Review: Gōshō Aoyama’s Collection of Short Stories

Zwischen 1994 und 2011 entwarf Manga-Zeichner Aoyama Gōshō mehrere Kurzgeschichten. Sieben davon haben es in Gōshō Aoyama’s Collection of Short Stories geschafft, die im April 2019 auch in Deutschland veröffentlicht wurde und den Geist der 1990er-Jahre einfängt.

In der ersten Kurzgeschichte mit dem Titel „Warte kurz auf mich“ dreht sich alles um den erst fünfzehnjährigen Wissenschaftler Takai Yutaka. Dieser hat eine Zeitmaschine entwickelt, mit der er beim ersten Testversuch zehn Sekunden in die Zukunft reist. Daraufhin plant er, seine nächste Reise zwei Jahre in die Vergangenheit zu programmieren. Der Grund für seinen Plan ist denkbar einfach, denn immer wenn er mit seiner zwei Jahre älteren Freundin Abe Mamiko ausgeht, wird er von irgendwelchen Mitschülern ausgelacht. Deshalb will er seinen Platz mit dem seines dreizehnjährigen Ichs austauschen, um mit Mamiko aufzuschließen. Als diese von seinem Plan erfährt, passiert jedoch das Unglaubliche. Sie entscheidet sich, selbst durch die Zeit zu reisen und verschwindet daraufhin erst aus der Zeit und dann aus den Gedanken ihrer Familie, ihrer Freunde und schließlich auch aus Yutakas Gedächtnis. Ein Kampf gegen das Vergessen, Erinnerungen an die Liebe und eine Prise Science-Fiction machen die gleich 23 Minuten lange Short Story aus. Im krassen Gegensatz dazu steht die zweite Episode, die mit sieben Minuten auskommen muss. In „Der unheimliche rote Schmetterling“ muss Kudō Yūsaku, viele Jahre vor Shin’ichis Geburt, ein Rätsel lösen, das ihm eine mysteriöse Frau per Telefon stellt. Um wen es sich dabei handelt, sollten Gōshō-Fans aber selbst herausfinden.

Eine Abstrusität kommt selten allein

Nach der wirklich kurzen Short Story ist die dritte Episode „Weihnachten im Sommer“ mit 25 Minuten direkt mehr als viermal so lang. Oberschüler Hara Keisuke versucht eine verflossene Liebschaft zu verarbeiten, fährt mit seinem Motorrad fort und wird kurz darauf in einen Unfall mit einem Mann namens Gray verstrickt, der dann auch noch im ganzen Chaos aus Versehen Keisukes Telefonkarte schnappt und dem Oberschüler ein alkoholisches Getränk in die Hand drückt. Keisuke denkt natürlich nur an seine Ex-Freundin und will diese an der nächsten Telefonzelle anrufen, bemerkt dabei jedoch nicht, dass er gar nicht mehr über seine Telefonkarte verfügt, sondern nur über Grays Karte, die einen Satelliten aktivieren kann, um die Erde zu zerstören. Das ist natürlich alles großer Humbug, passt aber hervorragend in den Rahmen einer Short Story. Weiter geht es mit Abstrusitäten in „Detektiv Georges großer Mini-mini-Coup“, denn in dieser Episode landet die junge Frau Ashikawa Asami auf der Flucht vor bösen Männern in schwarzen Anzügen in der Privatdetektei von Kirishima George, der aber gerade einmal 15 Zentimeter groß ist. Seine Körpergröße sorgt für äußerst ulkige Situationen, denn wenn der Privatdetektiv – warum auch immer – über ein Auto in normaler Größe verfügt, es aber nicht fahren kann, oder an einer handelsüblichen Zigarette zieht, bleibt einfach kein Auge trocken.

