Review: Anno History Collection

Zwischen 1998 und 2009 erschienen die ersten vier Ableger der im deutschsprachigen Raum sehr beliebten und vor allem vielgespielten Anno-Reihe. Mit einigen technischen Verbesserungen veröffentlicht Ubisoft diese vier Spiele abermals in der Anno History Collection.

Für den Autor dieses Reviews bedeutet das Spielen von Anno 1602: Erschaffung einer neuen Welt die Rückkehr in einen bestimmten Zeitabschnitt seines Lebens. Das trifft zwar auch für die anderen drei enthaltenen Werke der Anno History Collection zu, doch Anno 1602 hat ihn zusammen mit Die Siedler II: Veni, Vidi, Vici überhaupt erst auf das Genre der Aufbau- und Strategie-Spiele aufmerksam gemacht. In Anno 1602 wird keine großartige Geschichte oder gar eine zusammenhängende Kampagne erzählt. Viel mehr erleben wir in zahlreichen Szenarien, wie wir eine Insel entdecken, nach Rohstoffen absuchen, sie besiedeln, Diplomatie und Handel mit den Computergegnern betreiben und nach etlichen Stunden schließlich ein Weltreich errichten. Letzteres ist vor allem dann besonders für uns, wenn wir uns ins Endlosspiel gewagt haben. Damit das Vorhaben allerdings glückt, müssen zahlreiche Bedürfnisse der Bevölkerung erfüllt werden. Während sie zunächst mit einer Kirche und einem Marktplatz in der näheren Umgebung zufrieden sind, verlangen sie bereits wenig später nach einem Wirtshaus oder einer Schule. Dieses Konzept wirft uns in eine motivierende Aufwärtsspirale, in der wir immer neue Gebäude errichten und Waren transportieren müssen. Was wie ein Spaziergang anfängt, wird mit jeder neuen Bevölkerungsstufe auf einer Insel peu à peu anstrengender.

Fortsetzung mit Macken

Auf diesem bahnbrechenden Grundkonzept aufbauend wollten die Entwickler das Spieldesign in Anno 1503: Aufbruch in eine neue Welt weiter verfeiern. Dieser Spagat ist den Entwicklern allerdings nicht gelungen und daran ändert auch die History Edition des Spiels nichts. In vielerlei Punkten schleppt Anno 1503 unnötigen Ballast mit sich. Beispielsweise reicht es bei der Entdeckung einer Insel nun nicht mehr aus, die Ressourcen des Eilands auf Knopfdruck herauszufinden. Stattdessen müssen wir einen Scout kreuz und quer über die Insel scheuchen, um Erzvorkommen und Co ausfindig zu machen. Das klingt in der Theorie zwar interessant, ist in der Praxis aber eine zeitaufwendige und spätestens beim zweiten Mal unglaublich nervige Tätigkeit. Abgesehen davon ist auch der Aufbauaspekt im Gegensatz zum Seriendebüt ein klarer Rückschritt. So müssen die Straßen genau vor den Eingängen der Gebäude angelegt werden, denn ansonsten können beispielsweise Arbeiter mit ihren Marktkarren keine Rohstoffe abholen und zur nächsten Produktionsstätte transportieren. Da Gebäude nicht automatisch ausgerichtet werden, müssen wir sie über das Baumenü selbst drehen. Wesentlich interessanter ist da schon der militärische Aspekt, denn Einheiten lassen sich zum Beispiel auf Mauern oder in Kanonentürmen positionieren. Blöd nur, dass Anno 1503 nicht den Fokus darauf legt.

