Review: Unravel

Unravel (1)Es geschehen doch noch Zeichen und Wunder: Publisher Electronic Arts verlässt den Pfad der gewinnbringenden Blockbuster-Titel und gibt dem kleinen schwedischen Studio Coldwood die Chance, den Titel Unravel einer viel größeren potentiellen Käuferschicht näherzubringen.

Unravel (2)Seit dem neunten Februar 2016 ist Unravel für den PC, die PlayStation 4 und die Xbox One erhältlich. Bei Unravel handelt es sich in erster Linie um ein Jump ’n’ Run, welches aber sehr viel größeren Wert auf einfache Rätsel und knifflige Geschicklichkeitspassagen legt. Die Geschichte im Spiel ist schnell erzählt, denn sie wird ohne Worte dargestellt, sodass die gezeigten Szenen für sich stehen und wir als Spieler die Story frei interpretieren dürfen. Das erfährt man bereits vor dem Spiel in einer einmalig eingeblendeten Textnachricht, der wir entnehmen können, dass es den Entwicklern wichtig ist, dass wir selbst einen Bezug zum Spiel herstellen sollen. Trotzdem gibt es ein paar Punkte, die nicht anders gedeutet werden können: In Unravel schlüpfen wir in die Rolle von Yarny, quasi einer zum Leben erweckten Wollpuppe. Diese wurde von einer älteren Dame gestrickt, die in ihrem Stübchen ein Fotoalbum aufbewahrt, das wir mit Fotos füllen müssen, die nur ersichtlich werden, wenn wir auf Erinnerungssuche gehen und uns somit ins Abenteuer stürzen. Die aufgelesenen Erinnerungen der Familie tauchen nach Abschluss des Levels im Fotoalbum auf und werden mit kurzen Worten vor jedem Kapitel kommentiert. Die Story von Unravel wirkt liebevoll konstruiert und sicher sind auch Erinnerungen der Entwickler eingeflossen. Man muss den Freiraum für Fantasie allerdings mögen.

Flora und Fauna aus der Sicht einer Wollpuppe

Unravel (3)Wir müssen ein gutes Dutzend abwechslungsreich gestalteter Levels besuchen, die an die Flora und Fauna der Landschaft um den schwedischen Ort Umeå angelehnt sind. Spaziergänge durchs Herbstlaub, Stapfen durch meterhohen Schnee (aus der Sicht des kleinen Yarny) und das Klettern in Höhlen haben uns richtig in die meist herbst- und winterfarbene Spielwelt hineingezogen. Widersacher tauchen in der Form von Tieren auf. Da jagt uns in einem Moment ein Erdhörnchen und im anderen Moment machen Vögel auf uns Jagd. Selbst ein für Menschen friedlicher Fisch wirkt aus der Perspektive von Yarny bedrohlich. Am Strand sollten wir hingegen versuchen, nicht in die Scheren der Krabben zu laufen. Die Tiere sind außerdem Bestandteil der Rätselmechanik des Spiels. Wollen wir etwa Krabben anlocken, müssen wir zunächst einmal eine Muschel in ihre Nähe schieben. Das Erdhörnchen weicht beispielsweise zurück, wenn wir auf pilzartige Gewächse hüpfen und somit Pollen freisetzen. Gegen seine Feinde ist Yarny in der Regel sehr hilflos. Hier nutzen die Entwickler das Potenzial des Genres nicht völlig aus und machen so manchen Spielabschnitt zur Tortur. Da Yarny auch nicht schwimmen kann und beim einmaligen Feindkontakt direkt das Zeitliche segnet, landen wir bei jedem Fehlversuch beim letzten Checkpoint. In ein paar Fällen kann dies tierisch nerven!

Ohne Faden gerät die Welt aus den Fugen

Unravel (4)Abseits der gefährlichen Tierwelt ist die Spielmechanik vor allem durch Yarnys Garn interessant. Sobald das Level beginnt, verliert die kleine Puppe kontinuierlich Garn durchs Bewegen und wickelt es wieder auf, sobald wir sie zurückbeordern. Will Yarny irgendwann partout nicht mehr weitergehen, liegt das daran, dass ihm nicht mehr genügend Garn zur Verfügung steht und er quasi an der eigenen Leine gefangen ist und wir unterwegs wohl einen der Garnvorräte übersehen haben, die wir zwangsweise aufsammeln müssen. Das Backtracking hält sich aber in Grenzen, da diese Vorräte sehr fair verteilt sind und wir oft nicht lange nach den Nägeln mit dem aufgewickelten Garn suchen müssen. An den Nägeln können wir uns mit dem Garn im Übrigen auch anbinden, sodass wir uns problemlos an Abhängen abseilen und uns anschließend wieder hochziehen können. Ist ein weiterer Nagel in der Nähe, können wir das Garn auch spannen, um uns ein Trampolin zu basteln, um so an sonst unzugänglichen Orten zu landen. Später kommen noch weitere Mechaniken hinzu, bei denen wir etwa kleine Türen öffnen oder uns an ein Fließband einer Maschine hängen müssen. Allerdings wiederholen sich die grundlegenden Rätsel viel zu oft und ermüden schnell. Positive Ausnahmen wie das Gleiten durch die Lüfte an einem Fesseldrachen lockern die Eintönigkeit sehr gut auf.

