Review: Sega Mega Drive Classics

Regelmäßige Veröffentlichungen von Retro-Konsolen im Miniaturformat, Remakes von älteren Spielen und nicht selten Zusammenstellungen von ausgewählten Klassikern lassen uns auf einer nicht abnehmenden Nostalgiewelle reiten. Die Videospielsammlung Sega Mega Drive Classics für die Switch fällt ebenso in diese Kerbe, schöpft aber nicht alle Möglichkeiten aus.

Im November 2006 hat der einstige Konsolenhersteller Sega die Zeichen der Zeit erkannt und verschiedene Klassiker seiner 16-Bit-Konsole Mega Drive für PlayStation-2-Spieler verfügbar gemacht. Während Besitzer einer Nintendo Wii nur wenige Wochen nach Veröffentlichung dieser Sammlung ausgewählte Titel aus Segas Mega-Drive-Fundus im Wii-Shop-Kanal erwerben konnten, kamen PlayStation-3- und Xbox-360-Spieler ab Februar 2009 mit der Sega Mega Drive Ultimate Collection sehr viel günstiger davon. Mit der erneuten Vermarktung einer solchen Sammlung, diesmal unter dem neuen Decknamen Sega Mega Drive Classics, macht Sega seit Mai 2018 auch Besitzer einer PlayStation 4 oder Xbox One glücklich. Die Nintendo-Switch-Fassung ließ – wie so oft auch – ein halbes Jahr auf sich warten, ist seit dem 6. Dezember 2018 aber ebenfalls für jedweden Nostalgiker verfügbar. Die Unterschiede zu den Fassungen für die Konkurrenzkonsolen fallen, zumindest auf den ersten Blick, sehr marginal aus. Sobald das Spiel gestartet ist, landen wir in einer verspielten Menüstruktur respektive in einem Zimmer, das mit wichtigen Einrichtungsgegenständen wie einem Röhrenfernseher oder einer Videospielregal ausgestattet ist. So oder so ähnlich hätte auch das Zimmer eines Sega-Fans in den 1990er-Jahren aussehen können. Je nachdem welchen Bereich des Zimmers wir auswählen, können wir unterschiedliche Aktionen oder Anpassungen durchführen.

Fantastische 16-Bit-Zeitreise

Zu den Sega Mega Drive Classics zählen ungefähr fünfzig Klassiker, die mal mehr und mal weniger die Qualität der 1988 erstmals in Japan veröffentlichten Konsole darstellen. Mit an Bord ist beispielsweise die Beat-’em-up-Trilogie Streets of Rage, die insbesondere mit ihrem stark paralysierenden Soundtrack Anfang der 1990er-Jahre für offene Münder sorgte. Auch der künstlerisch wertvolle Geheimtipp Comix Zone, in dem wir uns von einem Comic Panel zum nächsten hangeln, ist mit von der Partie. Fans von Jump ’n’ Runs kommen hingegen in den Genuss der ersten beiden Ableger von Sonic the Hedgehog und dürfen mit dem blauen Igel das rasante Tempo der Reihe in ihren Anfängen erleben. Rollenspieler werden nicht nur mit dem zweiten, dritten und vierten Teil der unter Sega-Fans beliebten Rollenspielreihe Phantasy Star bedient, sondern dürfen auch erneut die Abenteuer in Sword of Vermilion oder Fatal Labyrinth durchleben. Wer dringend Abwechslung von der das Genre dominierenden The-Legend-of-Zelda-Serie benötigt, kommt mit The Story of Thor in den Genuss eines frühen konkurrenzfähigen Action-Adventures. Strategen planen ihren Feldzug gegen das Böse hingegen in den beiden Shining-Force-Ablegern. Kampfeslustige Naturen erfreuen sich stattdessen am zweiten Eintrag der Virtua-Fighter-Serie und prügeln sich mit Akira Yūki und Co einmal rund um die Weltkugel. Mit Columns und Dr. Robotnik’s Mean Bean Machine sind zudem zwei süchtigmachende Puzzle-Spiele mit an Bord.

