Review: Tōkyō Mirage Sessions #FE

Ende 2015 erschien Tōkyō Mirage Sessions #FE erstmals in Japan. Ein halbes Jahr später schaffte es das einstige Wii-U-Exklusivspiel auch nach Europa. Als Nischentitel verschwand das Rollenspiel aber schnell in der Versenkung – und wird daher auf der Switch wiederbelebt.

Im Januar 2020 veröffentlichte Nintendo das Rollenspiel Tōkyō Mirage Sessions #FE Encore, das eine bunte Mischung aus Fire Emblem und Shin Megami Tensei darstellt, auch für die Switch. Bis auf leichte Ergänzungen bleibt storytechnisch jedoch alles beim Alten. Nach wie vor schlüpfen wir in die Haut von Aoi Itsuki, der im Herzen von Tōkyō lebt und seiner Freundin Oribe Tsubasa bei ihrer Idol-Karriere unterstützt. Durch ein Unglück werden beide Charaktere in eine Idolasphere gezogen. Hierbei handelt es sich um eine Parallelwelt, die außerhalb von Zeit und Raum besteht. In der Idolasphere herrschen die titelgebenden Mirages, die nichts weiter als Monster und Dämonen sind. Obwohl die Lage für beide aussichtslos erscheint, erwachen in diesem Moment ihre Performa, womit es ihnen gelingt, jeweils ein Mirage zu unterwerfen, die dann an ihrer Seite kämpfen. Das klingt reichlich abgefahren und das ist das knallbunte Rollenspiel auch. Kurz nachdem ihr Freund Akagi Tōma, ebenfalls ein Mirage Master, sie aus der Idolasphere rettet, kommt es in Japans Hauptstadt zu mehr und mehr Vorfällen. Angeleitet von der Talentagentur Fortuna Entertainment bekämpfen wir in Tōkyō beziehungsweise den dort verorteten Sphären die gefährlichsten aller Mirages. Aufgelockert wird das Abenteuer mit zahlreichen Intermezzos, die sich um die Karriere aller Charaktere dreht. Hierbei wird deutlich, dass das Spiel auf Musik, Gesang und Schauspiel setzt.

Schwaches Dungeon-Design

Auch wenn das Rollenspiel, wie sein Titel bereits suggeriert, in der Metropole Tōkyō spielt, ist die Spielwelt mit Auszügen des Stadtbezirks Shibuya und dem kleineren Stadtteil Harajuku äußerst überschaubar. Hier und da können wir Quests annehmen oder Nebengeschichten erleben, beim Juwelier neue Accessoires erwerben und uns im Supermarkt mit nützlichen Items eindecken. Ansonsten sind Verkaufsautomaten, an denen wir mit erfrischenden Drinks unsere Wunden heilen, das Höchste der Gefühle. Sobald wir eine Idolasphere betreten, wird der Hauptaspekt des Spiels deutlich. Tōkyō Mirage Sessions #FE ist ein Dungeon Crawler wie er im Buche steht. Wie für die Shin-Megami-Tensei-Reihe üblich, bewegen wir uns hier aus der Verfolgerperspektive durch fast durchweg orthogonal aufgebaute Dimensionen. Der Aufbau ist in den meisten Fällen eher ideenlos und wird von fast genauso inspirationslosen Schalterrätseln unterstützt. Es macht zwar Spaß, einen Dungeon einmalig zu durchqueren, doch ziehen die Rätsel das Geschehen unnötig in die Länge. Wollen wir beispielsweise auch den entferntesten Schatz einheimsen, müssen wir häufig hin und her rennen, Schalter erst aktivieren, deaktivieren und später wieder aktivieren oder schlicht eine Route ohne Falle suchen, die uns nicht wieder an den Anfang des Stockwerks teleportiert. Persona 5, ebenso ein Ableger der Shin-Megami-Tensei-Reihe, hat hier im Jahr 2016 die Messlatte einmal höher gelegt.

