Review: Ys VIII: Lacrimosa of Dana

Während die langjährige Ys-Reihe Mitte der 2000er Jahre eine neue Blütezeit erlebte, wurde es in den letzten Jahren still um das Franchise. Mit Ys VIII: Lacrimosa of Dana ist dem Spiel 2016 in Japan der erneute Durchbruch gelungen, den wir jetzt auch in Europa erleben dürfen.

Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön: So heißt es zumindest in einem deutschen Volkslied von Isa Vermehren aus dem Jahr 1934 und auch zu Beginn von Ys VIII sieht alles danach aus, dass die Schifffahrt der Lombardia friedlich verläuft. Der Kapitän hält sogar noch ein Bankett ab und dann geschieht auch schon die Katastrophe. Ein Seeungeheuer lässt das Schiff kentern und wenig später wacht unser Held Adol Christin auf der Isle of Seiren, der Insel der Sirenen, wieder auf. Schon immer wollte unser Abenteurer diese mysteriöse Insel, von der nie jemand zurückgekehrt ist, erkunden – da er jedoch selbst vom Kapitän der Lombardia davor gewarnt wurde, hat er diesen Traum bisher auch noch nicht in die Tat umgesetzt. Beim Erkunden der Insel treffen wir auf die ein wenig hochnäsige Laxia von Roswell, ebenso eine Überlebende des Unglücks. Wenig später komplettiert der ulkige Sahad Nautilus das Trio. Vom Kapitän, der ebenfalls auf der Insel gestrandet ist, erfahren wir, dass es wohl noch mehr Schiffsbrüchige auf dem Eiland gibt. Unsere Aufgaben in Ys VIII sind es, einerseits die Insel zu erkunden und zu kartographieren und andererseits dabei die Überlebenden aufzusammeln, damit diese das Dorf der Schiffbrüchigen mit nützlichen Funktionen erweitern. Die Geschichte wird dank dieser facettenreichen Charaktere durchaus spannend und interessant erzählt.

Actionorientiertes Kampfsystem

Je mehr Überlebende wir auf der geheimnisvollen Insel aufspüren, desto mehr Regionen stehen uns offen. Die meisten davon müssen wir aufgrund des linearen Erzählstrangs zwar ohnehin erkunden, doch gibt es auch beiläufig ein paar optionale Areale. Zahlreiche Gegnertypen, die nicht selten rezenten oder ausgestorbenen Lebensformen nachempfunden sind, wollen uns beim Vorankommen jedoch hindern. Während der Erkundungstour greifen wir nahtlos, soll heißen ohne Kampfbildschirm, zu den Waffen und greifen mit einem Helden unserer dreiköpfigen Gruppe die Gegner an. Adol schwingt beispielsweise sein Schwert, Laxia hingegen attackiert die Feinde mit ihrem Degen und Sahad wirbelt einen riesigen Anker umher. Im späteren Spielverlauf kommen noch drei weitere Charaktere hinzu, die wir in der Regel jederzeit mit dem aktuellen Team komplett oder einzeln austauschen können. Zum Angriff steht jedem Recken ein Standardangriff zur Verfügung. Variationen gibt es in Form der Spezialfähigkeiten, die allerdings die Spezialenergieleiste, die sich noch dazu alle Helden teilen, leeren. Das Teilen dieser Leiste klingt in der Theorie schlimmer, als es sich in der Praxis anfühlt, da diese Entscheidung nur uns betrifft. Die anderen beiden Figuren werden vom Computer gesteuert und können nach Herzenslust dem Kampf frönen. Geschickte Angriffe füllen die Leiste wieder auf.

