ganz ohne Zweifel ausgelöst durch die Atombombentests und dem Wettrüsten zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion, traten zu Tage. Die in großen Schritten voranschreitende Modernisierung und was die neuen Erkenntnisse, aber auch die neuen politischen Konflikte an Gefahrenpotenziale mit sich bringen mochten, sorgte für Ungewissheit, Nervosität und Sorgen um die Zukunft. All dies hing dementsprechend wie ein Damoklesschwert dräuend über dem Gemüt der Bevölkerung und folglich den Kinosälen. Die Besorgnis vor den Implikationen des atomaren Zeitalters findet sich bereits angelegt in Godzilla und Formicula. Ersteres transformierte das nationale Trauma Japans in eine künstlerische Katharsis. Letzteres modifizierte seine tierische Bedrohung um eine politische Komponente, da die Ameisen dort durchaus eine sinnbildhafte Lesung für den sowjetischen Feind zuließen und im Finale nicht durch heroische Einzelgänger, sondern mithilfe der geballten Macht des US-Militärs überwunden wurden.

Beobachtet den Himmel

Anfänge und Grundlagen des Horrofilms 10

Abgesehen von den mutierten titanischen Untieren suchten im von der Science-Fiction geprägten Schauerstück des Weiteren vor allem Außerirdische, Besucher von fremden Sternen und aus fernen Galaxien, die Menschheit heim. Im Alien-Invasion-Film geht die Bedrohung abermals vom „Anderen“ aus, von monströsen Fremden aus den unbekannten wie unheilschwangeren Tiefen des Alls. Technologisch hoffnungslos überlegen oder allerwenigstens perfide und durchtrieben genug, um eine zwar schleichende, nichtsdestotrotz über alle Maße verhängnisvolle Gefahr darzustellen, die es schonungslos auf unsere Heimstatt abgesehen hat – und dem politischen anti-sowjetischen Gestus sogar noch stärker entsprechen kann. Byron Conrad Haskins Herbert-George-Wells-Verfilmung Kampf der Welten avancierte 1953 in der Sparte der Alien Invasion zum absoluten Kultklassiker. Die Furcht vor einer sowjetischen Infiltration wird regelrecht greifbar in Donald „Don“ Siegels 1956 erschienenen Die Dämonischen und außerdem 1958 in Russell Samuel „Russ“ Doughten Juniors und Irvin Shortress Yeaworth Juniors Blob – Schrecken ohne Namen. In beiden Fällen droht eine subversive außerirdische Invasion das beschauliche US-amerikanische Kleinstadtleben schrittweise zu unterwandern und zu vernichten. Selbst in Howard Winchester Hawks und Christian Nybys Das Ding aus einer anderen Welt finden sich 1951 Anklänge daran.

Draculas Rückkehr

Anfänge und Grundlagen des Horrofilms 11

Im gesellschaftlichen Klima all der Hysterie, der um sich greifenden Existenzangst und Weltuntergangsstimmung, mutete die Rückkehr zum klassischen Gothic Horror der Hammer Studios auf britischer, sowie von Roger Cormans auf US-amerikanischen Seite seit Ende der 1950er-Jahren geradezu eskapistisch an: Opulente Studiowerke in prächtigen Farben und Breitwandformat, die sich auf die literarischen Tugenden eines Poes oder Stokers besannen und in gewisser Hinsicht die erste große Welle dessen lostraten, was in nicht allzu ferner Zukunft zu einer hartnäckigen Modeerscheinung Hollywoods werden würde: dem Remake. 1958 veröffentlichte Hammer Terence Fishers Dracula, eine in einigen Punkten auffallend abweichende Neubearbeitung des klassischen Vampir-Stoffes. Den titelgebenden Blutsauger verkörperte dies Mal Sir Christopher Frank Carandini Lee, ein Part, den er insgesamt zehn weitere Male übernehmen sollte, den Briten auf Jahrzehnte hin als Gigant des Horrorfilms etablierte und zum wahrscheinlich bekanntesten Dracula-Darsteller neben Bela Lugosi erhob. Ähnlich wurde Fisher zum renommierten Genre-Regisseur und zeichnete sich hernach für viele weitere Regiearbeiten des Produktionsstudios verantwortlich, die nicht selten auf bekannten Universal-Stoffen basierten. Zum Beispiel Frankensteins Rache von 1958. In Die Rache der Pharaonen ließen sie 1959 die Mumie sich abermals aus ihrem Sarkophag erheben und auf Brautschau gehen.

Edgar Allan Poes rote Maske

Anfänge und Grundlagen des Horrofilms 12

Roger Corman mauserte sich unterdessen vollauf zum Poe-Spezialisten. Den Anfang machte er mit seiner 1960 erschienenen Adaption Die Verfluchten nach des Autors berühmter Kurzgeschichte Der Untergang des Hauses Usher von 1839. Es folgten 1961 Das Pendel des Todes, 1963 Der Rabe – Duell der Zauberer, 1964 Das Grab der Lygeia und viele weitere Verfilmungen von Geschichten des Meisters der Gothic-Horror-Kurzgeschichte. Obwohl es sich beim Schaffen von Hammer und Corman im weitesten Sinne um B-Movies handelt, verströmen sie durch ihrem Studioflair, die lauschigen Kulissen, prächtigen Kostüme und gewählten Sujets stets eine ungemein einnehmende Ambiance von Schauerromantik und distinguierter Manieriertheit. Charismatische Schauspieler wie Christopher Lee, Peter Wilton Cushing, Vincent Leonard Price Junior oder Peter Lorre veredeln die Darbietungen allein durch ihre imponierende Präsenz und verleihen ihnen einen Hauch von dringend benötigter Klasse. Nicht zuletzt durch diese Schöpfungen wurden sie allesamt zu Ikonen des Genres und fanden Eingang in den Olymp der Horrordarsteller. Fisher brachte die Anziehungskraft dieser Art von Grusel mit einem Zitat auf den Punkt: „Die besten Horrorfilme sind Märchen für Erwachsene, nicht mehr, nicht weniger.“ Das schaurig-schöne, gekünstelte, märchenhafte des Hammer-Horrors und Cormans Poe-Gruslern zog die Zuschauer in ihren unnachahmlichen Bann und vermag dies noch heute dank wohlig-nostalgischer Schauergefühle.

Geschrieben von Jan Bantel