Ungenutzte Chancen

So gut wie die Auswahl an unterschiedlichen Genres bei den Sega Mega Drive Classics auch ist, fehlen wichtige Titel in dieser Sammlung erneut. Beispielsweise liegt auch dieses Mal kein einziges Rennspiel bei. Super Hang-on oder Out Run hätten das Gesamtpaket sehr stark aufgewertet und zumindest ein Ableger der Ecco-the-Dolphin-Reihe hätte seinen Weg in die Kollektion finden dürfen. Ärgerlich ist auch, dass das unter Fans beliebte Sonic the Hedgehog 3 erstaunlicherweise kein Bestandteil dieser Veröffentlichung ist. Leider betrifft das Fehlen auch Titel, die schon mal Teil der Veröffentlichung war: Bei den PlayStation-3- und Xbox-360-Ausgaben hatte Sega sogar noch Arcade- und Master-System-Spiele als freispielbare Boni implementiert, die vollständig wegrationalisiert worden sind. Wer also darauf gehofft hatte, das erste Phantasy Star oder gar die ebenso spielenswerte The-Legend-of-Zelda-Alternative Golden Axe Warrior auf der Cartridge zu entdecken, wird wohl sehr enttäuscht sein. Absolut unverständlich ist aber in jedem Falle die Abwesenheit von Wonder Boy III: Monster Lair und Wonder Boy in Monster Land, obwohl beide Werke fester Bestandteil der PlayStation-4- und Xbox-One-Fassung sind. Publisher Sega kommentiert das Fehlen dieser beiden Titel mit keinem einzigen Wort. Unverschämt ist in diesem Zusammenhang, dass die Sammlung von Sega auf der Produktseite auf Nintendos deutschsprachiger Homepage als „größte Auswahl von Retro-Klassikern” beworben wird, was faktisch nicht richtig ist.

Tolle Emulation und praktische Funktionen

Trotz der mehr oder weniger kleinen Flunkerei gibt es aber noch weitere Kritik, denn obwohl das Freispielen von zusätzlichen Titeln entfällt, hat Sega die Lücke nicht mit anderen Boni gefüllt. Interviews mit Entwicklern, Konzeptzeichnungen, eingescannte Anleitungen oder sonstiges Bonusmaterial hätte die Kollektion wunderbar ergänzen können, zumal Segas Sammlung nun schon zum wiederholten Male auf einer weiteren Plattform erscheint. Da ging Capcom bei seinen Collections wesentlich sorgfältiger und liebevoller vor, hier hätte sich Sega ruhig eine Scheibe abschneiden können! Obwohl das alles sehr negativ klingt, hat der japanische Konzern unter technischen Gesichtspunkten aber sehr viel richtig gemacht. Da es sich bei den über fünfzig enthaltenen Spielen allesamt um verhältnismäßig alte Spiele handelt, die auf einer schwächeren Hardware liefen, müssen diese logischerweise emuliert werden. Sega überlässt uns beim Emulator beispielsweise die Wahl, ob wir mit der originalen Auflösung spielen wollen oder ob wir die Pixel-Anzahl vervielfachen möchten. Ebenso dürfen wir die Kantenglättungsfunktion nutzen oder Scanlines hinzufügen, um das Gefühl zu vermitteln, wir würden auf einem Röhrenfernseher spielen. Selbst die Wölbung des betagten Monitors lässt sich einstellen. Sekundengenaue Vor- und Zurückspulfunktionen und die Option, jederzeit einen Spielstand anzulegen oder diesen zu laden, machen die Sega Mega Drive Classics trotz geringfügiger Kritik bei der Auswahl an Spielen und Boni zu einem wahren Genuss!

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch-Fassung): Im direkten Vergleich mit der fantastischen Videospielbibliothek des Super Nintendos zieht das Sega Mega Drive als 16-Bit-Konsole definitiv den Kürzeren. Dennoch gibt es auch auf Segas Konsole einige Titel, die jeder unbedingt einmal gespielt haben sollte. Phantasy Star IV: The End of the Millennium, Sonic the Hedgehog 2 oder The Story of Thor sind nur drei der über fünfzig enthaltenen Titel dieser Kollektion, die mir sehr viel Freude bereiten. Es kommen gelungene Optionen hinzu, die Spiele zu emulieren, und schließlich Möglichkeiten, jederzeit speichern oder laden zu können. Schade ist aber, dass Sega es bei der erneuten Veröffentlichung versäumt hat, wichtige Spiele wie Out Run hinzuzufügen. Stattdessen fehlen sogar zwei Titel komplett, die in derselben (!) Collection auf der PlayStation 4 und Xbox One enthalten sind. Wer also in den vollständigen Genuss dieser Ausgabe der Sega Mega Drive Classics gelangen will, muss wohl oder übel fremdgehen – oder gar auf frühere Kollektionen des Konzerns zurückgreifen, um auch die freischaltbaren Spiele abzugreifen. In allen anderen Belangen kann aber auch die Switch-Fassung durchweg überzeugen und viel Spaß machen!

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