Review: Xenoblade Chronicles 2

Im Januar 2017 wurde Xenoblade Chronicles 2 erst angekündigt und im Dezember desselben Jahres stand es auch schon in den Läden: Nintendo und Monolith Soft hielten ihr Versprechen und statteten die Nintendo Switch im ersten Jahr mit einem ambitionierten Rollenspiel aus.

Das Spiel präsentiert zwar eine Ziffer auf seinem Spielcover, ist aber nur eine geistige Fortsetzung von Xenoblade Chronicles, das 2010 auf der Wii erschienen ist. Es bietet also eine unabhängige Geschichte mit neuen Figuren, bestimmte Konzepte bleiben aber erhalten – so auch der sehr kreative Umgang mit der Gestaltung der Spielwelt. Die Spielwelt Alrest säumt ein endloses Meer aus Wolken, das von monströsen Lebewesen, den Titanen, durchzogen ist. Diese lebendigen und überdimensionalen Erdmassen bieten den Lebensraum für die Bewohner dieser Welt, zu denen sich auch unser Protagonist Rex zählt. Als Bergungstaucher verdient er seinen Unterhalt mit dem Scheffeln längst vergessener Ressourcen aus dem Wolkenmeer, zumindest solange, bis er eines Tages mit einem verlockenden Angebot in einen waghalsigen Auftrag getrieben wird. Alsbald wird er mit dem Konzept der Klingen konfrontiert, die in jener Welt von Alrest den sogenannten Meistern als lebendige Waffen in Kämpfen beistehen. Es dauert nicht lange, bis er selbst zum Meister seiner eigenen Klinge namens Pyra wird. Diese stattet ihn mit besonderen Kräften aus, die sich nicht nur auf seine Kampfkraft, sondern auch auf die Geschichte auswirken. Der außergewöhnlichen Macht dieser Klinge jagen alsbald eine Menge unterschiedlicher Parteien Alrests hinterher, während Rex und der Spieler selbst noch zu verstehen versuchen, was es in Wirklichkeit mit Pyra auf sich hat.

Verzahnte Story

Dieser leicht bekleideten Dame kann Rex allerdings keinen Wunsch abschlagen und macht sich zusammen mit ihr auf eine Reise, um den sagenumwobenen Ort Elysium aufzusuchen. Auf dem Weg dorthin trifft unser Paar nicht nur auf eine Menge unterschiedlicher Figuren mit verschiedenen Gesinnungen, sondern erfahren auch mehr zu den Hintergründen, was die Natur der Klingen und die Spielwelt angeht. Wer mit vorherigen Ablegern aus dem Hause Monolith Soft vertraut ist, der weiß, dass deren Erzählungen zwar gemächlich beginnen, aber bis zum Ende zu einem komplizierten und teils verwirrenden Konstrukt an Handlungssträngen und Charaktermotivationen heranwachsen, die für eine Menge Überraschungen sorgen. In diesem Fall enttäuscht auch Xenoblade Chronicles 2 nicht, auch wenn die ersten Spielstunden nicht zu den besten des Spiels gehören. Hauptsächlich liegt das am enormen Umfang an Spielelementen, die Xenoblade Chronicles 2 bietet und Stück für Stück zur Verfügung stellt. Das Spiel nimmt sich die Zeit, frisch erlernte Mechaniken und Spielsysteme erst einmal auf den Spieler wirken zu lassen, bis diese mit weiteren Elementen ausstaffiert und ausgebaut werden. Das funktioniert im Grunde sehr gut, allerdings dauert es einige Zeit, bis zum Beispiel das Kampfsystem richtig an Tiefgang gewinnt. Die einzelnen Titanen fungieren dabei als kleinere abgeschlossene Spielwelten, die relativ frei erkundet werden können.