Verzahnte Erzähltechnik

Anhand der vierten Episode im Bunde ist auch sehr gut die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen für Aoyamas Geschichten zu erkennen. Bei der fünften Kurzgeschichte handelt es sich wieder um ein Intermezzo, da es mit circa neun Minuten erneut sehr kurz ausfällt. In „Die zehn Wandelsterne, die in den Nachthimmel fliegen“ steht Kudō Yukiko im Mittelpunkt der Erzählung, die ähnlich wie ihr Ehemann in der zweiten Kurzgeschichte ein Rätsel lösen muss. Interessant ist, dass auch ihr Sohn Shin’ichi mit von der Partie ist, der schon als Baby Lust darauf verspürt, Fälle zu lösen. In der sechsten und somit vorletzten Episode des Pakets geht es um die Oberschülerin Tsurugi Michiko und ihren Großvater Sanjūrō. Michiko möchte nicht, dass Sanjūrō in ihrer Schule auftaucht. Dieser bietet ihr an, ihn in einem Schwertkampf zu besiegen, dann würde er ihrer Schule fernbleiben. Da er wesentlich mehr Erfahrung hat, überlistet sie ihn im Schwertkampf. Enttäuscht bleibt er zurück und wünscht sich, wieder jung zu sein. Ob ihm dieser Wunsch in Erfüllung geht, welche Erfahrungen Sanjūrō macht und in welcher Weise die Geschichte mit der von Detektiv George verbunden ist, wird peu á peu erklärt. Zu guter Letzt wartet noch die Short Story „Detektiv Conan Making-of: Das mysteriöse Mordkomplott“. Der Titel hält mit einem Augenzwinkern und Humor was er verspricht.

Zeitgeist der 1990er-Jahre

Unter optischen Gesichtspunkten geben alle Kurzgeschichten den Geist der 1990er-Jahre wieder. Trotz der Auflösung in 1080p wird das Geschehen im 4:3-Bildformat dargestellt, was aufgrund der gestochen scharfen Hintergründe und Charakterzeichnungen altersbedingt aber nicht zu sehr ins Gewicht fällt. Der typische Zeichenstil von Aoyama Gōshō, der insbesondere an den markanten Augen der Charaktere zu erkennen ist, macht auch in den Kurzgeschichten eine gute Figur. Hinzu kommen Spezialeffekte wie Spiegelungen, Regentropfen, aufblinkende Lichter und dergleichen, die den Charme untermauern. Auch an populärkulturellen Referenzen wie die Batman- oder James-Bond-Filme wurde nicht gespart. Akustisch werden alle Szenen mit der passenden Musik im Tonformat DTS-HD Master Audio 2.0 unterlegt. Beispielsweise sind ruhige Momente mit entspannten Klängen ausgestattet, während Verfolgungsjagden mit einem hitzigen und adrenalingeladenen Soundtrack aufwarten. Bei den Synchronsprechern wurden sowohl die deutschen als auch die japanischen Stimmen für die Figuren hervorragend ausgewählt, sodass der Zuschauer nicht aus der Atmosphäre gerissen wird. Leider gibt es weder digitale und laut Herstellerangaben auch keine physischen Boni. Das ist sehr, sehr schade, denn vor allem ein Interview mit Aoyama Gōshō hätte das Paket mit seinen äußerst unterhaltsamen Geschichten super abgerundet.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Blu-ray-Fassung): Aoyama Gōshōs Zeichenstil ist vor allem durch die zahlreichen Detektiv-Conan-Episoden weltbekannt, doch zeigt der Künstler in den Kurzgeschichten, dass dieser Stil wie eine Schablone auch auf andere Szenarien passt. An allen Ecken und Enden ist in Gōshō Aoyama’s Collection of Short Stories zu erkennen, dass er nicht ganz auf die Figur Detektiv Conan verzichten will, setzt diesen aber überaus sparsam ein. Stattdessen stehen andere Charaktere im Mittelpunkt der Geschichte. Angesiedelt in den späten 1990er-Jahren müssen sich Oberschüler, Privatdetektive, Wissenschaftler, Großväter und Töchter von Bandenchefs ihre Probleme untereinander und miteinander lösen. Dieser Ansatz ist erstaunlich frisch, weshalb es wünschenswert wäre, wenn Aoyama nach hunderten Fällen seine Figur Detektiv Conan in Rente schicken würde und sich stattdessen auf neue Charaktere konzentrieren könnte. Aoyamas Kurzgeschichten zeigen wunderbar, mit welcher Hingabe er sich auf andere Figuren einlässt – und das müssen selbst beinharte Fans von Aoyama und seiner Detektiv-Conan-Reihe anerkennen, die um Gōshō Aoyama’s Collection of Short Stories keinesfalls herumkommen!

Vielen Dank an Kaźe Anime für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Gōshō Aoyama’s Collection of Short Stories!

 

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