Mit neuem Wind in den Segeln

Schon immer war die Anno-Reihe für ihren Schwerpunkt auf den Aufbaupart und Diplomatie bekannt, auch wenn kriegerische Mittel im dritten Serienteil abermals mit an Bord sind. Anno 1701 orientiert sich mit seinen Strukturen deutlich stärker am Seriendebüt, entschlackt das Konzept noch dazu an den richtigen Stellen. Es ist beispielsweise nicht mehr notwendig, dass die Ressourcen einer Insel erkundet werden müssen. Beim Erreichen des Eilands werden diese sofort und schön säuberlich am Bildschirmrand aufgeführt. Ebenfalls müssen nicht mehr alle Gebäude in einer Warenkette über Wege miteinander verbunden sein. Es reicht vollkommen aus, wenn die letzte Produktionsstätte ans Straßennetz angebunden wird, damit die Ware ins Kontor oder in ein Markthaus transportiert wird. Nach dem eher unzugänglichen Anno 1503 stellt Anno 1701 einen klaren Fortschritt dar. Dank einem schlichten, verständlichen und nachvollziehbaren Tutorial finden sich hier selbst Neulinge schnell zurecht. Atmosphärisch ist auch die Einführung von Nebencharakteren, die immer mal wieder am Bildschirmrand aufpoppen und uns wie zum Beispiel im ebenfalls integrierten Add-on Anno 1701: Der Fluch des Drachen mit kleineren Quests versorgen, die Abwechslung bieten. Lediglich die sehr langsame Spielgeschwindigkeit hätte in der History Collection dringend überarbeitet werden müssen.

Rundum-sorglos-Paket

Zum Glück enthält die History Collection auch den vierten Serienteil, der über dieses Feature verfügt. Anno 1404 bietet zudem mit Okzident und Orient gleich zwei miteinander im Austausch stehende Welten, die noch ein wenig mehr Tiefgang ins Aufbauspiel bringen. Ein Tutorial im klassischen Sinne gibt es nicht mehr. Stattdessen werden alle Grundmechaniken im Verlauf der in mehrere Kapitel aufgeteilten Kampagne erklärt, wenn auch nicht ganz so detailliert wie im Vorgänger. Der Rest ergibt sich wie schon in den ersten Teilen effektiv durch Ausprobieren. Mit Anno 1404: Venedig ist auch das dazugehörige Add-on mit von der Partie, das weitere Szenarien bietet. Wer sich für die History Collection entscheidet, wird mit einem Umfangsmonster konfrontiert, das ungelogen hunderte Stunden lang unterhält. Herausforderungen in den Kampagnen und Szenarien und noch dazu nie enden wollendes Stillen von Bedürfnissen im Endlosspiel werden euch garantiert bis in die frühen Morgenstunden wach halten. In technischer Hinsicht deckt die Kollektion einen Zeitraum ab, in dem technische Sprünge in wenigen Jahren gigantisch waren. Sie laden zu einer Zeitreise ein, die die Anfänge und die Entwicklung der Serie grandios demonstriert. Dank hoher Auflösungen, Fenstermodi und Co ergibt die Rückkehr sowohl für Nostalgiker als auch Serienkenner Sinn. Wer sich nie zuvor mit dem Anno-Franchise beschäftigt hat, sollte bei dieser Kollektion unbedingt zugreifen.

Geschrieben von Eric Ebelt

Erics Fazit: Ich könnte sicherlich stundenlang über jeden einzelnen Teil der Anno-Reihe philosophieren und ihn mit verschiedenen Ereignissen in meinem Leben verbinden – mit Ausnahme von Anno 1503, das ich bis heute kaum bis gar nicht gespielt habe. Gerade der zweite Teil, der wunderbar hätte demonstrieren sollen, wie die Aufbauspielreihe ins 21. Jahrhundert vorpreschen kann, enttäuscht mich damals wie heute. Da mit Anno 1602 jedoch das starke Seriendebüt und mit Anno 1701 und Anno 1404 zwei weitere fantastische Genre-Vertreter enthalten sind, kann ich über diesen Ausreißer in der Kollektion aber gerne hinwegsehen. Das Anno-Franchise erzeugt von der ersten Minute an eine motivierende Suchtspirale, in der Warenkreisläufe optimiert, der Handel zum Florieren und die guten diplomatischen Beziehungen zu den Nachbarn aufrechterhalten werden wollen. Zwar kann ich auch bewusst Krieg führen, doch sind die Möglichkeiten dazu einerseits begrenzt und andererseits passt dieser Aspekt nur bedingt in die eher friedvolle Atmosphäre der Reihe. Die History Collection bietet unterm Strich einen guten Abriss über die Anfänge der Serie, in der nicht nur die technischen, sondern vor allem die inhaltlichen Entwicklungen für offene Münder sorgen. Wer ein Spiel sucht, mit dem er oder sie sich die Nächte um die Ohren schlagen kann, wird hier vierfach fündig.

Vielen Dank an Ubisoft für die freundliche Bereitstellung eines Rezensionsexemplars der Anno History Collection!

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