Review: Corpse Party: Tortured Souls

Im Jahr 1995 bewies Entwickler Kedōin Makoto, dass man mit einer begrenzten Programmieroberfläche wie dem RPG Maker fantastische Spiele entwickeln kann. Das Survival-Horror-Abenteuer Corpse Party begeisterte schlagartig: Fortsetzungen, Realverfilmungen und schließlich auch Anime folgten.

Der Siegeszug der Corpse-Party-Faszination dauert bis heute an. 2012 erschien die Original Video Animation Corpse Party: Missing Footage, die die Vorgeschichte des Spiels darstellt und die letzten Geheimnisse des Spiels lüftet. Im deutschsprachigen Raum ist das gerade einmal zehnminütige Werk von Animationsstudio Asread bis heute nicht erschienen und auch Publisher Kazé Anime versäumt es, die Vorgeschichte als Bonus mit auf die Disc des vierteiligen Sequels zu packen. Corpse Party: Tortured Souls, ebenfalls von Asread produziert, erzählt als Sequel logischerweise die Geschichte des Spiels nach und gerade als eine vom Videospiel unabhängige Veröffentlichung hätte die Ergänzung der Vorgeschichte den Anime durchaus aufwerten können. Das ist aber nur ein kalter Tropfen auf den heißen Stein, denn die wichtigsten Hintergründe werden innerhalb der vier Folgen umfassenden Reihe dennoch peu á peu erklärt, sodass zumindest alle Kernelemente verständlich sind. Somit bleibt Tortured Souls nicht nur für Fans der Videospielvorlage interessant, sondern kann auch Neulinge, die sich mit dem Franchise zum ersten Mal beschäftigen wollen, für sich gewinnen. In vier aufeinanderfolgenden Episoden wird eine Geschichte über eine Gruppe Oberschüler erzählt, die nach einem Schulfest noch eine kleine Abschiedsfeier inklusive eines mysteriösen Rituals für eine Mitschülerin abhalten, die die Schule bald verlassen wird. Das Ritual verläuft allerdings schief und die Corpse Party beginnt.

Durchritualisierter Alptraum

Zu Beginn der ersten von vier Episoden, die jeweils circa dreißig Minuten Laufzeit aufweisen, ahnen die Charaktere noch nichts von dem Grauen, das ihnen bevorsteht. Für Suzumoto Mayu planen die Freunde Mochida Satoshi, Nakashima Naomi, Shinozaki Ayumi und Shinohara Seiko, den vermeintlichen Zauber „Die glückliche Sachiko” durchzuführen. In dem jeder für sich die Zauberformel neun Mal still aufsagt, dann alle zusammen eine ausgeschnittene Figur zerreißen und jeder ein Stück dieser fortan mit sich tragen muss, soll gewährleistet werden, dass sie ihr Leben lang Freunde bleiben werden. Kurze Zeit später wachen sie allerdings, teilweise zusammen und teilweise alleine, in einer Grundschule auf. Versuche, aus Fenstern oder Türen aus dem Gebäude zu entkommen, misslingen den Protagonisten und schnell müssen sie feststellen, dass blutrünstige Gestalten und sogar Schüler von anderen Schulen und aus anderen Zeiten in der mysteriösen Dimension gefangen sind. Das Grundkonzept ist spannend und bietet das bekannte Gefühl japanischer Horrorfilme in Anime-Form. Allerdings dürften für den einen oder anderen Zuschauer die Charaktere vermutlich etwas seltsam agieren. Weder bricht Panik bei ihnen aus, noch versuchen die Protagonisten übermäßig stark, aus der Grundschule zu entkommen. Auf der einen Seite bleiben die Figuren so etwas blass, auf der anderen Seite ist die klare Position gegen Archetypen im Anime-Sektor erfrischend und regt zudem zum Weiterschauen an.

Geschickter Umgang mit Blut und Morden

Obwohl Tortured Souls als Original Video Animation entsprechend für den Heimkinomarkt entwickelt wurde, weist die vierteilige Anime-Veröffentlichung eine durchaus hohe Qualität auf. Unter optischen Gesichtspunkten sorgen beispielsweise sämtliche Hintergründe in der Full-HD-Auflösung dank starker Kontraste und schaurig-schöner Lichteinfällen in der dunklen Szenerie dafür, dass der Zuschauer jederzeit das Gefühl hat, sich wirklich in einer heruntergekommenen japanischen Grundschule zu befinden. Sowohl die Charaktermodelle als auch die Animationen sind jedoch nicht auf demselben Niveau wie die Hintergründe. Den Figuren fehlt es nicht nur inhaltlich an Details und insbesondere die Tötungsanimationen wirken so, als seien sie lediglich Mittel zum Zweck. Mit Blut und herausgerissenen Organen wird in Tortured Souls zwar nicht gegeizt, doch wird im entscheidenden Moment meist abgeblendet. So und nicht anders ist es zu erklären, dass der Anime in Deutschland die Altersfreigabe ab 16 Jahren erhalten hat. Dennoch sollte sich jeder, der einen schwachen Magen hat, sich zweimal überlegen, ob er sich den ekligen Szenen aussetzen will. Fans der Videospielvorlage, etwaigen Survival-Horror-Spielen oder Anime aus dem Horror-Genre dürfen bei Tortured Souls dennoch bedenkenlos zuschlagen, denn trotz einiger holpriger Stellen in der Erzählweise bleibt es bis zum Ende, sowohl im guten japanischen Originalton, als in der angenehmen deutschen Synchronisation, unterhaltsam.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Einerseits ist es schwer, einen Anime zu bewerten, wenn dieser auf einer Videospielvorlage basiert und der Tester diesen Titel nicht gespielt hat. Andererseits ist es wiederum von Vorteil, da so sämtliche Zusammenhänge gleich verstanden werden müssen. Letzteres gelingt der aus dem Hause Asread stammenden vierteiligen Original Video Animation Corpse Party: Tortured Souls von der ersten Minute an. Sämtliche Informationen, die in den Raum geschmissen werden, verbinden sich – trotz so manches holprigen Schnitts zwischen den Szenen – von Folge zu Folge und setzen sich wie ein Mosaik zusammen. Während die Story zwar verständlich ist, bleiben die Protagonisten in der meisten Zeit leider etwas zu blass und verfügen über keinen nennenswerten Hintergrund, der sie zu greifbaren Charakteren machen könnte. Trotz dieser Defizite ist Tortured Souls dennoch ein interessanter und spannender Anime, der sich nicht nur an die Kenner des Videospiels richtet, sondern auch Freunde des japanischen Horrors überzeugen kann.

Vielen Dank an Kazé Anime für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Corpse Party: Tortured Souls!

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