Monstervielfalt

Des Weiteren macht es Sinn, nicht immer nur mit ein- und demselben Charakter zu kämpfen. Jede feindliche Lebensform ist anfällig gegen ein besonderes Angriffsmuster. Während riesige Insekten besonders anfällig gegen Laxias Degen sind, reagieren schleimige Monster auf Adols Schwert und gut gepanzerte Kreaturen lassen sich von Sahads Hammer zerschmettern. Tiefgründigkeit erhält das Kampfsystem durch Ausweich- und Abwehrfunktionen. Entwischen wir dem Gegner oder verteidigen seinen Angriff im richtigen Moment, erleiden wir keinerlei Schaden und haben anschließend ein paar Sekunden Zeit, die Defensive des Gegners zu malträtieren. Ist diese gänzlich gebrochen, sollten wir unbedingt den Gauge-Angriff eines Helden ausführen – wir können uns ein paar Minuten vom Knöpfchenhämmern befreien und zusehen, wie die Energieleiste des Gegners sinkt. Besonders bei den großen Bossgegnern, die sich in der Monsterhierarchie nicht ohne Grund ihren Platz erkämpft haben, ist das ein erfreulicher Anblick. Besiegte Gegner hinterlassen wie in typischen Rollenspielen Erfahrungspunkte, mit denen unsere Charaktere peu á peu automatisch aufstufen und Werte wie Stärke und Verteidigung erhöhen. Goldmünzen gibt es in Ys VIII allerdings nicht. Stattdessen sammeln wir Materialien wie Felle oder Knochen, um sie im Dorf zu neuer Ausrüstung zu verarbeiten.

Abenteuerstimmung

Es ist jedoch nicht nur die Fauna, die Materialien übrig lässt. Wer die Flora der Spielwelt im Blick hat, sammelt fleißig Gewächse. Gepflückte Pflanzen und Schleim von Gegnern eignen sich in ihrer Kombination im Übrigen hervorragend, um unsere leeren Flaschen mit Tränken zu füllen. Natürlich können wir Fleisch von Säugetieren, Reptilien, Amphibien oder Fischen auch braten, Gemüse anbauen oder Früchte von Bäumen ernten, um immer ausreichend Nahrung in unserem schier nimmervollen Beutel zu haben. Erzadern sollten wir hingegen zu keiner Zeit übersehen, denn Erze eignen sich hervorragend dazu, unsere Waffen bei der Schmiedin zu verbessern. Um auch überall in der Spielwelt an die benötigten Materialien zu gelangen, ist eine Abenteuerausrüstung obligatorisch. Fast sämtliche Objekte der Ausrüstung finden wir im Spieldurchgang im Vorbeilaufen. Mit den Kletterhandschuhen können wir an hängendem Gestrüpp hinaufklettern, mit speziellen Schuhen versinken wir nicht mehr im Sumpf und mit einer weiteren Vorrichtung können wir auch Unterwasser atmen, um beispielsweise ein versunkenes Geisterschiff oder geflutete Höhlen zu erkunden. Hier erinnert Ys VIII ein wenig an Terranigma und es gibt wohl für kaum ein Action-Rollenspiel ein größeres Kompliment, als mit diesem wohl für alle Zeit unsterblichen Super-Nintendo-Klassiker verglichen zu werden.

Anspielungen auf die Populärkultur

Epische Ausmaße nimmt auch die Handlung an. Obwohl die Story mit simplem Schiffbruch beginnt, entwickelt sie sich mit jeder Stunde zu einer der spannendsten Geschichten, die wir in Rollenspielen bisher erlebt haben. Wir entdecken mysteriöse Piratenverstecke, dann gibt es in den eigenen Reihen einen mordslustigen Verräter zu entlarven und später lesen wir noch ein Mädchen inmitten der prähistorischen Fauna und Flora auf. Wer jetzt an die Fernsehserie Die Verlorene Welt denkt, liegt bei dieser Ähnlichkeit vielleicht gar nicht mal so falsch. Das Werk basierend auf dem Roman von Sir Arthur Conan Doyle ist allerdings nicht die einzige Fernsehserie, die womöglich als Pate für das Inselszenario herhalten musste. Die Überlebenden der Lombardia entdecken in den Tiefen des Dschungels zudem Überreste einer untergegangenen Zivilisation. Hier erinnert Ys VIII, auch aufgrund des Zusammenlebens der Charaktere und einem weiteren untergeordneten Erzählstrang, stark an die Fernsehserie Lost. Zudem sind erwachsene Themen stets an der Tagesordnung. Neben zwischenmenschlichen Beziehungen werden unter anderem auch Darwinismus, Evolutionstheorie oder Kreationismus angesprochen. Wer alle Informationen aufsammeln will, sollte jedoch Englisch- oder Japanischkenntnisse mitbringen – eine Übersetzung ins Deutsche ist bei Ys VIII leider nicht erfolgt.

