Review: Tiny Metal

Nintendo veröffentlichte jahrzehntelang die Wars-Reihe auf den hauseigenen Konsolen. 2008 endete die Reihe mit Advance Wars: Dark Conflict. Seither muss die Fanbase hungern – einen Umstand, dem sich ausgerechnet der ärgste Konkurrent mit dem Titel Tiny Metal annimmt.

In der Welt von Tiny Metal liegen die beiden Staaten Artemesia und Zipang vermeintlich im Krieg. Was zunächst wie eine Parabel auf den Zweiten Weltkrieg und den Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und dem Kaiserreich Japan anmutet, widerlegt sich im Verlauf der auf etwa fünfzehn bis zwanzig Stunden ausgelegten Einzelspielerkampagne. Nathan Gries, so der Name des Protagonisten, durchlebt den Krieg sowohl in Zipang als auch in Artemesia und muss als Kommandeur allerhand taktische Entscheidungen treffen. Unterwegs lernt er neue Freunde wie die Strategin Wolfram oder Feinde wie den durchtriebenen Waffenhändler Orzio kennen. Vorangetrieben wird die Geschichte über teils ellenlange Dialoge, die allerdings sehr unspektakulär inszeniert sind. Ähnlich wie in der Fire-Emblem-Reihe stehen bei den Dialogen zwei detailarm animierte Charaktere vor abwechslungsarmen Hintergründen nebeneinander, die sich in den Textboxen einen Schlagabtausch liefern. Die Dialoge sind grundsätzlich gut geschrieben, kauen aber zu oft auf einzelnen Themen herum. Von einem Spiel aus dem Jahr 2017 kann in puncto Präsentation und Atmosphäre durchaus mehr erwartet werden. So wirkt die Handlung oft austauschbar und dient eher als Mittel zum Zweck, um von einer Mission zur nächsten überzuleiten. Überraschungen und Wendungen sind definitiv die Ausnahme. Was ebenfalls ärgerlich ist, sind die immer gleichen Missionsziele. Diese laufen durchweg auf das Einnehmen der gegnerischen Basis oder das Besiegen aller Gegner hinaus.

Truppenvielfalt mit einem Schwachpunkt

Ein rundenbasiertes Taktikspiel ist aber nicht hauptsächlich auf die Story angewiesen, da die Kernelemente eines solchen Titels im Gameplay verankert sind und dieses fast über die gesamte Spielzeit hinweg überzeugen. In jeder Mission ist die Ausgangslage unterschiedlich. Manchmal beginnt der Spieler mit einer kleinen Truppe und manchmal müssen die Einheiten mit der Spielwährung erst in Fabriken produziert werden. Sobald leerstehende oder feindliche Gebäude auf der Karte zu sehen sind, sollten sie schleunigst mit der Infanterie eingenommen werden. Dies dauert je nach Truppenstärke mindestens zwei Runden. Sobald das Gebäude annektiert wurde, generiert es pro Runde einhundert Münzen, die dann wiederum in Fabriken in Bodentruppen investiert werden dürfen. Nach ein paar Spielstunden kommen auch noch Flughäfen dazu, die das Taktikspiel um die Luftwaffe ergänzt. Eine Marine gibt es in Tiny Metal jedoch nicht, was aufgrund der großen Landgebiete auch nicht negativ auffällt. Alle Einheiten haben zudem unterschiedliche Stärken und Schwächen. So können Infanteristen zwar kaum etwas gegen Panzerwagen anrichten, doch sind diese wohl kaum gegen die Angriffe von Grenadieren gefeit. Helikopter sind wiederum im Vorteil gegen Bodentruppen, ziehen aber bei Angriffen von Kampfjets den Kürzeren. Obwohl es Spaß macht, mit den verschiedenen Einheiten zu experimentieren, ist im Test negativ aufgefallen, dass meistens der konzentrierte Einsatz der Luftwaffe über Sieg und Niederlage entscheidet.

Taktische Tiefe mit fragwürdiger Designentscheidung

Neben den verschiedenen Einheiten muss auch beachtet werden, dass das Terrain unterschiedliche Eigenschaften aufweist. Flugzeuge können Wasserflächen überqueren, Panzer genießen einen Vorteil auf geteerten Straßen und Berge stellen für sämtliche Einheiten Hindernisse dar. Des Weiteren können Einheiten Schutz in Wäldern oder auf Hügeln suchen, um einen Verteidigungsvorteil zu genießen, sollten sie eine nebenstehende Einheit angreifen oder die Stellung halten. Außerdem ist es möglich, dass mehrere Einheiten per Kreuzfeuer auch ein einzelnes Ziel anvisieren und in einer Runde eliminieren können, ohne dass der Feind zurückschlagen kann. Tiny Metal bietet an vielen Stellen wirklich eine taktische Tiefe, die den Spieler seinen nächsten Zug mehrmals überlegen lässt. Eine nicht nachvollziehbare Designentscheidung ist allerdings, dass die Umgebung zwar logisch peu á peu aufgedeckt wird, doch beim kleinsten und eventuell taktischen Rückzug wieder verdunkelt wird. Um eine Einheit zu retten, ist es hin und wieder notwendig, sie aus der Schusslinie zu ziehen. Wenn dann an dieselbe Stelle und somit neben dem Feind eine andere Figur des Trupps gesetzt werden soll, ist der Gegner nicht mehr zu sehen. So kann die Einheit zwar an die Zielposition geführt werden, darf aber keinen Angriff mehr ausführen, obwohl es klar ist, dass sich die feindlichen Truppen immer noch am selben Ort befinden, da der Gegner schließlich noch nicht am Zug gewesen ist.

