Review: Atelier Lydie & Suelle: The Alchemists and the Mysterious Paintings

Atelier Lydie & Suelle: The Alchemists and the Mysterious Paintings ist der inzwischen neunzehnte Eintrag in der klassischen japanischen Atelier-Videospielereihe – und damit ein weiteres kunterbuntes Rollenspiel-Gebräu, das so nur aus Japan stammen kann.

In dieser Reihe funktionieren die Erzählungen pro Spiel erfreulicherweise auch unabhängig von den Vorgängern und verlaufen alle nach einem vergleichbaren Prinzip. Der Spieler nimmt die beiden jungen aber ehrgeizigen Alchemie-Schwestern Suelle und Lydie an die Hand und hilft ihnen dabei, ihren Traum, ein erfolgreiches Atelier zu betreiben, in die Tat umzusetzen. Das Ganze spielt in einer der unzähligen westlichen Versionen des fiktiven Mittelalters mit der Besonderheit, das in dieser Welt die Alchemie ein elementarer Bestandteil des Lebens einnimmt. Werden die richtigen Zutaten in einen Kessel geworfen, entstehen dabei nicht nur sinnvolle Alltagsgegenstände wie Lebensmittel oder Stoffe, sondern gar komplexe Gebilde wie Malpinsel und Angelruten – so oder so lässt sich das alles zu Geld machen. Andere Alchemisten haben das auch erkannt, weswegen ein spaßiger und neckischer Konkurrenzkampf gegen andere Atelier-Besitzer nicht aufzuhalten ist. Der Vater der Geschwister ist dabei keine wirkliche Hilfe. Während er die Alchemisten-Arbeit und Misserfolge gerne auf seine Töchter abwirft, verbringt er seine meiste Zeit lieber im Keller und bastelt an einem mysteriösen Gemälde herum, das anscheinend den Zugang zu einer ganz anderen Welt ermöglicht. Im Gegensatz dazu hat die Mutter der Familie schon vor Jahren die Welt der Lebenden verlassen – und so liegt es an den Zwillingen, für das täglich Brot zu sorgen.

Kleptomanische Sammelsucht

Um neue Gegenstände erschaffen zu können, müssen zuvor allerdings erst einmal alle wichtigen Grundzutaten eingesammelt werden. Diese sind in den umliegenden Gebieten und Ländereien zu finden, die sich den Schwestern Stück für Stück öffnen und so den Zugang zu neuen Materialien freigeben. Während eines Trips in diese Regionen können in den überschaubaren abgegrenzten Gebieten an unzähligen Stellen Ressourcen gefördert werden. Egal ob Blumen in allen Farben, Erze, Insekten, Hinterlassenschaften toter Tiere oder bestimmte Chemikalien, alles wird schnurstracks in den Beutel gestopft. Selbstverständlich bietet dieser nur ein begrenztes Volumen, sodass der Spieler schnell lernt, nicht jeden gewöhnlichen Gegenstand einzusacken, sondern auch noch Platz für die selteneren Fundstücke im hinteren Bereich der Gebiete zu lassen. Dieses kontinuierliche Sammeln entfacht eine gewisse Sogwirkung, denn es gibt wohl kaum jemanden, der nicht gerne unzählige Gegenstände einsammelt und sich daran daheim erfreut. Die Herausforderung besteht dabei mittelfristig sich auch selbstständig zu merken, wo die wichtigen Materialen im Gebiet versteckt sind – und gegen die wilden Kreaturen der Regionen anzukommen. Seit jeher bietet die Atelier-Reihe auch ein rundenbasiertes, simples, aber flottes Kampfsystem. Das hat sich in Atelier Lydie & Suelle: The Alchemists and the Mysterious Paintings nicht geändert.