Weite Welten

Abgesehen von den Städten sind die üppigen Graslandschaften, Wüsten und weitere sehr kreativ und vertikal gestaltete Landstriche mit zahlreichen Lebewesen gefüllt, die wir zu Teilen auch schon aus anderen Xenoblade-Ablegern kennen. Designtechnisch spielt Monolith Soft hier wieder einmal alle Karten aus. Regelmäßig erkennen wir in der Spielwelt einzelne Körperteile der lebendigen Titanen wieder, die fließend in den Horizont übergehen. Der Weg nach Elysium ist nicht nur mindestens fünfzig bis siebzig Spielstunden lang, sondern auch ziemlich gefährlich, weswegen Rex sehr oft von seiner Klinge Gebrauch machen muss. Das Kampfsystem erlaubt uns insgesamt drei spielbare Figuren mit je drei unterschiedlichen Klingen in die Schlacht mitzunehmen. Die Scharmützel bieten bekannte Kombination aus Runden- und Echtzeitkämpfen, die aus vorherigen Xenoblade-Spielen wie auch manchen Online-Rollenspielen bekannt sind. Stellen wir uns neben einen Gegner, führt unsere Figur automatische Angriffe aus, die aber nur mäßigen Schaden austeilen. Mit jedem Treffer füllen sich allerdings die Balken unserer Techniken, die nicht nur mehr Durchschlagskraft mit sich bringen, sondern auch spezielle Boni im Kampf ausschütten. Während zu Beginn die Kämpfe noch sehr monoton und gleichförmig anmuten, kommen mit jeder Spielstunde weitere Systeme hinzu.

Schlag auf Schlag – System über System

Haben wir genug Techniken eingesetzt, entfesseln unsere Klingen die besonders starken Spezialtechniken – nach der richtigen Nutzung dieser warten die Angriffsketten auf uns. Das Spiel verpasst den Kämpfen Stück für Stück Tiefgang, wobei durch das richtige Lesen gegnerischer Schwächen und das geschickte Kombinieren von Verbündetenfähigkeiten ein tolles Kampfgefühl aufkommt, das von uns aus hauptsächlich über regelmäßiges Mikromanagement der Bewegung und Klickreihenfolge beeinflusst wird. Allerdings erlauben sich die Entwickler ein mittelschweres Verbrechen: Kein Tutorial des Spiels oder andere Erklärungen zu einem der zahllosen Spielsystem ist im Nachhinein noch einmal abrufbar. Auch wenn das Spiel uns anfangs alle Grundlagen gut beibringt, ist es für uns unverständlich, warum es keine Enzyklopädie oder ähnliches gibt, in der wir die eine oder andere Feinheit noch einmal nachschlagen dürfen. Trotz der tollen Welt verbringen wir sehr lange Zeit in den vielen Menüs des Spiels. Dort gibt es extrem viele Individualisierungen für unsere Charaktere und Klingen, die wir selbstverständlich alle optimieren dürfen: Von klassischen Ausrüstungsgegenständen, aktiven und passiven Techniken bis zu Kristallen mit Bonus-Effekten, die wir in unsere Waffen einsetzen, ist alles dabei, was sich Rollenspieler wünschen. In den Städten und Siedlungen des Spiels klappern wir natürlich auch zuerst einmal alle dutzend Händler ab, um unsere Truppe zu optimieren – zumindest solange die Kasse stimmt.

Ein Griff in die Wundertüte

Auch neue Klingen erschaffen wir in den Menüs, indem wir sie aus Kernkristallen unterschiedlicher Seltenheitsstufen beschwören. Welchen Mitstreiter wir dabei erlangen, hängt stark vom Glück ab – wer sich an die seit Star Wars: Battlefront 2 umso mehr gefürchteten Lootboxen erinnert fühlt, der hat das Konzept gut verstanden. Das Spiel kann selbstverständlich nicht mit Echtgeld beeinflusst werden, viel Zeit und Nerven kostet es dennoch, die immer gleichen unbefriedigenden Klingen aus den Kristallen zu pressen. Das ist besonders schade, da die außergewöhnlichen Klingen, zu denen sich auch Pyra und die Hauptklingen unserer Mitstreiter zählen, sehr ausgefeilte Designs und sogar eigene Quests mit sich bringen. Das im Grunde sehr coole Klingen-System birgt einen Haufen unterschiedlicher Spielmöglichkeiten für jeden Spieler. Das Wechseln der Klingen im Kampf wird aufgrund unterschiedlicher Elementar- und Charakterklassen unverzichtbar. Aufgrund des unzuverlässigen Systems zum Erhalten neuer Klingen fühlen wir uns schnell abgeschreckt, neue Exemplare anzustreben. Diese über normale Quests in Aussicht zu stellen, wäre eine wesentlich bessere Option gewesen. Die restlichen Nebenaufgaben sind größtenteils an reguläre Sammelaufträge gebunden, deren Ziele immer Items, Gegner oder Personen sind. Aufgepeppt mit kurzen Handlungen sind diese zwar auch, wer die Textpassagen überspringt, verpasst aber nicht wirklich viel.