Fehlende Langzeitmotivation

Obwohl der Titel ein paar vermeidbare Defizite aufweist, ist er dennoch zugänglich und vor allem einsteigerfreundlich. Sämtliche Kniffe werden zu Beginn der Kampagne in Form von Tutorials verständlich und langsam erklärt. Der Schwierigkeitsgrad von Tiny Metal steigt danach mit jeder Mission an. Während die ersten Aufgaben meistens schnell und einfach erledigt werden können, laufen spätere Aufträge gut und gerne über eine oder zwei Stunden, was auch daran liegt, dass sich die Missionen mehr und mehr zu Materialschlachten entwickeln, sofern aufgestiegene und somit starke Einheiten aufgrund selten kalkulierbarer Fehlentscheidungen vernichtet werden. Neben der Einzelspielerkampagne können auch noch einzelne Gefechte auf unterschiedlichen Kartengrößen und voreingestellten Schwierigkeitsgraden ausgetragen werden. Ein Mehrspielermodus wird zwar seit Release beworben, ist aber auch drei Monate nach Veröffentlichung des Spiels immer noch nicht integriert. Hier muss Entwicklerstudio Unties dringend nachbessern, da gerade Multiplayer-Schlachten die Spielzeit angenehm in die Höhe treiben könnten und die teilweise seltsam agierende künstliche Intelligenz der Computergegner verschwinden lassen. Auf technischer Ebene läuft die PC-Fassung rund: Abseits der Kämpfe punktet das Spiel mit einem süßen und knallbunten Grafikstil, die Bedienung funktioniert zumindest per Controller angenehm und die Musik unterstützt das Kriegsfeeling. Nur der seltsame Wechsel zwischen isometrischer Nahansicht und Vogelperspektive stört bei den Schlachten dann doch zu oft, als das darüber hinweg gesehen werden kann.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der PC-Fassung): Da Nintendo anscheinend kein Interesse mehr daran hat, die Wars-Reihe auf 3DS und Switch fortzuführen, dürfen Taktiker und Strategen bei Tiny Metal ruhig einen Blick riskieren, um ihren Hunger zu stillen. Ganz so grandios wie das Vorbild ist der Titel allerdings nicht geworden, denn dafür gibt es zu viele Ungereimtheiten, die einen immer und immer wieder aus dem Spiel reißen. So ist die Luftwaffe im Vorteil gegen sämtliche andere Truppen auf dem Schlachtfeld und wer zuerst die Flughäfen auf der Karte kontrolliert, gewinnt in der Regel auch den Krieg. Das Verdunkeln von bereits aufgedeckten Kartenstellen während eines Zuges ist eine ebenso unsinnige Designentscheidung, die oft ungewollt zum Verlust von eigenen Truppen führt, die für den nächsten Schritt notwendig waren. Dennoch kann Tiny Metal zumindest zeitweise in seine Suchtspirale ziehen, die auch bei der zwanzigsten Schlacht noch unterhalten kann. Bei einem möglichen Nachfolger, der aufgrund der der Untätigkeit Nintendos ruhig sehr bald kommen darf, sollten die Entwickler jedoch sorgfältiger arbeiten und den Mehrspielermodus ruhig von Beginn an in das Spiel integrieren. Dieser fehlt drei Monate nach Release bedauerlicherweise nämlich immer noch.

Jonas‘ Fazit (basierend auf der Switch-Fassung): Tiny Metal hat auf der Nintendo Switch leider mit einigen technischen Problemen zu kämpfen. Das ist wirklich sehr schade, da das Gameplay im Kern funktioniert und richtig gut unterhält – bis das Spiel wieder einfriert oder die Illusion eines spannenden Matches durch die teils unfähige künstliche Intelligenz der Computergegner zerstört wird. Auch was die Abwechslung auf dem Schlachtfeld angeht, beweist Tiny Metal unfreiwillig, dass Advance Wars und Co eben mehr ausmacht, als nur rundenbasierte Taktik-Kämpfe im modernen Militär-Setting. Die Zielsetzungen sämtlicher Missionen sind zu abwechslungsarm, ebenso wie die Umgebungsarten. Spaß macht das Spiel aber dennoch allemal. Eine Frechheit ist allerdings, dass auch vier Monate nach Release der Mehrspielermodus auch auf der Switch immer noch nicht funktioniert. Hier müssen die Entwickler unbedingt alsbald nachbessern!

Vielen Dank an Sony Music Entertainment für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Tiny Metal!

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