Review: The Lion’s Song

Verlässt sich ein Point-and-Click-Adventure weniger auf seine Rätselmechanik, sondern mehr auf seine Charaktere, kann das den Spieler zeitweise ermüden. The Lion’s Song von Publisher und Entwickler Mi’pu’mi Games aus den Jahren 2016 und 2017 kann trotz mauer Knobeleien mit bewegenden Schicksalen in einer gut erzählten Handlung jeden Fan des Genres begeistern.

The Lion’s Song thematisiert am Vorabend des Ersten Weltkriegs das Schicksal vierer Staatsbürger der Doppelmonarchie Österreich-Ungarns. Aufgeteilt ist die Geschichte in vier Episoden, die zwar zum Teil unabhängige Geschichten erzählen, aber dennoch auf intelligente und manchmal sogar zufällige Art und Weise miteinander verzahnt sind. In der ersten Folge des in vier Episoden aufgeteilten Spiels lernt der Spieler die junge Komponistin Wilma Dörfl kennen, die sich auf Wunsch ihres Mentors Arthur Caban auf eine Hütte in den Bergen zurückzieht, um abgeschieden von der Welt an einem neuen Musikstück zu arbeiten. Damit die frische Komposition glücken kann, muss Wilma sämtliche Geräusche identifizieren und sich davon abschotten. Je nachdem wie aufmerksam der Spieler in typischer Point-and-Click-Adventure-Manier die Umgebung absucht, entdeckt er womöglich Hinweise auf eine Verbindung zu einer Nebenfigur, die in der zweiten Episode des Spiels auftritt. In dieser Folge schlüpft der Spieler wiederum in den aufstrebenden Maler Franz Markert, der in seinen Modellen verschiedene Facetten sieht, die er herauslesen muss, um sein nächstes Kunstwerk auf die Leinwand zu zaubern. Damit dies gelingen kann, muss der Künstler sich jedoch zunächst selbst finden – inklusive eines Besuchs bei Tiefenpsychologe Sigismund Schlomo Freud.

Intelligente und verzahnte Erzählweise

Eng mit der zweiten Episode ist auch der dritte Part des Spiels verbunden, was vor allem an der offeneren Spielwelt zu erkennen ist. Während die erste Episode fast ausschließlich in der kleinen Berghütte spielt, lädt im zweiten und dritten Spielabschnitt die Stadt Wien zur Erkundung ein. So kann der Spieler selbst entscheiden, welche und auch in welcher Reihenfolge er Lokalitäten in der Stadt an der Donau aufsuchen möchte. Trotzdem bleibt die Erzählung auch im Mittelteil von The Lion’s Song sehr stringent, weicht aber je nachdem, welche Entscheidungen der Spieler trifft, leicht bis stark in der Ausführung voneinander ab. Die Überschneidungen der einzelnen Schicksale sind besonders in der dritten Episode zu sehen, in der der Spieler in die Haut von Mathematikerin Emma Recniczek schlüpft, der es zum Erfolg in einer von Männern dominierenden Welt zu verhelfen gilt. Wie genau sie den Maler aus der vorherigen Folge beeinflusst, ist so clever und überraschend in die Erzählung eingebaut, dass dem Staunen schwer zu entkommen ist. Krönender Abschluss stellt die vierte und letzte Episode der Anthologie dar, die alle Geschichten auf der einen Seite Revue passieren lässt und auf der anderen Seite weitere Verbindungen aufwirft. Handlungstechnisch überzeugt der Titel also mit spannenden Geschichten, vielschichtigen Charakteren und tiefgründigen Dialogen.

Verzaubernde Präsentation, aber schmalspurige Rätsel

The Lion’s Song begeistert aber nicht nur mit der Handlung, sondern auch wie diese grafisch und akustisch umgesetzt wurde. Auch wenn Musik, alleine schon aufgrund des Titels, einen wichtigen Stellenwert einnimmt und jede Einstellung mit heiteren und düsteren Klängen passend zur jeweiligen Situation unterlegt, sticht vor allem der einzigartige Stil heraus. Der Artstyle, der als Sepia-Pixel-Look bezeichnet werden darf, verblüfft sowohl mit seinen bräunlich-gelblichen Tönen als auch mit wundervollen Animationen, die an Computerspiele der 1980er- und 1990er-Jahre erinnern. Dazu verzichtet das Design weitgehend auf die Einblendung von Bildschirmanzeigen, die sich schlussendlich auf angezeigte Texte und seltene Rätsel reduzieren lassen. Letzteres ist leider auch der große Knackpunkt des Spiels, denn hauptsächlich begleitet der Spieler die Charaktere nur von einem Ort zum anderen und klickt nur hier und da ein Objekt an, mit dem es zu interagieren gilt. Viele Rätsel verstecken sich in den Dialogen, in denen es Entscheidungen zu treffen gilt. Vergisst der Spieler die Gegend zu erkunden oder wählt die ‚falschen’ Dialog-Optionen, werden einzig und allein nicht alle Verbindungen aufgedeckt, die er in einem separaten Museum bestaunen darf. Da einem die Charaktere ohnehin schnell ans Herz wachsen, erhöht dies Wiederspielwert angenehm. Letztlich darf nur noch bemängelt werden, dass das Point-and-Click-Adventure über keine Sprachausgabe verfügt. Österreichische Dialekte hätten das Abenteuer sicher doppelt so charmant gemacht.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch-Fassung): The Lion’s Song ist ein sehr schönes Point-and-Click-Adventure geworden, das weniger mit seinen Rätseln, sondern viel mehr mit seiner spannenden Handlung, wunderbaren Charakteren und tiefgründigen Dialogen überzeugen kann. Dies spiegelt sich auch in vielen kleinen Details wie historischen Persönlichkeiten wieder, denn unter anderem darf sich der Spieler einer Psycho-Analyse bei Freud unterziehen oder mit Gustav Klimt in einem Salon über Kunst plaudern. Hinzu kommt, dass das kurz vor dem Ersten Weltkrieg spielende Abenteuer in einem Sepia-Pixel-Look gestaltet ist, um die Differenz zum historisch-fiktiven Geschehen auszudrücken. Leider haben es die Entwickler versäumt, die Rätselmechanik umfangreicher zu gestalten. Außerhalb von Dialogen, die leider nicht einmal vertont sind, gibt es nur sehr wenig für den Spieler zu untersuchen und noch weniger miteinander zu kombinieren. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, kommt in den Genuss eines wirklich gut erzählten Abenteuers mit tollen Charakteren, die aufgrund ihrer bewegenden Schicksale am Ende des Spiels durchaus zu Tränen rühren können.

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