Der Anime zum Selberspielen

Xenoblade Chronicles 2 erzählt seine Story in sehr üppigen Zwischensequenzen, die teils mit Humor unterhaltsam aufgelockert werden. Zusammen mit der guten deutschen Übersetzung und der passenden Musikuntermalung fühlt sich das Ganze direkt noch mehr nach einer Fernsehserie aus Japan an. Dem spielt auch das neue bunte Charakterdesign in die Hände, das nach Xenoblade Chronicles X weitaus weniger realistisch anmutet und direkt aus einer Manga- oder Anime-Vorlage entstammen könnte. Neu ist auch der bisher offensivste Umgang mit Fanservice, der die japanische Herkunft des Spiels deutlich macht. Die Designs sind zwar nur reiner Schauwert, aber wenn wir uns die kindlichen Darstellungen der Figuren in den Kopf rufen, wirken die zahlreichen übersexualisierten Modelle noch einmal besonders befremdlich. Für die Musik zeigt sich dieselbe Truppe wie schon bei Xenoblade Chronicles verantwortlich. Die imposanten, dicken Tracks können aufgrund ihrer Präsenz und Unmittelbarkeit kaum noch als Hintergrundmusik bezeichnet werden, missen wollten wir die Musik beim Erkunden der Welt aber auf keinen Fall. Das Spiel besitzt trotz der zahlreichen satten Farben einen einheitlich schönen Stil, allerdings erkennen wir an Gestik und Mimik deutlich, dass Monolith Soft hier noch Luft nach oben gelassen hat. Tolle Lichtstimmungen und der dynamische Tag-und-Nacht-Wechsel lassen die zahlreichen Welten dafür umso schöner wirken und besonders die unterschiedlichen Combos während den Kämpfen sind deftig inszeniert. Im Handheld-Modus läuft zwar eine erkennbar niedrigere Auflösung als im TV-Modus, an diese konnten wir uns nach etwas Spielzeit aber gewöhnen. Die schön große Schriftgröße sorgt dazu für eine angenehme Spielbarkeit.

Geschrieben von Jonas Maier

Jonas‘ Fazit: Xenoblade Chronicles 2 bietet ein fantastisches Spielerlebnis, das durch kleine nervige Nadelstiche aufgerieben wird. Zum Beispiel kann ich mir nicht erklären, wieso wichtige Funktionen erst in einem Untermenü zu finden sind, wenn gleichzeitig drei Tasten die gesamte Spieldauer hinweg mit banalen Steuerungstipps belegt sind. Gleichzeitig ist es umso lustiger, wenn es tatsächlich keine Möglichkeit gibt, Tutorials oder andere bitternötige Erklärungen für die ganzen Spielsysteme irgendwo nachzulesen. Leider wird hier der Navigation in Spielwelt und Menüs einige Steine in den Weg gelegt, die mich immer etwas weiter laufen und mehr Tasten klicken lässt, als es für meinen Geschmack nötig wäre. Dadurch gestalten sich auch einfachste Tätigkeiten immer etwas anstrengender, als sie sein müssten. Der tolle Artstyle, die gigantischen Welten und der Tiefgang vieler Gameplay-Elemente lassen mich aber immer wieder darüber hinwegsehen. Vor allem die Geschichte wird mich dabei immer wieder zurück in die Welt von Alrest verführen. Wer auf überinszenierte Anime-Rollenspiele mit massig Umfang steht, wird sowieso enormen Spaß haben.

 

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