PlayStation-Vita-Herkunft

Dafür ist der Titel an vielen Stellen sehr gut auf Japanisch vertont. In puncto Steuerung kann der Titel fast durchweg überzeugen. Einzig und allein die Aktivierung des Gauge-Angriffs kann besonders im späteren Spielverlauf versehentlich aktiviert werden, da hierfür der Ausweichknopf und der Knopf für die Spezialfähigkeiten gleichzeitig gedrückt werden muss. Das hätte man sicher anders lösen können. Unter grafischen Gesichtspunkten greift Ys VIII oft auf eine sehr bunte Farbpalette zurück. Besonders bei den Hauptcharakteren ist dies zu merken, da sich diese im Anime-Stil sehr von den Umgebungen abgrenzen. Die Texturen der Landschaften wirken auf den ersten Blick scharf, doch je näher wir uns der jeweiligen Umgebung nähern, desto deutlicher wird der Texturenmatsch. Das heißt aber nicht, dass es sich hierbei um ein hässliches Spiel handelt – im Gegenteil: Der gesamte Look greift wunderbar ineinander! Allerdings wirken die Animationen der Helden oft etwas zu steif, sodass unterm Strich die PlayStation-Vita-Herkunft mehr als deutlich ist. Dafür läuft Ys VIII bis auf sehr seltene Ausnahmen mit einer butterweichen Bildwiederholungsrate. Musikalisch begeistert der Titel mit angenehmen Kompositionen und einigen Ohrwürmern. Diesen ist man selbst nach sechzig Spielstunden nicht überdrüssig, denn solange kann man brauchen, um das Spiel abschließen.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PlayStation-4-Fassung): Eigentlich wollte ich Ys VIII: Lacrimosa of Dana gar nicht so lange spielen, da ich meine freie Zeit lieber mit anderen Dingen füllen wollte. Das Spiel hat diesen Plan spätestens nach dem zweiten Spielstart allerdings zunichte gemacht. Kaum habe ich das erste Kapitel des Spiels abgeschlossen, wollte ich unbedingt wissen, wie die sehr spannende und vor allem wendungsreiche Geschichte weitergeht. Hinzu kommt ein fast durchweg gelungenes und vor allem schnelles Kampfsystem, sodass ich gar nicht mehr aufhören konnte, mich durch die Gegnerhorden zu schnetzeln, Materialien zu sammeln und mit neuer Ausrüstung weiter in den Urwald der Insel vorzudringen. Während ich die musikalische Untermalung durchaus für gelungen halte, finde ich es sehr schade, dass man der PlayStation-4-Fassung nicht mehr technische Aufmerksamkeit gewidmet hat. Zwar ist der Titel alles andere als hässlich, doch vor allem weil die Regionen in Instanzen aufgebaut sind, wäre es durchaus angebracht gewesen, den Titel noch ein wenig mehr für Sonys Konsolenflagschiff zu optimieren. Wer darüber hinwegsehen kann, wird in Ys VIII: Lacrimosa of Dana eines der besten und unterhaltsamsten Action-Rollenspiele des Jahres 2016 entdecken!

Vielen Dank an NIS America für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Ys VIII: Lacrimosa of Dana!

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