Weiche Oberfläche, harter Kern

In Kämpfen nimmt die pistolenschwingende Suelle eindeutig eine aggressive Rolle ein, während Lydie per Magie Unterstützungsmagie wirkt. Sobald sich die alchemistischen Fähigkeiten der Zwillinge auch in der Stadt herumgesprochen haben, schließen sich den Zwillingen auch andere Figuren im Kampf an, die alle ihre spezifischen Rollen besitzen. Besiegte Gegner hinterlassen neben Erfahrungspunkte auch weitere Materialien, die natürlich sofort eingesackt werden. Neben diesen Gebieten ist auch die Stadt wahlweise mit Lydie oder Suelle frei erkundbar, fungiert aber hauptsächlich als Verbindungsstück zwischen den wichtigen Einrichtungen, die aber auch schnell per Fernreise angesteuert werden können. Am wichtigsten sind der königliche Vorhof und der Quest-Aushang, an dem unzählige kleinere Botengänge ausgeschrieben sind. Es ist der beste Ort, um sich regelmäßig etwas Geld zu verdienen, denn viele dieser Aufgaben erledigen sich beim normalen Abgrasen der Gebiete von selbst. Im Schloss selbst erwarten den Spieler die umfangreicheren Alchemie-Herausforderungen, die langfristig vorbereitet werden wollen und Wert auf die Qualität der hergestellten Items legen. Ansonsten leben in der Stadt einige Händler und andere Figuren, um mit ihm ein Schwätzchen zu halten. Das nimmt teilweise überhand: Auch nach dem ausgedehnten Tutorial wird der Spielfluss regelmäßig von automatischen Gesprächs-Zwischensequenzen unterbrochen. Diese helfen zwar, um die Geschwister und andere Figuren in Alltagssituationen zu charakterisieren, nerven aber durch ihre Anzahl und lenken von aktuellen Aufgaben ab.

Bilderwelten

Ein wichtiger Teil der Spielerfahrung findet am heimatlichen Koch-Kessel statt. Unzählige Rezepte geben vor, welche Zutaten in welcher Anzahl in den Topf geworfen werden sollen. Auch Objekte derselben Art unterscheiden sich in Qualität und besonderen Merkmalen, die zusammen mit dem Katalysator und einem anschließenden raschen Minispiel Auswirkungen auf die Endprodukt-Qualität und etwaigen Bonus-Effekten haben. Hergestellt werden simple Verbrauchsgegenstände wie Heil- und Angriff-Items, weitere Koch- und Handwerkszutaten oder besondere Items für Quests. Die geheimnisvollen Gemälde-Welten, auf die der Spieler recht schnell Zugriff bekommt, bieten mehr Materialen, stärkere Gegner und vor allem abwechslungsreichere Szenarien. Das erste, ein Halloween-Level, stellt die Wald- und Wiesen-Umgebung der Stadt direkt in den Schatten und regt im Spieler automatisch die Neugier, welche Ideen noch alles auf ihn warten. Diese sind allesamt quietschbunt, das urjapanische Spiel ist sich seinem veralteten technischen Grundgerüst und seiner klischeehaften Anime-Note dabei stets bewusst. Der daraus resultierende Humor des plumpen Figuren-Designs und hölzerne Animationen wirken dahingehend fast schon ironisch. Auch für die absurd überzeichneten Kostüme und Outfits, in die sich alle Figuren zwängen, gilt dieser Fakt. Die Mimik bleibt dabei umso starrer. Wer sich im Vorfeld nicht bewusst wird, dass das grundlegend spaßige Atelier Lydie & Suelle: The Alchemists and the Mysterious Paintings einmal mehr das stolze Erbe der PlayStation-2-Ära antritt, könnte auf einem falschen Fuß erwischt werden.

Geschrieben von Jonas Maier

Jonas’ Fazit (basierend auf der PlayStation-4-Version): In Lydie & Suelle: The Alchemists and the Mysterious Paintings stellt sich alsbald der gewohnte Gameplay-Loop ein, wie er von der Reihe seit jeher gepflegt wird. Das Spiel bietet ein angenehmes Pacing mit freischaltbaren Gebieten, zu erledigenden Aufgaben und dem Synthetisieren neuer Gegenstände, sodass jede Sammel-Tour in die Ländereien unterhält. Obwohl sich durch das Abarbeiten der Quests und vieler kleiner aufgelisteten Tätigkeiten irgendwann das Gefühl von echter Arbeit nicht mehr von der Hand weisen lässt, wirkt der Titel trotzdem auf eine wundersame Art und Weise entspannend. Zu beachten ist allerdings, dass das Spiel in englischer Sprache vorliegt, wobei die Vokabeln der unzähligen Gegenstände nicht immer zum englischen Allgemeinwissen gehören. Auch die schroffe Optik und die desolate Technik sind zu beanstanden. Dafür gefallen die spielerischen Details von Entwickler Gust: Die Wahl des spielbaren Geschwister-Teils bietet nicht nur charakterliche Unterschiede, sondern hat neben der Variation im Kampf auch kleinere spielerische Auswirkungen, die nett anzusehen sind. Wer allerdings nach den ersten Stunden mit dem Titel immer noch motiviert die Gebiete nach seltenen Materialien umdreht, wird so schnell von dem Spiel nicht mehr loskommen.

Vielen Dank an Deep Silver für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Atelier Lydie & Suelle: The Alchemists and the Mysterious Paintings!

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