Entwirrender Appetithappen für zwischendurch

Unravel (5)Neben den Knöpfen, die am Ende eines Levels auf Yarny warten, damit er sie auf das Fotoalbum klebt, warten in jedem Level auch weitere versteckte Knöpfe auf uns, die gefunden werden wollen. Oft sammeln wir sie im Vorbeigehen ein, doch manchmal müssen wir auch sehr danach suchen. Zum mehrmaligen Durchspielen motivieren die Geheimnisse kaum. Unterlegt wird die Suche mit instrumentaler Musik, die von weniger bekannten Musikern eingespielt wurde und essentiell die Rolle der Handlung beziehungsweise Dialoge übernimmt. Die Melodien sollen laut Entwickleraussagen dem Spieler Gefühle vermitteln – das schaffen sie auch ansatzweise. Unterstützt wird dies mit den vordergründigen Grafiken, die gestochen scharf ausfallen. Die Hintergründe wirken jedoch sehr verwaschen. Die unscharfen Grafiken gehören aber wesentlich zum Stil und vielleicht sogar zur Intention des Spiels, zumal sie sehr verspielt gestaltet sind. Nicht selten entdecken wir im Hintergrund Elche, Igel oder andere Tiere. Gelegentlich bietet Unravel schöne Lichteffekte, die jedoch die Ausnahme bleiben. Ebenso könnten die Charaktermodelle ausgefeilter sein. Nichtsdestotrotz läuft das Spiel auch auf älteren Mittelklasserechnern ruckelfrei. Mit gerade einmal sechs Spielstunden fällt Unravel verhältnismäßig kurz aus und bleibt deshalb leider nur ein Appetithappen für zwischendurch.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PC-Fassung): Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass Electronic Arts einmal ein Spiel wie Unravel veröffentlicht. So wenig das Spiel zum Konzern, der eher für seine jährlich aufgewärmten Sportspielreihen und Blockbuster-Titel bekannt ist, passt, so sehr war ich vom Spiel überrascht. Sämtliche Levels sind reichlich fantasievoll und vor allem abwechslungsreich gestaltet. In einem Spielabschnitt klettere ich auf einen Hügel und muss aufpassen, dass ich nicht von herabrollenden Steinen zerquetscht werde – für den kleinen Yarny handelt es sich bei dem Hügel natürlich um einen Berg und die Steine sind für ihn nichts anderes als mordsgefährliche Felsen. Es steckt so viel Liebe im Detail in Unravel, die von Erinnerungen der Entwickler aus Kindheit, Familienleben und Gesellschaftskritik maßgeblich geprägt sein müssen und von melancholischen Musikstücken begleitet werden. Leider haben es die Entwickler allerdings versäumt, die Spielmechanik von Unravel wirklich auszugestalten. Yarny ist mir durchweg zu schwach und jeder Neustart bei besonders kniffligen Rätseln stört mich einfach nur ungemein, wenn für das Rätsel zunächst immer und immer wieder dieselben Vorbedingungen geschafft werden müssen. Zudem werden die grundlegenden Rätsel einfach viel zu oft thematisiert, sodass sich hier schnell Langweile einstellt – ein Problem, mit welchem schon Boxboy! aus dem Hause Nintendo zu kämpfen hatte. Dies hätte bereits vor Monaten ein Warnsignal für die Entwickler sein müssen. Trotzdem werden Fans von ruhigen Geschicklichkeitsspielen und Jump ’m’ Runs sicherlich glücklich mit dem Titel werden. Wer allerdings durchweg Action wie in den Super-Mario-Spielen erwartet, kann das Spiel getrost ignorieren. Unravel ist wirklich nur für gemütliche Spieler und Genießer konzipiert.

Vielen Dank an Electronic Arts für die freundliche Bereitstellung des Rezensionsexemplars von Unravel!

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