Herber Gamedesign-Schnitzer

Hinzu kommt, dass alle paar Schritte vor unserer Nase die gefürchteten Mirages auftauchen, die uns in Kämpfe verwickeln. Diese laufen rundenbasiert ab und ähnlich wie zum Beispiel in Final Fantasy X oder jüngst in Dragon Quest XI geben wir unsere Befehle genau dann ein, wie der Geschwindigkeitswert es bestimmt. So können wir jedes Mal auf eine Veränderung im Kampf reagieren, was in Tōkyō Mirage Sessions #FE auch bitter notwendig ist. Das Spiel ist alles andere als leicht, denn kaum kommen wir in neues Gebiet, wollen uns neue Mirages ans Leder. Hin und wieder gesellen sich auch überaus harte Gesellen dazu, die mit uns binnen weniger Augenblicke den Boden aufwischen. Wer die Schwachstellen der Feinde ausnutzt, kommt hier zwar wesentlich besser klar, doch auch diese müssen erst einmal durchschaut werden. Wer auf solche plötzlichen Herausforderungen nicht vorbereitet ist, wird schnell auf dem Game-Over-Bildschirm landen. Das führt dazu, dass wir alle paar Minuten ins Menü wechseln, um unseren Spielstand zu speichern und auch den kleinsten Fortschritt zu sichern. Auf Dauer ist diese Gamedesign-Entscheidung recht nervig, zumal andere Rollenspiele für solche Überraschungen wesentlich fairere Möglichkeiten erdacht haben. Trotzdem – und das ist das Widersinnige an diesem Kritikpunkt – stürzen wir uns immer wieder ins Getümmel, um unsere Charaktere aufzustufen und stets ihre fantasiereichen Fähigkeiten zu verbessern.

Motivierendes Aufleveln

Je nachdem wie viele Mirages wir von einem bestimmten Typ besiegen oder verschiedene Items von diesen erbeuten, können wir uns im Bloom Palace neue Waffen erstellen oder Radiant Skills erlernen. Während Radiant Skills allgemeine Fähigkeiten zum Beispiel die Resistenz vor Vergiftungen oder der Erweiterung der Angriffskette beinhalten, erhöhen neue Waffen nicht nur unsere Angriffskraft, sondern bieten auch noch erlernbare aktive oder passive Fähigkeiten wie Blitzangriffe auf alle Gegner oder erhöhtes Ausweichen gegenüber Angriffen mit Äxten. Das Besondere daran ist, dass jeder Charakter in Tōkyō Mirage Sessions #FE über eine begrenzte Anzahl an Slots für diese Fähigkeiten verfügt, was zum freudigen Experimentieren wie in der Pokémon-Reihe führt. Hinzu kommt, dass sämtliche Charaktere mit anderen Waffen umgehen. Yumizuru Eleonara nimmt beispielsweise fliegende Einheiten mit ihrem Bogen aufs Korn, während Kurono Kiria mit ihrem Stab hauptsächlich Magie wirkt. Je weiter wir im Übrigen die persönlichen Geschichten der einzelnen Figuren vorantreiben, desto eher lernen wir besondere Duo-Künste. Zufällig zur Auswahl stehend, aber doch sehr häufig auftretend, dürfen wir während einer Angriffskette unserer Helden eine derartige Spezialfähigkeit aktivieren. Diese Szenen werden zudem mit reichlich Musik und Gesang in Szene gesetzt, was zum sehr bunten und durch und durch flippigen und japanischen Gesamterlebnis passt.

