Review: Nintendo Quest

nintendo-quest-1Dokumentationen erfreuen sich bei wissbegierigen Menschen über große Beliebtheit. Sucht man allerdings nach wissenschaftlichen Dokumentationen über Videospiele, wird man nur selten fündig. Die Dokumentation Nintendo Quest will daran auch gar nichts ändern.

nintendo-quest-2Die etwa neunzigminütige Dokumentation Nintendo Quest aus dem Jahr 2015 handelt vom kanadischen Nintendo-Fan und Videospielsammler Jay Bartlett, dessen Freund Rob McCallum ihn zu einer Aufgabe der besonderen Art herausfordert. Da Bartlett in seinem Leben gerne einmal eine vollständige Sammlung an Spielen für das Nintendo Entertainment System, kurz NES, besitzen will, soll dieser doch versuchen, innerhalb von nur dreißig Tagen alle vorhandenen Spiele für Nintendos erste Heimkonsole mit austauschbaren Modulen aufzutreiben. Die einzige Ausnahme bei der Herausforderung bildet das Spiel Nintendo World Championships 1990, von welchem damals nur 116 Module hergestellt worden sind und somit das seltenste Spiel für das NES ist. Wir begleiten ihn bei der Suche nach den übrigen 678 jemals offiziell veröffentlichten nordamerikanischen NES-Titeln. Selbstverständlich beobachten wir Bartlett nicht dabei, wie er stundenlang vor seinem Computer hockt und die Spiele einzeln oder in größeren Sammlungen auf Online-Auktionsplattformen erwirbt. Von McCallum und seinem Produktionsteam bekommt er einige Limitierungen vorgesetzt, an die er sich unbedingt halten muss. Bartlett darf unter anderem nicht über das Internet seine Sammlung vergrößern. Ebenso wenig zählen die Titel, die sich schon in seiner privaten Sammlung befinden.

Dokumentierter Roadmovie

nintendo-quest-3Mit einem beschränkten Budget, dessen Umfang leider niemals erwähnt wird und somit das Ausmaß der Kosten nie eindeutig ist, muss er tatsächlich über den Einzelhandel oder über Privatpersonen an jedes einzelne Modul gelangen. Entsprechend darf man sich den Film als einen dokumentierten Roadmovie vorstellen. Grundsätzlich geht es von einem Laden zum nächsten Geschäft, von London in der kanadischen Provinz Ontario geht die Reise unter anderem bis ins texanische Dallas in den Vereinigten Staaten von Amerika. Unterwegs trifft das Team auf verschiedene Sammler, die nicht weniger enthusiastisch in ihrer Leidenschaft versunken sind. Durch das Fehlen der Kommunikation über das Internet wird vor allem gegen Ende des Werks, das eine ulkige Wendung zu den einstigen Auflagen nimmt, deutlich, wie wichtig der persönliche soziale Kontakt in der NES-Ära war. Hinzukommen selbstverständlich Erinnerungen an die 1980er und 1990er Jahre von Bartlett, McCallum und anderen auftretenden Personen, wie etwa Todd Rogers, der bis heute in einigen Videospielen der Weltrekordhalter ist. Im Übrigen kommen lediglich US-amerikanische und kanadische Persönlichkeiten zu Wort, die Bartletts Vorhaben kommentieren. Wichtige Ansichten von Japanern werden ganz außen vorgelassen, was uns bei einer japanischen Konsole unverständlich erscheint.

Persönlich statt wissenschaftlich

nintendo-quest-4Fraglich ist zudem, warum die Dokumentation zu Beginn den Anspruch erhebt, das NES und die Firmengeschichte von Nintendo halbwegs wissenschaftlich beschreiben zu wollen, dann jedoch über die gesamte Laufzeit hinweg zunehmend persönlicher wird. So erfahren wir unter anderem auch vom Selbstmord von Bartletts Vater, der keine Relevanz für das Thema hat, sondern „nur“ wichtig für das Verständnis ist, wenn wir Bartlett mit teils depressiver Stimmung erleben. Hier hat die Dokumentation ihren eigenen Ansatz ein wenig verfehlt. Sie soll weit mehr unterhalten, anstatt tatsächlich Wissen über eine besondere Ära und die Sammelleidenschaft zu vermitteln. Teilweise fühlen wir uns beim Ansehen der Dokumentation schon wie bei einer Episode der US-amerikanischen Reality-Fernsehproduktion Storage Wars. Das liegt daran, dass die deutsche Voice-over-Synchronisation entsprechend über den englischen Originalton gelegt wurde und somit trotz guter Sprecher eher belächelt werden kann. Szenen, die es nicht mehr in die Dokumentation geschafft haben, liegen im Bonusbereich vor. Wer zur limitierten Ausgabe greift, erhält zudem noch eine Bonus-DVD mit interessanten und meist auch unterhaltsamen Interviews. Wer eine seichte Abendunterhaltung mit Nintendo-Inhalten sucht, darf bei Nintendo Quest gerne zugreifen, sollte aber nichts Anspruchsvolles erwarten.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der DVD-Fassung): Das Thema Nintendo interessiert mich in vielfältiger Weise und besonders die Zeit, in der Nintendo in puncto Videospielen noch sehr viel anders ausgerichtet war, spricht mich ganz besonders an. Im Vorfeld habe ich gehofft, dass mir Nintendo Quest vieles über die Sammelleidenschaft eines Nintendo-Fans mitteilen wird. Dies ist nur zum Teil geschehen, denn die Dokumentation hat keinen wissenschaftlichen Ansatz, auch wenn der Regisseur zu Beginn dieser Ansicht gewesen ist. Viel mehr zeigt mir die Dokumentation einen Roadmovie über einen Sammler, der die Aufgabe bekommt, alle 678 offiziellen Spiele des nordamerikanischen Marktes in nur dreißig Tagen aufzutreiben. Ob er das nun schafft oder nicht, möchte ich jetzt gar nicht mal verraten – Fakt ist jedoch, dass ich von einer Dokumentation mehr erwarte. So fühlte ich mich nicht selten in eine Episode Storage Wars versetzt. Auch wenn die Dokumentation sicherlich immer noch unterhaltsam ist, sollte man sich im Vorfeld darüber bewusst sein, dass sie nur seichte Unterhaltung bietet und entsprechend wenig anspruchsvoll ist. Immerhin hat sich der Publisher überlegt, der DVD-Hülle eine Schutzhülle beizulegen, sodass die Verpackung durch diesen modischen Gag wie ein altes NES-Modul mit Hülle aussieht. Eine wirklich sehr nette Dreingabe!

Vielen Dank an Alive für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Nintendo Quest!

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