Peppige und flippige Präsentation

Optisch ist Atlus’ Kreation dermaßen bunt, dass sich dies auch auf Nicht-Spieler-Charaktere auswirkt. Alle Figuren, die durch Shibuya und Harajuku laufen, aber nichts zu sagen haben, sind nur anhand ihrer einfarbig ausgefüllten Silhouette zu erkennen. Hinzu kommen eklig schimmernde und wunderbar glitzernde Mirages in den Kämpfen. Auch vor den Kostümen der Heldengruppe macht der Farbeimer keinen Halt. Uns gefallen sowohl der Grafikstil als auch die Technik im Allgemeinen, denn auf der Switch sind die Ladezeiten um einiges kürzer als auf der Wii U. Die fröhliche Musik, die sich an japanischer Popmusik orientiert, verleiht der Atmosphäre einen charmanten Touch. Besonders die gesungenen Musikstücke sind im Genre einzigartig und nicht mit anderen Spielen vergleichbar. Wer keine Switch sein Eigen nennt und mit der Wii-U-Fassung liebäugelt, sollte jedoch wissen, dass das Spiel auf der Wii U unvollständig ist. Für das volle Erlebnis wird dort mit Download-Paketen zusätzlich zur Kasse gebeten, die auf der Switch aber schon auf der Cartridge schlummern. Es gibt also genügend Gründe, bei Tōkyō Mirage Sessions #FE direkt zur Encore-Variante zu greifen. Auch wenn das Rollenspiel bei Weitem nicht perfekt ist, ist die Zugabe durchaus gelungen. Beim nächsten Auftritt sollte Nintendo aber genug Vertrauen ins Spiel haben und dem Werk deutsche Bildschirmtexte spendieren, denn diese fehlen auf der Switch leider immer noch.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch-Version): Tōkyō Mirage Sessions #FE ist ein charmantes Rollenspiel, das aber durchaus seine Ecken und Kanten hat. So kommt die Story nur schwerlich in Gang. Das liegt vor allem daran, dass die sympathischen Charaktere alles dafür tun, vom eigentlichen Geschehen abzulenken. Stattdessen ziehen sie mit dem Verlauf ihrer eigenen Karriere in den Bann und lockern mit humorvollen Sequenzen immer wieder den drögen Rollenspielalltag auf. Vielschichtiger hätte im Übrigen auch die japanische Metropole sein dürfen, denn mit einer Handvoll verschiedener Locations ist diese sehr schnell abgeklappert. Die einzelnen Dungeons haben zwar jeweils ihr eigenes Artdesign, das Gameplay ändert sich aber nur durch unterschiedliche Schalterrätsel, die jedoch eher langweilen als dazu motivieren, den bunten Schauplatz zu erkunden. Auch dass manche Kämpfe sehr unausbalanciert sind, kratzt mit dem folgenden Abschuss auf den Game-Over-Bildschirm ordentlich am Gesamtbild. Dennoch motivieren die Kämpfe zusammen mit dem Aufleveln der Charaktere und dem Erweitern ihrer Fähigkeiten enorm. Zudem überzeugt die kunterbunte Optik mit schönem Design und gelungener japanischer Popmusik durchweg. Wer Dungeon Crawler mag und mit besagten Defiziten seinen Frieden schließen kann, darf beim circa 50 Stunden umfassenden Tōkyō Mirage Sessions #FE durchaus nicht nur einen Blick riskieren.

Jonas’ Fazit (basierend auf der Nintendo-Switch- und Wii-U-Fassung): Tōkyō Mirage Sessions #FE Encore ist von sich selbst, seinem schrillen Stil, seinem absurden Setting und seiner Anime-Wucht, die mich von Sekunde Null an überrollt, so sehr überzeugt wie kaum ein anderes Spiel in den heutigen Tagen – und das ist auch gut so. Die Charakterdesigns und die gesamte Pop-Industrie-Thematik wird aber nicht jeden Spieler überzeugen können, dafür ist das Spiel dieser Art doch zu einzigartig. Fans japanischer Rollenspiele dürften mit dem darunterliegenden Rollenspiel dennoch ihren Spaß haben. Das Kampfsystem ändert die bekannten Mechaniken aus Shin Megami Tensei gekonnt ab und implementiert dafür Session-Angriffe, die stilvoll inszeniert sind. Das Kampfsystem ist einfach zu lernen, flott, spaßig und dank der guten Schwierigkeitsgradkurve und stetig neuen Spielelementen nicht zu einfach. Lediglich manche Bossgegner sind auf dem normalen Schwierigkeitsgrad so stark, dass ohne Grinden kein Vorankommen ist. Ironischerweise ist diese Option direkt mit im Spiel eingebaut – beides zu streichen, wäre die bessere Lösung gewesen. Bis auf das nicht so gut eingebundene Chat-Tool „Topic“ hat das Spiel auch seine Wii-U-Wurzeln hinter sich gelassen und ist auch 2020 ein ganz besonderes Rollenspiel für die Nintendo Switch.

Vielen Dank an Nintendo für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars von Tōkyō Mirage Sessions #FE Encore!

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